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Spektroheliografie: Farbige Gesichter der Sonne

Eine bislang selten in der Amateurastronomie angewandte Methode zur Sonnenbeobachtung ist die Spektroheliografie. Besonders spannend ist die Verbindung von eindrucksvoller Bilddarstellung und präziser sonnenphysikalischer Analyse. Hier vereinen sich ästhetischer Reiz, technische Tiefe und wissenschaftlicher Nutzen.
Eine wissenschaftliche Abbildung der Sonne, die in einem bläulichen Farbton dargestellt ist. Die Oberfläche zeigt eine körnige Struktur mit dunkleren Flecken, die Sonnenflecken darstellen könnten. Diese Darstellung hebt die Textur und Aktivität der Sonnenoberfläche hervor und bietet Einblicke in astronomische Phänomene.
Mit einem Spektroheliografen lässt sich unser Tagesgestirn auf vielfältige Weise erkunden. Das hier dargestellte Spektroheliogramm zeigt die Sonne am 19. Januar 2026 um 11:32 Uhr MEZ im schmalen Spektralbereich der H-beta-Linie des Wasserstoffs: Feine Plasmastrukturen der mittleren Chromosphäre werden sichtbar, die im gewohnten Weißlicht verborgen bleiben.

Sonnenlicht setzt sich aus vielen einzelnen Farben zusammen, die unser Auge als Weiß wahrnimmt. Ein Regenbogen verdeutlicht diese Aufspaltung des Lichts besonders gut: Wassertropfen brechen das Licht und teilen es in sein Farbspektrum. In der Astronomie übernehmen Spektrografen diese Aufgabe. Sie zerlegen das Licht von Himmelsobjekten – vor allem von Sternen – und ermöglichen die Analyse ihrer Spektren und Linien. Besonders detaillierte Einblicke liefert dabei unser nächster Stern, die Sonne, wenn ein Spektroheliograf zum Einsatz kommt. Dieses Instrument isoliert das Licht einer einzelnen Spektrallinie und erlaubt so die Beobachtung der Sonne in einem sehr schmalen Wellenlängenbereich. Auf diese Weise werden Strukturen und Phänomene der Sonnenatmosphäre sichtbar, die im weißen Licht verborgen bleiben.

Spektroheliografie am Teleskop | An einem Linsenteleskop des Typs Takahashi FS-78 mit 78 Millimetern Objektivdurchmesser hat Stephan Schmelzing einen Spektroheliografen MLAstro SHG-700 montiert, gefolgt von einer monochromen CMOS-Kamera ZWO ASI 678MM. Die Kamera ist über ein rotes USB-Kabel mit einem Laptop zur Datenaufzeichnung verbunden; die motorisierte Montierung Vixen SX2 wird über eine Handsteuerung kontrolliert und führt das Teleskop der Himmelsdrehung nach.

Einst waren Spektroheliografen riesige Instrumente; heute sind sie so kompakt, dass Amateurastronomen die Sonne von zu Hause aus in verschiedenen Spektrallinien beobachten können (siehe »Spektroheliografie am Teleskop«). Die Geräte liefern nicht nur eindrucksvolle Bilder – sogenannte Spektroheliogramme –, sondern auch wissenschaftlich nutzbare Daten: Da jede Spektrallinie in einer anderen Höhe der Sonnenatmosphäre entsteht, bietet die Spektroheliografie viele Möglichkeiten, sich den Aufbau unseres Tagesgestirns Schritt für Schritt zu erschließen. Die so gewonnenen Daten können in Projekten der Bürgerwissenschaften zur Sonnenforschung beitragen – davon später mehr. Um die Beobachtungen einordnen zu können, lohnt sich zunächst ein Blick auf die mit Amateurmitteln sichtbaren Schichten der Sonne.

Der innere Aufbau der Sonne

Bei Temperaturen um 15 Millionen Kelvin wird im Kern der Sonne durch Kernfusion Energie erzeugt, die zunächst durch Strahlung, dann durch Konvektion nach außen transportiert wird.

