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Wildtierschutz: Kein Job für Männer

Sie heißen Akashinga, die Tapferen: In Simbabwe kämpft ein Team von Frauen gegen Wilderei. Das Projekt zeigt, wie moderner Tierschutz gelingt, wenn er die Einheimischen einbindet.
Ein Mitglied der Einheit in Kampfmontur

Es ist zehn Uhr an einem kühlen, wolkenlosen Juniabend im Flusstal des Unteren Sambesis in Simbabwe. Ein Geländewagen rast über die löchrige Piste in einem der Dörfer des Hurungwe-Distrikts, rund vier Autostunden von der Hauptstadt Harare entfernt.

Der Wagen stoppt vor einem Haus. Gestalten mit Maschinengewehren und in dunkelgrünen Kampfanzügen springen von der Ladefläche, manche beziehen Position an den Fenstern, andere sichern den Eingang. Kurze Zeit später werden zwei benommene Männer in Handschellen abgeführt. Kein Schuss ist gefallen. Die Männer wirken überrumpelt, ihre Hemden stehen offen, und sie schwanken wie unter Alkoholeinfluss. Kurz bevor sie auf die Rückbank des Wagens gedrückt werden, gelingt ihnen ein überraschter Blick auf die Mitglieder des Kommandoteams – es sind allesamt Frauen aus der Umgebung.

So beschreibt Damien Mander von der Tierschutzorganisation International Anti-Poaching Foundation (IAPF) die Razzien von Akashinga. Die Antiwilderer-Truppe, die er 2017 selbst gründete, wacht über 300 Quadratkilometer Land. Das Besondere: Nur Frauen stehen bei Akashinga im Dienst.

Einst kamen Trophäenjäger aus reichen Ländern in die Gegend um den Ort Makuti, unweit des Nationalparks Mana Pools an der Grenze zu Sambia. Inzwischen wurde das Jagdgebiet in ein privates Naturschutzareal umgewandelt. Es heißt Phundundu Wildlife – und lockt fast nur noch Wilderer an.

Das Gebiet der Akashinga gehört zum berühmten, etwa 3500 Quadratkilometer großen Ökosystem des Unteren Sambesi, das 2002 noch mehr als 20 000 Elefanten eine Heimat gab. Heute sind es noch 11 000. Schuld am Rückgang ist vor allem die illegale Jagd. Seit einer Weile benutzen die Wilderer sogar Zyanid, um die Elefanten zu töten. Professionelle Verbrechenssyndikate, die erst das Gift liefern und dann das Elfenbein ins Ausland verschaffen, finden ihre Handlanger oft in den Dörfern der Umgebung. »Es ist sehr schwierig, einen Wilderer festzunehmen, der in meinem oder dem nächsten Dorf lebt. Aber egal, ob Nachbar oder Verwandter, wer hier den Tieren etwas antut, den werden wir fangen«, sagt Rangerin Vimbai Kumire, ein Mitglied des Akashinga-Kommandoteams.

»Frauen haben den größten Einfluss in diesen Gemeinschaften«(Damian Mander)

Es ist die Nähe zwischen den weiblichen Wildhütern und den Dorfgemeinschaften, auf die das Projekt setzt. Die Frauen kennen die Menschen, wissen, wer Arbeit hat und wer nicht, wer trinkt und viel Geld ausgibt oder mit Erlebnissen aus dem Busch prahlt. »Frauen haben den größten Einfluss in diesen Gemeinschaften. Sie verstehen es, zu beschwichtigen und zu überzeugen. Wo andere Wildhüter schießen, schaffen sie es mit Argumenten. Mit ihnen kommt der Tierschutz von ganz allein«, erläutert Mander.

