Porträt
Ein Denker zwischen zwei Kulturen
Bernulf Kanitscheider ist ein Geisteswissenschaftler, dessen Interesse dem Weltbild der Naturwissenschaft gilt. Aus den Erkenntnissen der empirischen Forschung zieht er begriffliche Konsequenzen für naturphilosophische und wissenschaftstheoretische Probleme, aber auch für Ethik, Moral und individuelle Glückssuche.
Bernulf Kanitscheider: Ich habe als Philosophiestudent wie üblich mit dem Studium der Klassiker angefangen, empfand aber bald ein gewisses Ungenügen an metaphysischen Systemen. Ich merkte, dass vor allem die Vertreter der analytischen Philosophie und der modernen Logik einen ganz anderen Denkstil bevorzugen. Über die Nähe der Logik zur Mathematik entstand schließlich meine Liebe zur Physik.
Spektrum: An diesem Bildungsweg fällt auf, dass Sie für sich anscheinend das Problem der »zwei Kulturen« gelöst haben. Wie stehen Sie zu der oft konstatierten Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften?
Kanitscheider: Ich möchte zwei Varianten des Problems unterscheiden. Zum einen gibt es ein psychologisches Bildungsproblem. C. P. Snow hat das in seinem berühmten Essay von 1959 beschrieben: Wenn sich Akademiker abends zu einer gehobenen Unterhaltung treffen, dann wird im Wesentlichen über Themen aus dem klassischen Bildungsbereich gesprochen, und jeder Naturwissenschaftler bemüht sich zu demonstrieren, dass er kein Banause ist, sondern sich in Geschichte und Literatur gut auskennt – von Shakespeare bis zurück zu Homer.
Hingegen habe ich noch keinen Geisteswissenschaftler getroffen, der versucht, den Naturwissenschaftlern zu zeigen, dass er etwas mit dem Begriff des Elektrons oder der Entropie anfangen kann – kurz, dass er naturwissenschaftliche Bildung besitzt. Hier herrscht eine offensichtliche Asymmetrie, die bis zum heutigen Tage andauert.
Doch tiefer liegt ein systematisches Problem. Dabei geht es um den Schlüsselbegriff des Geistes. Deutsche Geisteswissenschaftler haben seit Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder die Position vertreten, es gebe einen Hiatus – einen unüberbrückbaren Graben, der den Begriff des Geistes von allen biologischen, neurologischen, physiologischen Analysen trennt.
Doch wie ich meine, vermag die moderne analytische Philosophie des Geistes diesen Graben zu überbrücken. Das hängt mit meiner realistisch-naturalistischen Weltauffassung zusammen: Die Natur des Geistes fällt nicht aus der rationalen, wissenschaftlichen Analyse heraus, sondern der menschliche Geist ist ein hochinteressantes Phänomen, das von beiden Seiten, von


Bernulf Kanitscheider
ist Philosoph und Wissenschaftstheoretiker.
Er promovierte 1964 über
»Das Problem des Bewusstseins« an der Universität
Innsbruck, wo er
sich 1970 auch mit dem
Thema »Geometrie und
Wirklichkeit« habilitierte.
1974 wurde er auf den
Lehrstuhl für Philosophie
der Naturwissenschaft an
der Universität Gießen
berufen. Seine Arbeitsgebiete
sind Kosmologie,
philosophische Probleme
von Relativitätstheorie
und Quantenmechanik,
Philosophie der Mathematik
und Lebensphilosophie.
Seit Oktober 2007
ist Kanitscheider emeritiert. Michael Springer ist Redakteur bei Spektrum der Wissenschaft.
abrufen





Graue Substanz |
Natur des Glaubens |
Con Text |
MENSCHEN-BILDER |
Landschaft & Oekologie |
Mente et Malleo |
Polarstern unterwegs |
WIRKLICHKEIT |
Robotergesetze |
NeuroKognition |
bildungslücke |
braincast | 






1. Grenze der Hirnforschung
23.06.2008, Prof. Paul Kalbhen, GummersbachDie Wahrscheinlichkeitsgesetze der modernen Physik geben Raum für den Zufall als nicht vorherbestimmbaren, indeterminierten Vorgang, der aus der "Lückenhaftigkeit" der Naturgesetzlichkeit erwächst und keiner kausalen Beziehung unterliegt, also unbestimmt und ungewiss auftreten kann; die Kausalbeziehungen der Welt sind wahrscheinlichkeitsbedingte, statistische Gesetzmäßigkeiten. Wie kann die Neurowissenschaft annehmen, ein geistiges Prinzip wie den freien Willen materiell ausmessen zu können, mit der kategorischen Behauptung, ihn nicht "gefunden" zu haben, weil das Wollen und Handeln des Menschen allein durch die "Erregungszustände seiner Neuronen" fixiert sei. Wenn man schon denkt, die determinierte "Hardware" des Gehirns messtechnisch erfassen zu können, so versagt doch eine vollständige Objektivierung der Hirnprozesse, weil die unscharfe, statistischen Schwankungen unterliegende "Software" menschlichen Verhaltens unbekannt bliebe und auch durch den messtechnischen Eingriff verändert würde. Der Molekulargenetiker Martin Heisenberg, Sohn Werner Heisenbergs, schreibt dazu: "Nur für Leistungen können wir im Gehirn die Netzwerke aufspüren, die sie erbringen. Die Grenze der Gehirnforschung liegt, soweit man heute sehen kann, nicht in der außerordentlichen Komplexität von Nervensystemen, sondern in der beschränkten Möglichkeit, seelische Vorgänge als Leistungen zu formulieren." (Mannheimer Forum, Piper Verlag 1990).
2. Physikreligiöses Dogma
23.06.2008, Reiner Vogels, Swisttal-OdendorfIm übrigen stimme ich Prof. Kalbhen zu, dass die These einer vollkommenen Determiniertheit des menschlichen Willens - trotz der interessanten Experimente der Hirnforscher - abwegig ist.
Im Grunde ist diese These nichts anderes als das - sit venia verbo - physikreligiöse Dogma, dass der Erhaltungssatz der Energie und der erste thermodynamische Hauptsatz auch auf den menschlichen Geist anzuwenden seien. Aus den besagten Sätzen folgt ja, dass es keine physikalischen Wirkungen ohne physikalische Ursachen geben kann. Da nun eine menschliche Willensentscheidung - etwa meine Entscheidung, diesen Leserbrief schreiben - ohne Zweifel physikalische Wirkungen erzeugt - wie z. B. das Niederdrücken der Tasten an meinem Notebook -, lautet die Schlussfolgerung: Also muss auch die Willensentscheidung, die hinter diesen physikalischen Wirkungen steht, letztlich auf deterministische physikalische Ursachen zurückzuführen sein.
Dies jedoch ist unangemessenes dogmatisches Denken, das meint, die Gesetze der Physik seien auch auf den Geist anzuwenden. Es stimmt zwar, dass vor dem Bedienen meiner Computertastatur eine ganze Kaskade von neurophysiologischen und bioelektrischen Abläufen gestanden hat, es war jedoch mein freier Wille, der diese Kaskade bis hin zu den für die Bedienung der Tastatur notwendigen Befehlen an die Muskulatur in meinen Armen und Fingern in Bewegung gesetzt hat. Es waren nicht sich selbst steuernde, deterministische und mich meiner Freiheit beraubende physikalische bzw. biochemische Prozesse in meinem Gehirn.
