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Gefühlte Risiken: Die Angst um die Liebsten

Der Mensch verhält sich nicht immer rational, wenn es um Risiken für die Gesundheit geht. Die meisten sorgen sich mehr um nahe Angehörige als um das eigene Wohl. Woran liegt das?
Eine Frau betet in der Kirche, mit gefalteten Händen vorm GesichtLaden...

Man will es sich nicht vorstellen, was schwer an Covid-19 erkrankte Menschen durchmachen: dass es sich für sie anfühlt, als würden sie ertrinken, die Atemnot, Schmerzen, Todesangst. Der Gedanke, dass jemand so leiden muss, ist schrecklich. Aber besonders quälend ist die Vorstellung, einen geliebten Mensch in dieser Lage zu sehen.

Nur 31 Prozent der Deutschen haben am meisten Angst vor einer eigenen Ansteckung, so das Ergebnis einer repräsentativen Onlineumfrage des Wort & Bild Verlags Ende April 2020. 46 Prozent fürchten mehr um ihre Familie. In manchen Berufen ist außerdem die Angst groß, das Virus selbst weiterzugeben, wie eine Befragung von mehr als 2000 Pflegefachpersonen in Deutschland ergab. »Die größte Besorgnis zeigten die Teilnehmenden dahingehend, bei einer eigenen Infizierung andere, zum Beispiel Patienten oder Angehörige, anzustecken«, berichtete im Juli 2020 ein Team um Pflegewissenschaftlerin Jessica Rheindorf von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen.

Themenwoche: Leben mit dem Tod

Mit der Corona-Pandemie ist der Tod näher an den Alltag herangerückt. Wie gehen wir damit um? Die folgenden Beiträge sollen Mut machen: sich auf das eigene Ende vorzubereiten, für Sterbende da zu sein und nach einem plötzlichen Verlust weiterzuleben.

Nicht nur in Zeiten der Pandemie sorgen wir uns mehr um unsere Liebsten als um uns selbst. Das haben drei Psychologinnen von der Universität Zürich jetzt in einer Studienreihe belegt – und nach den Ursachen geforscht. Das Team um Mirjam Ghassemi Tabrizi hatte rund 770 Versuchspersonen zunächst online verschiedene Risikosituationen vorgelegt: Eine Person wolle sich ein paar Stunden sonnen, aber keine Sonnencreme verwenden. Oder mit dem Rad zur Arbeit fahren, aber keinen Helm tragen. Oder sie wolle aus Zeitgründen nicht zum Arzt, obwohl sie schon länger unter starkem Husten leide. Bei der Person handelte es sich je nach Versuchsbedingung um die Versuchsperson selbst, Partner oder Partnerin, eine andere nahestehende Person oder eine Bekanntschaft. Ergebnis: Männer wie Frauen sorgten sich mehr, wenn eine ihnen nahestehende Person ein Risiko eingehen wollte, als wenn das Risiko sie selbst oder eine ferne Bekanntschaft betraf.

Um nicht nur hypothetische Szenarien zu testen, baten die Psychologinnen zusätzlich 75 Paare, in ihrem Alltag Fragen zu beantworten, vermeintlich zum Thema Mobilität. Die Versuchspersonen sollten angeben, wie viel Angst sie hatten, dass auf einer längeren Autofahrt etwas Schlimmes passieren könnte, und wie viel Sorgen sie sich deshalb machten – mal vor einer eigenen Fahrt, mal vor einer Fahrt des Partners oder der Partnerin. Auch sie fürchteten im Mittel weniger um ihr eigenes Wohlergehen als um das ihrer Liebsten, besonders wenn sie sich ihnen nahe fühlten. Sie glaubten außerdem, selbst mehr Kontrolle über das Risiko zu haben, und sahen für sich weniger schwere Konsequenzen.

Wie die statistischen Analysen zeigten, hing die vermehrte Sorge um die Liebsten aber nicht oder nur wenig damit zusammen, dass sie die Risiken für andere für weniger kontrollierbar, größer oder schwerwiegender hielten. Ebenso wenig lag es an der Tendenz, sozial erwünscht, also den sozialen Normen gemäß zu antworten. Das wurde gemessen an der Zustimmung zu Aussagen wie »Ich gebe jeden Fehler offen zu« und »Im Streit bleibe ich immer objektiv«.

