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Libellisten: Die Macht der Verleumdung

Etliche Jahre vor der Revolution heizten Pamphletisten mit Lügen, Hass und Zoten die Stimmung gegen die französische Monarchie an. Wie weit sie damit zu deren Sturz beigetragen haben, ist zwar umstritten, aber dem Ansehen des Königshauses schadeten sie allemal.
Nach der Revolution tauchte auch Ludwig XVI. häufig in Karikaturen auf. Zeichner zeigten ihn und Marie-Antoinette als menschenköpfige Tiere: den König als gehörntes Schwein – eine Anspielung auf das Gerücht, seine Frau hätte zahlreiche Affären gehabt; die Königin als Hyäne mit Medusenkopf und Straußenfedern – ein Wortspiel mit »l'Autriche«, Österreich, und »autruche«, der Strauß.Laden...

Wann immer französische Autoren während des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts in ihren Schmähschriften gegen die Bourbonen auf die Königin zu sprechen kamen, bemühten sie Vergleiche mit übel beleumundeten Frauen der Geschichte. Marie-Antoinette (1755–1793) sei wollüstig wie Messalina und machtgierig wie Agrippina, hieß es. Manche meinten in ihr sogar eine neue Katharina von Medici zu erkennen. Von jener sagte man, sie sei für die Bartholomäusnacht verantwortlich gewesen, den blutigen Höhepunkt der Hugenottenhatz zwei Jahrhunderte zuvor. Dabei war Marie-Antoinette von Österreich-Lothringen, die 1770 als 14-Jährige mit dem kein volles Jahr älteren französischen Thronfolger verheiratet worden war, zwar leichtfertig bis ins Frivole, verschwenderisch ohne jedes Maß und zudem kaum an den Nöten ihrer Untertanen interessiert, doch gab sie sich weder sexuellen Ausschweifungen hin noch beging sie Gräueltaten, wie sie den historischen Vorbildern angedichtet wurden.

Mit der Thronbesteigung ihres Gatten als Ludwig XVI. (1754–1793) im Mai 1774 war die Österreicherin zu einer Zeit Königin von Frankreich geworden, als das Land in einer tiefen wirtschaftlichen Krise steckte. Der auf drei Kontinenten geführte Siebenjährige Krieg (1756–1763), in dem Frankreich an der Seite Österreichs den vereinten Briten und Preußen unterlegen war, hatte dem Land bereits unter Ludwig XV. nicht nur ausgedehnte Besitzungen in Nordamerika und Indien gekostet, sondern auch den Staatshaushalt völlig zerrüttet. Nun, da sein Enkel regierte, verschlang die wirtschaftliche und militärische Unterstützung des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs (1775–1783) Unsummen. Doch während Feldzüge und Seeschlachten in nah und fern gigantische Ausgaben verursachten, wurde Marie-Antoinette persönlich für die horrenden Staatsschulden verantwortlich gemacht und als »Madame Déficit« verhöhnt.

In den späten Jahrzehnten des Ancien Régime existierte eine Schar von Schmähschreibern, die das Königshaus mit Verleumdungen überzogen. Sowohl am französischen Hof als auch in der Bevölkerung kursierten die Pamphlete, von denen ein Großteil aus Druckerpressen im Ausland stammte. Ihre Urheber waren zornige junge Männer, die mit ihren Lügenschriften der Revolution den Boden bereiteten. So lautete jedenfalls lange die historische Lehrmeinung. Inzwischen gibt es in der Wissenschaft Gegenstimmen. Die meisten der so genannten Libellisten schrieben ihre Zoten nämlich auch, weil die monetären Aussichten viel versprechend waren. Und eines ihrer beliebtesten Ziele war die Königin selbst, Marie-Antoinette.

