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Corona-Impfstrategie: Soll man die zweite Impfdosis verzögern?

Fachleute sind sich uneins, ob das Impfintervall zwischen den beiden Dosen der RNA-Corona-Impfstoffe gestreckt werden kann. Was dahinter steckt, und wie die Impfstrategie der Zukunft aussehen könnte.
Eine Person sitzt an der Registrierung im Impfzentrum im Terminal 5 am ehemaligen Flughafen Schönefeld.Laden...

Deutschlands bekanntester Virologe Christian Drosten sprach sich dafür aus – die ständige Impfkommission STIKO am Robert Koch-Institut allerdings votierte dagegen: Fachleute diskutieren intensiv darüber, die zweite Impfdosis der aktuell genutzten Corona-Vakzine deutlich später zu geben als vorgesehen. Die Idee wirkt überzeugend: Wenn man Menschen nach der ersten Impfdosis länger als die in der Zulassung vorgegebenen 21 Tage auf die zweite Dosis warten lässt, kann man erst mal doppelt so viele Menschen impfen. In Großbritannien schrieb die Regierung dieses Verfahren bereits vor, und auch eine Initiative des nächsten Präsidenten der USA Joe Biden könnte auf eine solche Verzögerung hinauslaufen.

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Der Hintergrund: Schon in der Zeit vor der zweiten Impfung, in den Tagen zehn bis 21, beträgt der Schutz vor Covid-19 durch die Biontech/Pfizer-Vakzine schon 86 Prozent. Zwar las man anfangs, dass nach einer Impfdosis mit der Biontech/Pfizer-Vakzine nur ein Schutz von 52 Prozent vor Covid-19 bestehe. Doch das ist nur die durchschnittliche Schutzrate für die 21 Tage zwischen der ersten und der zweiten Impfung – eingerechnet sind also auch die Tage direkt nach der Impfung, in denen noch überhaupt kein Schutz bestehen kann, weil das Immunsystem noch keine Zeit hatte zu reagieren. Das Immunsystem braucht zur Produktion von Antikörpern der Klasse G (IgG), die laut Studien in großen Mengen durch die mRNA-Impfung gebildet werden, etwa eine Woche.

Nicht nur Christian Drosten sprach sich dafür aus, dass Impfintervall zu strecken. Leif-Eric Sander, Impfspezialist an der Berliner Charité twitterte: »Eine flexiblere, pragmatische Handhabung des Intervalls wäre jetzt sinnvoll und aus meiner Sicht medizinisch unbedenklich.«

Impffachleute sind skeptisch

Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Uni Zürich, sagte: »Meiner Ansicht nach ist es eine gute Idee, jetzt möglichst viele Leute mit der ersten Dosis zu impfen, da es sich gezeigt hat, dass man bis drei Monate später noch verlässlich diesen ersten Impfschutz verstärken kann mit einer zweiten Dosis.« Schließlich erklärte ebenfalls die Deutsche Gesellschaft für Immunologie: »Wir möchten auch dahingehend argumentieren, dass aus immunologischer Sicht eine Verlängerung des Intervalls zwischen 1. und 2. Impfdosis auf bis zu 60 Tage vertretbar wäre, um in diesem hoffentlich temporären Wettlauf mit der Zeit mehr Menschen eine Erstimpfung zu ermöglichen.«

»Eine flexiblere, pragmatische Handhabung des Intervalls wäre jetzt sinnvoll.«(Leif-Eric Sander)

Doch es sind vor allem Grundlagenforscher, die sich dafür aussprechen, das Impfintervall zu verlängern. Wissenschaftler, die direkt mit der Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen zu tun haben, lehnen die Idee ab.

Der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens, sagte am Samstag bei einer digitalen Informationsveranstaltung zur Covid-19-Impfung für Apotheker und Ärzte: »Die Vorstellung, man könne nur mit einer Impfung arbeiten, ist nicht zulässig und durch keinerlei Daten abgedeckt.«

Claire-Anne Siegrist, Professorin für Vakzinologie an der Uni Genf und Leiterin des WHO-Kollaborations-Zentrums für Impfstoff-Immunologie konstatiert: »Das Intervall zu verlängern ist eine schlechte gute Idee.« Zumal es ebenso innerhalb der zugelassenen Anwendung durchaus Spielraum gibt – der Boost darf laut Zulassung, das zeigte sich im Laufe vergangener Woche, bis zu 42 Tage nach der Erstimpfung gegeben werden, sechs Wochen später also. Man muss also keineswegs von der vorgegebenen Strategie abweichen, wenn man zunächst mehr Menschen mit einer Einmaldosis versorgen möchte.

