Kleinplaneten im Juni 2026: Erdbahnkreuzer im engen Vorbeiflug

Die Anzahl der mit einem kleinen Fernrohr beobachtbaren Kleinplaneten hat sich gegenüber dem Vormonat fast verdoppelt. Insgesamt sieben Planetoiden erscheinen im Monatsverlauf heller als die 10. Größenklasse und werden von uns als helle Kleinplaneten bezeichnet. Mit Irene kommt jedoch nur einer in eine günstige Opposition zur Sonne. Von den lichtschwächeren Objekten sei Byblis hervorgehoben, deren Oppositionsstellung Mitte Juni optimal ausfällt. Trotzdem ist für ihre Beobachtung ein Teleskop mit einem Durchmesser von mindestens 15 Zentimetern empfehlenswert. Ein Fernrohr ab sechs Zentimetern Öffnung ermöglicht zudem die Beobachtung des Aten-Asteroiden 1997 NC1 am Tag seiner größten Erdnähe und Helligkeit. Er ist damit unser absolutes Highlight des Monats und verfehlt mit 10,1 mag denkbar knapp unser Kriterium für helle Kleinplaneten. Neben drei Doppelsternen werden auch noch zwei Kugelsternhaufen, ein offener Sternhaufen und eine Galaxie von leider recht lichtschwachen Planetoiden besucht. Einzige Ausnahmen sind Irene und Melpomene. Alle Zeitangaben beziehen sich auf Mannheim.
Helle Kleinplaneten
Nach längerer Abwesenheit zeigt sich (2) Pallas in der letzten Juniwoche wieder am Morgenhimmel im Sternbild Fische. Sie geht am Monatsende mit einer Helligkeit von 9,9 mag um 01:42 Uhr MESZ auf. Am 12. und 13. Juni befindet sie sich nur 0,9 Grad nördlich des Ringplaneten Saturn.
(3) Juno wird zur Monatsmitte wieder heller als 10. Größe. Sie bewegt sich durch das Sternbild Adler und steht um 04:30 Uhr MESZ im Süden an ihrer höchsten Position am Himmel, der Kulmination. Ende Juni erreicht sie diese bereits um 03:24 Uhr und ist 9,7 mag hell.
Auch (4) Vesta war etliche Monate lang nicht zu sehen. Nun erscheint sie zur Monatsmitte ganz allmählich wieder im Sternbild Walfisch am Morgenhimmel. Sie befindet sich rund vier Grad südlich von Saturn und steigt mit einer Helligkeit von 8,2 mag um 02:48 Uhr MESZ über den Horizont. Am Ende des Monats erfolgt ihr Aufgang rund zehn Minuten früher bei immerhin 8,1 mag.
In der zweiten Junidekade wird (8) Flora im Sternbild Schütze wieder heller als 10 mag. Sie kulminiert Mitte Juni noch um 03:32 Uhr MESZ mit 9,9 mag; am Ende des Monats erreicht sie um 02:21 eine Helligkeit von 9,4 mag und steht hell im Süden.
Nachdem (14) Irene am 6. Juni vom Sternbild Schütze in den Schlangenträger gezogen ist, positioniert sie sich dort am 15. Juni am Himmel unserem Zentralgestirn gegenüber. Sie steht damit in Opposition zur Sonne und leuchtet 9,3 mag hell. Das ist nur wenig lichtschwächer als der maximal mögliche Wert. Anfang Juni finden wir Irene mit einer Helligkeit von 9,8 mag um 02:38 Uhr MESZ im Süden. Am Monatsende überschreitet der Planetoid um 00:15 Uhr mit 9,9 mag den astronomischen Meridian, also die gedachte Linie zwischen der östlichen und westlichen Hälfte der Himmelskugel (siehe »Von Ost zu West«). Besonders leicht finden wir Irene am 5. Juni, wenn sie sechs Bogenminuten nördlich des Sterns HIP 86819 (6,6 mag) vorbeizieht.
