Man kann Pfeifsprachen durchaus als wohlklingend bezeichnen – ähnlich dem Zwitschern eines exotischen Vogels. Klar und deutlich, schöne Glissandi, immer wieder unterbrochen von ganz hohen oder ganz tiefen Tönen. Nur hat das ganze keine Melodie, nicht die Spur von Rhythmus, kein erkennbares Muster. Trotzdem kommt die Botschaft an: Wenn sich zwei Könner einer Pfeifsprache bedienen, schaffen sie es, noch über Kilometer hinweg Informationen auszutauschen.

Pfeifsprachen oder besser gepfiffene Sprachen sind ein "echtes Telekommunikationssystem, das spektakulär gut an seine Umgebung angepasst ist", schreibt Julien Meyer, derzeit Gastforscher am European Institute for Advanced Studies in Lyon. Er ist einer der wenigen Wissenschaftler, die sich mit diesem Gebiet beschäftigen. Gemeinsam mit seiner Kollegin Laure Dentel bereiste er 2004 die halbe Welt auf der Suche nach dieser Kommunikationsform. Mindestens 30 Pfeifsprachen sind inzwischen auf allen fünf Kontinenten dokumentiert – von den Yupik Alaskas bis zu den Hmong in Südostasien.

"El Silbo", die Pfeifsprache der Kanareninsel Gomera, gehört sicherlich zu den bekanntesten und – dank Pflichtunterricht in der Schule – noch vitalsten in Europa. Sie ist auch die einzige, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt worden ist. Aber auch auf der griechischen Insel Euböa, in den französischen Pyrenäen oder im türkischen Dorf Kuşköy kann der Tourist dergleichen hören. Diesen Regionen sind offenbar geografische Bedingungen gemeinsam, die der Entstehung gepfiffener Kommunikation Vorschub leisten: Überall dort, wo Menschen verstreut in unzugänglichen Dörfern leben und wo man sich schon nach wenigen Schritten aus den Augen verliert, sei es im dichten Regenwald oder zwischen schroffen Hügeln, bringt ein System gepfiffener Mitteilungen Vorteile. …