Die wahrscheinlichste Ursache, wie die drei Autorinnen schreiben: die persönliche Bedeutung, die das Wohl oder Leid einer engen Bezugsperson hat. Das habe zum einen damit zu tun, dass Menschen mit ihren Liebsten mitfühlen. Zum anderen gehe es indirekt auch um das eigene Wohl, weil Angehörige Bedürfnisse befriedigen, zum Beispiel nach emotionaler Nähe: Je mehr eine Person eine andere braucht, desto mehr habe sie zu verlieren. Allein bei der Vorstellung, ein geliebter Mensch könnte sterben, reagiert der Körper mit Stress.

Schon der Gedanke an einen Verlust ist Stress für den Körper

Rund jeder zweite Erwachsene in den USA hat schon einmal plötzlich eine nahestehende Person verloren, so das Ergebnis einer landesweiten Studie mit mehr als 27 000 Menschen. Der unerwartete Todesfall war für sie auch am häufigsten die schlimmste Erfahrung ihres Lebens, »egal welche Traumata die Person sonst noch hinter sich hatte«, berichtet das Team um Epidemiologin Katherine Keyes von der Columbia University in New York. Die Hinterbliebenen hatten für den Rest ihres Lebens ein erhöhtes Risiko für Depressionen und andere psychische Folgen von Traumata.

Der Gedanke an einen solchen Verlust hat eine gute Seite: wenn die betreffenden Personen erfahren, dass jemand sie braucht und Angst um sie hat. »Das kann dazu motivieren, vorsichtig zu sein, aus einem Verantwortungsgefühl heraus«, folgern die drei Psychologinnen aus Zürich. Häufig reagieren Menschen eher abwehrend, wenn sie auf etwaige Risiken ihres Verhaltens aufmerksam gemacht werden. Doch wenn sich ein Angehöriger Sorgen macht, könnten sie eher bereit sein, sich entsprechend zu verhalten.

Die Sorgen als Chance

Diese Idee haben William Klein und Rebecca Ferrer vom National Cancer Institute in Bethesda in einem Experiment verfolgt. Sie warben dazu rund 1000 übergewichtige Frauen und Männer an, deren Partner oder Partnerin ebenfalls übergewichtig war, und legten ihnen einen Artikel vor, der über den Zusammenhang von Übergewicht und Krebs aufklärte. Bezog sich der Text nicht auf sie selbst, sondern explizit auf die Partnerin (Brustkrebs) oder den Partner (Prostatakrebs), interessierten sich die Versuchspersonen daraufhin mehr für Tests und weitere Informationen zum Thema. Sie unterschätzten die Risiken weniger, sorgten sich mehr und waren eher bereit zu handeln, zum Beispiel gesünderes Essen einzukaufen.

Darin liege eine Chance, so das Fazit von Klein und Ferrer: mit einer Botschaft nicht direkt die Zielperson anzusprechen, sondern die Angehörigen. Denn wie das Experiment zeigt, reagieren Menschen zum einen empfänglicher auf Informationen, die sich auf ihre Liebsten beziehen. Zum anderen sind sie daraufhin eher bereit, Verantwortung zu übernehmen und Maßnahmen zu ergreifen, selbst wenn das bedeutet, dass auch sie auf etwas verzichten müssen. Letztlich ist es egal, wer für wen Gemüse kauft: Wenn es gegessen wird, haben alle gewonnen.

Ein Szenario, das die Schweizer Forscherinnen nicht erprobt haben: Es ist Pandemie, jeder kann ansteckend sein, ohne Symptome zu haben, und Oma will mit der ganzen Familie Weihnachten feiern. Wie groß ist ihr Risiko?

Es liegt in der Natur des Menschen, sich bei vertrauten Menschen vergleichsweise sicher zu wähnen. Die gefühlte Kontrolle ist groß, das gefühlte Risiko klein, da denkt man nicht an mögliche schwere Folgen. Die drei Psychologinnen haben solche Urteilsverzerrungen unter anderem damit erklärt, dass die Aussicht auf kurzfristige Vorteile eines Verhaltens ein positives Gefühl gibt: »Die Leute halten eine Aktion nicht für riskant, wenn sie ihnen vorteilhaft erscheint.« Auch deshalb sind die Sorgen der Angehörigen so wertvoll: Sie können die Risiken unbeeinflusst von kurzfristigen Verlockungen betrachten – und für ihre Liebsten sorgen, auch wenn sie selbst es nicht tun.

50/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 50/2020

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