Unser Heimatstern im Detail | Die Phänomene der Sonne sind sehr vielfältig. Im gewöhnlichen Weißlicht lässt sich nur die Fotosphäre beobachten. Sie bildet die für uns sichtbare Sonnenoberfläche mit einem Radius von rund 696 000 Kilometern.
In der Fotosphäre – der scheinbaren Oberfläche der Sonne – finden sich im Visuellen dunkle Sonnenflecken und die als helle Gebiete erkennbaren Strahlungsausbrüche, die beide eng mit lokalen Feldbögen des Magnetfelds verknüpft sind. Die weiter außen liegende Chromosphäre, in der die bekannten fraunhoferschen Absorptionslinien entstehen, ist nur mit Filtern oder bei einer totalen Sonnenfinsternis als rötlicher Saum sichtbar.

Die Korona bildet schließlich die äußerste Atmosphärenschicht und ist mit einer Temperatur von ungefähr einer Million Grad Kelvin deutlich heißer als die Oberfläche der Sonne. Kältere und weniger dichte Bereiche der Korona werden als koronale Löcher bezeichnet. Die hellen, strahlenförmigen Strukturen in der Korona nennt man Streamer, bei denen magnetische Feldlinien durch den Sonnenwind so verformt werden können, dass sie spitz aufeinander zulaufen. Obwohl sie in der Grafik rot eingefärbt sind, erscheinen Streamer im Optischen weiß, weil sie das gesamte Licht streuen.

RED.

Fotosphäre, Chromosphäre, Korona

Die Sonne erzeugt ihre Energie primär durch die Verschmelzung von Atomkernen innerhalb ihrer Zentralregion. Auf ihrem Weg vom Sonneninneren nach außen passiert diese Energie mehrere Schichten, bis sie schließlich in der für uns sichtbaren Oberfläche der Sonne – der Fotosphäre – ankommt (siehe »Der innere Aufbau der Sonne«). Dort verlässt sie den Stern als elektromagnetische Strahlung; derjenige Teil davon, den unsere Augen wahrnehmen können, erscheint uns als weißes Licht. Genau hier setzt die Sonnenbeobachtung an – natürlich nur mit zertifizierten lichtdämpfenden Filtern, die im Astrofachhandel erhältlich sind, um die Augen zu schützen. Wer schon einmal während einer Sonnenfinsternis mit einer geeigneten Schutzbrille zur Sonne geschaut hat, blickte tatsächlich direkt auf ihre Fotosphäre (siehe »Im weißen Licht«).

Im weißen Licht | Mit einem lichtdämpfenden Filter zeigt sich die Fotosphäre der Sonne als nahezu gleichförmig helle Scheibe mit erkennbaren Sonnenflecken. Die Aufnahme entstand am 5. April 2023 um 16:23 Uhr MESZ. Ein ähnlicher Anblick ergibt sich beim Blick durch eine Sonnenfinsternisbrille.

Oberhalb der Fotosphäre liegt die Chromosphäre, eine dünne, dynamische Plasmaschicht. Plasma ist ein extrem heißes, elektrisch geladenes Gas, dessen Teilchen auf Magnetfelder reagieren. Die Chromosphäre zeigt vor dem Hintergrund der Sonnenscheibe dunkle Filamente und am Sonnenrand helle Protuberanzen: Ströme oder Eruptionen von Plasma entlang von magnetischen Feldlinien. Auch helle, aktive Regionen, die als Fackeln oder Plages bezeichnet werden, treten auf. Gewöhnlich entzieht sich die Chromosphäre dem direkten Blick, weil sie von der viel helleren Fotosphäre überstrahlt wird – nur bei einer totalen Sonnenfinsternis erscheint sie kurz als rötlicher Rand.

Die äußerste Schicht der Sonnenatmosphäre ist die Korona (lateinisch: corona = Kranz oder Krone), in der Eruptionen und koronale Löcher entstehen. Letztere sind Regionen, in denen Magnetfeldlinien offen ins All reichen, sodass Plasma der Sonne ungehindert entweichen kann. Von solchen Löchern geht der schnelle Sonnenwind aus, der das Weltraumwetter beeinflusst und auf der Erde Polarlichter auslösen kann. Normalerweise wird die Korona vom Licht der Fotosphäre überstrahlt und ist nur während totaler Sonnenfinsternisse oder mit speziellen Instrumenten sichtbar.

