Hintergrund | 06.07.2012 | Drucken | Teilen

Imkerei

Die Dunklen Bienen fliegen wieder

Sie beherrschte Mitteleuropa über Jahrtausende - bis Imker auf die ertragreicheren Verwandten aus dem Süden setzten. Nun kehrt Deutschlands urtümliche Honigbiene zurück.
Dunkle Biene
© Alvesgaspar
CC BY-SA

Ihren Honig genossen wohl schon die Bewohner der Steinzeit – auch wenn sie ihn noch unter Mühen und wohl nicht ohne Stiche in der Natur sammeln mussten: Die Dunkle Biene war über Jahrtausende der einzige in Deutschland heimische Nektarsammler, der in größeren Staaten lebte – bis die Imker Ende des 19. Jahrhunderts ihre Zuchtbemühungen auf die südeuropäische Kärntner Biene (Apis mellifera carnica) konzentrierten. Innerhalb von 120 Jahren wurde die Dunkle Biene fast vollständig verdrängt und gilt seit 1970 in Deutschland als ausgestorben. In einigen isolierten Regionen Mitteleuropas hatte sie jedoch überlebt. Und nun erobert sie Deutschland langsam wieder zurück.

Bevor die Imker sie ersetzten, summte die Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera dagegen überall durch die Wiesen und Wälder nördlich der Alpen bis hin zum Ural. Die Deutschen nannten sie Nord-, Heide- oder Waldbiene beziehungsweise Braune Deutsche, was sie gut beschreibt: Diese Unterart der Westlichen Honigbiene ist größer und dunkler gefärbt als ihre Verwandten. Dass sie wieder zunehmend Bewunderer findet, hat sie auch dem Hobbyimker Kai-Michael Engfer zu verdanken. Sein erklärtes Ziel: eine genetisch möglichst reine Form der Dunklen Biene erhalten und wieder in Deutschland ansiedeln.

Dunkle Biene
© Alvesgaspar
CC BY-SA
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Früher beherrschte die Dunkle Biene – eine Unterart der Westlichen Honigbiene – ganz Mittel- und Nordwesteuropa. Später wurde sie aber von ertragreicheren Verwandten aus Südeuropa verdrängt. Hier im Bild eine Variante der Dunklen Biene aus Frankreich.

Engfer beschäftigt sich schon seit über 20 Jahren mit der Dunklen Biene und betreibt ein viel besuchtes Internetportal zum Thema. Zur Zeit hält er 20 Völker der dunklen Rasse und ist nach wie vor begeistert von seinen fleißigen Nutztieren: "Sie sind sanftmütig, robust, langlebig und besonders kälteresistent. Im Frühling fliegen sie schon bei niedrigen Temperaturen, und im Winter reicht dem Volk eine Hand voll Bienen, um sich ausreichend warm zu halten."

Kulturprägendes Insekt

Einige seiner Bienenvölker hält Engfer in den traditionellen Bienenstöcken, die mit der Dunklen Biene entstanden sind: den Strohkörben der Heideimkerei, die sich noch heute im Logo des Deutschen Imkerbundes finden, oder in künstlich ausgehöhlten Baumstämmen, den so genannten Klotzbeuten. Sie kommen den natürlichen Nistbedingungen des Insekts am nächsten: In der Natur bevorzugen sie die Höhlen alter Bäume; erst im Gefolge von Laubhölzern wie Buche, Linde und Ahorn konnte sie sich nach der letzten Eiszeit über ganz Mitteleuropa ausbreiten. Damals schon suchten Menschen gezielt nach den Waben und beuteten den süßen Honig aus. Im frühen Mittelalter entstand dann der Beruf des Zeidlers: Diese Waldimker holten die Honigwaben wilder oder halbwilder Bienenvölker aus den Bäumen. Später stellte er ihnen sogar ausgehöhlte Stämme als Bienenbehausungen auf: die ersten Klotzbeuten. So wurde die Dunkle Biene vom Wild- zum Nutztier und lieferte neben Honig auch Wachs, Kittharz und Pollen – bis die moderne Bienenzucht sie vorerst überflüssig machte.

Um 1850 begannen die deutschen Imker sich verstärkt für die südeuropäischen Unterarten der Honigbiene zu interessieren, etwa die Kärntner Biene oder Carnica, deren natürliche Heimat südöstlich der Alpen liegt, die höhere Honigerträge erzielt. Mehr und mehr Züchter in Deutschland setzten in der Folge ausschließlich auf die Kärntner Biene, so dass ihre dunkle Schwester nur 120 Jahre später in Deutschland ausstarb. Ähnlich erging es ihr im restlichen Europa, so dass nur in wenigen isolierten Gebieten Reinbestände der Dunklen Biene überlebten, etwa in Irland, Teilen Skandinaviens und auf einigen Inseln vor der Küste der Bretagne. Sie dienen nun als Basis für ihre Wiederkehr – in einer möglichst reinen Zuchtlinie.