3. Choice and Ethic
24.06.2008, Chris Wood, Hohenbrunn1.
"Das Gehirn ist ein klassisches System, das dem klassischen Determinismus unterworfen ist".
Quantum theory is perhaps the second best established theory in all of science (after Darwinian evolution). (Incidentally, it supplies true randomness, which makes it even easier to believe in evolution). As long as it holds, there is no classical determinism. The brain contains millions of radioactive nuclei, which decay unpredictably. This already negates determinism, without considering more complex aspects of quantum theory. I consider it possible that the human brain exploits quantum effects, for instance by having more random behavior than would be expected of something of this size. It may exploit properties of nature that have yet to be discovered. We still do not know much about how it works.
I agree that quantum theory gives little reason to believe in freedom of choice. A purely random component of behavior is not what people mean by freedom of choice. It is certainly not something that should lead a good god to punish or reward.
What people mean is some sort of spirit, responsible for consciousness, that controls some of the working of the (rest of the) brain. Recent research has cast doubts on the idea that such control works in one direction. We may think we decide something before starting to do it, but the reverse is often true.
I doubt whether there is such a hierarchy in the brain. Consciousness may just be a side effect of the way a small fraction of brain activity gets remembered. Some people believe that this "spirit" functions outside the "laws" of physics. I do not believe that anything functions outside the laws. Although we can never know all, everything can be investigated.
2.
As regards spirit and ethics, I think that Professor Kanitscheider does not distance himself enough from religion/humanism. Maybe I should write a book about this, but Richard Dawkins writes better than I can about such things, (see "The God Delusion"). So I shall just mention one or two points that Dawkins may have saved for his next book. Religion is humanism/nationalism/racism in disguise. God was created in man's image, and a majority of Americans still see it that way. The Earth or even a relatively small piece of land was placed at the center of the Universe. Religion has slowly backed away from the worst aspects of this, under pressure from people who presumably grew up in loving educated families. Until relatively recently, many religious people did not regard Negroes as created in God's image. Many religious people regard unbelievers as sub-human.
Most educated people now accept human rights, but what about rights for intelligent beings? As regards pragmatic ethics, we are lucky that a big intelligence gap has opened up between Homo sapiens and other surviving vertebrates. I find ethics very difficult. There are value judgments above ("worst", "lucky"), that I used conventionally, rather than justifying them in terms of an abstract ethic. I am trying to develop such an ethic, but it is easier to point out the theoretical deficits of humanism. I see it as wrong to torture cats, not only because humans find it repugnant. In the next thousand years, we may make contact with extra terrestrial intelligences, to which we grant no rights. We can hope that they grant us rights. In the next thousand years, robots may equal or exceed our intelligence. How shall we treat each other? Intelligent hybrid man-chip beings may be developed. Has the Catholic Church the right to prohibit this? My ethic will be based on knowledge, but this word must be defined. For instance, a live goose egg contains the knowledge that a fox is dangerous, so bio-diversity is valuable. Was it then wrong to (nearly) exterminate smallpox? Anyway, it is too simple to say that human happiness is all that matters, (which is near to what Professor Kanitscheider said). Why should I develop an ethic? Firstly, as explained above, I seem to have no choice. Secondly, the world is getting into a mess; which can perhaps be avoided if a new ethic is widely accepted. If we leave it to religion to organize this, it will come too late.
4. Mehr Wissenschaft, weniger Theologie!
28.06.2008, Jakob Thomsenwas ich bisher in Spektrum der Wissenschaft über den Zusammenhang von Natur- und Geisteswissenschaften gelesen habe. Bewundernswert, wie das komplexe Scheinproblem "Willensfreiheit" in wenigen Sätzen zerpflückt und die Ethik aus den Fängen der Theologie befreit wird.
Verwunderlich finde ich allerdings, dass in einer seriösen naturwissenschaftlichen Zeitschrift wie Spektrum der Wissenschaft überhaupt immer wieder Theologie zur Sprache kommt(wenn auch zum Glück nur am Rande), denn diese hat eindeutig nichts mit Wissenschaft zu tun, da keine ihrer "Theorien" falsifizierbar ist und sie schon bei oberflächlicher Betrachtung voller Widersprüche steckt.
Einige Beispiele:
Die Annahme, es gäbe einen Gott, der allwissend ist,
schließt Willensfreiheit aus, denn wie kann jemand frei sein, dessen Handlungen Gott schon im Voraus bekannt und die damit festgelegt sind? Weiterhin kann Gott selber damit keine Willensfreiheit besitzen, da er seine eigenen Entscheidungen auch im Voraus kennen muss.
Und die Annahme, Gott sei allmächtig, befreit alle Menschen völlig von jeglicher Verantwortung für ihre Taten (also auch von "Sünden"): Da Gott vorab von diesen Taten Kenntnis hatte und sie nicht verhinderte, können wir nur folgern, dass er sie befürwortet, sonst hätte er sie verhindert!
Allmacht und Allwissenheit eines Gottes machen auch Gebete
(im Sinne von Bitten um etwas, z.B. Gesundheit) überflüssig,
denn wir müssen annehmen, dass sowohl Gegenwart und Zukunft EXAKT so sind bzw. werden, wie Gott sie haben will,
sonst hätte er sie ja verändern bzw. im Voraus verhindern können. Gebete sind so gesehen immer Kritik an Gott.
Schließlich ist schon ein Konzept wie "Allmächtigkeit" ein Widerspruch in sich: Ein allmächtiges Wesen müsste z.B. einen Stein erschaffen können, den nicht einmal es selbst bewegen kann, sonst wäre es nicht allmächtig. Wenn es diesen hypothetischen Stein erschafft, so ist es nicht allmächtig, denn es kann diesen Stein eben nicht bewegen!
Verzichtet es darauf, so ist es auch nicht allmächtig,
denn es kann diesen Stein nicht erschaffen!
Zu guter letzt ist der Anspruch der Religion auf die Ethik unsinnig: Entweder es gibt eine absolute Definition von dem, was "gut" ist, dann muss sich auch Gott daran halten und wird für diese Frage überflüssig. Oder die Definition ist von Gott vorgegeben und wird damit völlig willkürlich,
denn dann wäre ja alles "gut" solange es nur "von oben" vorgegeben wird!
Angesichts dieser und zahlloser weiterer Ungereimtheiten
bin ich daher dafür, das Thema "Theologie" erst dann wieder anzuschneiden, wenn es von offensichtlichen inneren Widersprüchen befreite und falsifizierbare Theorien präsentieren kann.
5. Kommentar zum Leserbrief von J. Thomsen
02.07.2008, Prof. Dr. Peter Ulmschneider, HeidelbergJakob Thomsen (J.T.): Verwunderlich finde ich allerdings,
dass in einer seriösen naturwissenschaftlichen Zeitschrift wie Spektrum der Wissenschaft überhaupt immer wieder Theologie zur Sprache kommt (wenn auch zum Glück nur am Rande), denn diese hat eindeutig nichts mit Wissenschaft zu tun, da keine ihrer "Theorien" falsifizierbar sind, und sie schon bei oberflächlicher Betrachtung voller Widersprüche steckt.
Peter Ulmschneider (PU): Bei "oberflächlicher Betrachtung voller Widersprüche" so kann man 2500 Jahre Diskussion zu diesem Thema nicht abtun.