Was das Sonnenlicht verrät

Die Fotosphäre strahlt nahezu weißes Licht aus, das zunächst die Chromosphäre durchqueren muss. Hierbei passiert etwas Interessantes im Spektrum des Sonnenlichts: Licht in den Spektralbereichen charakteristischer Linien wird vom Plasma verschluckt – das heißt, das Plasma nimmt bestimmte Farben des Lichts auf. In der Fachsprache nennt man dieses Phänomen Absorption. An den entsprechenden Stellen im Spektrum erscheinen dunkle Linien, die sogenannten Absorptionslinien. Man kann sich das vorstellen, als würden einzelne Farben aus einem Regenbogen verschwinden. Anhand der Absorptionslinien lässt sich unter anderem erkennen, welche Elemente im Plasma Licht absorbieren und wie heiß oder dicht diese Schichten sind.

Es gibt aber auch Emissionslinien im Spektrum: An manchen Stellen leuchtet das Plasma selbst besonders hell, weil es durch energiereiche Strahlung oder Stöße angeregt wird. Diese Stellen erscheinen im Spektrum als helle Linien. Ein anschauliches Beispiel ist eine Neonröhre: Durch Entladungen angeregt, strahlt das Gas Licht charakteristischer Farben ab. Emissionslinien markieren besonders energiereiche oder aktive Regionen der Sonnenatmosphäre.

Bei der Beobachtung der Sonne mit ihrer enormen Lichtfülle steht der Schutz der Augen, empfindlicher Optiken und der Instrumente stets an erster Stelle: Verwenden Sie ausschließlich zertifizierte Schutzfilter und geeignete Geräte. Niemals sollten Sie ohne Filter – auch nicht für kurze Zeit – mit bloßem Auge oder optischen Geräten in die Sonne blicken. Betreiben Sie Teleskop und Aufbauten niemals unbeaufsichtigt, vor allem nicht in Gegenwart von Kindern.

Amateurastronomen nutzen zumeist Spezialfilter, um die Sonne gezielt in den Spektralbereichen bestimmter Linien zu beobachten und zu fotografieren. Sowohl Absorptions- als auch Emissionslinien kommen hierfür in Betracht. So lassen sich unterschiedliche Höhenlagen und Vorgänge in der Sonnenatmosphäre sichtbar machen. Besonders häufig erfolgen solche Beobachtungen in den Spektralbereichen dreier Linien: der blauvioletten K-Linie des einfach ionisierten Kalziums (Ca II), der gelben D₃-Linie des neutralen Heliums (He I) und der roten H‑alpha-Linie des Wasserstoffs. In der K-Linie zeigen sich vor allem aktive Regionen der unteren Chromosphäre, etwa das feine chromosphärische Netzwerk; die D₃-Linie lässt die obere Chromosphäre erkennen, und die rote H‑alpha-Linie macht Filamente, Protuberanzen und helle Plages der mittleren Chromosphäre sichtbar. Entsprechende Beobachtungen lassen sich mit einem Spektroheliografen durchführen (siehe Infokasten »Drei Blicke in die Chromosphäre«).

Drei Blicke in die Chromosphäre

Beobachtungen in den Spektralbereichen der blauvioletten K-Linie des ionisierten Kalziums (Ca II), der gelben D3-Linie des neutralen Heliums (He I) und der roten H-alpha-Linie des Wasserstoffs ermöglichen anschauliche Einblicke in die Sonnenchromosphäre und den Übergang zur darüberliegenden heißen Korona. Die folgenden von Stephan Schmelzing aufgenommenen Bilder entstanden nicht mit den in der Amateurastronomie üblichen Filtern für die genannten Spektralbereiche, sondern mit seinem Spektroheliografen vom Typ MLAstro SHG-700 und einer Kamera ZWO ASI 678MM am 78-Millimeter-Refraktor.

Untere Chromosphäre | Das blauviolett kolorierte Spektroheliogramm zeigt die Sonne am 19. Januar 2026 um 11:21 Uhr MEZ im Spektralbereich der K-Linie des ionisierten Kalziums (Ca II). Phänomene der unteren bis mittleren Chromosphäre treten hier kontrastreich hervor: helle Fackeln, die auch als Plages bezeichnet werden, sowie ein feines chromosphärisches Netzwerk.
Mittlere Chromosphäre | Das rot kolorierte Spektroheliogramm, aufgenommen am 4. Februar 2026 um 10:31 Uhr MEZ, zeigt die Sonne im Spektralbereich der H-alpha-Linie des Wasserstoffs. Protuberanzen ragen als leuchtende Gaswolken am Sonnenrand empor; vor dem hellen Hintergrund der Sonnenscheibe geben sie sich als schmale, dunkle Filamente zu erkennen. Ferner zeigen sich ausgedehnte helle Plages.
Obere Chromosphäre | Das gelb kolorierte Spektroheliogramm zeigt die Sonne am 18. März 2026 um 14:17 Uhr MEZ im Spektralbereich der Emissionslinie D3 des neutralen Heliums (He I). Die Aufnahme wurde hier als Negativ dargestellt: Dunklen Gebieten entsprechen besonders starke Emissionen. Die ausgedehnten hellen Bereiche (Pfeile) deuten darauf hin, dass oberhalb dieser Regionen weniger heißes koronales Gas vorhanden ist, das die Strahlung der D3-Linie anregen könnte; man spricht von koronalen Löchern.