Ehebrecherin, Lesbierin, mannstolle Nymphomanin

Leidenschaftlich widmeten sich die Autoren und wenigen Autorinnen der Verschwendungssucht der Königin, aber vor allem ihrem vermeintlich lasterhaften Lebenswandel. Man warf ihr vor, sich lieber zu amüsieren, als ihrem Gatten einen Erben zu gebären. Ganze acht Jahre lang blieb die Ehe des Herrscherpaares kinderlos. Als Marie-Antoinette dann 1778 mit einer Tochter niedergekommen war und drei Jahre darauf schließlich auch einem Sohn und Thronfolger das Leben geschenkt hatte, bezichtigten böse Zungen sie des Ehebruchs und zogen die Vaterschaft Ludwigs XVI. in Zweifel. Nach dem jahrelangen Spott über die mutmaßliche Impotenz des Monarchen und die Untreue seiner Frau, war es naheliegend von einem Bastard in der königlichen Familie zu raunen.

Oft genug hatte das Gerede seinen Anfang am Versailler Hof genommen. Dort brüteten die Feinde Marie-Antoinettes Gerüchte und Schmähungen aus. Allen voran die »Mesdames«, die drei unverheiratete Tanten des Königs, die in der Entourage der jungen Monarchin keine Rolle mehr spielten. Als Töchter des früheren Königs verfügten sie aber noch über ausreichend Einfluss auf jenen Teil der Aristokratie, dem es ähnlich ergangen war. Und sie genossen es, der vorwitzigen Österreicherin zu schaden. Aus Versailles fand der Klatsch seinen Weg in die Welt, wanderte von einem Adelspalais zum anderen, von einem literarischen Salon in den nächsten. Zu den Medien der Stunde zählten dabei die »nouvelles à la main«, handschriftliche Newsletter für zahlende Empfänger, in denen alle bei Hof oder in Paris kursierenden pikanten Gerüchte und Berichte zusammengefasst, ausgeschmückt und verbreitet wurden.

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Marie Antoinette (1755–1793) | Die Frau von Ludwig XVI. und Königin von Frankreich war seit ihrer Ankunft in Versailles das Ziel von Schmähungen, sowohl seitens des Hofs als auch der Öffentlichkeit. Gemälde von Jean-Baptiste André Gautier-Dagoty, um 1775/77.

An ein breiteres Publikum wandten sich die »libelles« genannten Schmäh- und Spottblätter. Deren Autoren war kein Gerede zu bizarr und kein Gerücht zu weit hergeholt, als dass sie es nicht gedruckt hätten. Die Marie-Antoinette der »libelles« schien zu jeder Schandtat bereit, zu jedem Frevel fähig. Die Damen bei Hof, so hieß es etwa voller Frauenhass in einem am Vorabend der Revolution erschienenen Pamphlet, seien bis auf wenige Ausnahmen allesamt »entweder Huren oder Tribaden« (Lesbierinnen) und sowieso dem Glücksspiel verfallene Verbrecherinnen. Die schlimmste von allen, daran ließen die Libellisten keinen Zweifel, sei freilich die Königin, die sich »maßlosen und abscheulichen Ausschweifungen« hingebe. Da sich Autoren wie Verleger nicht scheuten den Absatz ihrer Druckwaren durch die Darstellung eben dieser Ausschweifungen in Wort und Bild zu erhöhen, glitten viele der Pamphlete ins Pornografische ab.

Mal wurde der Königin unterstellt, lesbisch zu sein und sich mit diversen Hofdamen zu vergnügen, dann wiederum verunglimpfte man sie als mannstolle Nymphomanin. Jedenfalls galt sie als unersättlich und unmoralisch ohne Ende. Nur der König, so hieß es, müsse – oft vergebens – um Einlass bitten. Wer sonst in Frankreichs vornehmer Gesellschaft Rang und Namen hatte, galt als ihr Liebhaber: Der Graf von Artois wurde häufig genannt, ein Bruder des Königs, desgleichen der durch die Halsbandaffäre von 1785 blamierte Kardinal Rohan. Auch General Lafayette (1757–1834), der französische Held des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs, gehörte neben anderen zu den üblichen Verdächtigen und natürlich Hans Axel von Fersen (1755–1810), Marie-Antoinettes schwedischer Vertrauter, der als Einziger unter den Genannten vielleicht – aber auch nur vielleicht – tatsächlich zeitweise ihr Geliebter war. Die in den Schmähschriften präsentierte Königin hingegen würde sich auf keinen Fall mit einem einzigen Liebhaber begnügt haben. In einem »libelle« aus der Revolutionszeit prahlt sie vielmehr mit der schieren Menge ihrer Gespielen, deren Geschlechtsteile aneinandergereiht »von Paris bis Versailles« reichten – immerhin eine Strecke von rund 30 Kilometern.