J.T.: Einige Beispiele:
Die Annahme, es gäbe einen Gott, der allwissend ist, schließt Willensfreiheit aus, denn wie kann jemand frei sein, dessen Handlungen Gott schon im Voraus bekannt und die damit festgelegt sind?
PU: Schon Boethius hat um 525 in seiner Schrift „Vom Trost der Philosophie“ diese Tatsache erklärt: Gott steht außerhalb der Zeit. Die Zeit wurde von ihm zusammen mit unserer Welt geschaffen und betrifft ihn nicht. Weil Gott zu allen Zeiten in permanenter Gegenwart existiert, sieht er was eine Person anrichtet. Diese Person behält dabei ihren freien Willen, Gott greift in ihre Entscheidung nicht ein.
J.T.: Weiterhin kann Gott selber damit keine Willensfreiheit besitzen, da er seine eigenen Entscheidungen auch im Voraus kennen muss.
PU: Zeit und Raum sind von Gott geschaffen, sie betreffen ihn nicht.
J.T.: Und die Annahme, Gott sei allmächtig, befreit alle Menschen völlig von jeglicher Verantwortung für ihre Taten (also auch von "Sünden"):
Da Gott im Voraus von diesen Taten Kenntniss hatte und sie nicht verhinderte, können wir nur folgern, dass er sie befürwortet, sonst hätte er sie verhindert!
PU: Was hat Zeitlosigkeit mit Allmacht zu tun?
J.T.: Allmacht und Allwissenheit eines Gottes machen auch Gebete (im Sinne von Bitten um etwas, z.B. Gesundheit) überflüssig, denn wir müssen annehmen, dass sowohl Gegenwart und Zukunft EXAKT so sind bzw. werden,
wie Gott sie haben will, sonst hätte er sie ja verändern bzw. im Voraus verhindern können.
PU: Wenn Gott eingreifen würde um alles Böse zu verhindern, würde er uns den freien Willen nehmen und uns zu willenlosen Robotern machen. Er würde dann nicht über unsere Welt sondern eine Uhrenfabrik herrschen.
J.T.: Gebete sind so gesehen immer Kritik an Gott.
PU: Das folgende Gebet ist keine Kritik an Gott: "Herr, mein Gott, ich flüchte mich zu dir; hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich, damit mir niemand wie ein Löwe das Leben raubt, mich zerreißt, und keiner da ist, der mich rettet."
J.T.: Schließlich ist schon ein Konzept wie
"Allmächtigkeit" ein Widerspruch in sich:
Ein allmächtiges Wesen müsste z.B. einen Stein erschaffen können, den nicht einmal es selbst bewegen kann, sonst wäre es nicht allmächtig. Wenn es diesen hypothetischen Stein erschafft, so ist es nicht allmächtig, denn es kann diesen Stein eben nicht bewegen! Verzichtet es darauf, so ist es auch nicht allmächtig, denn es kann diesen Stein nicht erschaffen!
PU: Offensichtlich kann Allmacht nicht bedeuten, dass Gott fähig sein soll, absolut alles zu tun: Ein Ding und auch sein Gegenteil, reinen Unsinn (einen solch schweren Stein zu schaffen, dass er ihn nicht heben kann, eine Frage zu stellen, die er nicht beantworten kann, etwas zu entdecken das er nicht kennt), Naturgesetze zu verfügen und sie wieder zu beseitigen, Menschen mit freiem Willen zu schaffen und diese Freiheit bei beliebigen Gelegenheiten wieder zurückzunehmen. Eine solche Vorstellung von Allmacht als uneingeschränkte Willkür ist inkonsistent mit dem Bild Gottes als dem großartigen Schöpfer, der in logisch-widerspruchsfreier, definitiver und zielbewusster Weise handelt.
J.T.: Zu guter Letzt ist der Anspruch der Religion auf die Ethik unsinnig:
Entweder es gibt eine absolute Definition von dem, was "gut" ist, dann muss sich auch Gott daran halten und wird für diese Frage überflüssig. Oder die Definition ist von Gott vorgegeben und wird damit völlig willkürlich, denn dann wäre ja alles "gut" solange es nur "von oben"
vorgegeben wird!
PU: Ethik, Liebe bedeutet nicht, dass er uns von Leiden und Tod verschonen sollte, da solch ein Eingreifen die (Natur-) Gesetze der Evolution (d.h. den Kampf ums Überleben) aufheben würde, was inkonsistent mit seiner Schöpfung wäre.
J.T.: Angesichts dieser und zahlloser weiterer Ungereimtheiten bin ich daher dafür, das Thema "Theologie" erst dann wieder anzuschneiden, wenn es von offensichtlichen inneren Widersprüchen befreite und
falsifizierbare Theorien präsentieren kann.
PU: Wir reden heute über Dunkle Materie und Dunkle Energie obwohl wir nicht wissen, ob diese wirklich existieren und wenn, was diese Stoffe wirklich sind. In der Wissenschaft (und die Frage nach einem Schöpfer unseres Universums ist eine primär naturwissenschaftliche Frage!) kann man über alles reden, solange man rational argumentiert. Man kann sehr wohl fragen was ontologisch „vor“ dem Urknall war obwohl die Zeit dort entstanden ist, was „nach“ dem Kältetod unseres Universums kommt, obwohl dieser erst nach unendlich langer Zeit eintreten wird und was „jenseits“ des Endpunkts der Evolution des Lebens sein wird. Meines Erachtens ist für die Erklärung dieser drei asymptotischen Ereignisse die Existenz Gottes eine sehr wahrscheinliche naturwissenschaftliche Hypothese.
6. Warum friedlicher Umgang miteinander?
02.07.2008, Reiner Vogels, SwisttalEs ist wissenschaftlich und rational überhaupt nicht begründbar, dass das "friedliche Zusammenleben der Menschen" ein Wert ist. Warum sollte das ein Wert sein?
Vor Jahren schon hat Peter Singer auf der Basis des atheistischen Humanismus, wie ihn Prof. Kanitscheider vertritt, mit vollem Recht in SdW vor einem "Rassismus der Spezies Mensch" gewarnt. Warum sollte nach Singer ein lebenslustiger Schimpanse nicht ein größeres Recht haben als ein geistig behindertes Kind?
Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die vom friedlichen Zusammenleben der Menschen überhaupt nichts gehalten haben. Von Napoleon stammt bekanntlich der Ausspruch: "Ein Mensch wie ich pfeift auf das Leben von einer Million Menschen." Was ist daran ethisch falsch, wenn der Mensch lediglich ein deterministischer biologischer Apparat ist, der weder Freiheit noch die nur in der Freiheit zu begründende Würde hat? Welche Würde sollte eine biologische Maschine haben?
Was ist an der Lehre Nietzsches falsch, dass es Übermenschen und Untermenschen gibt und dass es das Recht der Übermenschen ist, den Untermenschen Ihren Willen aufzuzwingen? Was ist falsch an der Kastenlehre, die besagt, dass Schönheit und Kunst, Wissenschaft und Philosphie nur etwas für bestimmte Kasten seien, während die unteren Kasten für niedere Tätigkeiten bestimmt seien? Was schließlich ist falsch an der biologistischen Lehre, dass der Kampf ums Überleben und das Gesetz von Fressen und Gefressenwerden nicht nur in der nichtmenschlichen Natur, sondern auch in der menschlichen Gesellschaft richtig sei, weil es das Natürlichste von der Welt ist?
