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Biomechanik: Fledergalopp

Sie ziehen sich nicht in Särge zurück, meiden weder Knoblauch explizit noch zerfallen sie im ersten morgendlichen Sonnenstrahl. Sonst aber tragen Vampirfledermäuse ihren Namen durchaus zu Recht. Und machen nicht nur dabei manches anders als die engste Flatter-Verwandtschaft.
Nach einem nächtlichen Vampirangriff blutüberströmt aus dem Schlaf aufzuwachen, ist nicht jedermanns Sache. Gut: Optimisten werden einwenden, dass überhaupt noch aufzuwachen in dem Fall immerhin schon etwas ist. Realisten indes mögen derartiges ohnehin für Blödsinn halten. Womit sie allerdings unrecht hätten.

Fliegende Vampire, genauer gesagt Vampirfledermäuse, überfallen eben durchaus auch einmal schlafende Menschen – wenn sie dazu Gelegenheit erhalten. Viel häufiger allerdings schlagen sie ihre Fänge in Schweine, Pferde, Rinder, manchmal auch in Vögel oder Reptilien. Interesse haben sie jedenfalls am Blut der Beute: Einmal an verletzlichen, leicht zugänglichen Hautstellen per spitzem Zahn der Fledermäuse geöffnete Wunden hält ein blutgerinnungshemmendes Gemisch des Speichels dünnflüssig – und das noch lange, nachdem die Flattertiere sich am aufgeleckten Blutstrom gesättigt haben. Blut ist die einzige Nahrung der drei Arten von Vampirfledermäusen, jenen Spezialisten der Fledermaus-Verwandtschaft, die sich nicht von Insekten, kleineren Tieren oder Obstsäften, sondern ausschließlich dem Lebenssaft von Wirbeltieren ernähren.

In Südamerika besonders gefürchtet ist Desmodus rotundus, der Gemeine Vampir. Vereinzelte Männchen oder gleich ganze Schwärme von bis zu zwanzig Weibchen können dort nächtens über weidende Rinderherden hereinbrechen, neben den Tieren niedergehen, deren Körper mit ein paar hoppelnden Sprüngen entern, sich in die dünneren Hautpartien an Euter oder Hals krallen und dort ein Stück wenig zartfühlend herausfetzen. Dort laben sich die Vampire für gut zwanzig Minuten am Blutfluss und nehmen dabei minütlich einen runden Milliliter auf – bis sie vor Morgengrauen von dem blutenden Opfer ablassen und sich in ihre lichtlosen Verstecke zurückziehen.

Während der Blutverlust der Weidetiere verschmerzbar wäre, sind es die von den Fledermäusen übertragenen Krankheiten nicht: Allerlei Erreger schleppen die Blutsauger auf ihren nächtlichen Streifzüge von Herde zu Herde. Gerade Tollwut fordert einen hohen Preis, an der nicht nur die Tiere, sondern auch ihre Hirten erkranken können. In Südamerika wird Desmodus rotundus deshalb heftig bekämpft.

In zoologischen Labors dagegen ist die Fledermaus-Spezies ein gern gesehener Gast. Seit geraumer Zeit schon untersuchen Forscher die einzigartigen Qualitäten, die der blutsaugende Sonderweg im Laufe der Evolution dem Vampirfledermaus-Körperbau abverlangt hat. Das Forscherduo Daniel Riskin und John Hermanson von der Cornell-Universität interessierte sich nun besonders für einen bislang vernachlässigten Invasionsschritt der Vampire zwischen Einschweben und gesättigtem Rückzug: Jenem Enter-Hoppeln der Vampire zu Füßen der anvisierten Beute, kurz vorm Aufspringen und Zubeißen.

Rasches Dahinhoppeln, wie jegliche flüssige Bewegung am Boden, ist eigentlich nicht die Sache einer gemeinen Fledermaus. Um die anatomische Grundausstattung aller säugetierischen Fledermausahnen in Richtung Flugfähigkeit abzuwandeln, waren derart viele Umbauten an den Extremitäten notwenig, dass im Gegenzug Schreiten oder gar schnelleres Laufen mit Grund unter den umgeformten Füßen nahezu unmöglich wurde. Mehr als halb zielloses Herumrutschen ist bei gelandeten Fledermäusen im Normalfall eben nicht drin.

Anders die Vampirfledermäuse, wie nicht erst Riskin und Hermanson berichten: Auf Hinterbeinen und Flügelspitzen rasant dahinhumpelnde Sprinter der Spezies bringen es am Boden immerhin auf gut sieben Kilometer pro Stunde. Und dabei nutzen die Tiere, je nach Geschwindigkeitsanforderungen, zwei völlig verschiedene Gangarten, wie Einzelaufnahmen-Analysen eines eigens gedrehten Fledermaus-Lauf-Films offenbarten. Für diesen hatten die beiden Wissenschaftler ihre blutliebenden Hauptdarsteller hinter Plexiglaskäfig-Scheiben auf einem Laufrad platziert.

Trotteten die Versuchstiere auf der drehenden Unterlage nur mit Geschwindigkeiten unter einem halben Meter pro Sekunde, so gingen sie dabei einfach Schritt für Schritt, ganz wie vergleichsweise beobachtete Mäuse beim Schlendern. Immer schneller werden sie dann zunächst, indem sie die Schrittfrequenzen erhöhen – bis dies dann energetisch ineffizient wird.

Höhere Geschwindigkeiten als durchschnittlich 0,5 Meter in der Sekunde erreichen die Tiere schließlich, indem sie – statt immer hochfrequenter einherzuschreiten – längere Sprünge aneinander setzen. Im Vergleich zu etwa gleich großen rennenden Mäuse sind die einzelnen Sprünge der galoppierenden Fledermäuse dabei um einiges länger, ermittelten die Forscher – die Schrittfrequenz bei vergleichbarer Geschwindigkeit bleibt dagegen deutlich niedriger. Diese raumgreifende Rennmethode ermöglicht den Vampiren die Länge ihrer Vorderarme: Ein netter Nebeneffekt zu der eigentlichen Aufgabe der Arme, die Flughäute bei der Luftfahrt aufzuspannen.

Bleibt nur die Frage nach der Zukunft der Blutsauger und ihrer einzigartigen Fähigkeit – und die Frage, warum gerade die Blutsauger unter den Fledermäusen sie überhaupt exklusiv erfunden haben. Letzteres muss mit dem Nahrungserwerb zu tun haben. Wahrscheinlich war es einfach nicht selten von Vorteil, kleinere, davon eilende Beutetiere auf kurzen Distanzen im Sprint einholen zu können.

Eine Herausforderung, die für blutdurstige Vampirfledermäuse allerdings seit dem 16. Jahrhundert immer weniger wichtig wurde, spekulieren die Wissenschaftler. Seit dieser Zeit importierten menschliche Neuamerikaner immer mehr an größeren, wenig leichtfüßigen und mobilen Weidetieren in die südamerikanische Vampirheimat. Echte Sprintbegabung ist bei den Vampirfledermäusen da wohl immer weniger gefragt.

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