Keine Experimente?

Die Vakzinologie ist eine Wissenschaft, die sehr auf Erfahrung beruht – aus gutem Grund. Risiken sollen unter allen Umständen vermieden werden, denn geimpft werden ja nicht Kranke, die Nebenwirkungen in Kauf nehmen könnten, um geheilt zu werden, sondern gesunde Menschen. Und die Vakzinologen wissen zudem, nicht zuletzt durch die ständige Auseinandersetzung mit Impfgegner und -kritikern, wie wichtig die Akzeptanz eines Impfstoffs ist. »Ob wir zum normalen Leben zurückkehren können, hängt davon ab, wie viele Menschen wir überzeugen können, sich impfen zu lassen«, sagt Claire-Anne Siegrist. Auch vor diesem Hintergrund wollen alle Wissenschaftler, die offiziell mit Impfstoffen betraut sind, gar nicht erst den Eindruck erwecken möchten, dass bei zugelassenen Impfstoffen Experimente gemacht werden.

»Das Intervall zu verlängern ist eine schlechte gute Idee.«(Claire-Anne Siegrist)

Allerdings führt das Festhalten der Vakzinologie an bewährten Techniken ebenfalls dazu, dass sich Innovationen nur langsam durchsetzen. So ist seit Langem klar, dass sterile Immunität gegen Atemwegserreger nicht mit einer Impfung zu erreichen ist, die in den Muskel injiziert wird. Denn so werden nur Antikörper stimuliert, die im Blut patrouillieren und nicht auf den Schleimhäuten, den Eintrittspforten der respiratorischen Viren.

Bei Adjuvantien ist das Bild ähnlich. Seit Langem ist bekannt, dass Nukleinsäuren – also DNA oder RNA – die Immunantwort zum Beispiel auf einen Impfstoff extrem verstärken. »Die Adjuvantien, die bis heute in Impfstoffen benutzt werden, sind viel schlechter wirksam«, sagt Immunologe Christian Münz. »Aber man hat eben Erfahrungen damit.« Es ist unwahrscheinlich, dass mRNA-Impfstoffe ohne die Notlage der Pandemie überhaupt eine schnelle Chance auf Marktzulassung bekommen hätten.

Nun sprechen nicht nur traditionelle und bürokratische Gründe dagegen, das Impfintervall zu verlängern. »Die Dosis und das Impfschema wurden ja in Studien optimiert«, sagt Carlos A. Guzmán, Leiter der Abteilung Vakzinologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. »Wenn nur eine Dosis injiziert wird, verringert sich die Konzentration der neutralisierenden Antikörper – das wird sehr wahrscheinlich den Schutz verschlechtern.«

Ist der Schutz nach der ersten Impfdosis tatsächlich der richtige?

Eine andere Schwierigkeit hängt mit dem angeborenen Immunsystem zusammen. »Die hohe Effektivität der Vakzine wurde nach nur 21 beziehungsweise 28 Tagen gemessen«; sagt Claire-Anne Siegrist. »Das ist eine sehr kurz Zeitspanne, in der das Immunsystem noch stark aktiviert ist.« In der Tat ist kurz nach der Impfung auch noch das angeborene Immunsystem aktiv, die unspezifische Abwehr, die sich gegen alle Viren richtet – der Adjuvanz-Effekt der RNA, der nicht lange anhält.

Die Impfstoffstudien, auf denen die Zulassung basiert, maßen den Rückgang symptomatischer Infektionen. Aber sie zeigten auch, dass bereits eine Dosis Biontech-Impfstoff wahrscheinlich alle Geimpften vor schweren Covid-19-Verläufen schützt. Diese Betrachtungsweise ist für den dritten Corona-Impfstoff wichtig, der in Großbritannien schon zugelassen ist und in der EU wohl auch bald zugelassen werden wird – die so genannte Oxford-Vakzine, hergestellt von AstraZeneca.