(18) Melpomene ist im Sternbild Adler zu finden. Dort nähert sie sich ihrer Opposition, die sie im nächsten Monat erreichen wird. Im Lauf des Juni verlagert sich der Zeitpunkt ihrer Kulmination von 04:20 Uhr MESZ auf 02:08 Uhr. Dabei steigt ihre Helligkeit deutlich – von anfänglichen 9,9 mag auf 9,1 mag. Am 29. Juni steht sie 6,5 Bogenminuten südwestlich des Sterns HIP 94521 (6,5 mag).
Am 5. Juni wechselt (29) Amphitrite vom Sternbild Skorpion in den Wolf. Der Asteroid befindet sich damit am Himmel weit in südlicher Richtung bei Deklinationen unter –30 Grad und ist nur während seiner Kulmination vernünftig zu beobachten. Diese erreicht Amphitrite zu Beginn des Montas um 01:02 Uhr MESZ mit 9,7 mag und Mitte Juni um 23:49 Uhr, wenn ihre Helligkeit wieder auf 10 mag abgenommen hat.
Lichtschwächere Kleinplaneten
Am 9. Juli 1879 entdeckte der deutsch-US-amerikanische Astronom Christian Heinrich Friedrich Peters am Litchfield Observatory in New York den Kleinplaneten (199) Byblis. Er hat einen mittleren Durchmesser von etwa 76 Kilometern und wurde nach einer Gestalt aus der griechischen Mythologie benannt. Byblis steht am 18. Juni im Sternbild Schütze in einer optimalen Opposition zur Sonne. Zu diesem Zeitpunkt befindet er sich im sonnennächsten Punkt seiner Bahn, dem Perihel, und gleichzeitig auch noch in Erdnähe. Seine Helligkeit steigt auf den maximal möglichen Wert von 11,5 mag – in ungünstigen Fällen erreicht er knapp 14 mag. Die Umlaufbahn von Byblis weist eine Exzentrizität von e = 0,18 auf – nur wenig unterhalb jener des Merkurs – und ist um 15,5 Grad gegen die Ebene der Ekliptik geneigt. Für einen Sonnenumlauf benötigt der Asteroid 5,62 Jahre. Am 24. Juni finden wir Byblis nur 2,5 Bogenminuten südöstlich des Sterns HIP 86655 (7,6 mag), und am 29. Juni befindet er sich 8 Bogenminuten westlich des Kugelsternhaufens NGC 6401 (7,4 mag).
Interessante Begegnungen
Im Juni gibt es zahlreiche Begegnungen mit Doppelsternen und Deep-Sky-Objekten – allerdings von überwiegend recht lichtschwachen Planetoiden. Der Doppelstern HIP 80719 (6,5 mag), an dem die 11,6 mag helle (28) Bellona in einem Abstand von nur 3,5 Bogenminuten östlich vorbeizieht, ist bereits mit einem kleinen Teleskop zu trennen. Für 24 Ophiuchi (24 Oph, 5,5 mag) benötigt man allerdings ein Fernrohr mit mindestens 20 Zentimetern Öffnung. Er wird von dem Aten-Asteroiden (152637) 1997 NC1 etwa einen Monddurchmesser südöstlich passiert. Am 15. Juni zieht die nur 12,1 mag helle (11) Parthenope ganz knapp südlich an der hellen Galaxie Messier 96 (M 96) vorbei, und am 19. Juni bewegt sich die ebenso lichtschwache (48) Doris über den Kugelsternhaufen M 107 hinweg. Letzteres dürfte allerdings nicht leicht zu beobachten sein. Mit NGC 6401 wird am 29. Juni noch ein weiteres Objekt dieser Art besucht, in diesem Fall von (199) Byblis (12,0 mag).
