Spektrum.de: Herr Professor Endrass, seit 2015 haben Sie gemeinsam mit dem BKA an RADAR-iTE gearbeitet, einem Fragebogen, der Polizisten helfen soll, die Gewalt­bereitschaft potenzieller Attentäter einzuschätzen. Worauf kam es bei dem Projekt besonders an?

Jérôme Endrass
© Amt für Justizvollzug im Kanton Zürich
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Jérôme Endrass: Es war wichtig, nicht auf rein statistische Ansätze für die Risikobewertung zurückzugreifen. Diese Idee kommt aus der Versicherungsmathematik. Sie funktioniert aber nur, wenn man Daten zu Tausenden von Personen hat und damit das wahrscheinliche Verhalten von Tausenden von Personen erklären will. Im Fall von terroristischen Attentaten haben wir es allerdings mit äußerst seltenen Phänomenen zu tun, die nur eine kleine Gruppe von Menschen in Erwägung zieht.

Welchen Ansatz haben Sie dem BKA stattdessen empfohlen?

Man muss davon wegkommen, sich nur eine Auffälligkeit in einem einzigen Bereich anzuschauen, und stattdessen mehrere Ebenen wie die Persönlichkeit der Person, das kriminelle Verhalten, psychiatrische Auffälligkeiten und mögliches Warnverhalten in die Analyse miteinbeziehen.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Angenommen, wir wissen, dass ein junger Mann eine radikale Weltanschauung hat. Seine Persönlichkeit ist aber nicht auffällig, er ist nicht aggressiv oder Ähnliches. Er zeigt auch keine Anzeichen einer psychischen Störung wie etwa Wahnvorstellungen, hat keine Drohungen ausgesprochen oder versucht, sich eine Waffe zu beschaffen. Dann kann man nach unserer Erfahrung diesen jungen Mann als Risikoperson wieder vergessen. Diese Erkenntnis ist für die Praxis Gold wert. Es werden Tausende gemeldet, weil sie vielleicht einen besonders langen Bart tragen oder sich vermeintlich auffällig verhalten. Doch erst wenn jemand in verschiedenen Bereichen auffällt, wird er risikorelevant. Und je mehr Bereiche rot aufleuchten, desto genauer muss man hinschauen und überlegen, ob und wie man intervenieren kann.

Wie sind Sie in dem Projekt vorgegangen?

Das BKA hat in Zusammenarbeit mit uns eine Vielzahl von Fragen ausgearbeitet, um aus dem Verhalten einer Person das von ihr ausgehende Risiko vorherzusagen. Inhaltlich orientierten sich die Fragen an Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Studien. Eine Voraussetzung war, dass die Polizisten auch an die nötigen Informationen herankommen können. Es gibt viele Fragen, die aus forensischer Sicht interessant sind, zu denen die Polizei aber keine Informationen bekommt, beispielsweise zu destruktiven Gruppendynamiken. Dann haben wir die Fragen so formuliert, dass jeder Polizist das Gleiche ­darunter versteht. Das klingt vielleicht trivial, doch es ist entscheidend und kann extrem mühsam sein. Das haben auch die anschließenden Tests mit Polizisten ­gezeigt. Diese waren für uns unverzichtbar, weil Fragen, die eine unterschiedliche Interpretation zulassen, für das Ergebnis nutzlos sind.

Viele Menschen glauben, dass jemand, der zu einem Terroranschlag oder zu einem Selbstmordattentat bereit ist, psychisch krank sein muss. Verglichen mit Schulattentätern, die Sie ebenfalls untersucht haben, fanden Sie unter den islamistischen Terroristen jedoch relativ wenige gestörte Persönlichkeiten.

Es gibt ein paar Fälle, da spielt das Psychiatrische tatsächlich eine Rolle. Aber bei jemandem, der psychisch krank ist und zurückgezogen lebt, ist es wahrschein­licher, dass er sich seine eigene "Privatideologie" zurechtzimmert, wie man das oft bei Schulattentätern sieht, als dass er auf den Salafismus kommt. Der ist für diese Menschen schon fast zu sehr Mainstream. Außerdem funktioniert religiöser Extremismus über ein soziales Milieu, in dem er kultiviert wird. Jemand, der beispielsweise an Schizophrenie erkrankt ist, ist meistens gar nicht in der Lage, die nötigen sozialen Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Daher sind soziale Medien für die Radikalisierung nicht so entscheidend, wie manchmal behauptet wird. Die meisten Salafisten werden durch direkten Kontakt angeworben, nicht durch das Internet.