Es gab auch »libelles« gegen Libellisten

Die fast ausschließlich im Ausland hergestellten »libelles« wurden in Frankreich unter dem Ladentisch verkauft. Bedeutende Produktionsstätten lagen in der Schweiz, den Niederlanden und vor allem in England. Während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten zahlreiche französische Emigranten in London Zuflucht gefunden, darunter entsprungene Priester, betrügerische Bankrotteure, entflohene Kriminelle sowie Schriftsteller, Journalisten und Verleger, die sich den Zensurbehörden in ihrer Heimat entzogen.

Die Skandalblätter, die sie in der britischen Hauptstadt produzierten, trugen Titel wie »Les Passe-temps d’Antoinette« (Der Zeitvertreib der Antoinette) oder »Bordel Royal«. Sie erschienen zwar nicht als Periodika, erlebten jedoch meist mehrere Auflagen – jeweils um den letzten Klatsch und die neuesten Gerüchte erweitert. Manche der Autoren fungierten dabei zugleich als ihre eigenen Redakteure und Verleger. Zu den meisten Publikationen aber trugen mehrere oft namenlose oder hinter Pseudonymen versteckte Verfasser bei. Manche Texte wurden als Fundstücke präsentiert. Nichts ahnende Passanten wären auf den Straßen oder Plätzen von Paris auf sie gestoßen, und man veröffentliche sie lediglich im Interesse des Gemeinwohls. In den »libelles« herrschte literarische Formenvielfalt, neben schlüpfrigen Liedern und Gedichten fanden sich in ihnen kleine Theaterstücke, politische Manifeste, Fake-Biografien, vermeintlich brisante Dokumente sowie stets Verleumdungen und Lügen. Die populärsten Blätter wurden nachgeahmt oder von findigen Verlegern als Raubdrucke neu herausgebracht. Das sorgte mitunter für böses Blut unter den Beteiligten: Es gab auch »libelles« gegen Libellisten.

»La Poulle d'Autruyche«Laden...
»La Poulle d'Autruyche« | Marie-Antoinette als »österreichischer Vogel«, der »Gold und Silber mit Leichtigkeit verdaut, die Verfassung jedoch nicht schlucken kann«. Letztere steckt als Stück Papier in ihrem Mund. Die Straußengestalt bezieht sich auf »autruyche«, ein Wortspiel aus »autruche« (Strauß) und »l'Autriche« (Österreich). Die Königin besaß den unfreiwilligen Beinamen »l'Autrichienne«, die Österreicherin, was ähnlich klingt wie »autruche« und »chienne« (Hündin, Hure). Kolorierte Radierung von 1791.

Für die französischen Publizisten war Großbritannien mit seiner Pressefreiheit ein relativ sicherer Hafen. Der Freiheitsbegriff der Briten, meinte der französische Diplomat Mathias Joseph Gérard de Rayneval (1736–1812) frustriert, richte sich »gegen alles, was auch nur den Anschein der leichtesten Restriktion erweckt«. Sie zögen es vor, den Missbrauch der Freiheit »zu erdulden, statt die Sicherheit der Gesellschaft zu bedenken«. So verpufften auch zahlreiche Vorstöße von französischer Seite, die englischen Behörden zur Auslieferung einzelner Pamphletisten zu bewegen.

