Dass sich die Erdatmosphäre erwärmt, stellt heute kaum noch ein Wissenschaftler in Frage – im Gegenteil: Die meisten sind sogar der Überzeugung, dass sich der Erwärmungsprozess beschleunigt und zunehmend dramatische Folgen nach sich ziehen wird. Einige Szenarien sind heute bereits Oberschülern geläufig: Die Weltmeere werden sich erwärmen und die Gletscher schmelzen; daraufhin wird der Meeresspiegel steigen und Salzwasser die besiedelten Gebiete entlang den flachen Küsten überfluten. Die landwirtschaftlichen Zonen werden sich verschieben. Das Wetter wird wechselhafter und die Stürme heftiger.

Weniger diskutiert, aber nicht minder schädlich sind Sekundärfolgen: Durch die Klimaveränderungen werden zahlreiche schwere Krankheiten häufiger auftreten und sich schneller ausbreiten. Beunruhigenderweise finden die entsprechenden Computersimulationen bereits Bestätigung in der Realität.

Die Erwärmung der Atmosphäre kann verschiedene Auswirkungen auf die Gesundheit haben. So können häufigere, längere und intensivere Hitzewellen den Menschen unmittelbar zu schaffen machen, vor allem wenn die Abende keine Abkühlung bringen. Leider ist Mangel an nächtlicher Kühle durchaus wahrscheinlich: Die zu erwartende Erwärmung ist ungleichmäßig und erreicht ihre höchsten Werte nachts, im Winter und in Breitengraden oberhalb von 50 Grad. An einigen Orten wird sich die Zahl der Todesfälle durch direkte Hitzeeinwirkung bis zum Jahr 2020 voraussichtlich verdoppeln. Weitere gesundheitsschädliche Wirkungen längerer Hitzeperioden sind die Bildung von Smog und die Verbreitung von Allergenen.

Indirekte Folgen


Folgenreicher ist der Einfluss der globalen Erwärmung auf den Ablauf des Wetters. Es ist damit zu rechnen, dass sowohl Überschwemmungen als auch Trockenperioden heftiger ausfallen und rascher aufeinander folgen als bisher. Bereits im vergangenen Jahrhundert sind die Dürreperioden in den Trockengebieten immer länger und sintflutartige Regenfälle immer häufiger geworden. Katastrophen dieser Art bringen den Tod nicht nur durch Ertrinken oder Verhungern; sie fördern auch auf verschiedene Weise den Ausbruch und die Verbreitung von Infektionskrankheiten. Dieser Effekt ist auf kurze Frist weniger dramatisch, auf die Dauer aber weit schlimmer, denn wie der sprichwörtliche Geist, den man nicht wieder in die Flasche zurückzwingen kann, ist eine Infektionskrankheit, die einmal in einer Menschengruppe Fuß gefasst hat, oft kaum noch auszurotten und kann sich weiter ausbreiten.

Bedroht sind vor allem die Entwicklungsländer mit ihren zumeist unzureichenden Mitteln zur Vorsorge und Therapie. Aber ein Überraschungsangriff kann auch ein Industrieland treffen – erst im letzten Jahr brach erstmals in Nordamerika die West-Nil-Viruserkrankung aus und tötete sieben New Yorker. In unserer Zeit des internationalen Handels und Tourismus kann eine irgendwo auftretende Infektionskrankheit an völlig anderer Stelle der Erde zu einem Problem werden, wenn ihr Erreger dort günstige Lebensbedingungen antrifft.

Die Folgen eines unbeständigeren Klimas können auch Nahrungspflanzen beeinträchtigen und sie dem Befall durch Schädlinge oder der Konkurrenz von Wildpflanzen aussetzen, was die Ernährung der Menschen gefährdet. Auf der Flucht vor Dürre, Hunger oder Überschwemmung geraten die Menschen zudem typischerweise in unhygienische Verhältnisse; Ausbrüche von Seuchen in Flüchtlingslagern sind gefürchtet.