Ich lerne gerne hinzu, und ich bin wirklich gespannt, ob es aus der Sicht des atheistischen Humanismus wirklich rationale und wissenschaftlich begründbare Argumente gibt, die die Falschheit der von mir aufgeführten Beispiele beweisen. Da haben die atheistischen Humanisten eine bisher uneingelöste und nach meiner Überzeugung uneinlösbare Bringschuld!
7. Auf Einhaltung der Grenzen und Regeln achten
04.07.2008, Paul Scheipers, CoesfeldIn der Naturwissenschaft gibt es besonders strenge Regeln. Im Rahmen dieser Regeln ist es nicht möglich, Beweise für Gottes Existenz oder Nichtexistenz zu finden. Menschen, die davon ausgehen, dass es einen Gott gibt oder andere, die von seiner Nichtexistenz überzeugt sind, müssen dies jeweils glauben.
Naturwissenschaftler, die sich an ihre strengen Regeln halten, dürfen sich im Rahmen ihrer naturwissenschaftlichen Forschungsarbeit nicht mit Sinnfragen oder mit religiösen beziehungsweise atheistischen Glaubensangelegenheiten beschäftigen, weil sie dann ihre Grenzen überschreiten und eventuell der Naturwissenschaft Schaden zufügen würden. Deshalb ist es innerhalb der Naturwissenschaft wichtig, auf eine strenge Einhaltung der Grenzen und Regeln zu achten, da sonst ein Bollwerk des Vertrauens und der wissenschaftlichen Seriosität abgewertet wird. Allerdings können Naturwissenschaftler problemlos außerhalb ihrer Arbeit zum Beispiel als gläubige Christen oder Atheisten tätig sein.
Atheistische und religiöse Gläubige dürfen ohne Grenzverletzungen in den Erkenntnissen der Naturwissenschaft nach Informationen suchen, die ihren Glauben unterstützen, ihm aber keine Beweiskraft verleihen. Ihre Interpretationen der Informationen führen auf ihrer jeweiligen Glaubensebene höchstens zu Glaubensaussagen.
Wenn Atheisten sagen, dass sie deshalb nicht an einen Gott glauben, weil die naturwissenschaftliche Forschung bisher nirgendwo Hinweise auf einen Gott gefunden hat und das Universum sich bisher aus den Urpotenzialen der Urknallphase ohne göttliches Einwirken nach den Naturgesetzen entwickeln konnte, ist das ihr Glaubensrecht. Sie überschreiten aber ihre Glaubensgrenze, wenn sie behaupten, dass der aktuelle Wissensstand der Naturwissenschaft mit erdrückender Beweislast die Existenz eines Gottes ausschließt und deshalb religiöse Menschen im Gegensatz zu Atheisten völlig unwissenschaftlich handeln.
Wenn religiöse Menschen sagen, sie können sich nicht vorstellen, dass etwas so Komplexes wie das Universum durch puren Zufall und ohne Wirken eines Schöpfers entstanden ist, zählt so etwas zu ihrem Glaubensrecht. Sie verletzen aber ihre Glaubensgrenze, sollten sie daraus schließen, dass die menschliche Vernunft deshalb bereits die Existenz eines Schöpfergottes wissenschaftlich eindeutig nachweisen kann.
Sollte es gelingen, dass sich Naturwissenschaftler sowie religiöse und atheistische Gläubige an ihre Regeln und Grenzen halten würden, gäbe es viel mehr Frieden auf der Welt. So könnte eine weltweite Friedensbewegung entstehen.
8. Zum Begriff des Zufalls als "Freiheitsgrad"
04.07.2008, Prof. Paul Kalbhen, GummersbachThomas Görnitz schreibt zum Unterschied zwischen den Makroobjekten der klassischen Physik und den Mikroobjekten der Quantenphysik, "dass die klassische Physik die Fakten und die Quantenphysik die Möglichkeiten erfasst" (Der kreative Kosmos, Spektrum Akad. Verlag Heidelberg, 2002). Andere Physiker sehen in den Unwägbarkeiten und Ungewissheiten der Chaostheorie den Einlass für den Zufall ins Naturgeschehen, soweit man nicht bereits die Möglichkeit zufälliger Ereignisse durch die Akausalitäten und Unschärfen des quantenphysikalischen Geschehens gegeben sieht. So David Ruelle: "In chaotischen Phänomenen erzeugt also die deterministische Ordnung die Unordnung des Zufalls." (Zufall und Chaos, Springer Berlin,1993); Lew Tarassow: "Der grundlegende Charakter des Zufalls lässt durchaus nicht den Schluss zu, die uns umgebende Welt sei ungeordnet und chaotisch aufgebaut. Der Zufall bedeutet bei weitem nicht, dass kausale Beziehungen fehlen. ... In der realen Welt sind die Kausalbeziehungen wahrscheinlichkeitsbedingte Beziehungen." (Wie der Zufall will?, Spektrum Akad. Verlag Heidelberg, 1993); Paul Davies: "Das Chaos liefert uns offenbar eine Brücke zwischen den Gesetzen der Physik und denen des Zufalls. In gewisser Weise können Zufallsereignisse immer auf die Unkenntnis im Detail zurückgeführt werden." (Auf dem Weg zur Weltformel, Byblos Berlin, 1993).
Wenn freilich einige Hirnforscher oder Philosophen Geist und Gehirn gleichsetzen, finde ich das überspannt: Sind dann auch Hard- und Software des Computers gleichzusetzen - auf Kosten des geistigen Hintergrundes, der Intelligenz des Programmierers? Die Reduzierung des Geistigen auf Gehirnvorgänge erfasst nicht die Komplexität und Spontaneität menschlichen Bewusstseins und Verhaltens! Der Neurowissenschaftler Wolf Singer, ein führender Vertreter der Hirnforschung in Deutschland, räumt immerhin ein: "Sollte hingegen zutreffen, dass es die freie, von neuronalen Vorgängen unabhängige Entscheidung gibt, die jedem neuronalen Vorgang vorausgeht und diesen dann lediglich in Gang setzt, damit die beschlossenen Aktionen ausgeführt werden, dann müssen wir etwas annehmen, was in keinem der bislang bekannten naturwissenschaftlichen Beschreibungssysteme vorkommt. Die Frage nach der Existenz und möglichen Natur dieses Etwas entzieht sich dem naturwissenschaftlichen Zugriff." (SdW Heft 4/01: Leserdiskussion um ‚Das Ende des freien Willens?‘).
9. Kommentar zum Leserbrief von J. Thomsen
04.07.2008, Prof. Paul Kalbhen, GummersbachIch stelle den "Mutmaßungen" von J. Thomsen meinerseits "spekulativ" 10 Thesen zur Thematik "Glaube und Naturwissenschaft" gegenüber - weit gehend in Übereinstimmung mit der Theologie eines Thomas von Aquins -, die vielleicht zum Nachdenken anregen könnten!
1. Gott will in seinem Wesen erkannt werden, sonst hätte er sich nicht offenbart: in seinem Sohn, in seinen Propheten, in der Natur - und auch in der Wissenschaft von der Natur.
2. Das Wirken Gottes in seiner Schöpfung ist geistiger Art: Mit der Erschaffung von Energie und Naturgesetzen aus dem "Nichts" legte er den Grund für die Entwicklung des Lebens und machte mit seinem Geist den Menschen sich selbst bewusst.