Geheimagenten gegen Schmähschreiber

Dennoch blieb das Geschäft mit erheblichen Risiken verbunden. Alle Libellisten kannten das Schicksal des Marquis de Fratteau. Der Autor eines Manuskripts voller Angriffe gegen den König, seine Minister und die Madame Pompadour war 1752 in London von einem bestochenen Gerichtsbüttel auf offener Straße festgenommen und französischen Agenten übergeben worden. Diese verschleppten ihn in seine Heimat. Dort landete der unglückliche Marquis in der Bastille, wo er nach 27 langen Jahren auch verstarb. In London war man freilich empört über die Aktion der französischen Behörden. Bei späteren, ähnlichen Gelegenheiten gelang es diversen Libellisten wiederholt, versuchte Entführungen durch französische Geheimpolizisten mit der Hilfe aufgebracht herbeigeeilter, schlagkräftiger Londoner Bürger zu vereiteln.

Der Einfluss, den die im Ausland produzierte, häufig obszöne Untergrundliteratur auf den weiteren Verlauf der französischen und damit der europäischen Geschichte hatte, gilt unter Fachleuten wie Laien als kaum zu unterschätzen. Demnach hätte das über viele Jahre aufrechterhaltene mediale Dauerfeuer die Monarchie unterhöhlt, ihre Unterstützer zermürbt und schließlich während der Revolution entscheidend zu ihrem Sturz beigetragen. Neben anderen hat sich besonders der renommierte US-Historiker Robert Darnton darum verdient gemacht, den Beitrag der »Schmuddelkinder« der Aufklärung zur Ideengeschichte zu beleuchten. Junge, mittellose Autoren, denen es nicht gelungen war, sich in der literarischen Welt Frankreichs zu etablieren, fanden ab Mitte des 18. Jahrhunderts in der Londoner Grub Street Arbeit bei Verlegern, die scharfzüngige Schmähschriften und derbe Skandalchroniken für den französischen Markt produzierten.

Sie waren »kulturelle Parias«, die in »Hunger und Schmach« lebten und »das Ancien Régime bis auf die Knochen hassten«, schreibt Darnton. Aus diesem tief empfundenen Hass gegen das herrschende System hätten später auch die revolutionären Jakobiner geschöpft. Nur sehr wenige junge Intellektuelle aus der zweiten, dritten und vierten Generation der Aufklärung konnten einen der raren Plätze in Frankreichs Akademien ergattern und »wurden fett in Voltaires Kirche«, meint Darnton. Die Hungrigen aber, die Libellisten also, hätten den revolutionären Geist des französischen Chefaufklärers geerbt und der tatsächlichen Revolution das Terrain bereitet.

Stürzten die Schmähschriften das Ancien Régime?

Darnton, der vor über 50 Jahren das riesige Archiv der Société typographique de Neuchâtel für die Wissenschaft entdeckt hat, auf das er auch heute zurückgreift, eines im 18. Jahrhundert an der Produktion und Verbreitung von »libelles« beteiligten schweizerischen Verlagshauses, erntete im Lauf der Jahre natürlich auch Widerspruch. In jüngerer Zeit erhob der Historiker Simon Burrows Einwände. Der an der Western Sydney University lehrende Brite gibt etwa zu bedenken, dass der bei Weitem größte Teil der Schmäh- und Hetzschriften gegen Marie-Antoinette erst im Revolutionsjahr 1789 veröffentlicht worden sei. Davor seien geplante Publikationen nicht realisiert worden, und jene Blätter, die tatsächlich gedruckt wurden, oft schon vor ihrem Erscheinen konfisziert oder auf andere Weise aus der Welt geschafft worden.

Konfiszierte »libelles« wurden vernichtet, meist verbrannt, manche Einzelstücke oder Teilauflagen auch als Asservate in der Bastille gelagert. Mit deren Erstürmung im Juli 1789 gelangten viele ältere Publikationen wieder ans Tageslicht und wurden neu aufgelegt. Ihr Inhalt hatte sich aber auch schon in Teilen während des Ancien Régime herumgesprochen. »Mitunter verbreiteten sich Gerüchte über unterdrückte, verleumderische Werke an eine breitere Öffentlichkeit«, gesteht auch Burrows zu. Vom Inhalt dieser Werke sei aber kaum mehr bekannt geworden als einzelne »schlüpfrige Lieder, Epigramme und verblühende Bonmots«.