Damit stellt Akashinga ein altes Prinzip auf den Kopf. »Wildhüter werden normalerweise in ganz Afrika immer aus anderen Landesteilen angeworben, damit eine zu große Nähe zu den örtlichen Gemeinschaften sie nicht korrumpiert, zum Beispiel indem sie Bekannte und Verwandte entkommen lassen«, sagt Mander. Doch wo andere ein Problem sehen, erkannte Mander eine Chance: »Diese Frauen sind nicht so einfach zu korrumpieren wie Männer. Das ist in Afrika eine große Sache. Sie haben kein großes Ego, kein Anspruchsdenken, können meisterhaft deeskalieren und betrinken sich nicht. Dennoch ist das Zahlenverhältnis zwischen Mann und Frau in diesem Beruf bislang zirka 100 zu 1.«

Also rekrutierte der Exsöldner, der auch schon Ausbilder an der Polizeiakademie von Bagdad war, ausschließlich Frauen, die in den umliegenden Dörfern lebten. Und nicht nur das. »Ich wollte die am stärksten Benachteiligten ansprechen – Opfer sexueller Belästigung und häuslicher Gewalt, Aidswaisen, alleinerziehende Mütter und verlassene Ehefrauen«, so Mander.

Die Akashinga müssen ein militärisches Training absolvieren
Die Akashinga müssen ein militärisches Training absolvieren | »Wir versuchen, die Teilnehmer zu brechen«, sagt Gründer Mander. Nur wer durchhält, bekommt den Job.

Nicht nur die kleinen Fische gehen den Frauen ins Netz

Ob er Erfolg haben oder mit seiner Idee grandios scheitern würde, war zu Beginn völlig offen. Das harte paramilitärische Wildhütertraining begann – »ein Gang durch die Hölle«, wie Mander es beschreibt. »Wir versuchen, unsere Bewerber zu brechen, und jene, die durchhalten, werden aufgenommen.« Als er 2012 ein identisches Trainingsprogramm mit männlichen Teilnehmern in Victoria Falls absolvierte, waren nach einem Tag von ursprünglich 189 Teilnehmern gerade noch drei übrig. »Bei Akashinga begannen wir das Training mit 37 Frauen. 72 Stunden später waren sie hungrig, durstig, müde und unterkühlt – doch nur drei gaben auf«, berichtet Mander, der in der Vergangenheit auch schon als Experte für Aufstandsbekämpfung arbeitete, und ergänzt: »Ich hatte zuvor für meine Ausbildung immer nur Männer berücksichtigt, und jetzt fragte ich mich: Ist es möglich, dass wir bislang alles ganz falsch gemacht haben?«

Im Oktober 2017 schließlich erhielten die ersten 36 Frauen ihr Wildhüterdiplom. »Mein Exmann hat mich nur ausgenutzt. Ich sah all meine Lebensziele zerstört. Ich will nur beweisen, dass kein Job ausschließlich für Männer ist«, sagt Akashinga-Mitglied Nyaradzo Hoto. Diese wilde Entschlossenheit der Frauen, eine Wende in ihrem Leben zu schaffen und einen Weg aus der Armut zu finden, schlägt sich auch im Namen der Truppe nieder – denn das Shona-Wort »Akashinga« bedeutet »die Tapferen«.

Der bisherige Erfolg von Akashinga gibt Mander Recht. Nicht nur die kleinen Fische gehen den Frauen ins Netz, Mitte Juni etwa erwischt es einen Zwischenhändler, der das Elfenbein an die Syndikate weiterleitete und die Wilderer mit Zyanid versorgt hat. Die Frauen hatten mit geschickten Befragungen seinen Namen erfahren. Jetzt wurde er zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Die gleiche Strafe erwartet einen Wilderer, der ebenfalls im Juni von Akashinga festgesetzt wurde, so wie seinen Kompagnon, der nun zusätzlich wegen Mord vor Gericht steht.

Insgesamt haben die Frauen von Akashinga seit der Gründung der Einheit im Oktober mehr als 60 Festnahmen durchgeführt und dabei Gefängnisstrafen von zusammen mehr als 50 Jahren erwirkt. »Und das, ohne einen einzigen Schuss abzugeben«, wie Damien Mander betont.

Neues Leben bei Akashinga
Neues Leben bei Akashinga | Viele Mitglieder haben persönliche Schicksalsschläge erlitten. Die Arbeit in der Ranger-Einheit soll auch neue Perspektiven eröffnen.

