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Urgeschichte: Die Macht der Idee

Vor 12 000 Jahren fegten die ersten Bauern das Ancien Régime der Jäger und Sammler im Vorderen Orient beiseite. Ein paar tausend Jahre später drang die revolutionäre Idee nach Europa vor. Setzten sich mit dem umwälzenden Know-How auch die Revolutionäre durch?
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Die Zeit war reif, im alten Europa: Während hier noch die altsteinzeitlichen Jäger und Sammler durch die Wälder streiften, kamen irgendwo zwischen Euphrat und Tigris ein paar Pfiffige auf die Idee, der Natur ein wenig nachzuhelfen. Statt mühsam Wildgräser aufzulesen, säten und ernteten sie ihre pflanzliche Nahrung. Und auch die lästige Jagd nach frei laufendem Wild ließ sich mit Viehzucht vermeiden.

Die Folgen waren dramatisch. Die sesshaft gewordenen Bauern gestalteten ihre Umwelt, schufen völlig neue Sozialstrukturen und läuteten damit ein neues Zeitalter ein: die Jungsteinzeit, auch unter dem Namen Neolithikum bekannt. Der britische Prähistoriker Gordon Childe prägte in den 1930er Jahren für die umwälzenden Veränderungen, die sich vor schätzungsweise 12 000 Jahren ereigneten, den Begriff "neolithische Revolution".

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Linearbandkeramik | Die neolithische Linearbandkeramik-Kultur (orange) und die Alföld-Linienbandkeramik-Kultur (rot) war in ganz Mitteleuropa vor 7500 Jahren verbreitet. Mit Kreisen sind die archäologischen Fundstätten markiert, wo die Forscher den mitochondrialen Haplotyp N1a gefunden haben. Die Dreiecke repräsentieren andere Abstammungsgruppen.
Es sollte nicht allzu lange dauern, bis die revolutionäre Idee ihren Weg ins rückständige Europa fand. Über Griechenland drang sie vor etwa 8000 Jahren nach Nordwesten vor und löste auch hier einen kulturellen Umbruch aus: Spätestens ab 5500 v. Chr. tauchen mit den Trägern der frühen Agrarkultur in Mitteleuropa typische Keramikgefäße mit linearen und bandförmigen Mustern auf. Bis etwa 5000 v. Chr. ist diese Linearbandkeramik-Kultur zur größten bäuerlichen Flächenkultur der europäischen Jungsteinzeit angewachsen.

Soweit herrscht unter den Gelehrten weit gehend Einigkeit. Heftig gestritten wird jedoch um die Frage, wer oder was nach Europa einsickerte: Drangen nur die nahöstlichen Ideen vor, welche die seit 40 000 Jahren ansässigen Ur-Europäer dann übernahmen, oder waren es die Bauern selbst, die nach Europa einwanderten und die jagende und sammelnde Urbevölkerung verdrängten?

Bisherige genetische Studien lieferten widersprüchliche Ergebnisse: Während einige Genetiker fest davon überzeugt sind, dass die Neubürger nur wenig genetische Spuren in der europäischen Bevölkerung hinterließen, vermuten andere Wissenschaftler dagegen eine direkte Abstammung der meisten Europäer von diesen Einwanderern.

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Neolithisches Grab | Neolithisches Grab aus der Epoche der Linearbandkeramik-Kultur bei Halberstadt: Das im Jahr 2000 gefundene Skelett trägt den damals weit verbreiteten Haplotyp N1a, der bei heutigen Europäern extrem selten ist.
Zusammen mit Kollegen aus Großbritannien und Estland ging Wolfgang Haak von der Universität Mainz der Sache erneut nach. Hilfreich zur Seite standen den Forschern 57 Skelette, welche an 16 verschiedenen Stellen in Deutschland, Österreich und Ungarn ausgegraben worden waren. Auf Grund der Beifunde konnten die sterblichen Überreste der Kultur der Linearbandkeramik sowie der verwandten Alföld-Linienbandkeramik zugeordnet werden.

Die Knochen und Zähne von 24 der 57 jungsteinzeitlichen Bauern lieferten genügend Material, um hieraus die mitochondriale DNA zu isolieren. Bei 18 von ihnen fanden die Forscher genetische Marker, so genannte Haplotypen, die auch in der heutigen Menschheit weltweit verbreitet sind. Zur Herkunft der modernen Europäer konnten diese frühzeitlichen Bauern demnach nichts sagen.

Doch bei den anderen sechs Skeletten wurden die Forscher fündig. Hier entdeckten sie einen Haplotypen namens N1a, der aus zwei Gründen besonderes Interesse weckte. Zum einen wegen seiner weiten geografischen Verbreitung: Er fand sich von Flomborn im heutigen Rheinland-Pfalz über Derenburg, Halberstadt und Unterwiederstedt im Harz bis Ecsegfalva im ungarischen Tiefland. Die Skelettfunde lagen demnach über 800 Kilometer voneinander entfernt.

Noch spannender war die Häufigkeit des N1a-Haplotypen: Mindestens 8 Prozent der neolithischen Bauern, vielleicht aber auch bis zu 42 Prozent gehörten nach Schätzung der Wissenschaftler zu dieser Abstammungsgruppe. Dies steht im krassen Gegensatz zum Anteil von N1a unter heutigen Europäern: 0,2 Prozent.

"Das war eine Überraschung", meint Studienleiter Joachim Burger. "Ich hatte erwartet, dass die Verteilung der mtDNA-Markern bei den frühen Bauern eher der Verteilung entsprechen würde, wie wir sie heute in Europa antreffen." Demnach hätten die neolithischen Bauern so gut wie keine genetischen Spuren in Europa hinterlassen – ganz im Gegensatz zu den Spuren ihrer neuen Weise des Broterwerbs, dem Ackerbau.

Offensichtlich hatte demnach eine kleine Pioniergruppe mitsamt Linearkeramik, Agrar-Know-How und recht oft dem N1a-Haplotypen eingewandert. Diese Gruppe verlor aber bald ihren ursprünglichen Technologievorsprung, weil die altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern schnell lernten. Sie übernahmen die landwirtschaftliche Technik und verdünnten dann bis heute die Erbgutspuren der neolithischen Einwanderer mit ihrer weitaus größeren Masse.

Natürlich wäre auch möglich, dass andere Einwanderer die Bandkeramiker ersetzten und so N1a aus dem europäischen Erbe verdrängten. Hierfür fehlen allerdings jegliche archäologischen Hinweise. Die meisten Europäer stammen demnach wohl von den altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern, welche vor einigen Jahrtausenden einen guten Einfall übernommen haben. Nichts ist eben mächtiger, wusste schon Victor Hugo, "als eine Idee, deren Zeit gekommen ist".
11.11.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 11.11.2005

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