Sie haben in Ihrer Forschung neben Personen, die psychisch erkrankt sind, weitere Typen von isla­mistischen Attentätern herausgearbeitet. Welche sind das?

Ein zweiter wichtiger Typus sind dissoziale Charaktere, die Kriminalität und Gewalt als legitimes Mittel betrachten, um ihren Willen zu bekommen. Das sind gewaltbereite Hooligans, denen der Salafismus eine Steilvorlage liefert, um ihren Drang auszuleben. Als psychisch krank würde man sie aber nicht bezeichnen. Wobei sie sicher auch nicht psychisch gesund, also ausgeglichen und stabil sind. Es gibt da eine breite Grau­zone. Eine dritte Gruppe hat eine Persönlichkeit, die sich von autoritären Systemen und Militärischem angezogen fühlt. Diese Menschen sind nicht dissozial und nicht psychisch krank, allerdings in ihrer Persönlichkeit auffällig, was etwa die Faszination für die paramilitärische Subkultur des so genannten Dschihad angeht. Der Inhalt der Ideologie ist für sie aber eher zweitrangig. Man sieht da sogar Rechtsradikale, die zu Islamisten werden.

Sie beschreiben in Ihren Studien noch eine vierte Gruppe von Attentätern. Für die bietet die islamistische Ideologie eine Rechtfertigung für Gewalt.

Wenn jemand nicht durch seine Persönlichkeit oder wegen einer psychischen Erkrankung zu Gewalt neigt, dann braucht es einiges, damit sich die Gewalt Bahn bricht. Wir nennen das, was in diesen Menschen vorgeht, "Legitimierungsarbeit". Junge Männer, die sich als Muslime in Europa diskriminiert fühlen oder glauben, die Muslime auf der ganzen Welt würden vom Westen ungerecht behandelt, finden in ihrem Umfeld Menschen, die sie in dieser Überzeugung bestärken. Sie werden radikaler in ihren Ansichten. Das kann sich immer weiter hochschaukeln. Irgendwann sehen sie Gewalt dann als legitimes Mittel an, um sich zu "wehren".

Also spielt der Islam als Religion zumindest bei einigen doch eine große Rolle?

Über die Hälfte der Islamisten, die nach Syrien gereist sind, wurden in weniger als einem Jahr radikalisiert, wie eine Studie des BKA aus dem Jahr 2016 zeigt. Viele können kein oder kaum Arabisch und haben den Koran vermutlich nicht wirklich gelesen. Denen wird in einer Community irgendwas erzählt, und diese Fetzen an religiösem Wissen reichen ihnen dann, um ihr Leben zu riskieren. Ich bin deshalb immer sehr zurückhaltend, das als religiöse Überzeugung zu bezeichnen. Es haben sich auch früher junge Menschen freiwillig für den Krieg gemeldet. Man braucht keine bestimmte Religion, um dieses Verhalten zu erklären.

Wenn man mit RADAR-iTE nun jemanden von diesem Typus als gefährlich identifiziert hat, wie kann man eine weitere Radikalisierung verhindern?

Man kann versuchen, solche Menschen besser über ihre Religion und das Weltgeschehen aufzuklären, ihnen eine andere Sicht zeigen, um diese zu entschärfen. Mahnungen, einen moderateren Weg zu verfolgen, dürften hingegen nur sehr selten fruchten. Man muss die Intervention an die Person anpassen. Eine dissoziale Persönlichkeit mit radikalen Ansichten muss anders angegangen werden als ein paranoider Weltverschwörungs­theoretiker mit extremistischen Einstellungen. Man hört immer viel von Aufklärungskampagnen. Wenn man sich die Heterogenität der Extremisten anschaut, ist es mehr als fraglich, ob man damit Erfolg hat.

Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Hat man es mit einem Extremisten zu tun, der an einer Schizophrenie erkrankt ist, ist die beste Empfehlung eine psychiatrische Unterbringung. Bei einem radikalisierten 18-Jährigen, der in einer Lebenskrise steckt, aber in ein Umfeld von Freunden und Familie eingebettet ist, hilft es vielleicht schon, sein Leben zu stabilisieren.

Laut Studien sind die meisten Selbstmordattentäter nicht im klassischen Sinn suizidgefährdet. Wie kann man sich die Taten dann erklären?

