Das Zentralinstitut für Angewandte Mathematik der Kernforschungsanlage Jülich: Das war für mich – 18 Jahre alt, gerade aus der Schule, erster Ferienjob – die große weite Welt der Wissenschaft. Und deren weltläufigster Vertreter war der stellvertretende Chef des Hauses: Hans Meuer. Laut, rau und herzlich zählte er zu denen, die mich in das elementare Programmieren einführten. Ein Jahr später, 1972, begleitete er meine ersten Gehversuche in Computeralgebra; die Jülicher hatten eine Software namens FORMAC – über die längst die Zeit hinweggegangen ist – zu einer frühen Blüte getrieben.

Wenig später wurde Hans Meuer Chef des Rechenzentrums der Universität Mannheim, und ich hörte lange Zeit nichts von ihm. Erst zwanzig Jahre später, als ich schon Redakteur geworden war, begegnete er mir wieder als Organisator der "International Supercomputing Conference". Was 1986 als nettes internes Seminar der Mannheimer Universität begonnen hatte, ist unter Meuers Führung zu einem Ereignis von großer Bedeutung herangewachsen. Alle Jahre im Juni trifft sich alles, was mit den Computern der höchsten Leistungsklasse arbeitet, zur Konferenz und schaut nach der "Top500", der Liste der 500 weltschnellsten Computer. (Jedes Jahr im November wird auf der gleichnamigen Konferenz in den USA die dann aktuelle Top500 vorgestellt. Der halbjährige Rhythmus macht durchaus Sinn: Supercomputer rechnen nicht nur atemberaubend schnell, sie entwickeln sich auch in atemberaubendem Tempo. Nach jeweils einem halben Jahr sieht die Liste schon wieder ganz anders aus.)

Diesen Wettbewerb rief Meuer erstmals 1993 aus, zusammen mit seinem damaligen Kollegen Erich Strohmaier, der später zum Lawrence Berkeley National Laboratory des amerikanischen Energieministeriums ging; Jack Dongarra von der University of Tennessee erarbeitete den bis heute gültigen Leistungsmaßstab, die "Linpack benchmark".

Wohlgemerkt: In Mannheim selbst ist nie Hochleistungsrechnen betrieben worden. Der einzige Standortvorteil von Mannheim hieß Hans Meuer. Ihm gelang es, Vertreter der verschiedensten Gruppen – Hersteller, Anwender, Forscher, … –, die teilweise in heftiger Konkurrenz zueinander standen, immer wieder unter einem Dach zusammenzubringen. Letzteres musste von Jahr zu Jahr immer größer werden. Auf der Suche nach einem geeigneten Tagungsort wanderte die Veranstaltung von Mannheim über Heidelberg, Dresden und Hamburg schließlich in die Leipziger Messehallen. Ich habe 2002, 2005, 2008 und 2009 über die Tagung berichtet.

"Spektrum"-Leser haben indirekt von Meuers Vermittlungskünsten profitiert: Er fand Interviewpartner und Autoren, die über immer wieder neue Entwicklungen im Supercomputing zu berichten hatten: Thomas Sterling, Horst Simon, Steven J. Wallach, nochmals Thomas Sterling, Andreas von Bechtolsheim, Hans Günther Kruse und Arndt Bode.

Noch auf der 2009er Tagung habe ich ihn graubärtig und geringfügig langsamer im Reden, aber so beeindruckend vital erlebt wie immer. Nun hat er einen kurzen, heftigen Kampf gegen seine Krebserkrankung verloren. Was aber die Organisation der Supercomputer-Tagung angeht: Da wird sein Erbe fortgeführt – von seinen Söhnen. Die nächste Tagung findet vom 22. bis zum 26. Juni in Leipzig statt.