Ein Scanner für die Sonne

Wie die Rillen einer Musik-CD auftreffendes Licht in seine Farben zerlegen, so zerlegt auch ein Spektroheliograf das Sonnenlicht in sein Spektrum – allerdings sind CD-Rillen für die angestrebte Genauigkeit nicht fein genug. Stattdessen kommt ein optisches Gitter mit sehr feinen Linien (2400 Linien pro Millimeter) zum Einsatz. Ein in der Amateurastronomie eingesetzter Spektroheliograf wird in der Regel mit einem Linsenteleskop kombiniert. Dabei verläuft der Weg des Lichts in mehreren Etappen (siehe »Schema eines Spektroheliografen«).

Schema eines Spektroheliografen | Das von einem Teleskop gesammelte Sonnenlicht fällt durch einen schmalen Eintrittsspalt, der immer nur einen dünnen Streifen der Sonne erfasst, ähnlich einem Scanner. Anschließend sorgt eine als Kollimator bezeichnete Linsengruppe dafür, dass die Lichtstrahlen parallel verlaufen. Auf diese Weise lässt sich das Licht anschließend sauber in sein Spektrum zerlegen. Das parallelisierte Licht trifft auf ein Beugungsgitter, das die Farben räumlich trennt. Der ausgewählte Spektralbereich wird mithilfe einer Linse auf eine Kamera projiziert und als Video aufgenommen. Um ein Gesamtbild der Sonne – ein Spektroheliogramm – zu erzeugen, bewegt sich das Teleskop über die Sonnenscheibe und tastet sie mit dem Spalt zeilenweise ab.

Heutzutage sind sowohl vormontierte Geräte als auch Selbstbauprojekte aus dem 3D-Drucker erhältlich, etwa SUNSCAN oder Sol’Ex, deren Open-Source-3D-Baupläne frei im Internet verfügbar sind. Für den Selbstbau werden die benötigten optischen Komponenten als Sets im Onlinehandel angeboten, sodass engagierte Amateurastronomen vergleichsweise leicht in die Spektroheliografie einsteigen können (siehe »Im Überblick: Bezugsquellen und weitere Informationen«).

Im Überblick: Bezugsquellen und weitere Informationen

Spektroheliografen für die Amateurastronomie können als Komplettsysteme erworben oder als Selbstbauprojekte im 3D-Druck realisiert werden.

MLAstro SHG-700: Dieser einsatzfertige Spektroheliograf mit präziser optomechanischer Ausführung verfügt über ein stabiles Aluminiumgehäuse und eine integrierte Mikrofokussierung. Hersteller und Links zu Vertriebspartnern in Europa: mlastro.com

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Sol’Ex: Ein populärer Selbstbau-Spektroheliograf, der besonders für experimentierfreudige Sonnenbeobachter in Betracht kommt, lässt sich mithilfe eines heimischen 3D-Druckers herstellen. Die optischen Komponenten stammen vom französischen Hersteller Shelyak Instruments (www.shelyak.com). Eine Bauanleitung und eine Projektbeschreibung sind unter solex.astrosurf.com erhältlich.

SUNSCAN: Das STAROS-Team, ein Zusammenschluss französischer Amateurastronomen (staros-projects.org), hat einen kompakten, autonom arbeitenden Spektroheliografen für den Selbstbau entworfen. Er ist ebenfalls mit einem 3D-Drucker herzustellen und vereint die Optik, die Kamera und die Steuerung in einem handlichen Gerät. Ein integrierter Einplatinencomputer verarbeitet die aufgenommenen Bilder automatisch. Die Steuerung und Bildanzeige erfolgen per Smartphone über WLAN. Eine Projektbeschreibung und eine Bauanleitung sind unter www.sunscan.net verfügbar.