Die zunehmende Wechselhaftigkeit des Klimas ist darauf zurückzuführen, dass die Erwärmung der Atmosphäre den Kreislauf des Wassers beschleunigt. Aus dem erwärmten Meerwasser verdunstet das Wasser schneller, warme Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf als kühlere, und das zusätzliche Wasser in der Luft geht als intensiverer Regen wieder zu Boden. Ebenso wie die Meere erwärmt sich auch das Land, bis hin zur totalen Austrocknung. Durch die Trockenheit des Bodens verschärfen sich die Luftdruckunterschiede, die ihrerseits die Winde verursachen. Da die Erwärmung der Erde das Muster des globalen Klimas insgesamt verändert, werden extreme Wetterereignisse wie Orkane, Dürren und starke Regenfälle nicht nur zahlreicher, sondern auch an anderen Orten und zu anderen Zeiten auftreten als bisher.

Ohne Zweifel gibt es auch günstige Effekte. Sehr hohe Temperaturen in heißen Gegenden können den Schnecken, welche die Schistosomiasis, eine parasitäre Erkrankung, übertragen, den Garaus machen. Starke Winde ersetzen zuweilen Großstadtsmog sehr wirksam durch frische Luft. In milderen Wintern sterben weniger Menschen durch Erfrieren und Atemwegserkrankungen. Doch werden vermutlich insgesamt die ungünstigen Effekte weit überwiegen.

Stechmücken: die Herrscher der Hitze


Zu den größten Risiken der Erderwärmung gehören die Krankheiten, die von Stechmücken übertragen werden, wie Malaria, Dengue-Fieber, Gelbfieber und verschiedene Arten von Hirnhautentzündung. Stechmücken nehmen krankheitserregende Mikroorganismen auf, indem sie an einem infizierten Tier oder Menschen Blut saugen. Der Krankheitskeim vermehrt sich in den Insekten, die mit jedem neuen Stich krankmachende Dosen an ihr nächstes Opfer weitergeben. Allgemein nennt man die lebenden Überträger einer Krankheit "Vektoren".

Stechmücken reagieren sehr empfindlich auf Temperatur und Feuchtigkeit. Kälte kann ein Freund des Menschen sein, denn sie grenzt die Mücken auf wärmere Jahreszeiten und Gegenden ein. Winterliche Fröste töten zahlreiche Eier, Larven und erwachsene Tiere. Stechmücken der Gattung Anopheles, welche die Malaria-Erreger (wie Plasmodium falciparum) übertragen, können sich nur dort halten, wo die Temperaturen regelmäßig oberhalb von 15 Grad Celsius liegen. Die Stechmücke Aedes aegypti überträgt die Viren des Gelbfiebers und des Dengue-Fiebers nur, wo die Temperaturen höchstens ausnahmsweise unter 10 Grad Celsius fallen.

Übermäßige Hitze tötet Insekten genauso wirksam wie Kälte. Aber wenn die Hitze sie nicht umbringt, dann vermehren sie sich um so schneller und stechen um so häufiger zu, je wärmer es ist. Zugleich läuft bei größerer Hitze der Lebenszyklus der Krankheitskeime in den Insekten beschleunigt ab. Bei 20 Grad Celsius benötigt ein unreifes Exemplar des Blutparasiten P. falciparum 26 Tage für seine volle Entwicklung, bei 25 Grad Celsius genügen ihm 13 Tage. Die Mücken der Gattung Anopheles, die diesen Malaria-Erreger übertragen, leben nur wenige Wochen; je heißer es ist, desto wahrscheinlicher wird der Parasit noch zu Lebzeiten der Mücke sich voll entwickeln und damit infektiös werden. Sowie in ganzen Landstrichen die Temperaturen zunehmen, werden die Stechmücken mitsamt den Krankheiten in zuvor unzugängliches Territorium vordringen. In bereits beherrschten Gebieten werden sie dank milderer Nächte und Winter intensiver präsent sein.