Solche Erfolgsgeschichten sind in Afrika bitter nötig – schon jetzt warnen Wissenschaftler, dass der Kampf gegen die Wilderei auf eine Niederlage zusteuert. Die Genfer NGO Global Initiative Against Transnational Organized Crime, die weltweit organisiertes Verbrechen beobachtet, sucht in einer Studie vom August 2018 nach den Gründen. Autorin Annette Hübschle, eine Sicherheitsexpertin von der University of Cape Town in Südafrika, sieht einen Hauptgrund darin, dass die meisten solcher Kampagnen die örtlichen Gemeinschaften nahe den Tierschutzgebieten entweder ignorieren oder sogar ausgrenzen. Stattdessen würden Millionen investiert, um »Militär, private Ermittler, Söldner und Sicherheitsfirmen« zu engagieren.

Nachteil Naturschutz

»Traurigerweise haben wir in Afrika eine lange Geschichte systematischer Ausgrenzung örtlicher Gemeinschaften, wenn es um Bodenschätze oder Naturschutzgebiete geht. Die Einheimischen haben Land, Jagdrechte und Zugang zu Schutzgebieten während der Kolonialzeit in ganz Afrika und während der Apartheid in Südafrika verloren«, erläutert Hübschle. Und das Prinzip des »Festungsnaturschutzes«, bei dem Einheimische aus Nationalparks und Safarigebieten vollständig ferngehalten werden müssten und diese dann militärischer Verteidigung bedürften, seien von postkolonialen und Post-Apartheid-Staaten oft unreflektiert übernommen worden. »Es gibt eine generelle Tendenz, Einheimische erst einmal als Wilderer anzusehen, die nicht harmonisch mit der Natur leben können«, so die Kriminologin.

»Es gibt eine generelle Tendenz, Einheimische erst einmal als Wilderer anzusehen, die nicht harmonisch mit der Natur leben können«(Annette Hübschle)

»Dabei könnten Dorfgemeinschaften gerade diejenigen sein, die am meisten von Naturschutz profitieren. Allerdings nur, wenn sie auch Zugang zu den Profiten haben«, sagt Jonathan Salerno. Der Ökologe von der University of Colorado in Boulder hat in Ländern südlich der Sahara zahlreiche Initiativen untersucht, die Einheimische an den Erträgen von Nationalparks und anderen Schutzgebieten teilhaben lassen – zum Beispiel in Tansania oder Botswana. Obwohl Salerno darauf verweist, dass solche Projekte sich von Land zu Land unterscheiden, kann der Umweltwissenschaftler dennoch einige der typischen länderübergreifenden Probleme ausmachen: »Den Gemeinschaften, die in der Nähe von Naturschutzgebieten leben, entstehen Kosten, die mit dieser Nähe direkt zusammenhängen – zum Beispiel durch verlorenes, enteignetes Land oder durch Konflikte mit den wilden Tieren. Und dafür werden diese Gemeinschaften entweder zu gering oder sogar überhaupt nicht entschädigt.«

Vorteile und Nutzen von Naturschutz würden oft anderswo empfangen und empfunden, während Nachteile und Kosten direkt vor Ort und unmittelbar stattfänden. »Dabei geht es auch um die zeitliche Wahrnehmung. Ein regenerierter Wald kann zum Beispiel in einigen Jahren einer nachhaltigen Forstwirtschaft helfen. Oder er kann Tourismuseinnahmen bringen, wenn sich darin wilde Tiere ansiedeln. Wenn ein armer Haushalt aber heute Abend Feuerholz aus diesem Wald braucht oder Menschen versuchen, Schulgeld für die Kinder zu erwirtschaften, indem sie Holzkohle verkaufen, sind die Chancen einer langfristigen ökologischen Lösung sehr gering«, erklärt Salerno.

Das gilt auch für illegale Jagd. Denn neben dem organisierten internationalen Schmuggel von Tierprodukten wie Elfenbein oder Nashorn existiert auch eine andere Art der Wilderei – die des armen Mannes. »Solche Naturschutzgebiete liegen in entlegenen, schwach strukturierten Regionen. Wilderei ist hier oft der einzige Weg für eine Familie, etwas Protein auf den Tisch zu bekommen«, erläutert Hübschle.

Wo landet der Löwenanteil?

