Notizen | 18.05.2010

Wissenschaft und Karriere

Die DNA als Zeuge

Mark Benecke, einer von weltweit nur etwa 20 freiberuflichen Kriminalbiologen, hat schon manches Verbrechen aufgeklärt. Selbst anhand eines für das menschliche Auge nicht sichtbaren Blutspritzers können Experten wie er Täter eindeutig identifizieren - dank solider Naturwissenschaft.
Dagmar Pohland
Fernsehserien, in denen gewitzte Kriminalbiologen jeden Verbrecher anhand eines Haares, eines winzigen Blutspritzers überführen, erfreuen sich großer Beliebtheit. Freilich sieht die Realität meist anders aus: Was die Spurensicherung in sterile Beutel verpackt, werten Kriminalbiologen fern des Tatorts im Labor aus.

Der promovierte Biologe Mark Benecke gehört zu den wenigen Ausnahmen. Im Auftrag der Polizei oder von Privatpersonen begibt er sich an einen Tatort, um alle Spuren im Zusammenhang zu sehen; zudem wird er vor Gericht als Sachverständiger herangezogen. Dafür verzichtet er allerdings auf die Festanstellung und arbeitet freiberuflich.

Da er auch im Fernsehen auftritt, erhält Benecke Anfragen von Studenten und Schulabgängern, die nach einer Berufsperspektive suchen. "Leider vermitteln Spielfilme ein falsches Bild. Kriminalbiologen sind primär Naturwissenschaftler, wir klären selbst keine Fälle auf." Dementsprechend führt die Ausbildung zunächst über ein konventionelles Biologiestudium, wobei ein Schwerpunkt auf der Genetik liegen sollte; hinzu kommen Zusatzqualifikationen zum genetischen Fingerabdruck.

Unter den weltweit etwa 20 freiberuflichen Kriminalbiologen genießt Benecke eine besondere Reputation, weil er sich zusätzlich auf die forensische Entomologie spezialisiert hat. Untersuchungsgegenstand dieser Teildisziplin der Insektenkunde sind aasfressende Gliedertiere wie bestimmte Fliegen-, Assel- und Käferarten. Sie helfen den Todeszeitpunkt eines Mordopfers auf wenige Stunden einzugrenzen beziehungsweise die Liegezeit einer Leiche abzuschätzen. Beispielsweise legen Schmeißfliegen ihre Eier auf dem frischen Leichnam ab, andere Tiere, wie der Speckkäfer, finden sich auf ausgetrockneten Kadavern. Auch für die Frage, ob der Fundort der Tatort ist, kann der Biologe Anhaltspunkte liefern, denn die verschiedenen Arten stellen unterschiedliche Ansprüche an Temperatur und Feuchte, besiedeln deshalb verschiedene Lebensräume. Selbst Hinweise auf die Todesursache sind möglich: Indem die Tiere das Gewebe des Leichnams fressen, nehmen sie eventuelle toxische Substanzen auf; selbst bei einem stark zersetzten Kadaver lässt sich so eine Vergiftung nachweisen.

Maden und Morde

Die forensische Entomologie ist ein eigenständiges Fachgebiet, seit der englische Biologe Kenneth G. V.  Smith 1987 eine systematische Zusammenstellung relevanter Arten veröffentlichte. Als Begründer dieser Disziplin gilt aber der im 13. Jahrhundert wirkende chinesische Rechtsgelehrte Sung Tz’u. Er klärte den Mord an einem Reisbauern auf, indem er dessen Nachbarn aufforderte, ihre Reissicheln – das mutmaßliche Mordwerkzeug – auf den Boden zu legen. Auf einer Klinge sammelten sich Schmeißfliegen, offenbar angelockt von Blutspuren.

Wer wie Benecke in Sung Tz’us Fußstapfen treten will und die Flexibilität des Freiberuflers der Festanstellung bei einem Landes- oder beim Bundeskriminalamt vorzieht, muss Nachteile in Kauf nehmen. "Selbstständige Kriminalbiologen arbeiten 13 Stunden pro Tag, auch am Wochenende. Und wenn man zu einem Tatort gerufen wird, um frische Spuren zu sichern, ist die Tages- oder Nachtzeit einerlei." Auch die Bereitschaft zu reisen, ist obligat, denn viele Anfragen kommen aus dem Ausland. Obendrein halten sich die Honorare in engen Grenzen.

Interessant ist die Arbeit aber allemal. Wenn etwa ein Verfahren wieder aufgenommen wird, wie im Fall einer 19-jährigen, die 1995 erhängt auf dem Dachboden gefunden wurde. Laut Obduktion kein Selbstmord, doch der Täter konnte nicht identifiziert werden, die Akte wurde geschlossen. Vor zwei Jahren beauftragte die Mutter der Toten Benecke und sein Team. Eine Mitarbeiterin wertete die Akten erneut aus und stieß darin auf den Vermerk, dass der Strick DNA-Spuren aufwies, die nicht dem Opfer zuzuordnen waren. Sie wandte sich an die zuständigen Behörden, die den Fall wieder aufrollten. Aufgrund neuer DNA-Analysen und weiterer Ermittlungen der Polizei wurde schließlich Haftbefehl erlassen.

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Der Kriminalbiologe Dr. rer. medic. Mark Benecke ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminalistische Sicherung, Untersuchung und Auswertung biologischer Spuren. Er promovierte 1997 am Kölner Institut für Rechtsmedizin über den genetischen Fingerabdruck und absolvierte in der Folge kriminalistische Zusatzausbildungen im In- und Ausland. Seit 1998 ist er freiberuflich als Tatort-Gutachter tätig, lehrt weltweit als Gastdozent und bildet Polizisten aus.

Dagmar Pohland ist Wissenschaftsjournalistin in Berlin.
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