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Vogelzug: Reisefieber

Einst glaubten die Menschen, Schwalben, Störche oder Nachtigallen würden sich winters schlafend in Sümpfen eingraben, um im Frühjahr phoenixgleich aus dem Schlamm aufzuerstehen. Heute kennt natürlich fast jeder die Wahrheit, aber immer noch bietet der Zug der Vögel neue Überraschungen.
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Wenn das Wetter ungemütlicher wird, die Sonne früher untergeht, die Blätter von den Bäumen und die Temperaturen in den Keller fallen, würden viele Menschen es am liebsten den Zugvögeln gleich tun und nach Süden entfliehen. Zumindest in den Tieren lösen diese Veränderungen der Natur einen inneren Impuls aus, der von den Ornithologen mit dem schönen Begriff Zugunruhe beschrieben wird.

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Männliches Schwarzkehlchen | Auch ortsfeste Schwarzkehlchen aus den Tropen zeigen Zugunruhe, was auf ein inneres Programm hinweist, das zu gegebener Zeit und an gegebenem Ort ein Wanderverhalten auslösen kann.
Dieses ruhelose Verhalten erfasst in Menschenobhut befindliche Vögel just zu den Zeiten des Jahres, in denen sie entweder in ihre Winterquartiere fliegen müssten oder aus diesen in ihre Brutgebiete zurückkehren würden: Die Tiere hüpfen oder flattern dann in ihren Käfigen ruhelos umher; ist ihre Unterkunft gar ein so genannter Orientierungskäfig, so richtet sich ihre Bewegung und sogar ihr entsprechender Energieaufwand grob an der arttypischen Zuglinie aus. Aus diesen Entdeckungen schlussfolgerte die Forschung letztlich, dass in Vögeln eine Art Jahresprogramm genetisch verankert ist, das letztlich auch den Zug mitbestimmt.

Dass dieses Phänomen in Zugvögeln auftritt, ist wohl vollständig nachvollziehbar. Aber wie sieht es mit Arten aus, die nahe mit jenen Wanderern zwischen den Welten verwandt sind, aber wegen ihrer tropischen – oder zumindest warmen – Heimat nicht ziehen, sondern weit gehend standorttreu bleiben? Das wollten auch die beiden Wissenschaftler Barbara Helm und der inzwischen verstorbene Eberhard Gwinner vom Max-Planck-Institut für Ornithologie im bayerischen Andechs wissen.

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Männliches Schwarzkehlchen | Unter tropischen Lichtbedingungen kann die typische nächtliche Aktivität über das ganze Jahr verteilt vorkommen. Simuliert man allerdings europäische Verhältnisse, dann zeigt sich die Zugunruhe tatsächlich vor allem im Frühjahr und Herbst.
Sie zogen deshalb Junge der afrikanischen Unterart des Schwarzkehlchens (Saxicola torquata axillaris) von Hand auf und setzten sie unterschiedlichen Lichtverhältnissen aus. Die eine Gruppe lebte anschließend eineinhalb Jahre unter afrikanischen Tageslängen, während weitere Artgenossen mit dem für Süddeutschland typischen Jahresgang zurechtkommen mussten. Verglichen wurden ihre Daten anschließend noch mit dem Verhalten der europäischen Subspezies Saxicola torquata rubicola, die im Winter das Weite sucht. Schwarzkehlchen bieten sich für diese Studie auch deshalb an, weil sie in der Dunkelheit ziehen und sich die zugzeitliche Hyperaktivität damit leichter vom sonstigen nächtlichen Schlafverhalten unterscheiden lässt.

Und tatsächlich zeigten auch jene afrikanischen Probanden, die unter den konstanten Lichtbedingungen ihrer kenianischen Heimat gehalten wurden, immer wieder unterschiedliche Phasen nächtlichen Bewegungsdrangs – ähnlich wie ihre europäischen Vettern. Diese Aktivitäten verteilten sich bei den verschiedenen kenianischen Vögeln jedoch weit gehend über die gesamte Versuchszeit hinweg, wenn auch mit gewissen Schwerpunkten zur typischen Zugzeit im Herbst und Frühjahr.

Lebten die Max-Planck-Zugvögel der Unterart axillaris dagegen unter europäischen Lichtverhältnissen, dann synchronisierten sich ihre Nachtaktivitäten völlig mit den entsprechenden Jahreszeiten: Sowohl zur Zeit des Herbst- als auch – noch deutlicher – des Frühjahrszugs waren ihre Bewegungen zu nachtschlafender Zeit sehr ausgeprägt. Und wie bei ihren europäischen Verwandten war dieses Verhalten unabhängig vom Zeitpunkt des Schlüpfens: Spätgeborene begannen einfach in jüngerem Alter damit und trafen damit den gleichen Zeitraum wie ältere Geschwister.

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Junges Schwarzkehlchen | Später schlüpfende Küken kommen übrigens zur gleichen Zeit in die Zugunruhe wie ältere Geschwister. Die innere Uhr richtet sich folglich nicht nach dem Alter der Tiere, sondern nach der Zeit des bestmöglichen Abflugs.
Damit scheidet die Tageslänge wegen des offensichtlich nicht vollkommen entscheidenden Beleuchtungseinflusses als externer Taktgeber für die Zugunruhe aus, so die Wissenschaftler. Stattdessen liegt wohl wirklich eine innere, genetisch gesteuerte Uhr vor, die den Sängern ein angeborenes Signal zur artspezifischen Zugunruhe gibt. Und da sie sowohl bei den Afrikanern als auch bei den Europäern vorliegt, dürfte sie auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen – obwohl sich ihre evolutionären Wege bereits vor ein bis drei Millionen Jahre getrennt haben.

Nach Meinung von Helm und Gwinner könnte dieses Programm sogar in vielen eigentlich nicht ziehenden Vogelarten subtil schlummern und gegebenenfalls bei gravierenden äußeren Einflüssen – die periodische Wanderungen plötzlich erforderlich machen – jederzeit aktiviert werden. Auf Grund des gegenwärtigen raschen globalen Wandels und den damit einhergehenden, teils rapide ablaufenden Umweltveränderungen könnten sich die Aussichten zumindest für manche Standvögel verbessern: Wird die eigentliche Heimat also abschnittsweise ungemütlich, könnten sie ihr dann auch einfach auf Zeit entfliehen.

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