Um diese genetische Ausstattung seiner Völker steuern zu können, muss der Imker die Herkunft seiner Königinnen und Drohnen kennen. Das ist bei der Königin noch relativ einfach, da sie beim Hochzeitsflug nur für kurze Zeit das Nest verlässt und dann mit einem Spermavorrat für das ganze Leben zu ihrem Stock zurückkehrt. Bei den Drohnen wird es schon schwieriger, denn die Männchen – die nur für die Fortpflanzung leben – fliegen etliche Kilometer weit; gleichzeitig lässt sich die Königin auf einem Hochzeitsflug meist von 10 bis 20 Partnern befruchten. Neben der künstlichen Besamung im Labor bieten deshalb die so genannten Belegstellen die sicherste Methode, um eine kontrollierte Verpaarung zu garantieren: In möglichst isolierten Gebieten, wie etwa auf Nordseeinseln oder in tief eingeschnittenen Gebirgstälern, werden starke Völker aufgestellt, deren Drohnen das väterliche Erbgut beisteuern.

Arrangierte Hochzeiten

Da sich relativ genau ausrechnen lässt, wann die Jungkönigin zum Hochzeitsflug bereit ist, bringt der Imker genau zu diesem Zeitpunkt kleine Völker mit paarungsbereiten Weibchen an die Belegstelle. Auf dem Hochzeitsflug treffen sie dann nur auf die zuvor ausgesetzten Drohnen, die sie begatten – eine aufwändige Methode, die Imker meist scheuen. Sie bevorzugen die gängige, einfach zu handhabende Standbegattung. Der Halter kennt dann zwar möglichst viele der dort und in der näheren Umgebung gehaltenen Bienenvölker, aber wer letztlich zum Zug kommt, kann der Züchter bei dieser Methode nicht kontrollieren.

Heimkehrerin
© Kai-Michael Engfer, www.nordbiene.de
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Mit entsprechenden Maßnahmen könnten die Imker die Zucht der einheimischen Honigbiene in Deutschland also wieder aufnehmen – selbst neben den bestehenden Zuchtlinien anderer Unterarten. Engfer hat mittlerweile einige Mitstreiter: Zwischen Kiel und München haben sich sieben Interessengemeinschaften für die Dunkle Biene zusammengefunden. Doch nicht überall stoßen sie auf Zustimmung für ihr Anliegen: Viele fürchten eine Beeinträchtigung der guten Eigenschaften ihrer eigenen, "gängigen" Völker durch unbeabsichtigtes Einkreuzen der Rückkehrerin. So hält sich hartnäckig das Gerücht, die Dunkle sei "spitz am Popo" – ein Ausdruck, der im Fachjargon besonders stechfreudige Bienen bezeichnet. Dagegen hält Engfer seine Erfahrungen mit der Dunklen Biene: "Ich gehe immer so an die Bienen ran, wie ich auch draußen im Garten rumlaufe. Wenn ich mich verkleiden müsste für die Bienen, dann hätte ich gar keine Lust auf die Imkerei. Das muss einfach Spaß bringen." Dass bei den meisten Hobbyimkern ohnehin der Spaß und nicht der Ertrag im Vordergrund steht, könnte der Dunklen Biene langfristig wieder auf die Beine helfen.

Der Berufsimker Andreas Oelkrug, der seine Bioimkerei seit 20 Jahren betreibt, sieht aber auch die Grenzen für die erwerbsmäßige Haltung: "Meine Art des Imkerns wäre mit der Dunklen völlig unmöglich. Hier im Süden haben wir eine starke Frühjahrsblüte, die Schwarze braucht aber im Frühjahr viel länger, um in Schwung zu kommen. Da würde ich zu viele Ertragseinbußen hinnehmen müssen." Für bestimmte Gebiete mit einer starken Sommerblüte aber, wie etwa Bergwiesen im Allgäu, könne sie jedoch durchaus auch für Berufsimker interessant sein.

Biene
© Emmanuel Boutet
CC BY-SA
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Der Deutsche Imkerbund (DIB) jedenfalls steht der Zucht offen gegenüber, wie Präsident Peter Maske betont: "Wir unterstützen die Imker, die sich bewusst für die Haltung der Dunklen entscheiden. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität". Und auch Manfred Hederer, Präsident des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes sieht das wachsende Interesse positiv: "Sie gehört ja hierher, hatte aber das Pech, dass sie aus historischen Gründen seit über 100 Jahren nicht weitergezüchtet wurde."

© Spektrum.de
Dunkle Biene
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