3. Die Ewigkeit Gottes ist im Sinne der Einstein‘schen Relativitätstheorie als Zeitlosigkeit denkbar. Nach Aussage der christlichen Dreifaltigkeitslehre ist "Gott-Vater" allwissend - man könnte folgern, weil er als Schöpfer der Welt außerhalb unseres Raum-Zeit-Kontinuums existiert. Damit entfällt die theologische "Zwangslage", Vorhersehung Gottes und Vorherbestimmung gleichzusetzen.
4. Die Menschwerdung Christi ist die Materialisierung Gottes, die Auferstehung Christi ist die Dematerialisierung Gottes in der Welt. Die Inkarnation Gottes in Jesus Christus ist die Kernaussage christlichen Glaubens; in den gewandelten Gaben von Brot und Wein des Abendmahles, der Eucharistiefeier bleibt er sichtbar in der Welt.
5. Aus der christlichen Offenbarung kann man drei absolute Eigenschaften Gottes folgern: Die Allgüte - da Gott als absolute Liebe außerhalb des Bösen existiert; die Allwissenheit - da Gott als absolutes Sein außerhalb von Raum und Zeit existiert; die Allmacht - da Gott alle Freiheit besitzt, innerhalb seiner Allgüte und Allwissenheit zu wirken.
6. Angesichts des Leides in der Welt ist die Vorstellung eines absolut liebenden Gottes nur zu begründen, wenn man den Zufall als ein wesentliches Element in Gottes Schöpfungskonzept begreift: Denn Gott will das Leid nicht, sondern lässt es wegen der Freiheit seiner Schöpfung zu.
7. Die Gnade, die Güte Gottes kann nur wirksam werden, wenn der freie Wille des Menschen sie bejaht; insofern ist die Gnadenwirkung, die Fügung des Menschen unter den Willen Gottes, nicht vorherbestimmt - "determiniert" -, sondern zufallsbedingt - "indeterminiert".
8. Das christliche Weltverständnis muss unter dem Blickwinkel der Quantenphysik "komplementär" – sich gegensätzlich ergänzend – erfolgen. Der scheinbare Widerspruch zwischen Ordnung und Chaos, Notwendigkeit und Zufall, Gesetz und Freiheit löst sich auf unter einer ganzheitlichen Sicht der christlichen Offenbarung: Gott hat in seine Schöpfung sowohl Ordnungsstrukturen als auch Freiheitsgrade gelegt und diese zu statistischen - wahrscheinlichkeitsbedingten - Naturgesetzen verschmolzen.
9. Wesentlich für das Christentum ist eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen als Leib-Seele-Einheit, die ihre Auferstehung in der "Ewigkeit" erfährt. Das heißt, dass der Mensch nicht nur als geistiges Wesen in das "Jenseits" eingeht, sondern als genetisch geprägtes Individuum, dessen Ich-Sein in der Welt eben auch von seinen genbedingten Veranlagungen und Eigenschaften abhängig ist.
10. Erst die Wechselwirkung von Gehirn und Geist, von Leib und Seele, von "Hardware" und "Software" des Individuums macht den sich selbst bewussten Menschen aus; die in den Genen gespeicherte Information ist geistigen Ursprungs. Für den Christen ist das Leben Teilhabe am Göttlichen Geist, dem "Heiligen Geist".
10. Kommentar zum Leserbrief von Paul Scheipers
05.07.2008, Herbert Huber, Wasserburg am InnDas ist sicherlich eine sehr viel bescheidenere Aussage wie die Existenzannahme eines Gottes. Auch diese Aussage ist kaum zu bestreiten, allerdings würden wir die Glaubenden zumindest extrem skeptisch anschauen. Die Begründung, dass man bisher noch nirgendwo Hinweise auf Grashalmspitzengnome gefunden hat und die Grashalme sich ohne göttliches Einwirken nach den Naturgesetzen bewegen, ist völlig in Ordnung und weit mehr als „ihr Glaubensrecht“.
11. Kommentar zum Leserbrief von Reiner Vogels
05.07.2008, Herbert Huber, Wasserburg am InnDie drei aufgeführten "Lehren" (Napoleon, Nietzsche, Kastenlehre) stehen mit vielen anderen zur Diskussion: wohl die meisten Menschen und ich halten nichts von den drei genannten. Bei der biologistischen Lehre allerdings vergisst Herr Vogels seine Prämisse. Sie kann ebensowenig damit begründet werden, dass sie „das Natürlichste von der Welt ist“. Was natürlich ist, kann von uns – und wird es oft – als Wert verworfen werden. Ich erinnere an
- das Auffressen des Partners bei einer Spinnenart (Spezies ist mir entfallen)
- das natürliche Artensterben.
Warum soll all das für uns – nur weil es natürlich ist – ein Wert sein?
Die Bringschuld der Humanisten ist längst erbracht. Seit Jahrtausenden reden die Menschen über Werte und bringen sie in Rangordnungen. Störungen treten dann auf, wenn Leute meinen, Werte seien in heiligen Büchern verbindlich vorgeschrieben (Diskussion überflüssig), darunter Werte, die erst nach dem Tod eintreten und jeden irdischen Unfug rechtfertigen.
12. Bringschuld weiter offen - Zum Leserbrief von H. Huber
09.07.2008, Reiner Vogels, SwisttalHerr Huber meint, dass ein ethischer Wert dadurch ausreichend begründet sei, dass "wir" ihn zu einem solchen erklären. Er meint weiter, mit dieser These habe er die Bringschuld des atheistischen Humanismus hinsichtlich einer rationalen Grundlegung der Ethik erbracht. Dies ist jedoch ein offensichtlicher Irrtum. Was Huber vorschlägt, ist reiner Voluntarismus bzw. Dezisionismus, mit einem deutschen Wort: Es ist reine Willkür. Auf eine solche Willkürethik lässt sich keine menschenwürdige Gesellschaft bauen.
Es ist ja ganz offenkundig, dass das, was Menschen - möglicherweise mehrheitlich - für gut erklären, noch lange nicht gut sein muss. Die menschliche Geschichte kennt eine Fülle von Beispielen, in denen Mehrheiten Dinge als gut befunden haben, die nach unserem heutigen Urteil nur als abscheulich bezeichnet werden können.
Es reicht aber selbst dann nicht, sich auf die Willkürmeinung der Mehrheit zu berufen, wenn sich diese Mehrheit zu nach unserer heutigen Meinung guten Werten bekennt. Im Zweifelsfall ist menschliche Geschichte immer wieder von schlagkräftigen, skrupellosen, aber gut organisierten Minderheiten gemacht worden, die dann der friedliebenden Mehrheit erbarmungslos ihren Willen aufgezwungen haben. Und das ist auch heute so. Man schaue sich nur um in der heutigen Welt: Die Staaten, in denen Demokratie, Recht und Menschenrechte herrschen, sind leider in der Minderheit, und die "Staatsordnung" von Diktatur, Unterdrückung, Kleptokratie und Unterdrückung der Schwachen bestimmt weithin das Bild. Wenn ein humanistischer Atheist einem der Potentaten dieser Systeme mit seiner kraftlosen humanistisch-atheistischen Ethik: "Demokratie und Menschenrechte sind zwar kein absoluter und objektiver Wert, aber wir - wer immer das ist - haben sie dazu erklärt und deshalb fordern wir dich auf, einzulenken", entgegentreten würde, würde er nur Spott und Hohn ernten.