Ludwig XVI. (1754–1793)Laden...
Ludwig XVI. (1754–1793) | Wie seine Gattin war auch der letzte König des Ancien Régime häufig das Ziel von Invektiven. Ihm wurde Impotenz nachgesagt oder man schilderte ihn als gehörnten Ehemann. Gemälde von Joseph-Siffred Duplessis, um 1777.

Außerdem entsprächen die Lebensläufe der meisten an der Erzeugung und Verbreitung von »libelles« Beteiligten einfach nicht dem von Darnton gezeichneten Bild einer Generation zorniger junger Männer, meint der Historiker – nicht ganz zu Unrecht. Zwar fanden sich unter den Londoner Libellisten durchaus auch solche, wie etwa Jacques Pierre Brissot (1754–1793) oder Simon Nicolas Henri Linguet (1736–1794): Beide waren sie radikale Aufklärer und Literaten, die unter Zensur, Kerker und Armut zu leiden hatten; beide mussten vorübergehend ihre Heimat verlassen und suchten vergebens ihr Glück in London; beide schlossen sich als Republikaner der Revolution an, der sie ebenfalls beide während der Schreckensherrschaft zum Opfer fallen sollten. Der Großteil der französischen Pamphletisten in London hatte jedoch eher den eigenen Geldbeutel im Sinn als das Ende der Monarchie. Schon Jahrzehnte vor dem Umsturz setzte eine ehemalige Nonne dabei als Pionierin Maßstäbe.

Frauen und Männer mit literarischen wie finanziellen Ambitionen

Marie-Agnès Pillement de Fauques (1720–1785) hatte zunächst in Paris mit ihren wechselnden Liebhabern sowie als Autorin von Romanen in orientalisch-exotischem Setting von sich reden gemacht. Nach ihrem Umzug in die englische Hauptstadt erregte sie allerdings mit ihrer eher tagesaktuellen »History of Madame la Marquise de Pompadour« von 1758 Aufsehen. Eine französische Ausgabe unterblieb zunächst. Vertraute der einflussreichen Mätresse Ludwigs XV. hatten der Autorin für die Vernichtung der bereits gedruckten Exemplare eine angemessene Summe bezahlt. Gleichwohl erschien das Buch kurze Zeit später in französischer Sprache. Da hatte de Fauques bereits ein Geschäftsmodell begründet, auf das spätere Libellisten ausgiebig zurückgreifen sollten – die Sicherung des Einkommens durch die Nichtveröffentlichung ihrer Schriften oder schlicht: durch Erpressung.

Einer der umtriebigsten Ganoven unter den Libellisten war zweifellos Charles Théveneau de Morande (1741–1805), der sich gerühmt haben soll, er könne »in einer Stunde einen in 50 Jahren erworbenen guten Ruf zerstören«. Als junger Mann war der Anwaltssohn in Paris als Schläger, Zuhälter und Erpresser aufgefallen und auch mehrmals im Kerker gelandet. Einer neuerlichen Verhaftung entzog er sich durch die Flucht über den Ärmelkanal. In London wandelte er sich zu einem der produktivsten und populärsten Publizisten seiner Zeit – vernachlässigte aber auch danach sein früheres Betätigungsfeld nicht. Zunächst aber sorgte er 1771 für einen Knall.

In nur 17 Tagen – von der Idee bis zur Veröffentlichung – habe er die erste Ausgabe seines »geharnischten Zeitungsmachers«, »Le Gazetier Cuirassé«, produziert, erzählte Morande später. Er schuf ein libellistisches Meisterwerk, das bis zur Revolution, also beinahe zwei Jahrzehnte lang, zu den am häufigsten konfiszierten Publikationen in Frankreich zählen sollte. Der »Gazetier«, war ein mit Pikanterien und Verleumdungen angereicherter Generalangriff auf das Ancien Régime und alle seine Stützen. Das Königshaus, die christliche Religion im Allgemeinen und die katholische Kirche im Speziellen, der hohe wie der niedere Adel, der Hofstaat, die Minister, die Armee, die Hochschulen, aber auch die »Opernmädchen« von Paris, namentlich genannte Prostituierte und Priester, Offiziere und Literaten – nichts und niemand blieb verschont. Alle seien sie korrupt und moralisch verkommen, so Morande, hätten neben ihrem eigenen Vorteil nichts als Ausschweifung im Sinn und würden den Staat in den Abgrund führen.

