Ihr Widerstand war zäh und tapfer, doch letztlich vergebens und endete bitter wie blutig: Sieben Monate hielten die wackeren Bewohner der Hafenstadt Tyros der Belagerung durch die Armeen Alexanders des Großen im Jahr 332 v. Chr. stand – erst dann konnte der makedonische Eroberer den auf einer Insel gelegenen neuen Teil der Stadt einnehmen. Den Chronisten zufolge war Alexander jedoch ob der lang anhaltenden Verteidigung der Tyrener so erbost, dass er ihre Heimat teils dem Erdboden gleichmachte und Tausende von ihnen tötete oder versklavte.

Küstenentwicklung bei Tyros
© Nick Marriner
(Ausschnitt)
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Dass die Stadt im Jahr 332 v. Chr. überhaupt so lange gegen den Druck ihrer zahlenmäßig überlegenen Angreifer ausharren konnte, verdankte sie vor allem ihrer besonderen geografischen Lage. Denn ein wichtiger Teil von Tyros samt dem Hafen lag auf einer Insel etwa einen Kilometer vor der Küste des heutigen Libanon: Jeder Eroberer musste erst diese natürliche Barriere überwinden, um von Booten aus das Eiland zu erobern. Nicht umsonst gilt jedoch Alexander der Große als genialer Stratege; er nutzte die Zeit der Blockade, um mit Baumaterial aus Tyros' Altstadt und zahlreichen Libanonzedern einen Damm vom Festland zur Insel zu errichten. Erst dieses Werk ebnete seinen Rammböcken und damit den Truppen den Weg in die Festung.

Bis heute allerdings stellt dieser Geniestreich die Archäologen vor Rätsel: Wie gelang Alexander in so kurzer Zeit der Brückenschlag? Und wie überwand er die geologischen und bautechnischen Schwierigkeiten? Zumindest ein weiteres Mosaiksteinchen ins archäologische Gedankengebäude könnten nun Ergebnisse von Nick Marriner, Christophe Morhange und Samuel Meulé von der Universität Aix-Marseille einfügen. Die drei Geowissenschaftler untersuchten die erdgeschichtliche Vergangenheit der Küste rund um Tyros und gingen dazu insgesamt 8000 Jahre in die Vergangenheit zurück.

Damals lag vor der südlibanesischen Küste eine Kette von Sandsteinriffen und -inseln, die das Hinterland vor Wellenschlag schützten und seit der Bronzezeit zahlreiche Völker – darunter Phönizier, Perser, Griechen und Byzantiner – anlockten, boten doch zumindest die größeren Eilande wie Tyros und das angrenzende Ufer genügend geschützten Raum für strategische Siedlungen und Häfen. Zwischen der seewärtigen Barriere und dem Hinterland erstreckte sich eine Art brackiges Watt, das sich in den gezogenen Bohrkernen anhand feinkörniger Sedimente sowie typischer Muschelschalen nachzeichnen lässt und für überwiegend ruhige Meeresbedingungen bürgt: Ruhige Überfahrten vom Festland zu den Inseln waren selbst für kleinere Boote wohl leicht zu bewerkstelligen.

In der nachfolgenden 2000-jährigen Phase stieg der Meeresspiegel jedoch an, und heftigere Wellen ließen Tyros schrumpfen. Seine Funktion als Wellenbrecher schwächte sich dadurch ab, gröbere Sande und Kiesel durchbrachen mit heftigeren Strömungen das Watt und veränderten seinen ökologischen und geomorphologischen Charakter. Statt typischer Lagunenarten dominierten nun Spezies des offenen Meeres die lokale Muschelfauna. Teilweise lagerte sich das von der Insel erodierte Material aber sogleich wieder in ihrem Rücken an, sodass der Meeresboden innerhalb von nur 300 Jahren um immerhin einen Meter empor wuchs – ein günstiges Fundament für die folgenden Jahrtausende, in denen der Wasserstand dann vorläufig nicht mehr weiter anstieg.

Durch das ruhigere Mittelmeer, vor allem aber durch die zunehmende Besiedelung der Levante begann sich die Bucht wieder mit Sedimenten aufzufüllen: Die sich vor etwa 3500 Jahren in der Region massiv ausbreitende Landwirtschaft ließ die Hänge erodieren, Regen und Flüsse spülten das Erdreich anschließend ins Meer. Zwischen Tyros und der Küste entwickelte sich deshalb unter Wasser ein erster so genannter Tombolo – ein Dünenstreifen, der bei ungestörter Entwicklung letztlich beide Bereiche verbinden und aus einer Insel eine Halbinsel machen kann. Noch lag dieser Tombolo jedoch die meiste Zeit nicht trocken, sondern ein bis zwei Meter unter dem Meeresspiegel, eine Fährverbindung blieb vorerst nötig.

Beschleunigt wurde diese Verlandung eventuell durch Nebukadnezar II., der 300 Jahre vor Alexander dem Großen versuchte, die Stadt einzunehmen, aber letztlich scheiterte. Womöglich lieferte der babylonische Herrscher jedoch die Blaupause für den erfolgreichen Feldzug seines makedonischen Nachfolgers, denn auch Nebukadnezar begann offensichtlich bereits mit dem Bau eines Damms. Und obwohl dieser nie vollendet wurde, so veränderte er doch die Strömungsdynamik in der Bucht und damit die natürliche Landgewinnung, was Alexanders eigenem Eroberungsdrang schlussendlich den Sieg über Tyros erleichterte.

Mit dem Monument der Unterwerfung endete die erdgeschichtliche Entwicklung der Region allerdings keineswegs: Der neue Zugang teilte die Bucht in zwei Hälften und unterband die lokalen Meeresströmungen, sodass sich frisches Erdmaterial nun sechsmal so schnell ablagerte wie zuvor. Innerhalb weniger Jahrhunderte wuchs der schmale Damm zu einer breiten Landbrücke heran, auf der die Römer schließlich sogar rege bauten: Noch heute zeugen das große Hippodrom oder die Nekropole vom kulturellen Erbe des römischen Imperiums. Ein weiteres derartiges Denkmal setzte sich Alexander der Große zudem in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria, wo der Namenspatron ebenfalls einen Zugang – das so genannte Heptastadion – vom Hafen zur Insel Pharos anlegen ließ. In der Folge verdoppelte sich die Sedimentationsrate, die Bucht versandete, und es bildete sich der heutige, dicht bebaute Isthmus von Mansheya heraus.

Von seiner Niederlage konnte sich Tyros übrigens nie wieder erholen, es verlor seine wirtschaftliche und vor allem politische Bedeutung, Schutz boten jetzt nur noch profane dicke Mauern – wiederholt eroberten Heere wie jene der Kreuzritter, Mamelucken oder Osmanen die ehemalige antike Metropole. Alexander der Großen hatte sie auf Dauer ihrer schützenden Isolation beraubt.