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Bewusstseinsverändernde Praktiken: High ohne Drogen

Trancetänze, Atemtechniken und Hypnose – die Forschung an bewusstseinsverändernden Techniken zeigt: Grenzerfahrungen können heilsam wirken. Aber es gibt vieles daran, was wir noch nicht verstehen.
Eine Person steht mit ausgebreiteten Armen im Freien und blickt in einen farbenfrohen Sonnenuntergang. Der Himmel zeigt warme Töne von Orange und Blau. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Freude.
In vielen Kulturen sind veränderte Bewusstseinszustände seit Jahrhunderten Teil von Ritualen und Heilpraktiken. Sie lassen sich auch ohne Drogen herbeiführen, etwa durch sogenanntes Breathwork.

Sich mit dem Universum verbinden, das Ego auflösen, Raum und Zeit vergessen. In vielen Kulturen sind veränderte Bewusstseinszustände seit Jahrhunderten Teil von Ritualen und Heilpraktiken, seien es hinduistische Mantra-Gesänge, Voodoo-Zeremonien in Haiti, schamanische Trommelrituale in Sibirien oder die Trancetänze der San im südlichen Afrika. Sie alle verändern das Erleben von Menschen fundamental, sodass diese ihre alltägliche Erfahrungswelt verlassen – und das oft ohne die Hilfe von Drogen. 

Auch in Europa gibt es alte bewusstseinsverändernde Techniken, von denen jedoch viele in Vergessenheit geraten sind. Stattdessen bedienen wir uns hierzulande mehr und mehr aus anderen Kulturtraditionen: Meditation und Yoga sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und in deutschen Großstädten kann man schamanische Trommelreisen buchen oder sich hypnotisieren lassen.

Für viele Menschen gelten solche Praktiken als esoterisch, als Hokuspokus oder Geldmacherei. Dazu trägt sicher bei, dass diejenigen, die sie als Heilmethoden anbieten, oft keine psychotherapeutische oder medizinische Ausbildung haben. Hirnforscher und Psychologen versuchen jedoch, die Effekte auf Gehirn und Geist zu verstehen und herauszufinden, welchen klinischen Nutzen sie haben könnten.

Psychedelisches Hyperventilieren

Martha Havenith arbeitet eigentlich mit optogenetisch veränderten Mäusen. Seit einigen Jahren hat die Neurowissenschaftlerin am Ernst-Strüngmann-Institut in Frankfurt aber einen zweiten, ganz anderen Fokus: Sie erforscht den bewusstseinsverändernden Effekt von Hyperventilation.

Mit Anfang 30 entdeckte sie »Breathwork«, zu Deutsch Atemarbeit, für sich. »Ich habe sofort gemerkt, wie sich das innere Erleben ändert und ganz viele neue Perspektiven und Gefühle hochkommen«, erzählt sie. Sie absolvierte ein Training, um selbst Atemsessions anzuleiten, zunächst unabhängig von ihrer Forschungsarbeit. »Dann wurde mir klar, dass meine neurowissenschaftliche Ausbildung für das Breathwork-Feld nützlich sein könnte«, sagt sie.

Die Praktik umfasst Atemtechniken, die ihre Ursprünge im Yoga, im tibetanischen Buddhismus sowie in verschiedenen schamanischen Traditionen haben. Manche beruhen auf langsamen Atemzügen, die das System beruhigen. Bei anderen geht es darum, willentlich zu hyperventilieren. Inspiriert von diesen alten Techniken, entwickelten der tschechische Psychiater Stanislav Grof und seine Frau Christina Grof das »holotrope Atmen«. Grof hatte zuvor LSD in der Therapie eingesetzt. Doch als das Halluzinogen im Zuge des »War on Drugs« in den USA und kurz darauf auch in Europa verboten worden war, griff er auf andere Methoden zurück.

Beim holotropen Atmen kommt es darauf an, sehr tief und beschleunigt zu atmen – und das zwei bis drei Stunden lang. Bei einer sanfteren Variante, dem Conscious Connected Breathing, dauert eine Session nur rund eine Stunde. Das Ganze wird von instrumentaler Musik und manchmal auch Massagen begleitet. Die Wim-Hof-Methode besteht in einem Wechsel aus schneller Atmung und langen Atempausen.