Spektroheliografie in der Praxis

Mein Aufbau besteht aus einem Linsenteleskop mit angeschlossenem Amateur-Spektroheliografen, einem im Astrofachhandel erhältlichen Gerät. Das Teleskop sitzt auf einer motorisierten Montierung, die automatisch der Sonnenbewegung am Himmel folgt. Die Nachführung erfolgt über Schrittmotoren, die über eine Handsteuerung in verschiedenen Geschwindigkeiten bedient werden. Für die Aufzeichnung des Lichts im Spektralbereich einer interessierenden Linie kommt eine Schwarz-Weiß-Kamera mit kleinen Pixeln und hoher Bildfrequenz zum Einsatz, die per USB mit einem Laptop verbunden ist. Eine gängige Aufnahmesoftware für astrofotografische Anwendungen – im vorliegenden Fall SharpCap (www.sharpcap.co.uk) – zeigt das von der Kamera aufgenommene Bild auf dem Bildschirm des Laptops und erlaubt die Anpassung der Einstellungen (siehe »Ausschnitt aus dem Sonnenspektrum«).

Ausschnitt aus dem Sonnenspektrum | Für jede Position des Spalts auf der Sonnenscheibe nimmt die Videokamera ein Spektrum auf. Der Screenshot zeigt die Live-Ansicht am Laptop mit der Aufnahmesoftware SharpCap. Im vorliegenden Beispiel wurde der Spalt horizontal orientiert; er verläuft quer durch das Zentrum der Sonnenscheibe. Das so aufgenommene Spektrum erstreckt sich im Bild von unten nach oben. Ausgewählt wurde ein schmaler Ausschnitt aus dem roten Spektralbereich. Die dicke schwarze Linie ist die H-alpha-Linie des Wasserstoffs; oberhalb und unterhalb von ihr zeigen sich weitere feine Spektrallinien. Im Fenster rechts lassen sich Bildausschnitte und Kameraeinstellungen festlegen.

Während die Kamera ein Video im Spektralbereich der gewählten Linie aufnimmt, wird die Sonne Zeile für Zeile mit dem Spalt abgetastet; der gesamte Vorgang dauert nur wenige Sekunden. Anschließend werden die Videodaten mit einer Rekonstruktionssoftware, beispielsweise mit dem kostenfreien Programm JSol’Ex, verarbeitet (siehe suw.link/2607-AP1). Aus den Videobildern erstellt die Software das Spektroheliogramm: ein vollständiges Bild der Sonne im Spektralbereich der gewählten Linie. Hierbei ordnet die Software die Pixel der einzelnen Videobilder den entsprechenden Bildpunkten im Spektroheliogramm zu. So entsteht eine direkte Verknüpfung zwischen den erfassten Lichtwerten und den Positionen auf der Sonnenscheibe (siehe »Ein Sonnenbild entsteht«).

Ein Sonnenbild entsteht | Hier ist das Funktionsprinzip der digitalen Spektroheliografie im schematischen Ablauf zu sehen. Im Scanprozess wird der Spektroheliograf mit seinem Spalt über die Sonnenscheibe geführt (A). Währenddessen nimmt die Videokamera für jede Position des Spalts auf der Sonnenscheibe (t1 bis t5) ein Bild im interessierenden Spektralbereich auf; (B) zeigt das Beispiel einer einzelnen Aufnahme. Eine Software ordnet die gefilmten Ausschnitte des Spektrums der jeweiligen Position des Spalts zu und rekonstruiert ein vollständiges Bild der Sonne (C).

Das Spektroheliogramm wird in Graustufen rekonstruiert; oft wird es nachträglich koloriert, um Strukturen deutlicher hervorzuheben. Je nach Aufnahmebedingungen können die Sonnenränder auf dem Bild leicht gezackt erscheinen, verursacht durch die spaltweise Abtastung der Sonnenscheibe und die Luftunruhe der Erdatmosphäre.

Vom Bild zur Messung

Neben der Rekonstruktion und Bildbearbeitung von Spektroheliogrammen bietet die Software vielfältige Funktionen zur analytischen Auswertung der Daten, die Rückschlüsse auf physikalische Vorgänge innerhalb der Sonnenatmosphäre erlauben. Einige Ergebnisse werden im Folgenden exemplarisch präsentiert.