Die durch die Klimaänderung heftigeren Überschwemmungen und Dürren begünstigen gleichfalls die Verbreitung der Mücken. Wenn sich die Fluten zurückziehen, hinterlassen sie Wasserlachen; zu Dürrezeiten bleiben von manchen Flüssen nur Tümpel übrig. Die Eier der Mücken überstehen lange Trockenheiten im Ruhezustand; aber nur in stehenden Gewässern können aus ihnen Larven schlüpfen und sich weiterentwickeln. Zu explosionsartiger Vermehrung kann es kommen, wenn die Fressfeinde der Mücken durch Klimaveränderungen oder andere Prozesse (wie beispielsweise Eingriffe des Menschen in die Umwelt) dezimiert werden.

In der Tat sind zwei bedeutende durch Stechmücken übertragene Krankheiten bereits auf dem Vormarsch. Malaria, gekennzeichnet durch Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen und Blutarmut (Anämie), tötet bereits jeden Tag 3000 Menschen, meist Kinder. Nach einigen Berechnungen wird sich bis zum Ende des 21. Jahrhunderts die Zone der potenziellen Malaria-Verbreitung auf Grund der zunehmenden Erderwärmung erheblich ausdehnen. Das Gebiet wird dann etwa 60 statt heute 45 Prozent der Weltbevölkerung betreffen. Angesichts der Tatsache, dass es keinen Impfstoff gibt und die Krankheitserreger gegenüber den Standardmedikamenten zunehmend resistent werden, ist das eine sehr schlechte Nachricht.

Verbreitung der Malaria


In Übereinstimmung mit den Modellen kommt Malaria heute bereits wieder nördlich und südlich der Tropen vor. Die USA sind seit langer Zeit Heimat der Anopheles-Mücken, und die Malaria grassierte hier noch vor Jahrzehnten. In den achtziger Jahren war es schließlich durch Stechmücken-Eindämmungs-Programme und andere Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge gelungen, die Krankheit auf Kalifornien zu beschränken. Seit 1990 jedoch, als das heißeste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnung begann, gab es lokale Ausbrüche von Malaria im Verlauf von Hitzewellen in Texas, Florida, Georgia, Michigan, New Jersey, New York und Toronto. Auslöser war zweifellos jeweils eine von Touristen oder im Gepäck eingeschleppte infizierte Stechmücke. Aber entscheidend war, dass die Erreger in den USA auf günstige Lebensbedingungen trafen: genügend Wärme und Feuchtigkeit und eine Fülle von Stechmücken, welche die Parasiten zu den Daheimgebliebenen transportierten. Auf der koreanischen Halbinsel, in Teilen Südeuropas, der früheren Sowjetunion und an der Ostküste Südafrikas ist die Malaria ebenfalls wieder aufgeflammt.

Unter dem Dengue-Fieber, einer schweren grippeartigen Virus-Erkrankung mit manchmal tödlichen inneren Blutungen, leiden etwa 50 bis 100 Millionen Menschen in den Tropen und Subtropen, hauptsächlich in städtischen Gebieten und deren Umfeld. Auf dem amerikanischen Kontinent hat sich die Krankheit in den letzten zehn Jahren ausgedehnt; Ende der neunziger Jahre erreichte sie Buenos Aires. Auch Nordaustralien blieb nicht verschont. Bis heute gibt es weder einen Impfstoff noch eine spezifische medikamentöse Behandlung.

Zwar stimmt das Ausbreitungsmuster von Malaria und Dengue-Fieber unzweifelhaft mit den Voraussagen der Simulationen überein; gleichwohl kann die Erderwärmung nicht die einzige Ursache sein. Möglicherweise hat der Mensch so in die Umwelt eingegriffen, dass die Vermehrung der Stechmücken begünstigt wurde, der Eifer bei der Mückenbekämpfung und anderen Vorsorgemaßnahmen ist stellenweise erlahmt, und die Erreger sind gegen Medikamente und Pestizide zunehmend resistent geworden. Die Modelle, in denen die Erderwärmung die Hauptursache ist, gewinnen jedoch an Glaubwürdigkeit dadurch, dass andere von ihnen vorhergesagte Veränderungen ebenfalls eintreten.