»Infolgedessen sinkt die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn«Martha Havenith, Neurowissenschaftlerin

Der grundsätzliche Mechanismus ist bei all diesen Techniken gleich: Man atmet tief in den Bauch, ohne zwischen Ein- und Ausatmen eine Pause zu machen. »Dadurch geht der Sauerstoff im Blut hoch und das Kohlenstoffdioxid runter. Das Blut wird basischer, also weniger sauer, der pH-Wert steigt. Infolgedessen sinkt die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn«, erklärt Havenith.

Das hat zwei Gründe: Erstens ziehen sich durch den verringerten Gehalt an Kohlenstoffdioxid (CO2) die Blutgefäße im Gehirn zusammen, vor allem im Kortex, wo Prozesse ablaufen, die mit Bewusstsein zusammenhängen. So strömt weniger Blut und damit weniger Sauerstoff in diese Hirnareale. Der zweite Grund ist der Bohr-Effekt: Durch den CO2-Abfall im Blut bleibt der Sauerstoff an das Hämoglobin gebunden und kann nicht an die Zellen abgegeben werden. »Das ist in dem Maß und der Dauer einer typischen Breathwork-Session für gesunde Teilnehmer nicht gefährlich«, sagt Havenith.

Ein unangenehmer Nebeneffekt der Methode: Muskeln können krampfen oder zucken, vor allem in den Händen, Füßen und im Gesicht. Das liegt daran, dass die Nervenzellen, die die Muskeln steuern, durch den erhöhten pH-Wert übererregbar werden.

Kohlenstoffdioxid-Mangel als Türöffner

Der CO2-Mangel sei aber auch ein »Türöffner« für veränderte Bewusstseinszustände, sagt Havenith. Das demonstrierte die Forscherin 2025 in einer Studie mit 61 Teilnehmenden – die bisher größte Untersuchung zu dem Thema. Zwei Drittel der Probandinnen und Probanden nahmen an einer Atemsession teil (entweder holotropes Atmen oder Conscious Connected Breathing), die übrigen bildeten die Kontrollgruppe (normales Atmen).

Während der bis zu dreistündigen Sessions maßen die Fachleute mehrmals den Kohlendioxid-Gehalt in der Atemluft der Freiwilligen. Deren subjektive Erfahrungen erfassten sie mit einem Fragebogen, der auch häufig in der Forschung mit psychedelischen Drogen verwendet wird. Er misst, ob jemand ein Gefühl von Egoauflösung, Halluzinationen oder ein »ozeanisches Gefühl« erlebt hat. Dieser Begriff geht auf Freud zurück und beschreibt ein Erlebnis von Einheit, tiefer Einsicht und Glückseligkeit.

Die Teilnehmenden, die hyperventiliert hatten, wiesen deutlich weniger CO2 in der Atemluft auf als die Kontrollgruppe. Und: Je niedriger der Kohlendioxid-Pegel, umso intensiver war ihre Erfahrung. Die Ratings ähnelten jenen, die typischerweise bei einer vollen Dosis Psilocybin erreicht werden, dem Wirkstoff in halluzinogenen Pilzen. Menschen können also einen psychedelischen Trip erleben, indem sie willentlich hyperventilieren.

Ähnliche Hirnveränderungen wie bei Drogen

Havenith zufolge gibt es Hinweise darauf, dass Breathwork die Hirndynamiken auf ähnliche Weise ändert wie Psychedelika. Für einen detaillierten Vergleich fehlen aber die Daten. 2025 erschien eine erste MRT-Studie zu hyperventilierendem Atmen, durchgeführt von einer Gruppe an der Brighton and Sussex Medical School in England. Für das Experiment im Hirnscanner brauchte es Probanden, die mit der Atemtechnik sehr vertraut waren. Einer davon war der Psychologe und Breathwork-Forscher Guy Fincham. »Ich musste so still wie möglich liegen«, erinnert er sich. »Ich habe mich wie in einem Raumschiff gefühlt.« Sechs der 19 Probanden wurden ausgeschlossen, weil sie sich beim Atmen zu viel bewegt hatten und die Daten unbrauchbar waren.