Entscheidungen über den Naturschutz werden so in fernen Hauptstädten getroffen und den Menschen vor Ort aufgezwungen. Obwohl die Einheimischen es über lange Zeit gelernt haben, sich mit der Natur und dem Wild zu arrangieren, wird ihre Meinung oft übergangen. »Die Menschen haben kein Problem mit der Idee von Naturschutzgebieten und der Existenz von wilden Tieren – viele Menschen in den Dörfern sind sehr stolz auf ihre nahe gelegenen Nationalparks. Die Menschen haben vielmehr ein Problem damit, dass ihre Meinung nicht gehört wird«, sagt Salerno.

Von der Regierung ausgegrenzt und übergangen zu werden, erzeugt nicht nur einen Widerwillen gegenüber dem Staat und seinen Wildhütern, sondern auch Ablehnung gegenüber den Tieren selbst – denn den Menschen wird durch solche Gewichtungen klargemacht, dass sie selbst einen geringeren Stellenwert für den Staat haben als die Tiere. Und genau darauf setzen Kriminelle bei ihren Rekrutierungen: »Solange es einen lukrativen internationalen Markt für illegale Tierprodukte gibt und solange arme Menschen mit unsicherer Lebensmittelversorgung in der Nähe der Schutzgebiete leben, wird man diese ausnutzen, um für den Markt zu töten«, erklärt Salerno.

Diese Probleme sind lange erkannt; ebenso lange suchen Regierungen und Naturschützer nach Lösungen. Naturschutzprogramme mit Einbezug der Dorfgemeinschaften, so genannte Community-Based Conservation Programms (CBC), wurden in zahlreichen Staaten Afrikas bereits seit den 1990er Jahren, teilweise auch früher etabliert, zum Beispiel in Tansania, Kenia, Botswana, Namibia oder auch Simbabwe. Doch viele dieser Projekte werden zunehmend kritisiert. Die Dorfgemeinschaften erhalten nie wirklich das Recht, Land und Ressourcen selbst zu verwalten, der Löwenanteil der Tourismuseinnahmen wird vom Staat zurückgehalten, und das wenige Geld, das schließlich fließt, wird ungleich verteilt. Es reicht nicht aus, um die Kosten des Lebens mit wilden Tieren auszugleichen. »In Namibia zum Beispiel gibt ein noch relativ erfolgreiches CBC-Projekt allen Erwachsenen im Umkreis der Naturschutzgebiete zehn US-Dollar pro Jahr als Entschädigung. Das reicht aber nicht, wenn eine Elefantenherde deine Maisernte zerstört«, sagt Salerno.

Im Fadenkreuz der Wilderer
Im Fadenkreuz der Wilderer | Um an das begehrte Elfenbein zu gelangen, legen Wilderer inzwischen sogar Gift aus. Die illegale Jagd hat den Bestand an Elefanten in der Region in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf die Hälfte reduziert.

Der Amerikaner nennt solche Entschädigungsprinzipien einen »Naturschutz-Wohlfahrtsstaat«: »In der Theorie gäbe es ein ausreichendes Staatsbudget, das die Nahrungssicherheit der Einheimischen sicherstellt. Durch Geld- und Lebensmittel entschädigt man jene in angemessenem Maß, deren Nutztiere gefressen oder deren Ernten zerstört werden. Natürlich ist dies nicht ausreichend, aber es wäre immer noch besser, als Verluste zu haben und nichts dafür zu bekommen.«

Die Jagdindustrie bricht weg

Auch in Simbabwe hat die entsprechende Initiative für Dorfgemeinschaften in Naturschutzgebieten solche Probleme. Das vom Staat getragene CAMPFIRE-Programm (Communal Areas Management Programme for Indigenous Resources) sieht vor, dass ein gewisser Prozentsatz der Einnahmen aus Jagd und Tourismus zurück in die Gemeinden fließt. Doch es kommt nur sehr wenig an, und zu viel wird von den Verwaltungskosten von CAMPFIRE verschlungen. Besonders die finanzielle Abhängigkeit von der Trophäenjagd sehen Experten dabei als Problem. Seit 2013 befindet sich dieser Tourismuszweig in Simbabwe auf einer rasanten Talfahrt, bedingt durch wachsende ethische Einwände und ein Importverbot für Tiertrophäen in Europa und den USA.