▪︎ Geometrische Vermessung von Details: Eine Möglichkeit der Auswertung besteht in der Positionsbestimmung sowie in der Vermessung der Ausdehnung und Höhe solarer Strukturen. Auf der Basis der Kenndaten des Spektroheliografen, etwa der Linienzahl des Beugungsgitters oder der Pixelgröße der Kamera, stellt die Software die Sonnenoberfläche mit einem Koordinatensystem dar, vergleichbar mit dem Netz der Längen- und Breitengrade auf der Erde. Auf diese Weise sind die Ortsbestimmung und die Vermessung ausgewählter Strukturen möglich (siehe »Details vermessen«). Bei bestehender Internetverbindung werden aktive Regionen automatisch mit Bezeichnungen versehen; zudem lässt sich das Sonnenbild wahlweise in Nord- oder Polausrichtung orientieren.

Details vermessen | Mithilfe der Rekonstruktionssoftware lassen sich die Positionen markanter Strukturen vermessen und ihre Ausdehnungen in Kilometern bestimmen. Dazu werden die Strukturen im Bild mit Messpunkten versehen. In dieser H-alpha-Aufnahme vom 23. Oktober 2025 um 12:08 Uhr MESZ wurden die Längen mehrerer Filamente von Stephan Schmelzing ermittelt.

︎ Doppler-Messungen visualisieren Bewegungen: Spektrallinien verraten nicht nur Strukturen auf der Sonne, sondern auch deren Bewegungen. Möglich wird dies durch den Dopplereffekt, den wir im Alltag akustisch wahrnehmen können, etwa beim Martinshorn: Nähert sich die Schallquelle, klingt sie für unsere Ohren höher, entfernt sie sich, klingt sie tiefer. In analoger Weise verschieben sich die Lichtwellenlängen des von der Erde aus beobachteten Plasmas in der Sonnenatmosphäre: Strömt es auf uns zu, erscheint sein Licht zum blauen Ende des Spektrums hin verschoben, bewegt es sich von uns weg, zum roten Ende (siehe »Dynamische Sonne«).

Dynamische Sonne | Ein Beispiel für die Anwendung eines Spektroheliografen am Teleskop zeigt dieses im Spektralbereich der H‑alpha‑Linie des Wasserstoffs aufgenommene Sonnenbild: Die linke Bildhälfte erscheint blau, weil sich dort Plasma auf den Beobachter zubewegt; rechts dominiert ein rötlicher Ton, der auf sich entfernende Materie hinweist. So lässt der typische Farbkontrast die Drehbewegung unseres Tagesgestirns unmittelbar erkennen. Die Aufnahme entstand am 7. November 2025 durch einen sogenannten Δλ‑Scan, bei dem der am Teleskop genutzte Spektroheliograf die H‑alpha‑Linie des Wasserstoffs seitlich der Linie abtastete, um selbst feine Dopplerverschiebungen präzise abzubilden.

Die Software scannt dafür die Ränder der Spektrallinie und erstellt daraus ein blau- und ein rotverschobenes Spektroheliogramm. Legt man beide Scans übereinander, entsteht ein sogenanntes Dopplergramm, in dem Bewegungen farblich markiert werden: Blau zeigt sich Plasma, das auf uns zuströmt, rot Plasma, das sich entfernt. So erhält man einen faszinierenden Einblick in die dynamischen Prozesse der Sonnenatmosphäre.

︎ Messungen bei leicht versetzten Wellenlängen: Wird die Sonne nicht nur bei der zentralen Wellenlänge einer Spektrallinie aufgenommen, sondern auch in ihren Randbereichen (Flügeln), ergeben sich mehrere Spektroheliogramme derselben Sonnenregion. Sie entsprechen jeweils den blau- und rotverschobenen Flügeln der Spektrallinie. Durch den Vergleich dieser Spektroheliogramme verraten sich Auf- und Abwärtsströmungen des Plasmas: Je weiter sich absorbierendes Plasma vom Linienzentrum entfernt zeigt, desto höhere Geschwindigkeiten weist es auf. So entstehen Geschwindigkeitskarten der Sonne, mit denen feine Dynamiken sowie Helligkeitsänderungen in Filamenten, Protuberanzen und aktiven Regionen quantitativ erfasst werden können (siehe »Bewegtes Gas in aktivem Gebiet«).