Nein, solange der humanistische Atheismus keine über bloßen Voluntarismus und Dezisionismus - im Klartext: Willkür - hinausgehende Begründung für eine menschenwürdige Ethik vorzulegen vermag, hat er seine Bringschuld noch nicht beglichen. Die Schuld ist weiter offen.
Solange der Atheismus nicht mehr zu bieten hat als ethische Willkür, wird es ihm im Übrigen auch trotz seiner gegenwärtig zu beobachtenden und auch vom Spektrum der Wissenschaft geförderten weltweiten publizistischen Offensive nicht gelingen, mehrheitsfähig zu sein. Angst brauchen wir in den christlichen Kirchen vor diesem schwachen Gegner wahrlich nicht zu haben. Haben wir auch nicht.
13. Kanitscheider zwischen Positivismus und Realismus
10.07.2008, Norbert Hinterberger, HamburgNun ist es sicherlich so, dass der Einfluss eines sozial abträglichen Milieus zu Recht in die Beurteilung einer Straftat einfließt. Allerdings ist Einfluss keine Determination. Deshalb wird diese Regelung eben nicht unter komplettem Ausschluss von Eigenverantwortung appliziert.
Kanitscheider hat hier überdies aber auch noch von einer Determination durch "Verhaltensgene" gesprochen (das negiert die Willensfreiheit implizit). Bei aller Hochschätzung seiner sonstigen Arbeiten, scheint mir der Titel "Verhaltensgene" doch nachhaltig seltsam. Möchte Kanitscheider hier einem neuen Lamarckismus für Gene das Wort reden? Denn von hier aus würde ja Verhalten nicht nur ausgelöst, sondern auch vererbt. In einem modernen Neo-Darwinismus (der übrigens skizzenhaft auch schon bei Darwin selbst formuliert ist, Stichwort: "Darwin war kein Darwinist") kann man, um die nicht-passive Rolle der Organismen zu berücksichtigen, sicherlich von einem sinnvoll integrierten Scheinlamarckismus reden, wie Erwin Schrödinger und auch Karl Popper das getan haben, indem sie auf die gerichtete Verwendung von Organen (wie Armen oder Beinen etwa) bei Organismen verwiesen haben, die zu einer enzymatischen Begünstigung bestimmter Genanschaltungen und/oder Mutationen oder aber zu deren Inhibierung führen (solche Verwendungsroutinen können schon innerhalb von bloßen Populationen sehr unterschiedlich ausgerichtet sein, teilweise auch unter gleichem Selektionsdruck von der Umwelt her). In der modernen Biologie wird das unter dem Begriff der Teleonomie geführt, nicht zu verwechseln mit Teleologie).
Bei komplexen Organismen sorgt überdies das Gehirn mit einer stark hierarchisch übergeordneten Umweltwechselwirkung für diese Zielführung der Organe, welche wiederum die Zellaktivitäten anregen. Gene allein sind dagegen, ohne enzymatisches Management, was wiederum auf Umweltwechselwirkung der Zellrezeptoren zurückgeht (für eine Verbandszelle sind überdies die Nachbarzellen schon Umwelt), einfach nur eine ‚tote’ Bibliothek, die von sich aus gar nichts tut. DNA kann kein situativ umweltrelevantes Verhalten steuern. Gene steuern ohne Umweltwechselwirkung des Organismus nur die Entwicklung und das Wachstum des Körpers (mehr oder weniger direkt – über stark standardisierte Enzymatik). Alles weitere Verhalten wird über die Umweltwechselwirkung des Organismus gesteuert und zwar über extrem indirekt mobilisierte Polymerasen. Der Organismus ruft, vermittelt über die Enzymatik der Zellen, Genbefehle ab, die situativ relevant für den Gesamtorganismus sind (Phän-Gen-Dialog). Gene wissen nichts über ontogenetische Situationen. Ohne die Starthilfe der Polymerasen, die wiederum von komplexen enzymatischen Signalketten von den Zell-Rezeptoren her instruiert werden, passiert gar nichts. Etwas zu tun ist aber auch nicht ihr Job, sie halten nur die rein phylogenetisch erworbene Information bereit, die erst bedarfsspezifisch abgerufen werden muss. Gene werden also letztlich durch übergeordnetes Verhalten des Gesamtorganismus ‚angeschaltet’ oder ‚ausgeschaltet’, nicht umgekehrt.
Zu Kanitscheiders Einschätzungen gelangt man offenbar, wenn man den kausalen Determinismus der Makro-Physik ohne Berücksichtigung insbesondere der biologischen Selbstorganisation in Anschlag bringt. Man muss nicht und kann auch gar nicht auf den ‚indeterministischen Determinismus’ der Quantenmechanik rekurrieren, denn der spielt für das Problem der Willensfreiheit in der Tat keine Rolle – aus Gründen, die Kanitscheider ja auch selbst nennt. Willensfreiheit benötigt ‚grob-kausale’ Bedingungen. Biologische Selbstorganisation besitzt allerdings, gegenüber rein physikalischen Systemen (Konvektionsrollen etwa), noch eine emergente und unübersehbar selbstgerichtete Komponente (genau genommen schon bei Einzellern), bei der man von Eigenkausalität reden muss, wenn man nicht quasi-religiös von Kausalität als von einem unabänderlichen Schicksal (in diesem Fall seit dem Urknall) sprechen will. Schon Einzeller können aber das tun, was eben für den Menschen beschrieben wurde. Sicherlich weniger luxuriös und auf simplere Aktionen beschränkt, aber sie können situativ gerichtet nach Lactose im Umgebungsmedium suchen wenn ein entsprechender Mangel im Zellplasma, wiederum durch Enzyme, signalisiert wird. Sie können die Lactose über Zellmembran-Rezeptoren erkennen, aufnehmen und zur Energiegewinnung in Einfachzucker spalten. Schon das ist biologische Selbstorganisation, die nicht gerade ohne Weiteres aus dem Urknall folgt …, also einen gewissen Freiheitsgrad selbstgerichteter Aktionen erfordert. Wenn keine Lactose im Außenmedium gefunden wird, können Einfachzucker aber auch intrazellular hergestellt werden. Auch die dafür nötigen Gen-Befehle müssen aber von den Orten des Mangels über Signalketten abgerufen werden. Am Ende diese Ketten aus Faktoren und Proteinen stehen dann die Polymerasen. Die Gene können davon nichts wissen und auch nichts in dieser Richtung unternehmen, denn sie sind phylogenetische Informationen ohne eigene Bewegungsfähigkeit. Alle Organismen sind offenbar auf Eigenentscheidungen bzw. Eigenkausalität angewiesen, wie kybernetisch die auch immer strukturiert sein mag.
Eigenverantwortlichkeit eines biologischen Systems sollte aber prinzipiell spätestens mit den neueren Ergebnissen aus der Hirnforschung keine so große Überraschung mehr sein. Wir wissen inzwischen, dass es, entgegen älterer Auffassung, auch ontogenetisch Gehirnwachstum aufgrund von Umweltwechselwirkung (Lernen) gibt. Die Gene, die für das Neuronenwachstum benötigt werden, liegen zwar in den Nervenzellen bereit, aber sie müssen bedarfsspezifisch, situativ bzw. temporär passend eben, über enzymatische Komplexe abgerufen werden.