So verschiebt sich, wie vorausgesagt, in allen Gebirgen der Welt die Frostgrenze in größere Höhen, Pflanzen und Schmetterlinge nach sich ziehend, und die Gletscher auf den Gipfeln schmelzen. Seit 1970 ist die Grenze, oberhalb der nur Minus-Grade herrschen, in den Tropen um fast 150 Meter gestiegen. Die Stechmücken und die von ihnen übertragenen Krankheiten folgen in gebührendem Abstand.

Im 19. Jahrhundert siedelten die europäischen Kolonisten in Afrika in den kühleren Bergregionen, um der gefährlichen Sumpfluft ("mala aria") zu entgehen, die in den niedrig gelegenen Ebenen Krankheiten nährte. Heute bieten viele dieser Orte keine Zuflucht mehr. Insekten und durch Insekten übertragene Krankheiten werden aus den höher gelegenen Regionen Süd- und Zentralamerikas, Asiens sowie Ost- und Zentralafrikas gemeldet. Seit 1980 wurde die Stechmückenart Aedes aegypti, die sich einst aus Temperaturgründen mit dem Tiefland begnügen musste, oberhalb 1600 Meter in den Gebirgen Nordindiens und in einer Höhe von 2000 Meter in den kolumbianischen Anden angetroffen. Im mexikanischen Taxco gab es oberhalb von 1600 Meter bereits einen Fall von Dengue-Fieber. Die Migrationsmuster von Insekten ändern sich in den Bergen schneller als auf Meereshöhe. Solche Veränderungen können als Indikatoren für Klimaveränderungen und Ausbreitungstendenzen von Krankheiten dienen.

Für das vermehrte Auftreten vektorvermittelter Krankheiten sind vermutlich die verstärkten Klimaschwankungen, welche die Erderwärmung begleiten, von größerer Bedeutung als diese selbst. Ein Beispiel: Ein milder Winter, gefolgt von einem heißen, trockenen Sommer (ein Muster, mit dem in der Zukunft häufiger zu rechnen ist), begünstigt die Übertragung der St.-Louis-Enzephalitis und anderer Infektionen, die zwischen Vögeln, stadtlebenden Stechmücken und Menschen hin- und herwandern.

Dieser Abfolge ist offenbar das überraschende Auftreten des West-Nil-Virus in New York im letzten Jahr zu verdanken. Keiner weiß, wie der Erreger seinen Weg in die USA gefunden hat. Doch wie er dort überleben und sich vermehren könnte, dafür gibt es mittlerweile eine plausible Erklärung: Das Wetter begünstigte seinen Hauptüberträger, die Stechmücke Culex pipiens. Diese Stadtbewohner legen ihre Eier typischerweise in feuchte Keller, Rinnsteine, Abwasserkanäle und verunreinigte Wasserlachen.

So etwa könnte sich die Geschichte abgespielt haben: Der milde Winter 1998/99 ließ viele der Stechmücken bis ins Frühjahr, das früher als üblich begann, überleben. Durch trockenes Wetter im Frühjahr und Sommer reicherte sich nährstoffreiches organisches Material in ihren Brutstätten an. Zugleich erging es wegen der Trockenheit Mücken fressenden Tieren wie Florfliegen und Marienkäfern schlecht, die sonst die Stechmücken-Populationen in Schach gehalten hätten. Schließlich zwang die Trockenheit die Vögel, sich an den wenigen verbleibenden Wasserlöchern zusammenzudrängen – und die Mücken fanden dort reiche Beute.

Einmal aufgenommen, reifte das Virus dank der hohen Temperatur in der Mücke rascher heran als unter normalen Umständen. Entsprechend schneller übertrugen die infizierten Stechmücken das Virus auf Vögel, und eine Infektionslawine erfasste Mücken wie Vögel und schließlich auch Menschen. Heftige Regenfälle gegen Ende August erzeugten neue Wasserlachen, die den Mücken als Brutstätten dienten und schließlich eine weitere Welle an potenziellen Virus-Trägern freisetzten.