Zwischen die Attacken streute der Verfasser so anzügliche wie offensichtliche ›Fake News‹ wie jene vom verloren geglaubten königlichen Zepter, das »im Boudoir einer schönen Dame, die man ›Gräfin‹ nennt und die damit ihr Kätzchen amüsiert« aufgetaucht sei. Gemeint war natürlich Marie-Jeanne Bécu (1743–1793), besser bekannt als Comtesse du Barry, die damals aktuelle Mätresse Ludwigs XV. Lange bevor Marie-Antoinette ins Visier der Libellisten geriet, war die Gräfin du Barry das Ziel der häufigsten und wütendsten Angriffe gewesen. Als Morande daher bereits im Jahr nach seinem journalistischen Coup die du Barry brieflich von der kurz bevorstehenden Veröffentlichung einer Beschreibung ihres Lebenswegs mit dem Titel »Mémoires secrets d’une femme publique« (»Geheime Memoiren einer öffentlichen Frau«) ankündigte, war ihm die volle Aufmerksamkeit der Favoritin sicher – und die des Königs nicht minder.

Gegen Geld keine Schmähung

Praktischerweise hatte Morande angeboten das Werk nicht zu veröffentlichen – gegen Bezahlung, versteht sich. Fast zwei Jahre zogen sich die Geheimverhandlungen über das Machwerk hin, während derer Morande wiederholten Entführungsversuchen durch französische Agenten entrann. Und gerüchteweise auch einem Anschlag auf sein Leben. Erst im Januar 1774 einigten sich Emissäre Ludwigs XV., zu denen auch der vielfach begabte Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (1732–1799) gehörte, mit dem Autor: Morande, der ursprünglich 50 000 Livre gefordert hatte, erhielt als einmalige Zahlung 32 000 sowie eine jährliche Rente von 4000 Livre zugesprochen. Im Gegenzug verpflichtete er sich, die bereits gedruckte Ausgabe der »Mémoires secrets« zu vernichten, und versicherte in Zukunft keine gegen das Königshaus gerichteten »libelles« zu veröffentlichen. Widrigenfalls, so wurde in einem Geheimvertrag festgelegt, hätte der Autor das erhaltene Geld zurückzuerstatten.
Pikante Fake NewsLaden...
Pikante Fake News | In dieser Illustration eines »libelle« wird Königin Marie-Antoinette ein Verhältnis mit ihrer Kammerfrau Yolande Herzogin de Polignac angedichtet. Unter dem Bild heißt es: »Ich atme nur für dich … ein Kuss, mein schöner Engel!« Druck, um 1789.

Morande jedoch, ein Spieler und Hasardeur, der sich trotz der guten Einkünfte aus seinen legalen wie illegalen Geschäften ständig in finanziellen Nöten befand, beteiligte sich schon bald wieder an der Produktion von Spottschriften gegen die Bourbonen. Die Umstände sind nicht restlos geklärt und werden es vielleicht auch nie sein, doch einiges spricht dafür, dass Beaumarchais und Morande übereinkamen, das Königshaus weiter zu schröpfen – nunmehr gemeinsam.