Es spielt ein starkes Inkaufnehmen und ein unüberlegtes Handeln in der konkreten Lebenssituation eine Rolle. Es ist nicht überraschend, dass ein solches Verhalten vor allem 17- bis 23-jährige Männer zeigen. Die machen ohnehin öfter als andere Dinge, die gefährlich sind und bei denen sie ihr Leben riskieren. In Kombination mit Mitmenschen, die sie in ihren Ansichten bestärken, und einer möglichen Perspektivlosigkeit kann es so weit kommen. Der große Knall, der große Abgang, die große Inszenierung auf der Weltbühne, um anschließend in die Hall of Fame der Attentäter einzuziehen, kann dann die letzte Motivation darstellen. Allerdings gibt es auch viele Extremisten, die es kategorisch ablehnen, ein Selbstmordattentat zu begehen.

Bei Suiziden gibt es den so genannten Werther-­Effekt: Menschen, die sich mit dem Gedanken an einen Selbstmord tragen, können durch Medien­berichte dazu verleitet werden, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen. Welche Rolle spielen Nach­ahmungseffekte bei islamistischem Terrorismus?

Es gibt eine Gruppe von Menschen, die ich als "attentatsgeneigt" bezeichnen würde. Die werden durch die Taten anderer motiviert, vor allem auch von der Art der Berichterstattung darüber. Wenn Bilder von den Tätern in den Medien gezeigt werden und sie in sozialen Netzwerken gehypt und gelobt werden, übt das eine starke Anziehung auf attentatsgeneigte Personen aus. Wenn sonst im Leben noch einiges schiefläuft und sie nichts auf die Reihe bekommen, kann ein Terroranschlag für solche Menschen ein faszinierender Ausweg sein. Wenn man nun so viele islamistische Attentäter hat wie zurzeit, werden sich muslimische Männer, die sowieso attentatsgeneigt sind, davon stärker angesprochen fühlen als beispielsweise ein christlicher Mann in Finnland, der ähnliche Fantasien hegt.

Könnte eine andere Art der Berichterstattung ­Attentate künftig verhindern?

Das ist eine schwierige Frage. Was helfen könnte, ist, dass man die Namen der Täter nicht mehr nennt und keine Fotos von ihnen zeigt. Stattdessen sollte man die Opfer in den Vordergrund rücken und es möglichst vermeiden, über die Motive der Täter zu spekulieren oder Informationen aus den polizeilichen Ermittlungen zu veröffentlichen. Informieren, ohne Details preiszugeben – das könnte ein Ansatz sein. Dabei geht es nicht darum, den Medien den schwarzen Peter zuzuschieben. Die Verantwortlichen sind die Attentäter, das ist klar. Eine zurückhaltendere Berichterstattung wird das Problem allein natürlich zwar nicht lösen, aber sie könnte zumindest einigen potenziellen Nachahmern den Anreiz nehmen.

"Es werden Tausende ­gemeldet. Aber erst, wenn jemand in verschiedenen Bereichen auffällt, wird er risikorelevant"

Wie sicher kann man sein, dass RADAR-iTE ­niemanden als gefährlich ausweist, von dem kein hohes Risiko ausgeht?

Sie sprechen einen extrem wichtigen Punkt an. Es gibt viele Instrumente, die jeden Attentäter erkennen können. Das ist keine Kunst. Die Kunst ist, potenzielle Attentäter zu erkennen und gleichzeitig zu vermeiden, dass man ungefährliche Personen als mögliche Atten­täter einstuft. Man muss die falsch positiven Antworten so niedrig halten wie möglich. Das haben wir versucht. Wenn man das nicht schafft, würde man einerseits seine Ressourcen verschwenden. Andererseits würde es zur Stigmatisierung junger männlicher Muslime führen, die vielleicht radikal sind, aber nicht gefährlich. Ein weiteres Problem ist, dass wir es mit einer so genannten Selfcanceling Prophecy zu tun haben: Bei keinem der potenziellen Attentäter, die so ein Instrument herausfiltert, kann man am Ende sagen, ob er tatsächlich einen Anschlag verübt hätte. Der Erfolg des Systems macht den Beweis, dass es funktioniert, sozusagen unmöglich.

Im Moment wird RADAR-iTE nach und nach bei den Landeskriminalämtern eingeführt. Wie geht es dann weiter?

Wir müssen sehen, wie die Polizisten in der Praxis ­damit zurechtkommen. Für die Beamten vom BKA ist RADAR-iTE das erste derartige Instrument, das die Behörde entwickelt hat. Ich sehe allerdings auch die Gefahr eines Hypes. Man kann die Risikobeurteilung mit solchen Instrumenten sicher zuverlässiger machen. Doch wir sind mit dem BKA einer Meinung, dass sie nicht die Lösung des Problems sind, sondern nur ein Hilfsmittel.

Das Interview führte der Wissenschaftsjournalist Philipp Hummel.