Bewegtes Gas in aktivem Gebiet | Diese Spektroheliogramme der aktiven Region AR 4366 wurden am 4. Februar 2026 um 10:31 Uhr MEZ im Spektralbereich der H-alpha-Linie aufgenommen. Zu jedem Bild ist der Versatz Δλ bezüglich der Zentralwellenlänge der H-alpha-Linie in Nanometern (nm) angegeben. Negative Werte von Δλ bezeichnen einen Versatz zu kürzeren Wellenlängen, positive Werte einen Versatz zu größeren Wellenlängen. Beispielsweise wurde das Bild links unten bei Δλ = 0,036 nm gewonnen: Die Wellenlänge der Aufnahme ist um diesen Betrag größer als die Zentralwellenlänge der H-alpha-Linie von 656,28 Nanometern. Hier zeigt sich Plasma, das sich mit einer Geschwindigkeit von 16,56 Kilometern pro Sekunde (km/s) vom Beobachter wegbewegt. In analoger Weise zeigen Aufnahmen mit negativem Δλ Plasmen, die sich mit der angegebenen Geschwindigkeit auf den Beobachter zubewegen.

︎ Kleine Lichtexplosionen: Das Plasma der Sonne ist von magnetischen Feldlinien durchsetzt. Da das heiße, elektrisch leitfähige Gas ständig in Bewegung ist, ändert sich auch die Gestalt des lokalen Magnetfelds. Erreicht das Feld eine sehr komplizierte Struktur, kann es vorkommen, dass sich die Feldlinien neu verbinden, woraus eine einfachere Gestalt resultiert; man spricht von Rekonnexion. Bei einem solchen Vorgang wird Energie frei, die zuvor im Magnetfeld gespeichert war. Auf diese Weise entstehen kurzzeitige kleinräumige Aufhellungen (siehe »Lichtblitz auf der Sonne«). Sie werden nach dem US-amerikanischen Astronomen Ferdinand Ellerman (1869–1940), der das Phänomen eingehend untersuchte, als Ellerman-Bomben bezeichnet.

Lichtblitz auf der Sonne | Auf der Sonnenoberfläche (großes Bild rechts) erscheint eine Ellerman-Bombe als punktförmige Aufhellung in der oberen Fotosphäre und unteren Chromosphäre. Die Ausschnittvergrößerung (Inset links oben) belegt, dass sie sich deutlich von den übrigen Aufhellungen des umgebenden Fackelgebiets abhebt. In den Flügeln der H‑alpha-Linie (Inset links unten) verrät sich diese Erscheinung als Aufhellung, deren Form an einen Schnurrbart erinnert. In Anlehnung an die französische Bezeichnung wird diese typische Form als Moustache bezeichnet. Die Bilder entstanden am 23. Oktober 2025 um 12:16 Uhr MESZ.

Ellerman-Bomben treten in der unteren Chromosphäre und oberen Fotosphäre auf; sie sollten nicht mit den viel energiereicheren Strahlungsausbrüchen (englisch: flares) verwechselt werden, die in komplexen Sonnenfleckengruppen auftreten und dort ebenfalls durch magnetische Rekonnexion entstehen. Die weitaus weniger auffälligen Ellerman-Bomben sind in herkömmlichen H‑alpha-Fotografien oft kaum sichtbar. In der Spektroheliografie erscheinen sie hingegen als deutlich sichtbare helle Lichtausbrüche in den Flügeln der H-alpha-Linie. Mit entsprechenden Spektroheliogrammen können Amateurastronomen diese lokalen Energieausbrüche systematisch beobachten und dokumentieren.

︎ Die Quellen des Sonnenwinds: Koronale Löcher sind Regionen, aus denen die elektrisch geladenen Partikel des Sonnenwinds besonders schnell in den interplanetaren Raum hinausströmen. Gelangen sie in die Nähe der Erde, können sie das Magnetfeld unseres Planeten beeinflussen: Bei ihrer Ankunft entstehen geomagnetische Stürme, die mitunter Polarlichter verursachen.