Auch wenn US-Präsident Donald Trump inzwischen das Verbot gelockert hat: »Trophäenjagd ist eine sterbende Industrie«, stellt Damien Mander fest. Das Problem daran ist, dass diese umstrittene Art des Tourismus überall dort den Lebensunterhalt der Menschen sichern konnte, wo die Bedingungen für den simplen Fotosafari-Tourismus nicht ausreichend waren. »Was ich daran nicht mag, ist, dass die Welt quasi aufgefordert wurde, die Jagd als ökonomisches Modell zur Armutsbekämpfung zu akzeptieren, ohne nach Alternativen zu suchen«, kritisiert der Akashinga-Gründer. Nun gebe es also nur noch geringes Interesse, denn die »Social-Media-Generation kann per Mausklick entdecken, wie grausam Jagd sein kann«, so Mander. Zudem wollten heutzutage nur noch wenige Unsummen ausgeben »und um die halbe Welt fliegen, nur um einer hilflosen Kreatur ins Gesicht schießen zu können«.

Das weiß auch Victor Muposhi von der Chinhoyi University of Technology in Simbabwe. »Es gibt deswegen ein dringendes Bedürfnis, Alternativen zur Unterstützung der CAMPFIRE-Programme zu entwickeln, ohne dass die Einnahmen wie jetzt zu 90 Prozent von der Trophäenjagd abhängig sind«, betont der Biologe. Annette Hübschle pflichtet bei: »Man kann Trophäenjagd als geschmacklos und unethisch betrachten, aber wenn man sie bekämpft, muss man den Einheimischen, die davon betroffen sind, auch Alternativen für ihren Lebensunterhalt aufzeigen.«

Victor Muposhi ist sich sicher, dass Akashinga zur Lösung beitragen kann: »Ich habe das Projekt im Dezember besucht und war von den Lebensgeschichten dieser Frauen tief berührt«, berichtet der Wissenschaftler. Das Konzept geht für Muposhi auf, denn »Frauen sind das Rückgrat unserer Gesellschaft, haben Einfluss auf Familien und Kinder«. Indem Akashinga seinen Mitgliedern Arbeit und Empowerment biete und Gemeinschaftsprojekte finanziere, zeige es auch eine Lösung im Kampf gegen das Eindringen illegaler Elemente in die Naturschutzgebiete auf. »Akashinga macht die Dorfgemeinschaften zur ersten Verteidigungslinie, ohne dabei wilde Tiere durch Trophäenjagd auszunutzen, sondern indem es andere Einkommensquellen und Sicherheiten erschließt«, so Muposhi.

Akashinga-Geld nützt dreifach

Schon jetzt sind die wirtschaftlichen Zahlen im Gebiet von Phundundu Wildlife besser als zur Zeit der Trophäenjäger. In etwas mehr als einem Monat spült Akashinga nach eigenen Angaben so viel Geld in die Taschen der Einheimischen wie die Trophäenjagd in einem gesamten Jahr. »Von jedem Dollar, den wir hier ausgeben, bleiben 62 Cent in den Dörfern – durch die Löhne der Akashinga-Frauen, durch zusätzliche Jobs wie Reparaturen oder Bauprojekte, durch Lebensmittel, Projekte wie Dammbau und durch Prämien für Hinweise auf Wilderer«, rechnet Mander vor. Und die Wildhüterinnen investieren ihr Geld im Dorf. Studien belegen, dass Frauen dreimal mehr Geld in ihrer Gemeinschaft ausgeben als Männer. »Das investierte Geld nutzt also auf gleich drei unterschiedliche Arten: Es hilft, Frauen zu emanzipieren, kommt den Dorfgemeinschaften zugute und finanziert den Naturschutz«, erklärt Mander.

