Eine globale Karte der Kernreaktionen hat ein Team um William McDonough von der University of Maryland veröffentlicht. Anhand der Daten zweier Detektoren in Italien und Japan vermaß die Arbeitsgruppe die bei natürlichen und technischen Kernreaktionen entstehenden Antineutrinos. Diese Elementarteilchen sind etwas leichter zu identifizieren als Neutrinos, weil sie den so genannten inversen Betazerfall auslösen. Mit Daten der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA identifizierte das Forscherteam dabei die menschengemachten Quellen – Kernreaktoren. Zweck der Übung ist allerdings eigentlich ein anderer: Die Reaktordaten sollen von den Gesamtemissionen abgezogen werden, so dass die Karte Aufschlüsse über die Wärmeentstehung im Erdinneren gibt.

Weltkarte der Antineutrino-Emissionen
© National Geospatial-Intelligence Agency/AGM2015
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAntineutrinos weltweit
Die Karte zeigt neben den punktförmigen Kernreaktoren – zu erkennen sind unter anderem Brunsbüttel nahe Hamburg oder Buschehr im Iran – eine Reihe geologischer Eigentümlichkeiten, zum Beispiel Splitter kontinentaler Kruste am Boden des Indischen Ozeans. Island dagegen besteht komplett aus Meeresboden.

Obwohl die menschlichen Kernreaktoren so deutlich zu sehen sind, machen sie nur etwa ein Prozent der gesamten Antineutrinostrahlung der Erde aus. Der Rest kommt aus natürlichen Kernreaktionen in Erdkruste, Mantel und Kern. Die von ihnen freigesetzte Energie spielt vermutlich eine große Rolle für Umwälzströme des Erdinneren und damit für das Erdmagnetfeld ebenso wie für Vulkane und die driftenden Erdplatten. Die Antineutrinos sollen einerseits die umstrittene Frage klären, wie viel Energie insgesamt tatsächlich frei wird. Andererseits aber zeigt schon die erste Karte – neben dem Umstand, dass die kontinentale Kruste mehr radioaktive Elemente enthält als die ozeanische – interessante geologische Strukturen und Regionen stärkerer oder schwächerer Emissionen, die bisher kaum erklärt sind.