Eingeschleppte Tiere: Nur eine wild lebende Schildkrötenart ist heimisch in Deutschland

In deutschen Gewässern lebt bloß eine einzige ursprünglich heimische Schildkrötenart. Das berichtet ein Forschungsteam um Hedi Schloddarick vom Museum für Naturkunde Berlin im Fachmagazin »NeoBiota«. Zudem kommen 14 gebietsfremde Arten hierzulande in freier Natur vor, wovon drei sich bereits etabliert haben und selbstständig fortpflanzen. Die Wissenschaftler haben dazu 1770 Sichtungen aus den Jahren 2000 bis 2024 ausgewertet. Die Ergebnisse unterstreichen vor allem den engen Zusammenhang zwischen menschlichen Aktivitäten und der Verbreitung der Tiere.
Nur die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis), eine mittelgroße, fleischfressende Art, ist in Mitteleuropa heimisch. Allerdings stammen die meisten wild lebenden Exemplare – mit Ausnahme einiger Populationen etwa in Brandenburg – aus Aussetzungen und sind daher ebenfalls nicht natürlichen Ursprungs. Mit großem Abstand am häufigsten ist die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta): Sie macht rund 70 Prozent der dokumentierten Beobachtungen aus. Ursprünglich stammt sie aus der Mississippi-Region der USA.
Die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeographica) ist eine von 14 nicht-heimischen Schildkröten-Arten in Deutschland.
Das Forschungsteam wertete Daten aus wissenschaftlicher Literatur und Citizen-Science-Projekten aus. Ziel war es, die Vielfalt, Verbreitung und die Rolle menschlicher Einflüsse zu untersuchen. Neben Trachemys scripta gehören auch Arten wie die Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna) und die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeographica) zu den häufigeren Vertretern.
Klarer Zusammenhang mit menschlicher Präsenz
Die Analyse zeigt ein klares Muster: Besonders viele Nachweise stammen aus Städten und dicht besiedelten Regionen. Schwerpunkte liegen vor allem in westdeutschen Ballungsräumen – etwa um Hamburg, das Ruhrgebiet, Frankfurt am Main, Heidelberg, Stuttgart oder München. In Ostdeutschland konzentrieren sich größere Vorkommen dagegen vor allem auf den Raum Berlin. »Das Muster bestätigt einen engen Zusammenhang zwischen der Verbreitung der Tiere und menschlicher Präsenz. Es deutet stark darauf hin, dass menschliche Aktivitäten – insbesondere das Aussetzen von Haustieren – eine entscheidende Rolle spielen«, sagt Erstautorin Hedi Schloddarick.
Vor allem die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) wurde seit den 1950er-Jahren millionenfach international verkauft und zählt wahrscheinlich zu den weltweit am häufigsten gehandelten Reptilienarten. Nachdem die Europäische Union 1997 den Import dieser Unterart wegen ihres hohen Invasionsrisikos verbot, nahm der Handel mit anderen Unterarten und Hybriden stark zu.
Dass sich bislang erst drei Arten dauerhaft in der Natur etablierten, könnte sich künftig ändern. »Durch den Klimawandel könnten sich mehr Arten erfolgreich vermehren und ausbreiten«, warnen die Forschenden. Das hätte Folgen für heimische Ökosysteme, etwa weil die Tiere um Lebensraum und Nahrung konkurrieren.
Die Fachleute betonen daher, dass es dringend ein systematisches Monitoring, Präventionsmaßnahmen gegen weitere Aussetzungen sowie eine bessere Aufklärung der Öffentlichkeit braucht. So können Bürgerinnen und Bürger schon jetzt dazu beitragen: Beobachtungen lassen sich über Plattformen wie iNaturalist melden. »Je mehr Menschen sich beteiligen, desto besser lassen sich Verbreitung und Ausbreitung nichtheimischer Schildkrötenarten in Deutschland nachvollziehen und gezielt Schutzmaßnahmen für Tiere und Ökosysteme entwickeln«, betont Mit-Autor Frederic Griesbaum.
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