Ein Exemplar der Tigernatter  <i>Rhabdophis tigrinus</i>
© Alan H. Savitzky
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Im Grunde ist die Tigernatter ein friedlicher Geselle: Wird sie in den Wiesen Japans zufällig aufgescheucht, sucht Rhabdophis tigrinus meist das Weite. Droht jedoch wirklich einmal Gefahr, weil ein Einheimischer versucht, mit Schlangenfang sein Monatsgehalt aufzubessern oder plötzlich ein Fressfeind seine Zähne bleckt, weiß sie sich allerdings durchaus zu wehren.

Drohend reckt sie dann ihren schmalen Leib nach oben, den Kopf ein wenig abgewinkelt, sodass ihr Nacken direkt in die Richtung des Angreifers zeigt. Hier, direkt unter der Nackenhaut, verbirgt die kleine Schlange ihre biologische Waffenkammer. In feinen Drüsen speichert sie im Nacken ein lähmendes Gift, das sie bei Gefahr auf den Angreifer sprühen kann. So gewinnt sie Zeit, sich unbeobachtet aus dem Staub zu machen.
Die Nackendrüse der japanischen Tigernatter <i>Rhabdophis tigrinus</i>
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Damit diese Verteidigungsstrategie aufgeht, ist die kleine Schlange allerdings auf Hilfe angewiesen. Denn ihre versteckte Waffenkammer hat ein großes Manko: Die Tigernatter ist unfähig, sie alleine wieder aufzufüllen – eine Kleinigkeit, die sie allerdings nicht weiter beirrt. Schließlich hat die Natter die Produktion ihrer Giftstoffe schlichtweg abgegeben. Ein internationales Forscherteam um Akira Mori von der Universität Kyoto hat jetzt herausgefunden, wie diese raffinierte Art des Outsourcing funktioniert.

Auf die Schliche kamen die Forscher der Schlange, als sie deren Giftstoffe genauer untersuchten. Diese bestehen aus natürlichen Steroiden, den Bufadienoliden. Solche Steroide sind im Grunde nichts Ungewöhnliches – sofern man sie woanders findet, denn Bufadienolide kommen nur in Lilien- und Hahnenfußgewächsen vor. Und in dem Blut von giftigen Kröten. Kröten, für welche die Tigernatter zufälligerweise eine ganz besondere geschmackliche Vorliebe hegt.

Die Giftkröte <i>Bufo japonicus</i> gehört zur Leibspeise der Tigernattern
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Ist also die Kröte die eigentliche Geheimwaffe der Tigernatter? Um ihre Hypothese zu testen, begaben sich die Forscher auf Schlangenjagd. Dabei suchten sie nicht allein auf der japanischen Hautpinsel Honshu, wo es neben Tigernattern auch viele Kröten gibt, sondern auch auf Kinkazan, einer kleinen Insel im japanischen Hoheitsgebiet, die krötenfrei geblieben ist. Und tatsächlich: Während die Drüsen der Tigernattern von der Hauptinsel mit Krötengiften voll gepumpt waren, hatten die drei Schlangen von Kinkazan keine Bufadienolide vorzuweisen: Sie waren ihrer Abwehr beraubt.

Um ihre Thesen zu erhärten, fingen die Wissenschaftler nun vier trächtige Tigernattern und setzten deren Nachwuchs auf krötenreiche oder krötenfreie Diät. Drei der trächtigen Tiere hatten nachweislich keine oder nur geringe Spuren des Krötengiftes in ihren Drüsen, und auch ihr Nachwuchs hatte keine Bufadienolide vorzuweisen. Bekamen die Tiere allerdings giftige Froschlurche zum Frühstück, stieg der Giftvorrat in ihren Drüsen an.

Tigernatter <i>Rhabdophis tigrinus</i>
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Besonderes Interesse hatten die Forscher um Akira Mori an der vierten trächtigen Tigernatter. Sie hatte einen besonders hohen Vorrat an Krötengiften in ihren Nackendrüsen gespeichert. Und auch ihre Nachkommen waren nach dem Schlüpfen bestens ausgestattet. Selbst bei krötenfreier Kost konnten sie über acht Wochen lang von ihrem Erbe zehren. Die Sprösslinge hatten also vom Giftvorrat der Mutter eine gehörige Portion abbekommen.

Als die Forscher die jungen Tigernattern vor die Wahl stellten, welche Beute sie lieber verspeisen wollten, wählten diese übrigens durchweg Krötenkost. Das allerdings wundert bei einem solchen Vermächtnis niemanden.