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Mumien-DNA

Forscher lesen im Erbgut alter Ägypter

Es gilt als immens schwer, den ägyptischen Mumien ihr Erbgut zu entlocken. Doch nun ist es bei gleich 90 Individuen gelungen. Das eröffnet spannende Perspektiven für die Zukunft.
Altägyptische Mumie eines wohlhabenden Mannes der Saite-Periode

Zunächst die rätselhaften Hyksos, dann Alexander der Große und schließlich die römischen Cäsaren, immer wieder haben sich Fremde zu Herrschern über Ägypten aufgeschwungen. Sie prägten den Alteingesessenen ihre Kultur auf, hinterließen Spuren in Sprache und Kunst – aber in genetischer Hinsicht verewigten sie sich nicht. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Studie, bei der Forscher das Erbgut von insgesamt 90 altägyptischen Mumien entzifferten: Die altägyptische Bevölkerung, so ihr Fazit, blieb über mindestens 1300 Jahre weitestgehend unter sich.

Erst in den vergangenen Jahrhunderten scheint sich das geändert zu haben, berichtet das Team um Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena im Fachmagazin "Nature Communications". Denn heutzutage finden sich im Erbgut der Ägypter große Anteile von DNA-Abschnitten, die einen subsaharischen Ursprung haben. Womöglich brachte der Handel – mit Waren oder Sklaven – so viele Menschen entlang des Nils nach Norden, dass sich ihre DNA in der ganzen Bevölkerung verbreiten konnte.

Wegen Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und nicht zuletzt wegen einiger Substanzen, die die Einbalsamierer einst verwendeten, ist die DNA in ägyptischen Mumien nur sehr schlecht erhalten. Frühere Versuche der Extraktion sind darum immer wieder auf Skepsis und Ablehnung gestoßen, beispielsweise auch eine viel beachtete Untersuchung der Mumien aus der Familie der Pharaonen Echnaton und Tutanchamun. Mit ihrer eigenen Studie, für die sie von immerhin 151 mumifizierten Individuen Proben entnommen haben, hoffen Krause und sein internationales Kollegenteam nun dem Forschungsfeld neue Perspektiven eröffnet zu haben. Es sei ihnen zum ersten Mal gelungen, die DNA nach modernsten Standardverfahren zu gewinnen und mit rigorosen Tests sicherzustellen, dass keine Verunreinigungen zu falschen Resultaten führten.

Bei 90 der 151 Mumien konnten die Forscher die so genannte mitochondriale DNA lesbar machen. Diese DNA-Abschnitte finden sich in großer Zahl in den Zellen und sind darum entsprechend leichter zu identifizieren. Sie verraten, dass die Bevölkerung des alten Ägypten am engsten mit zeitgenössischen Populationen im Nahen Osten und an der östlichen Mittelmeerküste verwandt war.

Von drei Individuen konnten die Forscher sogar die Kern-DNA, also das eigentliche Erbgut in den Zellkernen, sequenzieren. Insbesondere in Knochen und Zähnen überdauerten noch Reste der Erbsubstanz, beobachteten Krause und Kollegen, in den Weichteilen sei sie hingegen viel spärlicher konserviert. Die aufgespürten Gene deuten auf eine eher helle Hautfarbe, dunkle Augen und eine genetisch bedingte Laktoseintoleranz hin, wie sie auch heute noch bei vielen Bevölkerungsgruppen weltweit anzutreffen ist.

Die 151 Mumien ihrer Untersuchung stammen aus der Zeit von etwa 1400 v. Chr. bis 400 n. Chr., das heißt, sie umfassen das Neue Reich ebenso wie das römische Ägypten. Ausgegraben wurden die Leichname allesamt Anfang des 20. Jahrhunderts in der Grabungsstelle Abu Sir al-Meleq in Mittelägypten. Zur Zeit des alten Ägypten war der Ort ein lokales Zentrum. Die dort ausgegrabenen Mumien werden heute in Tübingen und Berlin aufbewahrt.

22/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22/2017

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