Sollte das Modell Erfolg haben, wollen es Mander und Muposhi, der Akashinga inzwischen wissenschaftlich berät, auf ganz Simbabwe und darüber hinaus ausweiten. Denn der Niedergang der Trophäenjagd stellt auch die Regierungen der Länder vor finanzielle Probleme: Es wird wirtschaftlich weniger attraktiv, die dafür ausgewiesenen Gebiete vor Wilderei zu schützen. Wildhüter und andere Ressourcen werden abgezogen, internationale Verbrechersyndikate stoßen nicht mehr auf Widerstand. »Ich habe mir die von den jeweiligen Landesregierungen für Trophäenjagd in Afrika ausgewiesenen Gebiete auf einer Karte angesehen und die Flächen zusammengerechnet – es sind über 700 000 Quadratkilometer, das ist mehr als ganz Frankreich«, sagt Mander. Sollte der Schutz dieser Jagdgebiete aufgegeben werden, wäre dies eine Katastrophe für den Tierschutz auf dem Kontinent.

Rangerin im Tarnanzug
Rangerin im Tarnanzug | Am militärischen Charakter der Einheit stört sich manch ein Naturschützer. »Militarisierung verschließt Optionen«, sagt Annette Hübschle.

Allein in Simbabwe sind rund 20 Prozent der Landesfläche für Trophäenjagd reserviert. Genau auf diese Gebiete wollen Mander und Muposhi das Akashinga-Modell übertragen und so den Wilderern den Zugang verwehren. »Ich gehe davon aus, dass wir fünf Jahre brauchen, um dieses Modell im Detail zu entwickeln, es verlässlich zu überwachen, Ziele zu setzen und es dann auf andere Regionen zu übertragen«, schätzt Muposhi. Wenn alles gelingt, sollen bis 2030 dann 2000 rekrutierte Frauen insgesamt mehr als 120 000 Quadratkilometer ehemaliger afrikanischer Trophäenjagdgebiete beschützen.

Ökobewusstsein mit vorgehaltener Waffe

Allerdings erzeugt dieser Plan auch Vorbehalte. »Natürlich ist das immer noch eine Art der Militarisierung des Naturschutzes, was wir als problematisch ansehen«, sagt Annette Hübschle. Die Bewaffnung der Frauen und eine von oben gelenkte Umweltpolitik, bei der es primär um die Einhaltung von Vorschriften geht, könne genau wieder zu jener Ablehnung unter den Dorfgemeinschaften führen, unter der die Bemühungen gegen die Wilderei auch jetzt leiden. »Militarisierung verschließt die Option, die Dorfgemeinschaften in den Naturschutz direkt einzubinden. Natürlich sind Gesetzeshüter ein Element in vielen Schutzgebieten, aber der Fokus sollte auf Kommunikation und Einbindung der Menschen liegen«, gibt Hübschle zu bedenken.

So stimmen Forscher darin überein, dass auch das Akashinga-Konzept bislang noch nicht alle Fragen zum Thema Wilderei und Naturschutz beantworten kann. Das Projekt bietet Arbeit, hilft Frauen und unterstützt die Mikroökonomie kleiner Dorfgemeinschaften. Auch bringt die Einbindung der einheimischen Frauen die Menschen näher an die Ziele des Tierschutzes. Die Menschen fühlen sich gehört. Was Experten wie Annette Hübschle oder Jonathan Salerno aber fordern, ist, dass auf der Basis solcher Modelle ökonomische Konzepte entwickelt werden, welche die Einheimischen noch direkter und aktiver vom Naturschutz profitieren lassen. »Mir ist noch nicht ganz klar, was Akashinga über gute Jobs und Einkommen in den Gemeinschaften hinaus bietet. Etwas, was ein ganz direktes Einkommen aus der Existenz der wilden Tiere auch für die generiert, die keine Wildhüter sind«, sagt Salerno. Und Hübschle ergänzt: »Das Konzept beinhaltet noch nicht ein wirklich breit angelegtes ökonomisches Empowerment, das allen Menschen in den Dorfgemeinschaften zweifelsfrei zeigt, dass ein wildes Tier lebendig einen höheren Wert hat, als wenn es tot ist.«

Es sei somit zu früh zu beurteilen, wie viel Veränderung ein Unternehmen wie Akashinga wirklich dauerhaft mit sich bringt. Aber die Forscher sind sich auch einig, dass solchen Projekten eine reelle Chance gegeben werden muss: »Was ich bei Akashinga wirklich mag«, betont Hübschle, »ist die Anerkennung, dass Frauen im ländlichen Afrika große Veränderungen bewirken können. Das gibt diesem Projekt sein großes Potenzial.«

37/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37/2018

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