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Antarktisstation: Dauerhafte Isolation schürt Misstrauen und Konflikte

Monatelange Abgeschiedenheit macht Menschen nicht nur einsam, sondern auch paranoid. Eine Studie an Fachleuten auf antarktischer Überwinterungsmission zeigt: Nähe schürt Konflikte. Was das für geplante Mond- und Marsmissionen bedeutet.
Eine Forschungsstation in einer verschneiten, arktischen Landschaft bei Sonnenuntergang. Zwei große, zylindrische Gebäude stehen im Zentrum, umgeben von kleineren Strukturen. Der Himmel ist klar mit einem sanften Farbverlauf von Blau zu Rosa. Schneebedeckte Wege führen zu den Gebäuden, und im Hintergrund sind weitere Einrichtungen sichtbar.
Auf der Concordia-Station herrschen extremste Bedingungen: Sie liegt auf 3200 Metern Höhe in der Antarktis. Dort beträgt die durchschnittliche Wintertemperatur minus 51 Grad Celsius, die nächste Station liegt etwa 560 Kilometer entfernt.

Wenn Menschen monatelang unter Extrembedingungen in einer kleinen Gruppe leben, hat das extreme Auswirkungen auf ihre Psyche. Das zeigt eine Studie an der Besatzung einer entlegenen Antarktis-Forschungsstation. »Bei längerer Isolation stärkt ständige Nähe Beziehungen nicht unbedingt, sondern kann viel mehr Spannungen, Misstrauen und psychische Belastungen verstärken«, berichten Fachleute mehrerer Universitäten, darunter Zürich, Bern und Würzburg, in der Fachzeitschrift »PNAS«. Dies sollte man bei künftigen Weltraummissionen berücksichtigen.

Das Autorenteam untersuchte zehn Monate lang die zwölfköpfige Besatzung der französisch-italienischen Antarktisstation Concordia, die an einem der entlegensten Orte der Erde auf etwa 3200 Metern Höhe liegt. Im Winter sinken dort die Temperaturen auf bis zu minus 80 Grad Celsius. Die Forschenden der »PNAS«-Studie verfolgten nun, wie sich die Teamdynamik und das soziale Miteinander im Verlauf der Mission entwickelten. Das Fazit: »Unter Extrembedingungen nehmen Einsamkeit, Misstrauen und Konflikte zu, während Zusammenhalt und Leistungsfähigkeit sinken«, schreibt die beteiligte Universität Bern.

Weil ein Zugang im antarktischen Winter von Mitte Februar bis Mitte November nicht möglich ist, lebte und arbeitete die Besatzung in völliger Abgeschiedenheit. Die zwölf Forscher trugen Sensoren, die erfassten, wann sie wem wie lange nahe waren. Zudem füllten sie zu vier Zeitpunkten psychologische Fragebögen aus.

Deutliche Paranoia, aber kein paranoider Verfolgungswahn

Einige Teammitglieder hätten nach ein paar Monaten geglaubt, dass andere über sie sprechen oder sie beobachten würden, berichtet der Würzburger Psychiater Sebastian Walther. Diese Personen hätten angenommen, dass die anderen ihnen schaden wollten, sagte Walther der »Deutschen Presse-Agentur«. Er wertet dies nach gängigen Kriterien als Paranoia, die es auch in leichter Ausprägung gebe: »Wir haben in der Gruppe der Expedition deutliche Paranoia gemessen. Aber das ist natürlich weit entfernt von einem paranoiden Verfolgungswahn wie bei schweren psychischen Erkrankungen.«

Auch mehr physische Nähe wirkte sich nicht positiv auf die Antarktiscrew aus. Personen mit vielen Kontakten berichteten häufiger von Konflikten, wachsendem Misstrauen und geringerer Leistungsfähigkeit. Die genaue Ursache dafür ließ sich aus den Daten nicht ableiten. Denkbar sei aber, dass manche aufgrund von Einsamkeit vermehrt Kontakt zu anderen suchten, sie im Gegenzug jedoch nicht genügend Unterstützung erhalten hatten.

Untergruppen entstanden

Misstrauen und Konflikte traten auf, obwohl die Missionsteilnehmenden zuvor strenge Auswahlverfahren durchlaufen hatten. Zudem zerfiel die Gruppe im Verlauf der Überwinterung in Untergruppen, wobei die Crewmitglieder vermehrt Zeit mit Kollegen derselben Sprache oder Nationalität verbrachten. Das kann Halt und Orientierung geben, aber auch den Zusammenhalt im gesamten Team schwächen.

Das Team der »PNAS«-Studie sieht in den Ergebnissen wichtige Erkenntnisse für geplante Langzeit-Weltraummissionen, etwa zu Mond und Mars, aber auch für andere extreme Arbeitsumgebungen wie in U-Booten oder auf Offshore-Plattformen. »Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, soziale Dynamiken früh zu erkennen und Teams gezielt zu unterstützen«, sagt Co-Autor und Psychologe Jan Schmutz. (dpa/kas)

  • Quellen
Cantisani, A. et al., PNAS 10.1073/pnas.2533420123, 2026

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