Hintergrund | 15.01.2013 | Drucken | Teilen

Energiepolitik

Europas ungezähmter Kohlenstoff

Finanzierungsbedarf und Politik bleiben Fallstricke für die CCS-Technologie – dem vielversprechendsten Ansatz einer Kohlendioxidbremse.
Hell erleuchtetes Braunkohlekraftwerk in der Nacht

Auf Klimagipfeln spielt Europa – mit dem Emissionsrechtehandel und strengen Klimazielen auf der Habenseite – gerne die Rolle des nüchternen Vernünftigen, der mit gutem Beispiel vorangeht. Allerdings dürfte das Saubermann-Image langsam ein paar Kratzer bekommen. Denn im Schneckenrennen um Versuchsanlagen, die anfallende Treibhausgase von Kraftwerken und Industrieparks direkt abfangen, hat Nordamerika den alten Kontinent heute schon abgehängt. Dabei fällt nicht ins Gewicht, dass die USA und Kanada gleichzeitig auch immer mehr Kohle verfeuern.

Das europäische Dilemma um die Kohlendioxideinlagerung oder "Carbon Capture and Storage" (CCS) ist jüngst im Dezember wieder einmal deutlich geworden. Zwar war vor zwei Jahren ein Fonds der Europäischen Kommission aufgelegt worden, mit dem auch CCS-Projekte hätten gefördert werden können – allein, es fand sich kein einziger förderbarer Ansatz, also flossen die 1,2 Milliarden Euro in verschiedene Projekte mit erneuerbaren Energien. Auf eine alarmierende Randnotiz verweist dabei die Internationale Energiebehörde IEA: Der US-Schwenk von der Kohle zum Schiefergas als Energieträger hat den Kohlepreis in Europa fallen lassen und – bei hier gleichzeitig hohen Gaspreisen – damit dafür gesorgt, dass die umweltschädliche Kohleverbrennung wieder zunimmt. "Sehr peinlich für die europäische Umweltschutzreputation", findet Vivian Scott, die an der University of Edinburgh die Rolle der CCS im Rahmen der Klimapolitik analysiert.

Hell erleuchtetes Braunkohlekraftwerk in der Nacht
  Braunkohlekraftwerk
Zu den schmutzigsten Stromproduzenten gehören Braunkohlekraftwerke. Einige Ingenieure und Geowissenschaftler sehen in der CCS eine Möglichkeit, dies zu ändern.

Zugegeben, weltweit tut sich kaum eine Regierung leicht mit der CCS-Förderung. Bisher hat sich die Technik zur CO2-Ausfilterung aus Abgasen nur in einigen Kleinprojekten bewährt, und erst viermal ist im Rahmen größer angelegter Unternehmungen Gas tatsächlich auch erfolgreich unterirdisch gespeichert worden. Und nirgendwo ist ein CCS-System nennenswerter Größe schon in einem Kraftwerk installiert: Die Ausstattung würde den Strompreis um 50 bis 100 Prozent erhöhen und müsste somit erst einmal mit einigen hundert Millionen Dollar vorsubventioniert werden.

Dabei hatte eine IAE-Roadmap sich vor vier Jahren das Ziel gesteckt, bis zum Jahr 2020 insgesamt 100 CCS-Projekte zu bauen, um damit jährlich 150 Millionen Tonnen Kohlendioxid abzufangen. Legt man den bisherigen Baufortschritt zu Grunde, so dürften bei optimistischer Schätzung bis dahin wohl eher 20 Projekte fertig werden, rechnet Scott vor. Denn: "In der Realität werden Anreize für erneuerbare Energieprojekte gesetzt, nicht aber für CCS. Keine Regierung treibt Großvorhaben auf diesem Gebiet mit Ehrgeiz voran", fasst Juhu Lipponen zusammen, der CCS-Verantwortliche der IAE. Gerade einmal geschätzte 20 Milliarden Dollar haben Regierungen für Versuchsanlagen freigestellt – rund 100 Milliarden wären aber wohl nötig, rechnet er vor, um die ursprüngliche Roadmap einzuhalten.

