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Evolution: Ediacara-Fossilien werfen neues Licht auf Entstehung der Tiere

Vor mehr als einer halben Milliarde Jahren lebte die rätselhafte Ediacara-Fauna. Fossilien aus Kanada liefern nun überraschende Einsichten in diese Tierwelt.
Eine künstlerische Darstellung einer prähistorischen Unterwasserlandschaft. Verschiedene pflanzenartige Strukturen und organische Formen sind auf dem Meeresboden verteilt. Im Vordergrund sind spiralförmige und säulenartige Gebilde zu sehen, während im Hintergrund fächerartige und baumartige Formen emporragen. Die Farbpalette besteht aus gedeckten Blau-, Braun- und Grüntönen, die eine ruhige, mystische Atmosphäre schaffen.
Eine Gemeinschaft aus Ediacara-Wesen in großer Meerestiefe (Rekonstruktion). Fossilien aus Kanada lassen vermuten, dass die frühen Tiere ihren Ursprung in küstenfernen Gebieten hatten und sich erst später in flachere Gewässer ausbreiteten.

Im nordwestlichen Kanada hat ein Forschungsteam eine Fossilienlagerstätte entdeckt, die einen Blick in die früheste Entwicklung der Tiere erlaubt. Die Fossilien dort sind versteinerte Überreste der Ediacara-Fauna – einer Gesellschaft von vielzelligen Organismen mit weichen Körpern, die im Ediacarium lebten, also zwischen 635 und 540 Millionen Jahren vor heute. Wie die neuen Funde vermuten lassen, könnten die Ursprünge der tierischen Fortbewegung und der sexuellen Fortpflanzung noch weiter zurückliegen als bisher angenommen. Das Team um Scott Evans vom American Museum of Natural History berichtet darüber im Fachjournal »Science Advances«.

Mit Körperformen, die von flachen Scheiben über blattartige Wedel bis hin zu gerippten Ovalen (»lebende Luftmatratzen«) reichten, gelten die Ediacara-Fossilien als frühester bekannter Beleg für vielzelliges tierisches Leben. Vermutlich bestehen viele Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den damaligen Organismen und heutigen Tiergruppen wie Weichtieren, Fadenwürmern und Nesseltieren. Die Ediacara-Fauna existierte jedoch, bevor harte Körperteile wie Schalen oder Knochen zu einem verbreiteten Merkmal von Lebewesen wurden, und besaß wohl nahezu ausnahmslos weiche Körper. Deshalb sind Ediacara-Fossilien nur selten zu finden: Es bedurfte außergewöhnlicher Bedingungen, um sie versteinern zu lassen. Lediglich eine Handvoll Fundorte weltweit birgt Fossilien von mehr als zehn verschiedenen Arten.

Evans und seine Gruppe haben in alten Gesteinen der Mackenzie Mountains entsprechende Überreste gefunden. Sie stießen dort auf mehr als Hundert Ediacara-Fossilien. Darunter: Dickinsonia, ein pfannkuchenähnlicher Organismus, der sich auf dem Meeresboden fortbewegte, keinen Mund besaß und stattdessen wahrscheinlich Bakterien und Algen über seine gesamte Unterseite aufnahm. Oder Kimberella, Wesen mit muskulösen Füßen, die sich wohl durch Abschaben des Meeresbodens ernährten. Die Fossilien aus den Mackenzie Mountains gehören zur sogenannten Weißmeer-Gemeinschaft – einer Gruppe von Organismen, die typischerweise zwischen 560 und 550 Millionen Jahren vor heute lebten. Noch zwei weitere Gruppen lassen sich in der Ediacara-Fauna unterscheiden: die Avalon- (575–560 Millionen Jahre) und die Nama-Gemeinschaft (550–538 Millionen Jahre).

Geheimnisvolle Entwicklungsgeschichte

Von den Fossilien aus den Mackenzie Mountains datieren einige überraschenderweise auf ein Alter von etwa 567 Millionen Jahren. Das heißt, sie sind 5 bis 10 Millionen Jahre älter als die bisher beschriebenen Exemplare der Weißmeer-Gemeinschaft. Die Entwicklung der vielzelligen Tiere setzte möglicherweise früher ein als bisher gedacht.

Evans und sein Team fanden zudem Belege dafür, dass die von ihnen untersuchten Ediacara-Organismen in tiefen Gewässern lebten. Das stützt die These, wonach die Tiere ihren Ursprung in küstenfernen, tiefen Meeresgebieten hatten, bevor sie sich in flachere Gewässer ausbreiteten. »Wir stellen uns die Tiefsee als einen dunklen, unwirtlichen Ort vor, aber sie bietet auch eine stabile Umgebung, mit geringen Schwankungen der Temperatur und des Sauerstoffgehalts«, äußert Evans in einer Pressemitteilung. »Diese Beständigkeit könnte entscheidende Voraussetzungen für das frühe tierische Leben geboten haben.«

  • Quellen
Evans, S. et al., Science Advances 10.1126/sciadv.aed9916, 2026

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