Resultat: Je intensiver die Erfahrung war, umso mehr nahm der Blutfluss im Insellappen ab, der für die Körperwahrnehmung wichtig ist. Zugleich gingen eindrücklichere Erlebnisse mit mehr Aktivität in der Amygdala und im Hippocampus einher – zentralen Schaltstellen für Emotionen und Gedächtnis. Außerdem nahm die Herzschlag-Variabilität beim Hyperventilieren ab, der Schlag des Herzens wurde also unflexibler – ein Indikator für Stress und die Aktivierung des sympathischen Nervensystems.

Gemeinschaftliches Atmen | Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Breathwork-Session in Denver.

Hyperventilation, Stress, Muskelkrämpfe – obwohl Breathwork bei vielen Menschen sehr positive Emotionen auslöst, passiert physiologisch etwas Ähnliches wie bei einer Panikattacke. Mit einem Unterschied, sagt Fincham: »Du hast die Kontrolle. Du bist derjenige, der sich entscheidet, sich hinzulegen und zu hyperventilieren.« Die Atemübung ist demnach eine Form von »Eustress«, also positiver Stress, der das System trainiert, flexibel auf Belastungen zu reagieren.

Fincham hat auch eine Theorie, um die Effekte auf das Bewusstsein zu erklären: »Die Atmung ist eine Schnittstelle zwischen bewussten und unbewussten Prozessen«, sagt er. Es ist eine automatische Körperfunktion, auf die wir willentlichen Zugriff haben – anders als beispielsweise auf den Blutzuckerspiegel.

Das Gehirn sorgt normalerweise dafür, dass solche Körperfunktionen im Gleichgewicht sind. Aber wer hyperventiliert, stört die Balance. »Du machst weiter, obwohl dein Gehirn will, dass du aufhörst«, so Fincham. Das würde die Vorhersagen des Hirns über den eigenen Körperzustand durcheinanderbringen, und es ergäbe sich eine Flut an Fehlermeldungen, die das normale Gefühl für das eigene Selbst stören könnte. Bewiesen ist die Theorie nicht.

»Du machst weiter, obwohl dein Gehirn will, dass du aufhörst«Guy Fincham, Psychologe

Wie Martha Havenith ist Fincham zuerst privat mit Breathwork in Berührung gekommen. Beide haben sich aus Begeisterung für diese Praxis dazu entschlossen, sie wissenschaftlich zu erforschen. Unvoreingenommen sind sie damit nicht. Zudem gibt es bislang nur eine Handvoll Studien zu dem Thema, meist mit kleinen Stichproben.

Entsprechend vorsichtig muss man sein, wenn es darum geht, das therapeutische Potenzial einzuschätzen. Haveniths Studie aus dem Jahr 2025 untersuchte auch die längerfristigen Effekte der Hyperventilation mithilfe von zwei Fragebögen. Jedoch füllten nur 25 Probanden diese aus und lediglich fünf davon waren aus der Kontrollgruppe. Eine Woche nach der Atemsession zeigte sich eine signifikante Verbesserung des Wohlbefindens und von depressiven Symptomen. Aber es lässt sich nicht ausschließen, dass dies auf den Placeboeffekt zurückzuführen ist.

Aktuell arbeitet Havenith an einer ersten Studie mit klinischen Probandengruppen. Für Depressionen, Angststörungen und Traumata gilt die auf LSD oder Psilocybin gestützte Psychotherapie als vielversprechend. Die Substanzen sind jedoch aktuell nicht für therapeutische Zwecke zugelassen. Breathwork, das ähnliche Bewusstseinszustände auslöst, könnte für derartige Störungen ein leichter zugänglicher Ansatz sein, glaubt Havenith.

Rätselhafte Hypnose

Besser erforscht, aber nicht weniger mysteriös ist die Hypnose. Es ist ein Feld, dem viele Vorurteile anhaften. Bei der Showhypnose werden Menschen in einen Zustand versetzt, in dem sie scheinbar willenlos Befehle befolgen – zum Beispiel gackernd über die Bühne zu laufen.

Das habe mit der eigentlichen Idee von Hypnose wenig zu tun, sagt Philipp Stämpfli, Neurowissenschaftler an der Universität Zürich. Als er in einem Projekt vor einigen Jahren begann, das Phänomen Hypnose zu erforschen, war er schnell Feuer und Flamme. Heute arbeitet er nebenberuflich als Hypnocoach.