Schließlich zieht der bereits erwähnte erdnahe Asteroid 1997 NC1 am 24. Juni über den lichtschwachen offenen Sternhaufen NGC 6791 (9,5 mag) hinweg – ebenfalls ein recht anspruchsvolles Ereignis. An diesem Tag bewegt sich auch (92) Undina vier Bogenminuten nordwestlich an Beta Librae (β Lib, 2,6 mag) vorbei, dem hellsten Stern in der Tabelle, auch Zuben Elschamali genannt. Die Redaktion freut sich über Ihre erfolgreichen Aufnahmen.
Erdnahe Kleinplaneten
Mit dem Programm NEAT (englisch: Near-Earth Asteroid Tracking) der NASA wurde am 5. Juli 1997 auf dem Vulkan Haleakala, Hawaii, das Objekt (152637) 1997 NC1 entdeckt. Es stellte sich als ein Kleinplanet aus der Gruppe der Aten-Asteroiden heraus. Sie haben große Bahnhalbachsen, die kleiner als eine Astronomische Einheit (AE) sind. Dabei entspricht 1 AE der mittleren Entfernung der Erde von der Sonne, also 149,6 Millionen Kilometern. Im sonnenfernsten Punkt ihrer Bahn, dem Aphel, befinden sie sich weiter von unserem Zentralgestirn entfernt als das Perihel der Erdbahn – dieses liegt bei 0,9833 AE. Die Aten-Asteroiden kreuzen demnach die Erdbahn. Namensgeber der Gruppe ist der im Jahr 1976 entdeckte Asteroid (2060) Aten.
1997 NC1 ist etwa 440 Meter groß und umrundet die Sonne auf einer exzentrischen (e = 0,209) und um 16,72 Grad gegen die Ekliptik geneigten Bahn einmal in 293,8 Tagen. Im Perihel ist er 0,685 AE und im Aphel 1,045 AE von der Sonne entfernt. In diesem Jahr kommt er in die größte Erdnähe seit seiner Entdeckung sowie in die zweitgrößte im Zeitraum zwischen den Jahren 1900 und 2200. Nur im Jahr 2133 wird er uns noch ein wenig näher sein.
Am 27. Juni 2026 beträgt sein Abstand zur Erde nur noch 0,0172 AE. Das entspricht rund 2,6 Millionen Kilometern oder dem 6,7-fachen Abstand zwischen Erde und Mond. Mit einer maximalen Helligkeit von 10,1 mag verfehlt er unser Kriterium für helle Kleinplaneten denkbar knapp. Im Beobachtungszeitraum bewegt er sich mit bis zu 43 Bogensekunden in der Minute in südwestlicher Richtung vom Sternbild Schwan weiter durch die Sternbilder Leier, Herkules, Schlangenträger, Schwanz der Schlange und Skorpion. Danach verabschiedet er sich an den Südhimmel und ist trotz noch passabler Helligkeit von Deutschland aus nicht mehr zu sehen.
Die in der Tabelle aufgeführten Begegnungen mit hellen Sternen und dem Sternhaufen können mit kleinen Fehlern behaftet sein und sind eher als Beobachtungsanregungen zu sehen. Wem gelingen Aufnahmen des außergewöhnlichen Erdbahnkreuzers?
Eine für Mannheim gültige topozentrische Ephemeride des Kleinplaneten findet sich in der aufgeführten Tabelle. Grundsätzlich empfiehlt es sich, tagesaktuelle Ephemeriden zu verwenden. Diese lassen sich zum Beispiel unter http://www.minorplanetcenter.net/iau/MPEph/MPEph.html erstellen.
Positionsmessungen von Planetoiden sind für eine Verbesserung ihrer Bahnelemente von großer Bedeutung. Weitere Hinweise zur Auswertung erfolgreicher Beobachtungen finden sich auf der Website der Fachgruppe Kleine Planeten der Vereinigung der Sternfreunde: www.kleinplanetenseite.de.
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