„Nur was einen emotionalen Wert hat, behalten wir im Gedächtnis“, sagt Harald Welzer. Der Sozialpsychologe aus Essen hatte sich zusammen mit einigen Mitstreitern zu einer Podiumsdiskussion in Berlin eingefunden, um über „Die Logik der Gefühle“ zu diskutieren. Der Veranstaltung schloss sich die Verleihung des Georg-von-Holtzbrinck-Preises für Wissenschaftsjournalismus an, der in diesem Jahr an Christian Schwägerl von der FAZ und die Hörfunkjournalistin Kristin Raabe verliehen wurde.

An der Debatte, die Andreas Sentker von der „Zeit“ moderierte, nahm auch der Wissenschaftsjournalist Gerald Traufetter vom „Spiegel“ teil, der gerade sein Buch zur „Intuition“ herausgebracht hat. Es ist eines von diversen Werken in diesem Bücherherbst, die sich den Gefühlen, Bauchentscheidungen oder eben der Intuition widmen.

Eine etwas überraschende Aufwertung unserer Emotionen und ihrer Einflüsse auf unser Denken hat hier in den letzten Jahren zu einer Umorientierung geführt. Wurde früher einer sofort der „Unsachlichkeit“ geziehen, wenn seine Rede emotionale Erregtheit verspüren ließ, so macht sich nun einer beinahe verdächtig, wenn seine Rede allzu kalt und emotionslos daherkommt. Gefühlskalte Psychopathie gilt denn auch als schwere Krankheit.

Mysteriös, aber hoch funktionell

Hieß es einst bei Descartes: „Ich denke, also bin ich“, so verkündet nun der Hirnforscher Antonio Damasio: „Ich fühle, also bin ich.“ Dabei ist es ja nicht gerade überraschend, was die Diskussionsteilnehmer zum Besten geben, wenn sie den Begriff „Intuition“ erst mal definieren sollen. „Die Anwendung unreflektierten Wissens“, sieht Traufetter darin. Laut Wikipedia-Lexikon ist Intuition der Auslöser von „Entscheidungen durch sich spontan einstellende Eingebungen, die auf unbewusstem Weg zu Stande gekommen sind“.

Das klingt mysteriös, aber Harald Welzer verteidigt das Unbewusste: Es habe einen schlechten Ruf, sei aber hoch funktionell. Es entlaste uns von zahllosen Reflexionsaufgaben. „Ich wollte“, bekennt der Psychologe, „dass noch mehr Prozesse unbewusst abliefen, damit ich mich noch mehr mit dem Wesentlichen befassen kann.“

Das Modell des Gehirns als Rechenmaschine hat damit ausgedient. Denken und Fühlen gehen eng zusammen und kontrollieren sich gegenseitig. Ein Baby kann vom ersten Tag an Emotionen ausdrücken, etwa mitteilen, wie es ihm geht. Und die Eltern verstehen es. Emotionen sind nicht nur in uns, sondern auch zwischen uns. Täglich lernen wir neue Gefühle, die wir in einem speziellen emotionalen Gedächtnis speichern. Das entspricht unserer Natur. Harald Welzer: „Wir sind eben keine rationalen Wesen, sondern Beziehungswesen.“

Lebewesen, die sich mit Kategorien wie Vertrauen oder Gerechtigkeit in Gemeinschaften integrieren. Das rein rational handelnde Individuum, wie es eine sicher zu optimistische Aufklärung postulierte, muss sich inzwischen wohl der Ratiophilie bezichtigen lassen, bis dato nicht eigentlich ein Schimpfwort. Also für die Zukunft: Rational handeln – ja; aber bitte mit Gefühl.

Reinhard Breuer
Chefredakteur Spektrum der Wissenschaft