»Wenn Sie einen Text schreiben und plötzlich sind drei Stunden vergangen – dann ist das ein hypnotischer Zustand«, sagt Stämpfli. Er nennt noch mehr Beispiele: die Spitzensportlerin, die sich beim Aufschlag konzentriert. Das Kind, das zum Mittagessen gerufen wird, aber nichts hört, weil es so im Spiel versunken ist.

Am besten lässt es sich als Zustand starker Fokussierung beschreiben. Typisch ist, dass man Umgebung und Zeit weniger wahrnimmt. In tiefer Hypnose kann auch eine Dissoziation – also das Zersplittern des Erlebens – und ein Gefühl von Kontrollverlust über den eigenen Körper eintreten. Die Hypnose umfasst diverse Techniken, um jemanden (oder sich selbst) in einen solchen Zustand zu versetzen.

»Wenn Sie einen Text schreiben und plötzlich sind drei Stunden vergangen – dann ist das ein hypnotischer Zustand«Philipp Stämpfli, Neurowissenschaftler

Der britische Chirurg James Braid prägte den Begriff Hypnose im 19. Jahrhundert. Die Wurzeln der Praxis reichen aber viel weiter zurück, unter anderem bis zu den Sumerern, den alten Ägyptern und ins antike Griechenland. In all diesen Kulturen sollen Menschen zur Heilung in Trance versetzt worden sein. Die moderne Hypnotherapie, die auch in psychotherapeutischen Ausbildungen gelehrt wird, hat der US-amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Milton Erickson maßgeblich Ende des 20. Jahrhunderts entwickelt.

Dabei wird die Patientin oder der Patient in der Induktionsphase zunächst in einen hypnotischen Zustand versetzt. Der Hypnotiseur nutzt dazu Entspannungsübungen, spricht in einer monotonen Stimme, zählt von zehn herunter oder erzeugt mentale Bilder, wie das einer Treppe, die tiefer und tiefer hinabführt. Bei manchen Methoden fixieren die Klienten einen Punkt mit den Augen. In der Suggestionsphase wiederholt der Hypnotiseur dann immer wieder eine Aussage, die im Unterbewusstsein eine Wirkung entfalten soll: »Du hast keine Angst mehr vor Prüfungen« oder »Du hast keine Schmerzen mehr im rechten Knie« oder »Du kannst deinen Arm nicht mehr bewegen«.

Suggestion wirkt

Studien belegen, dass solche Suggestionen wirken. Ein Beispiel ist der Stroop-Test aus der Kognitionspsychologie. Hier müssen Probanden die Farbe der Buchstaben von Wörtern benennen, die ihrerseits eine andere Farbe bezeichnen, zum Beispiel vom Wort »rot«, das aber in Blau abgebildet ist. Solche inkongruenten Reize führen zu langsameren Reaktionen und mehr Fehlern. Der Effekt ist sehr robust und erklärt sich dadurch, dass das Lesen und inhaltliche Verarbeiten von Wörtern im Blickfeld eine automatisierte Funktion ist, die sich nur schwer unterdrücken lässt. Doch Hypnose kann ihn deutlich verringern, wie Studien belegen. Dafür nutzt der Hypnotiseur eine Suggestion wie diese: »Es werden bedeutungslose Symbole erscheinen. Sie wirken wie Zeichen einer fremden Sprache, die du nicht kennst.«

Der Stroop-Test | Im klassischen Stroop-Experiment sollen die Probanden die Farben der gelesenen Wörter benennen. Entsprechen die Farbwörter nicht ihrer Druckfarbe, steigen Reaktionszeit und Fehlerrate.

Metaanalysen weisen darauf hin, dass Hypnose auch in der klinischen Praxis wirksam sein kann, vor allem bei Angststörungen und akuten Schmerzen. Hier schneidet die Hypnotherapie über viele Studien hinweg gemittelt im Vergleich zur Standardbehandlung besser ab – obwohl die einzelnen Untersuchungen sehr uneinheitliche Ergebnisse liefern.

So weit, so mysteriös. Aber was passiert dabei im Gehirn? Eine Übersichtsarbeit von 2017 hat alle zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Publikationen zusammengetragen, die Hypnose mittels Hirnscans untersucht haben. Das Ergebnis ist einigermaßen enttäuschend: »Trotz der wachsenden Zahl von Studien […] herrscht nach wie vor wenig Einigkeit über die neuronalen Mechanismen, und die Ergebnisse weisen erhebliche Unstimmigkeiten auf«, heißt es in der Metaanalyse.