Auch andere Tierarten können zu Krankheitsvektoren werden – vor allem, wenn sie Opportunisten sind: Tiere, die sich schnell fortpflanzen und in einer Vielzahl von Milieus gedeihen, sind anderen überlegen, die auf bestimmte Umweltbedingungen angewiesen sind. In den neunziger Jahren vermehrte sich in den USA auf Grund von Klimaschwankungen eine Nagerart, die Hirschmaus (Peromyscus maniculatus), ungewöhnlich stark und wurde zum Überträger einer neuen Krankheit: Der Mensch infiziert sich mit dem Hanta-Virus-Lungen-Syndrom, einer im hohem Maße tödlichen Infektion der Lunge, indem er Viruspartikel einatmet, die in den Ausscheidungen der Nagetiere enthalten sind. Eine lang anhaltende Trockenheit im Südwesten der USA, unterbrochen von heftigen Regenfällen, hatte 1993 den Boden für den ersten Ausbruch der Krankheit beim Menschen bereitet.

In diesem Jahr wechselten extrem trockene und extrem feuchte Episoden einander gerade so ab, dass es den Nagern ungewöhnlich gut ging. Zunächst machte eine regionale Trockenheit zahlreichen Fressfeinden den Garaus – Raubvögeln (Eulen, Adler, Präriefalken, Rotschwanz-Bussarde und Turmfalken), Koyoten und Schlangen. Als im Frühjahr die Trockenheit ungewöhnlich heftigen Regenfällen wich, fanden die Hirschmäuse Nahrung in Hülle und Fülle in Form von Grashüpfern und Piñon-Nüssen. Daraufhin wuchs ihre Anzahl explosionsartig an, und ein Virus, das bis dahin inaktiv gewesen war oder isoliert in einer kleinen Gruppe existiert hatte, fand zahlreiche Wirte. Als im Sommer die Trockenheit wiederkehrte, suchten die Tiere in den Siedlungen der Menschen nach Nahrung und brachten ihnen so die Krankheit. Bis zum Herbst 1993 waren die Nagetiere wieder weniger geworden, und die Krankheit ebbte ab.

Spätere Ausbrüche des Hanta-Virus-Lungen-Syndroms konnten in den USA in Grenzen gehalten werden, zum Teil weil Frühwarnsysteme heute anzeigen, wann die Maßnahmen zur Mäusebekämpfung verstärkt werden müssen, und weil die Menschen gelernt haben, die Absonderungen der Tiere sorgfältiger zu meiden. Die Krankheit ist jedoch in Lateinamerika aufgetreten; dort deuten einige noch unklare Indizien darauf hin, dass sie von einer Person zur anderen übertragen werden kann.

Selbstheilungskräfte


Wie das natürliche Ende der ersten Hanta-Virus-Episode zeigt, können Ökosysteme in der Regel gelegentlich auftretende Extreme überleben. Was sie nicht umbringt, macht sie sogar stark, weil die Organismen gezwungen werden, eine Anpassungsfähigkeit an wechselnde Lebensbedingungen zu entwickeln. Lang anhaltende extreme Zustände und sehr starke Schwankungen können dagegen die Widerstandskraft eines Ökosystems brechen. So können Korallenriff-Systeme die anhaltende Erwärmung der Meere nicht bewältigen (siehe Spektrum der Wissenschaft, März 1993, S. 84); durch Trockenheit verursachte Waldbrände bedrohen die Lebensgemeinschaften des Waldes. Die stärkste Wirkung einer Klimaveränderung auf die menschliche Gesundheit ist über den Zusammenbruch eines Ökosystems. Die Eindämmung von Seuchen ist eine allgemein unterschätzte Dienstleistung der Natur am Menschen; gut funktionierende Ökosysteme tragen dazu bei, schädliche Organismen unter Kontrolle zu halten. Der Ausfall dieser Leistung droht das Wachstum opportunistischer Populationen und damit die Ausbreitung von Krankheiten zu fördern.

