Segelboot
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"Seekrank sitz ich noch immer am Mastbaum […] und kaue verdrießlich einen alten Hering, den salzigen Tröster in Katzenjammer und Hundetrübsal!" In seinem Gedicht "Seekrankheit" klagt Heinrich Heine über einen Zustand, der schon die erfahrensten Matrosen aus der Bahn geworfen hat. So soll selbst Odysseus auf seinen langen Reisen der Wellengang zu schaffen gemacht haben. Darwin quälte sich tagelang im Rumpfe der Beagle, während sich Goethe auf seiner italienischen Reise gleich vorbeugend "in horizontaler Stellung rotem Wein und gutem Brot" zuwandte.

Meist beginnt die Malaise mit einem komischen Gefühl in der Magengegend, gefolgt von Schwindel und Schweißausbrüchen, bis einem schließlich als blasses Bündel Elend alles um einen herum gleichgültig ist. Und dafür muss man nicht einmal an Bord eines Schiffes gehen: Die meisten Menschen werden irgendwann in ihrem Leben einmal seekrank – sei es bei einer turbulenten Bootsfahrt, im Flugzeug, beim Autofahren oder gar bei rasanten Computerspielen.

Ausgelöst werde diese Misere durch einen Sinneskonflikt, erklärt Andrew Clarke, Leiter des Labors für experimentelle Gleichgewichtsforschung der Charité Berlin. Befinden wir uns etwa in der Kabine eines Schiffes, nehmen unsere Augen eine stabile Umwelt wahr – relativ zum Körper bewegen sich die umgebenden Wände nämlich nicht. "Unser Gleichgewichtsorgan hingegen bemerkt den Seegang", so Clarke. Alarmiert durch diesen Widerspruch, produziert der Körper Botenstoffe, die das Brechzentrum stimulieren. Schließlich steigt ein flaues Gefühl im Magen auf, und wir wünschen uns nichts sehnlicher als festen Boden unter den Füßen.

Doch der Untergrund kann noch so stabil sein, betreten wir nach einer Bootsfahrt wieder Land, scheint es, als laufe man auf rohen Eiern. Hier präsentiert sich schlicht das gleiche Phänomen wie zu Beginn der Schiffsreise. "Nach einiger Zeit auf einem schwankenden Boot gewöhnen wir uns an den Sinneskonflikt", betont Clarke. Wir kompensieren das Schwanken. Haben wir jedoch wieder festen Boden unter den Füßen, gleicht unser Körper trotzdem noch eine Weile das nicht mehr vorhandene Schaukeln aus – was wiederum dazu führt, dass sich der Untergrund zu bewegen scheint. Für eine gewisse Zeit senden unsere Sinne also erneut widersprüchliche Meldungen an das Gehirn.

Darum werden einige Menschen erneut seekrank, wenn sie endlich das ersehnte Ufer erreicht haben. Doch selbst wem nicht elend zu Mute wird, verspürt meist noch mehrere Stunden nach einer Bootstour das Auf und Ab der Wellen. Dieses so genannte Nachschwanken betrifft auch Busfahrer, die des Öfteren im Bett noch das Federn ihres Sitzes spüren – und selbst ein Kamelritt kann für einige Stunden seine Spuren hinterlassen.