Zahlreiche neurodynamische Prozesse

»Das Problem ist: Wir schauen uns viele verschiedene Dinge auf einmal an«, sagt Mathieu Landry, Erstautor der Studie und Kognitionspsychologe an der Universität Laval im kanadischen Quebec. Der Begriff Hypnose umfasst zahlreiche Varianten und Aspekte. Entsprechend nutzen Studien verschiedenste Methoden und meist sehr kleine Probandengruppen. Und viele Autoren betrachten nur spezifische Hirnregionen, in denen sie Effekte erwarten.

»Hypnose lässt sich nicht auf ein Netzwerk oder eine einzige Veränderung reduzieren. Sie umfasst zahlreiche neurodynamische Prozesse«, erklärt Landry. In anderen Worten: Es ist kompliziert. Und so richtig verstanden hat man es noch nicht.

Landry glaubt, dass vor allem Veränderungen in drei Hirnnetzwerken die psychologischen Effekte der Hypnose erklären: Die starke Fokussierung könnte durch Aktivierung der »zentralen Exekutive« im Gehirn entstehen, die kognitive Prozesse plant und steuert. Das veränderte Bewusstsein des Selbst resultiert möglicherweise aus einer verringerten Aktivität des Ruhenetzwerks. Dieses ist beispielsweise dann aktiv, wenn Menschen Tagträumen nachgehen und über sich selbst reflektieren. Und das Ausblenden der Außenwelt könnte das Ergebnis von veränderter Aktivität im Salienznetzwerk sein, welches Aufmerksamkeit auf eintreffende Reize lenkt.

Das hypnotisierte Hirn | Viele Hypnosestudien finden Veränderungen in diesen drei Regelkreisen. Die starke Fokussierung bei Hypnose könnte auf eine Aktivierung der »zentralen Exekutive« zurückzuführen sein, die kognitive Prozesse steuert. Die Exekutive beeinflusst das Ruhenetzwerk, dessen Aktivität infolgedessen sinkt – was möglicherweise erklärt, warum selbstbezogene Gedanken abnehmen. Das Ausblenden der Außenwelt könnte das Ergebnis von veränderter Aktivität im Salienznetzwerk sein, welches Aufmerksamkeit auf eintreffende Reize lenkt. ACC = anteriorer cingulärer Kortex, DLPFC = dorsolateraler Präfrontalkortex, MPFC = medialer Präfrontalkortex, PCC = posteriorer cingulärer Kortex, PPC = posteriorer Parietalkortex.

Viele Hypnosestudien finden Veränderungen in diesen drei Regelkreisen. Aber als Landry und seine Kollegen alle 16 methodisch sauberen Experimente mit insgesamt rund 300 Probanden gemeinsam in einer Metaanalyse auswerteten, fanden sie etwas ganz anderes. Demnach war nur eine einzige Hirnregion während der Hypnose stärker aktiv als im normalen Wachzustand: der Gyrus lingualis, ein Areal im Hinterkopf, das für visuelle Wahrnehmung und Vorstellung wichtig ist. Das verwundert wenig, denn mentale Bilder sind Teil vieler Hypnosemethoden. Aber es erklärt nicht die tiefgreifenden Bewusstseinsveränderungen. Die Studienlage sei zu uneinheitlich, um die wahren neuronalen Mechanismen der Hypnose zu offenbaren, glaubt Landry.

In Zürich wollten Philipp Stämpfli und sein Team es genauer wissen. In ihrem Projekt Hypnoscience führten sie drei Studien mit verschiedenen Bildgebungsmethoden durch. Dabei versetzten sie die Probanden jeweils mit der exakt gleichen Methode in einen tiefen und in einen weniger tiefen hypnotischen Zustand. Eine der Studien untersuchte im Jahr 2023 die funktionelle Konnektivität aller Hirnregionen mithilfe von fMRT. Die Stichprobe war mit 50 Teilnehmenden vergleichsweise groß. »Wir konnten deutliche Netzwerkveränderungen feststellen, indem wir den Kontrollzustand mit den zwei hypnotischen Zuständen verglichen«, sagt Stämpfli. Auch hier zeigten sich die Veränderungen vor allem in hinteren Bereichen des Gehirns, die für die Sinnes- und Körperwahrnehmung zuständig sind. Frontale Schaltzentren für die Steuerung von Aufmerksamkeit und Impulskontrolle waren weniger auffällig.