Als Ludwig XVI. seinem im Frühjahr 1774 plötzlich verstorbenen Großvater auf den Thron gefolgt war, erlebten die »Berichte« vom impotenten Monarchen und seiner ehebrecherischen Frau einen Boom. Nur wenige Wochen nach den Krönungsfeierlichkeiten berichtete Beaumarchais den zuständigen Pariser Stellen, Morande habe ihm zugetragen, in London bereite ein – aller Wahrscheinlichkeit nach frei erfundener – Italiener namens Angelucci ein verleumderisches »libelle« gegen die Königin vor. Angeblich werde sie darin als Ehebrecherin dargestellt. Er, Beaumarchais, könne im Bund mit Morande die Veröffentlichung dieses Machwerks verhindern, sofern der König die nötigen Mittel gewähre. Nach einigen Geheimtreffen sowie einer fingierten Verfolgungsjagd durch halb Europa, einem ebenfalls inszenierten Raubüberfall und einem vorübergehenden Gefängnisaufenthalt in Wien, stand der berühmte Schöpfer von »Figaros Hochzeit« so sauber da wie am Anfang. Für seine Auslagen wurde Beaumarchais aus der Staatskasse mit 72 000 Livre entschädigt. Diese Summe, so vermutet Simon Burrows, teilte er sich mit seinem mutmaßlichen Mitverschwörer und Koautor Théveneau de Morande.

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs entdeckte Morande, der längst über ein weites Netz von Informanten in London verfügte, seinen Patriotismus und betätigte sich erfolgreich wie unentdeckt als Spion für sein Heimatland. Er sammelte unter anderem geheime Informationen über die britische Marine und ihre Bewegungen. 1791 kehrte er nach Frankreich zurück, und obwohl er vor, während und nach der Revolution für eine parlamentarische Monarchie nach englischem Vorbild eintrat, überlebte er selbst die Jahre der Schreckensherrschaft unversehrt und starb als angesehener Mann in seinem Geburtsort Arnay-le-Duc im Burgund.

Erpressung in der Halsbandaffäre

Mit der Halsbandaffäre von 1785 und deren Verhandlung vor Gericht im Jahr darauf, die dem bereits arg ramponierten Ruf der Königin weiteren – und wie sich herausstellen sollte irreparablen – Schaden zufügten, nahm die Verleumdungskampagne gegen Marie-Antoinette ein weiteres Mal an Fahrt auf. Nun war auch Jeanne de Saint-Rémy (1756–1791) zur Libellistin geworden, die unter dem Namen Gräfin de La Motte den Betrug um das sündhaft teure Diamantenkollier ersonnen und durchgeführt hatte – und letztlich auch als einzige von allen Beschuldigten mit unerbittlicher Härte bestraft worden war.

Als Diebin gebrandmarkt und zu lebenslanger Haft verurteilt gelang es ihr, mit der Hilfe Unbekannter nach London zu entkommen. Dort veröffentlichte sie umgehend die erste von drei verschiedenen Fassungen ihrer »Mémoires«, die sie bis 1789 auf den Markt bringen sollte. Darin erzählte die Comtesse ihre Sicht auf die Affäre, in die sie völlig unschuldig geraten sei, als Opfer einer skrupellosen und lasterhaften Königin, mit der sie freilich auch liebevollere Momente erlebt haben wollte. Das Sujet hatte sich bewährt, war bekannt und beliebt beim Publikum. So kamen innerhalb kürzester Zeit zahlreiche weitere, immer pikantere Memoiren der Gräfin de La Motte in die Buchläden, die aber weder von ihr noch ihrem Mann und Komplizen stammten. Bis ins Jahr 1792 tätigte Ludwig XVI. noch diverse Zahlungen, um wenigstens Neuauflagen des Originalwerks zu verhindern. Da war Jeanne de Saint-Rémy schon verstorben – und auch der König hatte nicht mehr lange zu leben.

Als sich Marie-Antoinette im Oktober 1793, neun Monate nach der Enthauptung ihres Gatten, vor dem Revolutionstribunal für diverse ihr angelastete Verbrechen zu verantworten hatte, war ihr Leben im Grunde auch schon vorbei – die Hetzkampagne gegen sie aber nicht. Genüsslich bezichtigte Jacques-René Hébert (1757–1794), einer der fanatischsten Revolutionäre, die Königin vor Gericht des Inzests mit ihrem minderjährigen Sohn, dem zuvor unter Folter ein entsprechendes »Geständnis« abgepresst worden war. Das ging dann aber selbst dem Tribunal zu weit und der Punkt fiel bei der Urteilsverkündung unter den Tisch. Aufs Schafott musste die einstige Königin trotzdem.

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