Obwohl sein großer Lehrer Mario Bunge Moral als Evolutionsprodukt postuliert und Kanitscheider diese Auffassung auch explizit übernimmt (eine Behauptung, die im übrigen durch neueste Untersuchungen von J. Kiley Hamlin (SPEKTRUM 2/08, S. 19, ein Artikel von Malte Jessl) und auch durch viele andere Quellen stark gestützt erscheint) gräbt er hier, ungeachtet des Ockhamschen Rasiermessers sozusagen, die überflüssigen Zöpfe des Utilitarismus/Hedonismus neu aus – was mit moralischer Differenz zunächst gar nichts zu tun hat. Die addiert er denn auch einfach: " … selbstverständlich ohne den Mitmenschen zu schaden, ohne andere unglücklich zu machen." Ohne diese lose addierte Klausel ist das aber einfach nur ein Pragmatismus des persönlichen Glücks. Letzteres mag zwar unsere Haupt- und Lieblingsbeschäftigung sein, aber wir haben eben auch andere Interessen (erkenntnistheoretische, ästhetische und ethische), die fast immer mit einer gewissen Unlust bzw. mit einem gewissen Verzicht (= Unglück) erkauft werden müssen. Nun kann uns natürlich auch die Verstärkung der psychischen Integrität, die wir daraus beziehen, glücklich machen, und das ist wohl in der Regel auch so. Aber ich denke, hedonistische Befriedigung könnten wir auch einfacher haben, so dass man diese beiden Formen der Glücksmaximierung durchaus sinnvoll unterscheiden kann.
Mit dieser utilitaristisch/hedonistischen Wendung werden wir im Übrigen an Kanitscheiders Vergangenheit als Positivist/Pragmatist erinnert. Er ist noch nicht so lange Realist, was wohl immer wieder zu Vermischungen dieser logisch unverträglichen Positionen führt. Wie die Untersuchungen von Hamlin* zeigen, benötigen wir in dieser Frage aber keine Pragmatik. In Erkenntnisfragen ist der Pragmatismus ohnedies dubios – er führt in den Wahrheitsrelativismus, den übrigens auch sein erster großer Lehrer, Stegmüller vertreten hat. Aber da wir ihn gar nicht benötigen, nehmen wir doch einfach mal die These ernst, dass Moral-Empfindungen sich beim Menschen wie auch bei anderen Primaten evolutionär entwickelt haben, dass also unser ästhetisches Niveau und mit ihm, vielleicht als Teilmenge, unser ethisches Niveau ein Produkt der Evolution ist, wie alles andere, was wir anzubieten haben. Natürlich kann man hier nur von einer Disposition reden. Moralisches Verhalten ist uns genauso wenig angeboren wie unmoralisches, schon gar nicht als ‚genetische Determination’. Angeboren ist das Niveau, uns für oder gegen eine normativ relevante Handlung zu entscheiden. Das setzt aber voraus, das wir generell über Handlungsfreiheit im Sinne von Willensfreiheit verfügen. Man weiß deshalb auch nicht, inwiefern es bei Kanitscheider Handlungsfreiheit geben soll, wenn es keine Willensfreiheit gibt. Das "Problem der Willensfreiheit ist" ja für Kanitscheider (ein weiteres Mal ganz in positivistischer Tradition) ein "Scheinproblem". Es wäre schön, wenn er uns erklärt hätte, inwiefern dann Handlungsfreiheit, von deren Existenz er ja selbst spricht, kein Scheinproblem sein sollte. Aus meiner Sicht sind diese beiden Begriffe logisch äquivalent. Eine Handlung führt man als geistig halbwegs gesunder Mensch nicht ohne Intention bzw. ohne den Willen dazu aus.
Drei Sätze vielleicht noch, um diesen Leserbrief nicht noch stärker zu überladen: Kanitscheider negiert die Willensfreiheit, woraus folgt, dass wir niemanden, auch nicht Hitler oder Pol Pot, nach moralischen Kriterien beurteilen können. Andererseits sieht er offenbar keine Schwierigkeiten darin in ethisch korrigierender Absicht (S. 78) "die empirisch gefundene Vorstrukturierung der menschlichen Natur einer rationalen Diskussion" auszusetzen. Wenn aber Verhalten prinzipiell (sozusagen schon vom Urknall her) determiniert ist, dann gilt das auch für unser Erkenntnisverhalten, und Erkenntnis wäre eine Illusion – somit könnten wir gar keine rationale Diskussion über was auch immer führen, insbesondere keine die irgendwelche Änderungen unserer "Vorstrukturierung" herbeiführen könnte, wir könnten uns allenfalls einbilden, das getan zu haben.
*Die Psychologin J. Kiley Hamlin von der Yale-Universität in New Haven (Connecticut) kann auf Untersuchungen zurückblicken, die zu zeigen scheinen, dass bereits zehnmonatige (manchmal sogar schon sechsmonatige) Säuglinge nachhaltiges Interesse an moralischer Differenz zeigen (beschrieben in Nature, Bd. 450, S. 557). Sie handeln nicht alle moralisch, aber offenbar in großer Überzahl.
14. Strafen nach Prinzipien der Wiedergutmachung
11.07.2008, Dr. Franz Peter Schmitz, LüneburgElektrisiert haben mich die Schlussabsätze des Gesprächs. Ich kann Herrn Kanitscheider nur zustimmen: Moralische und theologische Vorwürfe sind gegenüber Straftätern nicht zielführend, zu sehr sind Menschen von ihrem inneren Zustand (z.B. genetische Veranlagung und hormonelle Beeinflussung) abhängig; Strafen sollten daher weniger vom Schuld-und-Sühne-Prinzip getragen werden sondern vielmehr von den Prinzipien der Wiedergutmachung und des Schutzes der Gesellschaft vor Straftätern. Ich bin als Naturwissenschaftler, der sich mit geisteswissenschaftlichen Themen beschäftigt, zu eben dieser gleichen Schlussfolgerung gelangt.
15. Kommentar zum Leserbrief von Reiner Vogels, 9.7.
12.07.2008, Herbert Huber, Wasserburg am InnDie Feststellung unterstützte ich. Werte lassen sich nicht (natur)wissenschaftlich begründen. Ich antwortete auf die (wohl rhetorisch gemeinte) Frage am 5. Juli: Es ist kein Wert, außer wir erklären ihn dazu. Ich ergänze: Werte per se gibt es nicht; mir wurde noch keiner gezeigt und voraussetzungslos begründet. Es kommt bei den Versuchen dazu meist zum Sein-Sollen-Fehlschluss oder dogmatischer Setzung.
Herr Vogels meinte nun, dass dieses Verfahren (gemeinsame Diskussion, Einigung und Erklärung) keine adäquate Vorgehensweise zur Begründung von Normen und Werten sei. Dem widerspreche ich. Warum dies zudem ein "offensichtlicher Irrtum" sein sollte, entgeht mir.
Herr Vogels versucht die Grundlegung per Übereinkunft mit einer dreifachen Reihung zu desavouieren: "Es ist Voluntarismus bzw. Dezisionismus, mit einem deutschen Wort: Es ist reine Willkür." Wenn man diese drei Begriffe wertneutral liest, stimme ich dem völlig zu.
Fast das gesamte soziale und politische Leben beruht darauf, dass sich Menschen verbal, vernünftig und argumentativ auseinandersetzen und dann (hoffentlich) zur Übereinkunft kommen und z.B. einen privaten Vertrag abschliessen oder gemeinsam ausdiskutieren (wenn auch oft über repräsentative Institutionen) Gesetze erlassen oder Staatsverträge abschliessen. Wenn ich mich mit jemand über den Wert seines zum Verkauf stehenden Hauses einige und den Verkauf perfekt mache, so kann man seinen Preis und meine Zustimmung dazu als "reine Willkür" betrachten. Es ist aber soweit ich sehe der einzig vernünftige Weg. Jemand aus Kairo oder Teheran, der uns den Preis vorschreibt ist dabei völlig fehl am Platz.