Spektroheliogramme, die im Spektralbereich der Emissionslinie D₃ des neutralen Heliums (He I) aufgenommen werden, lassen koronale Löcher als helle, strukturlose Gebiete erkennen. Die D₃-Linie befindet sich im gelben Teil des optischen Spektrums; sie entsteht in der oberen Chromosphäre und wird durch die energiereiche Strahlung der darüberliegenden heißen Korona angeregt. Vergleiche eigener Beobachtungen mit Daten des Weltraumobservatoriums SDO (Solar Dynamics Observatory) der NASA ermöglichen einen direkten Blick auf die Korona und können so vermutete koronale Löcher in den eigenen Spektroheliogrammen bestätigen (siehe »Vergleich mit SDO«).

Vergleich mit SDO | Das Bild links wurde von Stephan Schmelzing am 18. Januar 2026 im Spektralbereich der D3-Linie des neutralen Heliums aufgenommen und hier als Negativ dargestellt: In den dunklen Gebieten ist die Intensität maximal. Ein koronales Loch zeigt sich als ausgedehnter heller Bereich. Rechts ist ein am selben Tag bei 191 Nanometern aufgenommenes UV-Bild von SDO zu sehen. Das koronale Loch hebt sich dunkel vor dem hellen Hintergrund ab.

Trotz der modernen technischen Möglichkeiten sind spektroheliografische Messungen niemals perfekt: Luftbewegungen, kleine Ungenauigkeiten bei der Nachführung des genutzten Teleskops, fehlerhafte Einstellungen der daran angeschlossenen Instrumente oder Temperaturschwankungen können die Daten verzerren. Die hier beschriebenen Messungen sollten daher nur als Indikatoren für Vorgänge auf der Sonne verstanden werden.

Wissenschaft selbst erleben

Amateurbeobachtungen spielen heute eine wichtige Rolle in der Sonnenforschung und fließen vielfach direkt in wissenschaftliche Projekte ein. Ein Beispiel ist die »BASS 2000 Solar Database« (bass2000.obspm.fr) am Observatoire de Paris-Meudon, eine internationale Plattform, die bodengebundene Sonnenbeobachtungen aus unterschiedlichsten Instrumenten sammelt, archiviert und für langfristige Studien der Sonnenaktivität bereitstellt. Das Archiv existiert seit Mitte der 1990er-Jahre und wird weltweit in Forschung und Lehre genutzt. Registrierte Amateurastronomen können dort ihre Spektroheliogramme nach festen Standards einreichen und damit zur Untersuchung des Sonnenzyklus sowie aktiver Regionen oder seltener Ereignisse wie Sonneneruptionen beitragen. Die Teilnahme ermöglicht nicht nur den Austausch in einer internationalen Gemeinschaft von Sonnenbeobachtern, sondern sorgt durch die Kombination von Amateur- und Profidaten auch für eine dichte zeitliche und räumliche Abdeckung. So werden Phänomene sichtbar, die einzelne Großteleskope allein oft verpassen – und jede Amateuraufnahme leistet einen realen Beitrag zur Sonnenforschung.

In jedem Fall eröffnet die Spektroheliografie der Amateurastronomie einen faszinierenden Zugang zu den dynamischen Vorgängen auf der Sonne, der früher nur professionellen Observatorien vorbehalten war. Moderne Spektroheliografen und vielseitige Rekonstruktionssoftware ermöglichen nicht nur die Beobachtung, sondern auch die Messung und Analyse von Sonnenphänomenen. Bürgerwissenschaftsprojekte stellen diese Beobachtungen in größere wissenschaftliche Zusammenhänge und liefern wertvolle Daten für die Sonnenforschung.

Mit weiter verbesserten Kameras und automatisierter Fokussierung beim Wechsel auf eine neue Spektrallinie sowie leicht bedienbarer Software wird die Amateur-Spektroheliografie künftig noch zugänglicher – und Amateurastronomen können die Sonnenaktivität zunehmend langfristig, systematisch und quantitativ beobachten.

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  • Quellen
Literaturhinweise
Hilbrecht, H., Lagg, A., Lichtbrücken in Sonnenflecken. Rasante Entwicklungen lohnen die Beobachtung. Sterne und Weltraum 8/2015
Pietschmann, R., Ein hochauflösendes Sonnenteleskop. Sterne und Weltraum 3/2025
Reichert, U., Die Sonne – der uns nächste Stern. Sterne und Weltraum 2/2016
Schröder, K.-P., Die trügerische Ruhe der Sonne. Wie häufig sind »Superflares«? Sterne und Weltraum 5/2020
Schröder, K.-P., Die Sonne wird wieder aktiv – Sie auch? Sterne und Weltraum 7/2021

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