Eine weitere Klasse von Krankheiten wird durch die globale Erwärmung an Bedeutung zunehmen: diejenigen, die durch verunreinigtes Wasser verbreitet werden, wie die Cholera, die schwere Durchfälle verursacht. Die Erwärmung fördert die Ausbreitung der Krankheit einerseits auf direktem Wege, andererseits über gehäuft auftretende Überschwemmungen und Trockenperioden. Es mag paradox erscheinen, dass Trockenheit eine wasserbedingte Krankheit begünstigt. Aber in Zeiten des Wassermangels konzentrieren sich Verunreinigungen, die unter normalen Bedingungen bis zur Harmlosigkeit verdünnt würden. Zudem benötigen gerade Durchfallkranke, die große Wasserverluste auszugleichen haben und verschärften Hygienevorschriften folgen müssen, sauberes Wasser noch viel dringlicher als Gesunde.

Überschwemmungen spülen Abwasser und andere Quellen von Krankheitskeimen wie Cryptosporidium in die Trinkwasserversorgung. Sie mischen auch Dünger in die Wasservorräte, was zusammen mit dem Abwasser und erhöhten Temperaturen schädliche Algen reich erblühen lässt. Einige dieser Algen sondern gesundheitsschädliche Dämpfe ab; andere enthalten giftige Bestandteile, die der Mensch auf dem Umweg über Muscheln und Fische in sich aufnimmt. Wie vor kurzem entdeckt wurde, begünstigen zudem große Algenbestände die Vermehrung verschiedener Krankheitskeime, darunter des Cholera-Erregers Vibrio cholerae.

Die Regenfluten, die der erwärmte Indische Ozean 1997 und 1998 dem Horn von Afrika brachte, lieferten ein erschreckendes Beispiel für die kombinierte Wirkung von hohen Temperaturen und Überschwemmungen. Die sintflutartigen Niederschläge lösten Cholera-Epidemien aus sowie zwei von Stechmücken übertragene Infektionskrankheiten: Malaria und Rift-Valley-Fieber, eine grippeähnliche Erkrankung, die für Mensch und Vieh tödlich enden kann.

Im Oktober 1998 wütete der Hurrikan "Mitch" drei Tage lang über Zentralamerika. Angefacht durch ein erwärmtes Karibisches Meer, kostete der Sturm samt den wolkenbruchartigen Regenfällen mindestens 11000 Menschen das Leben. Aber das war erst der Anfang. In der Folgezeit meldete Honduras Tausende von Erkrankungen an Cholera, Malaria und Dengue-Fieber.

Im Februar dieses Jahres suchten Regenfälle nie dagewesenen Ausmaßes und eine Reihe von Zyklonen große Teile des südlichen Afrika heim. Die Überschwemmungen in Mosambik und Madagaskar töteten Hunderte, machten Tausende obdachlos und verbreiteten sowohl Cholera als auch Malaria. Neben den unmittelbaren Folgen werfen solche Katastrophen auch die Entwicklung der Wirtschaft und des Gesundheitswesens um Jahre zurück.

Wie viele Menschen die globale Erwärmung das Leben kosten wird, hängt weitgehend von den vorbeugenden Maßnahmen ab. Eine ideale Strategie besteht aus mehreren Komponenten. Verbesserte Überwachungssysteme müssten rechtzeitig den Ausbruch oder das Wiederaufflammen einer Infektionskrankheit oder die Vermehrung eines Vektors melden. Auf eine solche Entdeckung müssten alsbald Maßnahmen folgen: Die Vermehrung der Vektoren wäre – in umweltunschädlicher Weise – einzudämmen, die Öffentlichkeit über Vorbeugemaßnahmen aufzuklären, Impfstoffe (soweit verfügbar) bereitzustellen und die rasche Behandlung der bereits Erkrankten einzuleiten.

