Im Alltag hören wir Musik aus ganz verschiedenen Gründen: Rock, Pop und Co. können die Stimmung heben, Kraft geben und schlechte Laune vertreiben. Setzen Menschen mit psychischen Störungen, die ihre Gefühle häufig nicht gut regulieren können, Musik deshalb vermehrt dazu ein? Und eignen sich dafür bestimmte Musikstile besser als andere?

Der Mediziner Stefan Gebhardt und seine Kollegen von den Universitäten Marburg und Gießen fragten 190 Patienten mit Depressionen, Ängsten, chronischen Schmerzen oder Persönlichkeitsstörungen sowie 430 gesunde Erwachsene, welche Art von Musik sie im Alltag am liebsten hörten und mit welcher Motivation sie das taten. Bei den gesunden Probanden waren Vorlieben und Gründe fürs Musikhören bunt gemischt. Sie bedienten sich gezielt lauter, leiser, harter und sanfter Klänge, um ganz unterschiedliche Gefühle hervorzurufen. Versuchspersonen mit einer psychischen Erkrankung nutzten Musik weniger flexibel. Besonders auffällig: Diejenigen unter ihnen, die am liebsten komplexen und reflexiven Stilrichtungen wie Klassik oder Jazz lauschten, taten das eher, um eine schlechte Stim- mung loszuwerden, und weniger, um Spaß zu haben.

Am häufigsten zeigte sich die Vorliebe für komplexe Klänge bei Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung. Diesen fällt es laut Gebhart und Kollegen generell schwerer, ihre Emotionen zu beeinflussen. Während gesunde Erwachsene Musik einsetzen, um mit ihren Gefühlen zu spielen, wollten psychisch Kranke auf diese Weise ihre negativen Emotionen bewältigen.

Abgesehen davon fanden die Forscher jedoch keine statistisch bedeutsamen Unterschiede im Musikgeschmack gesunder und psychisch erkrankter Teilnehmer. Das Fazit der Wissenschaftler: Vor allem Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten könnten trainieren, Musikhören als therapeutisches Werkzeug zu nutzen.

Arts Psychother. 47, S. 66–71, 2016