»Mit dem aktuellen Wissenstand möchte ich den gleichen Impfstoff für die erste, zweite und auch eine Auffrischimpfung, falls diese nötig sein wird.«(Carlos A. Guzmán)

Es handelt sich dabei um einen Vektorimpfstoff – ein harmloses, nicht vermehrungsfähiges Trägervirus, ein Adenovirus, das nicht bei Menschen, sondern nur bei Schimpansen vorkommt, bringt Erbsubstanz von Sars-Cov-2 in die menschliche Zelle. Der Hersteller gibt den Schutz mit 62 bis 70 Prozent an, was im Gegensatz zu der Effektivität der mRNA-Impfstoffe von um die 90 Prozent zwar erheblich schlechter wirkt. Diese Werte beziehen sich jedoch auf symptomatische Infektionen. Im Bezug auf schwere Covid-19-Verläufe und Todesfälle dagegen ist der AstraZeneca-Impfstoff mit 100 Prozent Schutzwirkung ebenso effektiv wie die aktuell eingesetzte Vakzine.

Ein guter Ansatz könnte sein, nach einer Erstimpfung mittels RNA als zweite Impfdosis den AstraZeneca-Impfstoff zu geben. Erstens, weil die Impflinge dann nur zum Hausarzt und nicht in ein Impfzentrum müssten – der AstraZeneca-Impfstoff kann im Kühlschrank gelagert werden. Außerdem gibt es immunologische Gründe, Vektorimpfstoffe in einem kombinierten Impfschema zu verabreichen. »Es baut sich nach einer Impfung eine Immunität gegen den Vektor auf«, sagt Christian Münz. »Die Befürchtung ist, dass eine zweite Impfung mit solch einem Boost relativ wirkungslos bleiben könnte, weil der Vektor dann vom Immunsystem schnell eliminiert wird.«

Zwei Impfstoffe pro Person

Tatsächlich hebt die zweite Impfung beim AstraZenca-Impfstoff laut Wirksamkeitsstudie den Schutz kaum noch. Wohl deshalb plant AstraZeneca eine weitere Studie in Zusammenarbeit mit dem Gamaleja-Institut in Moskau. Der dort entwickelte Impfstoff Sputnik V ist ebenfalls ein Vektorimpfstoff, allerdings auf Basis zweier menschlicher Adenoviren. Die Idee: Durch verschiedene Vektoren für die erste und zweite Impfung fällt die Immunreaktion gegen den Vektor weg, so dass die Boosterung verbessert werden könnte.

Aber auch ein solches heterologes Prima-Boost-Verfahren mit unterschiedlichen Impfstofftypen ist viel versprechend. »Der RNA-Impfstoff löst eine gute Antikörper-Antwort aus«, sagt Christian Münz von der Uni Zürich. »Der Oxford-Impfstoff dagegen bewirkt eine gute cytotoxische T-Zell-Reaktion.« Diese Zellen zerstören jeweils spezifisch mit definierten Viren infizierte Körperzellen und sorgen so im Körper dafür, dass die Virusvermehrung gestoppt wird – und zwar (sofern sie durch eine Vorinfektion als Gedächtniszellen vorliegen) schneller als Antikörper. »Es wäre eine attraktive Lösung, RNA- und Vektorimpfstoffe im Impfschema zu kombinieren«, sagt Christian Münz. »Allerdings bräuchte man Studien, die belegen, dass diese Kombination funktioniert.«

Vakzinologen sind zurückhaltend: »Im Moment wissen wir nicht einmal, ob wir die Pfizer- und Moderna-Impfstoffe bei den ersten beiden Impfungen kombinieren können«, sagt Claire-Anne Siegrist. Auch Carlos A. Guzmán vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig ist skeptisch: »Wir wissen noch nicht, ob cytotoxische T-Zellen überhaupt eine Rolle beim Impfschutz spielen«, sagt er. »Mit dem aktuellen Wissenstand möchte ich den gleichen Impfstoff für die erste, zweite und auch eine Auffrischimpfung, falls diese nötig sein wird.«

Doch vielleicht liefert die Pandemie die fehlenden Daten schon bald: Großbritannien startet in diesem Monat eine Studie mit 10 000 Teilnehmern, die genau das testen wird – eine Impfung mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin und eine mit dem AstraZenca-Impfstoff bei je einer Person. Gut möglich also, dass die Pandemie einmal mehr für schnelle Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung sorgen wird.

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