Orientierung: Manche Ameisen nutzen den Mond als Kompass

Wenn in Australien die Sonne untergeht, begeben sich Millionen nachtaktiver Ameisen auf die Suche nach Nahrung. Viele folgen dabei Duftspuren, die mit Pheromonen gekennzeichnet sind. Die als besonders ursprünglich angesehenen Arten der australischen Gattung Myrmecia – auch als Bulldoggen-Ameisen bezeichnet – verlassen sich dagegen nicht in erster Linie auf die Duftnavigation. Dafür besitzen sie ein besseres Sehvermögen als die meisten anderen Ameisen. Lange dachte man, sie müssten vor Einbruch der Dunkelheit aufwachen und das letzte Tageslicht nutzen, um den Weg zu ihrer Nahrung zu finden. Neueren Erkenntnissen zufolge navigieren die Insekten aber problemlos nach Sonnenuntergang weiter: mithilfe eines angeborenen Mondkompasses, der auch die Polarisation des Mondlichts berücksichtigt.
Nun hat der Entomologe Cody Freas von der Universität Toulouse in Frankreich zusammen mit Ken Chang von der Macquarie University im australischen Sydney die nächtlichen Orientierungsmärsche der Ameisenspezies Myrmecia midas näher untersucht. Demnach kompensieren die Tiere den Mondlauf, indem sie berücksichtigen, wie viel Zeit seit dem Verlassen des Nestes vergangen ist. Auf dieser Grundlage schätzen sie ab, wo sich der Mond am Nachthimmel befinden sollte – ähnlich wie früher menschliche Seefahrer den Polarstern nutzten.
Die Forscher fingen die Insekten auf dem Weg zu ihren üblichen Futterplätzen ein und setzten einen Teil davon in abgedunkelte Boxen, in denen es keinerlei Umgebungshinweise auf den Zeitverlauf gab. Nach mehreren Stunden ließen sie die Ameisen an einem neuen Ort frei und beobachteten, wie sie versuchten, den Weg zum Futter zu finden. Waren sie so lange in der Dunkelheit gehalten worden, dass sich der Mond in dieser Zeit merklich bewegt hatte, kamen sie vom Kurs ab, was darauf hindeutet, dass die Position des Erdtrabanten der wichtigste Hinweis für ihre Navigation war.
Eine Ameise der australischen Gattung Myrmecia
Auch andere nachtaktive Lebewesen, etwa Motten, nutzen die Position des Monds zur Orientierung, doch ein derart komplexer, zeitabhängiger Ansatz hierzu war zuvor unbekannt. Zudem kombinieren die Bulldoggen-Ameisen ihren Mondkompass in der Morgen- und Abenddämmerung mit anderen Hinweisen aus dem umgebenden Gelände und von der Sonne. So finden sie bei der im Verlauf eines Monats sehr unterschiedlich guten Mondsichtbarkeit immer zuverlässig den Weg.
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