In einer Folgestudie untersuchten die Autoren die Hirnaktivität von 30 Freiwilligen mithilfe von EEG. Dabei fanden sie, dass langsame, sogenannte Theta-Wellen während der Hypnose verstärkt waren. Diese elektrischen Schwingungen treten normalerweise im Halbschlaf und beim Träumen auf. Der Effekt wurde bereits früher beschrieben und als Marker für Trancezustände diskutiert: Auch bei der Meditation sind Theta-Wellen teils verstärkt, und schamanische Trommeltechniken nutzen Rhythmen im Theta-Frequenzbereich, also um die sechs Schläge pro Sekunde. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Gehirnwellen der Zuhörenden sich mit dem Trommelrhythmus synchronisieren und dass das vermutlich dabei hilft, in eine Trance zu gelangen.

Zürich ist schon lange ein Hotspot für die Forschung an Psychedelika. Stämpflis Kolleginnen und Kollegen verglichen daher die fMRT-Daten der Hypnosestudie mit solchen aus drei weiteren Experimenten: mit Meditation, LSD und Psilocybin. Die psychedelischen Substanzen veränderten die Hirndynamik auf sehr ähnliche Weise. Hypnose und Meditation hingegen bewirkten charakteristische Muster von Veränderungen, die sich sowohl voneinander als auch von den Effekten der psychedelischen Substanzen unterschieden. Eindeutig interpretieren lassen sich diese Muster aber nicht.

Die Hypnose entmystifizieren

Die neuronalen Mechanismen von Hypnose, Breathwork, Meditation und Psychedelika erscheinen so vielfältig wie die Erfahrungen, die sie hervorrufen. Gemeinsam ist der Forschung daran aber eines: Sie versucht, mit Vorurteilen aufzuräumen. »Es geht in unseren Studien auch darum, Hypnose zu entmystifizieren«, sagt Stämpfli. »Viele Menschen nehmen nicht ernst, was ich tue«, berichtet Guy Fincham. »Ich habe schon etliche Leute getroffen, die das für Hokuspokus halten.«

Öffentliche Gelder bekommt kaum ein Forschungsprojekt in dem Bereich, oft stammen die Mittel von Philanthropen. Finchams Studien werden unter anderem von der US-amerikanischen Organisation DMT Quest gefördert, die laut ihrer Website »das Übernatürliche durch rigorose Forschung normalisieren« will.

Martha Havenith finanzierte ihre ersten Arbeiten aus eigener Tasche und wird inzwischen von der Tiny Blue Dot Foundation gesponsert. Deren Kapital stammt vor allem von der Familie Koch, die hinter dem US-Milliardenkonzern Koch Industries steckt. Das Zürcher Hypnoscience-Projekt bezog unter anderem Gelder vom Schweizer Unternehmen Hypnose.Net, das in der Hypnose-Ausbildung tätig ist.

Woher kommt die Skepsis öffentlicher Geldgeber? Bewusstseinsverändernde Praktiken als Therapieform verfolgen einen ganz anderen Ansatz als die klassische Psychotherapie, glaubt Havenith. Letztere sei darauf ausgerichtet, »einen klaren Rahmen zu bieten«, sagt sie. »Beim Breathwork hat man intensive Erfahrungen, teils auch große Emotionen, die sich nicht sofort interpretieren oder kognitiv managen lassen. Oft ist es nützlich, wenn die Begleiter mit Berührung arbeiten. Aber wenn jemand in einer Psychotherapiesitzung weinend zusammenbrechen und eine Umarmung bekommen würde, wäre das ungewöhnlich.«

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  • Quellen

Gordon, Y. et al., Scientific Reports 10.1038/s41598–026–37700-x, 2026

Havenith, M. et al., Communications Psychology 10.1038/s44271–025–00247–0, 2025

Kartar, A. et al., PLOS ONE 10.1371/journal.pone.0329411, 2025

Landry, M. et al., Neuroscience & Biobehavioral Reviews 10.1016/j.neubiorev.2017.02.020, 2017

Moujaes, F. et al., Biological Psychiatry 10.1016/j.bpsc.2023.07.003, 2024

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