Im Frühjahr dieses Jahres folgten die Anstrengungen, das West-Nil-Virus im Nordosten der USA einzudämmen, diesem Modell. Als man bemerkte, dass das Virus den Winter überlebt hatte, forderte der öffentliche Gesundheitsdienst die Bürger auf, alles aus ihren Höfen und Vorgärten zu entfernen, was stehendes Wasser aufnehmen und so als Brutstätte für Stechmücken dienen könnte. Sie setzten außerdem in den Absetzbecken von Kläranlagen Fische aus, die Stechmückenlarven fressen, und gaben insektizidhaltige Kügelchen in die Abwasserkanäle.

Leider sind derart umfassende Strategien in einem Großteil der Welt nicht realisierbar. Und selbst die Impfstoffe und Medikamente, die es gibt, können viele Staaten weder bezahlen noch zum Empfänger bringen. Diese Situation zu ändern ist dringend geboten.

Vorbeugen durch Klimavorhersage


Eine zweite Komponente der Krankheitsvorbeugung besteht in einer verbesserten Klimavorhersage. Wenn eine verlässliche Prognose für eine bestimmte Gegend erhöhte Überschwemmungsgefahr voraussagt, wäre das ein guter Grund, Notvorräte aufzustocken. Wenn durch Satellitenaufnahmen und Proben aus Küstengewässern der Beginn einer cholerafördernden Algenblüte rechtzeitig erkannt wird, wäre noch ausreichend Zeit, die Menschen zum Filtern des Trinkwassers aufzufordern und erhöhte Behandlungskapazitäten bereitzustellen.

Ein Forschungsbericht aus dem Jahre 1999 belegt, dass man aus Satellitenbildern erhöhte Wassertemperaturen in zwei bestimmten Meeresregionen sowie üppige Vegetation am Horn von Afrika entnehmen konnte und mit Hilfe dieser Information den dortigen Ausbruch des Rift-Valley-Fiebers fünf Monate im Voraus hätte prognostizieren können. Für eine groß angelegte Impfkampagne beim Vieh wäre noch Zeit gewesen.

Eine dritte, allerdings nur langfristig wirksame Komponente der Strategie richtet sich gegen die Erwärmung der Erde selbst. Unsere Gesundheit ist nur einer der vielen guten Gründe, den Treibhauseffekt aufzuhalten oder wenigstens zu mildern. Die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen ist zu reduzieren, und sauberere Energieformen sind bereitzustellen – und das nicht nur in den Industrieländern. Zugleich sind Wälder und Feuchtgebiete wiederherzustellen, denn sie absorbieren Kohlendioxid, halten überschüssiges Wasser zurück und filtern Verunreinigungen aus, bevor diese in die Trinkwasserversorgung gelangen.

Wenn die politischen Führer der Welt klug sind, machen sie es zu ihrer Aufgabe, für diese Lösungen das Geld herbeizuschaffen. Das Weltklima, Ökosysteme und Gesellschaften können sich von vorübergehenden Belastungen erholen, aber nur, wenn sie nicht zu schwer, zu zahlreich oder zu lang anhaltend sind. Nach Berechnungen des Klimaausschusses der Vereinten Nationen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) müssten die Treibhausgas-Emissionen um volle 60 bis 70 Prozent reduziert werden, um deren gegenwärtigen Anstieg in der Atmosphäre zum Stillstand zu bringen.

Ich befürchte, dass wirksame korrigierende Maßnahmen nicht schnell genug ergriffen werden. Das Klima ändert sich nicht unter allen Umständen nur graduell. Da zur Zeit viele Faktoren das globale Klimasystem destabilisieren, könnte die Erde binnen weniger Jahre wesentlich heißer oder sogar wesentlich kälter werden. Solch eine plötzliche katastrophale Veränderung ist das äußerste Gesundheitsrisiko – eines, das um jeden Preis vermieden werden muss.