Einen Irrtum erkenne ich bei diesem Vorgehen nicht, zumal es in vielen Gemeinschaften (Familie, Verein, Verbände, Staaten, usw.) funktioniert. Alle so verwalteten demokratischen Staaten haben Werte vereinbart. In Deutschland haben wir das Grundgesetz mit zahlreichen Werten und entsprechende ergänzende Länderverfassungen, Vereinbarungen über Werte auf kommunaler Ebene usw. Ich wiederhole: es funktioniert. Das heißt nicht, dass es nicht verbesserungsfähig sei.
Als zweites Argument erkenne ich: "Die menschliche Geschichte kennt eine Fülle von Beispielen, in denen Mehrheiten Dinge als gut befunden haben, die nach
unserem heutigen Urteil nur als abscheulich bezeichnet werden können." Richtig. Und was ist daran jetzt falsch?
Um zuerst ein eher harmloses Beispiel zu bringen: Beethoven schrieb "Wellingtons Sieg", ich finde jeden Krieg abscheulich. Soll ich deshalb a posteriori Beethovens zeitbedingte mehrheitliche (?) Wertehaltung verurteilen? Oder gar verabsolutieren?
Früher war es ein schützenswerter Wert unverheiratete Paare nicht unbeaufsichtigt in ein Zimmer mit Sofa zu lassen. Wer es zuließ, machte sich strafbar. Vor etwa vierzig Jahren sah man das nicht mehr als so wichtig an. Es ist kein schützenswerter Wert mehr und wurde straffrei gesetzt.
Heute sehen immer noch manche Homosexualität oder Geschlechtsverkehr mit Kondomen als Untugend an (und zwingen diese ihre Wertvorstellung Milliarden Menschen auf), morgen wird man diese Einstufung nahe dem Ende der Werteskala hoffentlich als abscheulich bezeichnen.
Es wird immer so sein, dass Werte der einen Generation in einer späteren nicht mehr oder nicht mehr so stark gelten. Das ist die Folge eines fruchtbaren Diskurses und meins Erachtens völlig in Ordnung.
Als Drittes führt Herr Vogels an, dass es viele Gemeinschaften gibt, wo es nicht so gemacht wird und dort funktioniert es mit den Werten auch nicht.
Dass es Gemeinschaften gibt, die die vorgeschlagene Grundlegung missachten, spricht nicht gegen das Verfahren. Im Gegenteil. Wenn Herr Vogels zu Recht darauf hinweist, dass Gemeinschaften, deren Werte von wenigen diktiert werden oder in denen „gut organisierte Minderheiten“ der „Mehrheit erbarmungslos ihren Willen“ aufzwingen, Werte hochhalten, die wir nicht als solche ansehen, dann verstärkt das gerade meine Forderung: die Leute sollten sich besser gemeinsam auf Werte einigen.
Dieses dritte Argument appelliert eher an die Mitglieder von Gemeinschaften, die sich von einem antiken Buch, einem Oberhaupt oder mehreren die Werte vorschreiben lassen (müssen), solange es geht dort schleunigst auszutreten und die Werte im freien Diskurs gemeinschaftlich zu ergründen und proklamieren. Man muss ja dazu nicht im leeren Raum beginnen.
Als Viertes führt Herr Vogels an, dass "Potentaten dieser Systeme" jeglicher Argumentation abhold sind und meine Vorgehensweise mit "Spott und Hohn" beantworten würden. Fürwahr. Manche Potentaten weichen von ihrer Werteordung um kein Jota ab, egal wie viel Kriegs-, AIDS- und andere Tote es gibt. Ich behaupte, diese Potentaten lassen sich aber auch nicht anders umstimmen.
Wenn wir Menschen – wie ich vorschlage – beispielsweise Menschenwürde als hohen Wert erklären (und da wir uns einig sind, jeder motiviert ist, dies zu beherzigen) und an den Anfang unserer Werteordnung schreiben, dann ist das kaum zu verbessern. Selbst wenn jemand mit einem anderen Verfahren oder Begründungsketten nachweisen würde, Menschenwürde sei schon ein Wert vor hundertausend Jahren und unabhängig unserer Übereinkunft gewesen, würde das kaum etwas ändern. Nachdem dies noch keinem gelang, bin ich da skeptisch.
Vielleicht kam ein Missverständnis dadurch zustande, dass ich in der ersten Replik nicht gleich ein detailliertes Verfahren für eine Wertediskussion angab. Von einem "Willkürurteil der Mehrheit" halte ich nichts. Ich empfehle als Lektüre mal etwas zur Diskursethik von Jürgen Habermas oder John Rawls: A Theory of Justice, deutsch: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, aber als Diskussionsausgang hervorragend geeignet.
Eine Anmerkung zur "Bringschuld des atheistischen Humanismus"
Ich meine die Begründung unserer Werte und Normen ist unser aller Sache, nicht nur der Atheisten oder der Humanisten. Herr Vogels lehnt das Diktat weniger und die Willkür der Mehrheit ab. Volle Zustimmung.
Noch inakzeptabler ist die Berufung auf Dogmen (ich bevorzuge dieses neutralere Wort gegenüber "Diktat") von (vermeintlich) transzendenten Mächten. Auch der naturalistische Sein-Sollen-Fehlschluss ist inakzeptabel. Wie ich schon ausführte, ist es für mich nicht einsehbar, warum z.B. das Artensterben, nur weil es natürlich ist, ein erstrebenswerter Wert sein soll.
Ein Letztes:
Wir Diskutanten hier machen auf der Metaebene genau das, was ich für die Begründung direkt vorschlage. Wir diskutieren und versuchen das Beste zu finden bezüglich Vorgehensweise zur Begründung von Normen/Werten.
Was bleibt? Ganz klar: man lese mein Vorheriges und dieses Posting. Die Bringschuld habe ich (wobei ich nicht die Urheberschaft beanspruche; das taten Weisere vor mir) als atheistischer Humanist für alle (!) erbracht.
16. Theodizeeproblem
06.08.2008, Dr. Andreas Bell, Köln17. Theodizeeproblem - zu Dr. Andreas Bell
12.11.2008, Dr. Wolfgang Kleinmathematisch gesehen halte ich das Zitieren von Anselm von Canterbury für ziemlich naiv. Wenn Sie Gödels Gottesbeweis zitiert hätten, wären die Theologen sehr in meiner Achtung gestiegen. Gottesdefinitionen wie die von Anselm von Canterbury führen aber automatisch zu Antinomien wie beispielsweise der von Bertrand Russell (Russellsche Antinomie: "Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten"). Das Problem auf das Russell hier abhebt, liegt in der Beschreibung von Mengen durch Eigenschaften (bei Anselm: von Gott durch Eigenschaften). Ich denke, die im Mittelalter praktizierte aristotelische Logik ist mittlerweile ein paar hundert Jahre überholt.
Von Russell stammt übrigens auch ein netter Beweis, der zeigt, dass man aus einer falschen Voraussetzung jede Aussage herleiten kann. In diesem Fall "0 = 1" => "Russell = der Papst".