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News: Geteiltes Wissen

Augentropfen, Krebshemmer, Herzmedikamente: Ohne den Regenwald wäre die Arzneien-Palette deutlich schmaler. Das Wissen darum ist in der einheimischen Bevölkerung gut verankert - das macht die Frage nach dem Schutz des geistigen Eigentums schwierig.
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Im Regenwald gibt es keine Apotheke – wozu auch, bieten doch die Pflanzen selbst eine unübersichtliche Fülle arzneilich wirksamer Bestandteile. Das Wissen darum steht allerdings in keinem Buch, sondern lebt allein in den Überlieferungen der dort heimischen Völker. Ethnobotaniker versuchen daher weltweit, diese Informationen für Forschung und Pharmaunternehmen zu sammeln.

Ihre Arbeit stößt bei den entsprechenden Regierungen und den Befragten selbst auf vorsichtige Zurückhaltung bis hin zu offenem Misstrauen oder Ablehnung: Schließlich geht es um Milliardengeschäfte, und es wäre nicht das erste Mal, dass die eigentlichen Wissensträger für die erfolgreiche Anwendung ihrer Kenntnisse keinen müden Euro zu sehen bekommen.

Doch wie gut wissen die ursprünglichen Regenwaldbewohner auch heute noch, unter dem zunehmend stärkeren Einfluss der Zivilisation, tatsächlich über den reichhaltigen Apothekenschatz ihrer Umwelt Bescheid? Und sind nur einzelne Mitglieder Wissensträger, oder handelt es sich doch um Allgemeingut? Victoria Reyes-García von der University of Florida und ihre Kollegen befragten Angehörige der Tsimane', einem Volk im tropischen Tiefland Nordboliviens.

Die etwa 100 Dörfer der ungefähr 7000 Menschen in den Savannen und feuchten Regen- und Galeriewäldern des Beni-Gebietes liegen teilweise nur wenige Stunden Fußmarsch, andere dafür etliche Tagestouren mit dem Kanu von den nächsten Städten entfernt. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Lebensweise der Indianer: Während einige in kleinen Dörfern ohne Schulen leben, ausschließlich ihre Sprache sprechen und sich durch Jagd und Wanderfeldbau ernähren, hat sich in anderen Dörfern Spanisch und eine sesshaftere Lebensweise durchgesetzt. In diesen meist größeren Ansiedlungen gibt es in der Regel auch Schulen, und die Menschen leben vom Verkauf landwirtschaftlicher Produkte oder anderer Arbeiten.

Die Antworten der 511 Befragten in 59 Dörfern zeigen: Das Wissen um den Nutzwert der Pflanzen in ihrer Umgebung ist tief verankert – egal, ob die Menschen einen oder hundert Kilometer von der nächsten Stadt entfernt leben. Die meisten der interviewten Tsimane' konnten treffend einschätzen, welche der 21 aufgeführten Pflanzen sich als Medizin, Feuerholz, Werkzeug, Baumaterial und/oder Nahrungsmittel eignen. Allerdings zeichnete sich dabei ab, dass die Kenntnisse in einem gewissen Rahmen ortsspezifisch sind, denn die Bewohner eines Dorfes zeigten mehr Gemeinsamkeiten in ihrem Wissen untereinander als mit Bewohnern anderer Siedlungen.

Für die Arbeit der Ethnobotaniker hat dies einige Bedeutung. Denn geben sie eine Information weiter, nutzen sie damit mehr als das Wissen eines Einzelnen: Sie bedienen sich aus dem Gemeinschaftsgut eines ganzen Volkes. Damit betrifft auch der Schutz des geistigen Eigentums nicht mehr nur einen Menschen, sondern viele – und somit sollte sich die finanzielle Beteiligung an eventuellen Einnahmen aus den ergatterten Informationen an die ganze Gemeinschaft richten: Eine dringende Forderung, die von den Vetretern indigener Völker schon seit langem erhoben wird, mit allerdings bisher magerem Erfolg.

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