Literaturhinweise


Biological and Physical Signs of Climate Change: Focus on Mosquito-Borne Diseases. Von Paul R. Epstein et al. in: Bulletin of the Meteorological Society, Bd. 79, S. 409–419, 1998.

The Regional Impacts of Climate Change: An Assessment of Vulnerability. Von R. T. Watson et al. (Hg.). Cambridge University Press, 1997.

Climate Change and Human Health. Von Anthony McMichael et al. (Hg.). World Health Organization, World Meteorological Organization und United Nations Environmental Program, 1996.


Was uns El Nino lehrt


Häufig gewinnt man Einblick in den Mechanismus eines komplexen Systems durch Studium eines Teilsystems. Mit diesem Ziel untersuchen Forscher, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen der Erderwärmung beschäftigen, die Folgen eines klimatischen Prozesses, der in vielen seiner Auswirkungen einer Klimaerwärmung im Kleinen gleicht. Die Befunde sind alles andere als beruhigend.

"El Nino" bezeichnet ein Meeresphänomen, das etwa alle fünf Jahre im tropischen Pazifik auftritt (SdW, Spezial Wetter und Klima, S. 50). Das Meer vor Peru erwärmt sich ungewöhnlich stark und bleibt monatelang auf diesem hohen Niveau, bevor sich seine Temperatur normalisiert oder gar ins andere Extrem (genannt La Nina) umschlägt. Der volle Name ist "El Nino/Southern Oscillation" (Enso). Die "südliche Schwingung" bezeichnet Veränderungen in der Atmosphäre der gesamten Südhalbkugel, die mit den pazifischen Temperaturverschiebungen synchron verlaufen.

Während eines El Nino kann die Verdunstung über dem erwärmten östlichen Pazifik zu ungewöhnlich heftigen Regenfällen in Teilen Südamerikas und Afrikas führen; währenddessen leiden andere Gebiete von Südamerika und Afrika sowie Teile von Südostasien und Australien unter Trockenheit. Auch Veränderungen des Luftdrucks über dem tropischen Pazifik sind weltweit spürbar, bis hin zu milderen Wintern in einigen nördlichen Regionen der USA und im Westen Kanadas. Während einer La Nina treten die umgekehrten Effekte auf.

In Jahren mit El Nino oder La Nina nimmt die Häufigkeit von Krankheiten zu, die durch verunreinigtes Wasser oder andere Überträger bedingt sind, vor allem in Gebieten, die von Überschwemmungen oder Dürren heimgesucht werden. Langzeituntersuchungen in Kolumbien, Venezuela, Indien und Pakistan zeigen, dass Malaria verstärkt im Zuge von El Nino auftritt. Meine Mitarbeiter an der Harvard-Universität und ich haben nachgewiesen, dass Gegenden, die während des El Nino von 1997 bis 1998 (dem stärksten in diesem Jahrhundert) unter Überschwemmungen und Trockenheit litten, häufig auch mit dem Auftreten von Krankheiten zu kämpfen hatten, die von Stechmücken, Nagetieren und Wasser übertragen werden. Darüber hinaus gerieten in vielen trockenen Gebieten Brände außer Kontrolle und verschmutzten großräumig die Luft.

Enso ist nicht nur ein Warnzeichen für zukünftige Probleme, sondern wahrscheinlich auch einer ihrer Mechanismen. Verschiedene Klimamodelle sagen voraus, dass in dem Maße, wie sich die Atmosphäre und die Meere aufheizen, das Phänomen El Nino selbst häufiger und heftiger in Erscheinung treten wird, mitsamt den Wetterkatastrophen und den Krankheiten in seinem Gefolge.

Tatsächlich hat sich das Enso-Muster bereits zu wandeln begonnen. Seit 1976 haben Stärke und Dauer von El Nino zugenommen. Und während der neunziger Jahre gab es jedes Jahr einen El Nino oder eine La Nina – keine guten Vorzeichen für die Gesundheit des Menschen im 21. Jahrhundert.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2000, Seite 40
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