Europäische Verzögerung

Besonders betroffen ist die europäische CCS-Industrie – eine Folge der Wirtschaftskrise, zögerlicher Politik und verschleppender EU-Bürokratie. Wind- und Solarenergieprojekte wurden bevorzugt behandelt; beide haben von direkten Zuwendungen und Einspeisevergütungen profitiert, die für Niedrig-CO2-Strom hohe Preise garantieren. Die Subventionen erreichen dabei eine Höhe, wie sie auch für CCS ausreichend wäre – weil es sich aber um viele kleinere Einzelprojekte handelt, stellt die jeweilige Finanzierung immer vergleichsweise kleine Hürden auf. Die CCS hat dagegen zwar einzelne Finanzspritzen, nie aber so etwas wie eine Einspeisevergütung garantiert bekommen. Man war stattdessen davon ausgegangen, dass die Kraftwerksbetreiber vom europäischen Emissionsrechtehandel genug profitieren würden, bei dem die besonders viel Kohlendioxid ausstoßenden Industrien Verschmutzungsrechte handeln. Produzierende Gewerbe, die CCS-Projekte implementieren, hätten demnach rein rechnerisch zusätzliche CO2-Emissionsrechte zum Verkauf zur Verfügung haben sollen. Mit 300 Millionen abgestoßener CO2-Credits wäre – diesem "NER300"-Plan zufolge – das europäische CCS-Projekt dann finanziert gewesen.

Nun sind die Preise für Verschmutzungsrechte letztes Jahr aber im Zuge der Wirtschaftskrise und dem daher abflauenden Ausstoß an Kohlendioxid auf sechs bis sieben Euro pro Tonne abgestürzt. Man konnte somit 2012 mit dem Verkauf von 200 Millionen Credits nur 1,5 Milliarden Euro erlösen, also ein Drittel der Zielvorgabe. "Der Preiskollaps im Emissionshandel ist hauptverantwortlich für den gebremsten Fortschritt", erklärt Howard Herzog, Fachmann für Kohlenstoffspeicherung am MIT in Cambridge.

Ungeachtet der Entwicklung hat der Kommissionsfonds im Juli 2012 eine Kandidatenliste auf zehn besonders förderungswürdige CCS-Projekte eingedampft, um nun nur noch auf Garantiezusagen für eine Koförderung durch die Mitgliedsländer zu warten. Fünf der sechs Länder, in denen die Projekte gebaut werden sollen – Großbritannien, die Niederlande, Polen, Italien und Rumänien –, "sind aber bislang nicht einmal aus den Startlöchern gekommen", subsumiert der britische EU-Abgeordnete Chris Davies, ein bekannter Befürworter des CCS-Fonds. Ein französisches CCS-Projekt, mit dem die Kohlendioxidemission eines Stahlwerks abgefangen werden sollen, blieb auf der Strecke, nachdem die Luxemburger Eigentümer, Arcellor Mittal, sich zurückgezogen hatten.

Die verpassten Gelegenheiten haben Europas CCS-Planung um zwei Jahre zurückgeworfen, meint Phillip Paelinck, Leiter des CCS-Entwicklungsabteilung von Alstom, dem französischen Energieriesen mit Sitz in Levallois-Perret bei Paris. Das Unternehmen führt verschiedene CCS-Pilotprojekte durch und hatte eigentlich gehofft, drei davon nach dem NER300-Plan zu erweitern. Ungeachtet der Versäumnisse soll der NER300-Fonds womöglich schon dieses Jahr eine zweite Fördertranche ausschütten; vielleicht sind die Projekte in Großbritannien, Holland und Rumänien dann so weit, die Gelder auch einzustreichen. Unabhängige Fördertöpfe – etwa die eine Million Pfund, die Großbritannien zur CCS-Kompensation im Rahmen einer Neugestaltung des Strommarkts ausschüttet, um Einspeisevergütungseffekte zu erreichen – sollten weiteren Projekte Starthilfe geben. "CCS in Europa lebt noch. Nur lässt sie sich viel schwerer verkaufen als gehofft", so Lipponen.

Handreichungen durch die Ölindustrie

In den USA und Kanada sind CCS-Projekte schon weiter – sie werden dort durch Geldgeber und die monetarisierbaren Kohlendioxideinsparungen kofinanziert. Dabei versenkt die Ölindustrie Gas im Nennwert von 20 bis 40 Dollar pro Tonne im Untergrund, um gleichzeitig die vor Ort gebundenen Ölreste freizuwaschen. Im Jahr 2014 gehen zwei weitere nordamerikanische Großprojekte zur Kohlenstoffspeicherung an den Start: Das 1,26 Milliarden US-Dollar teure Boundary-Damm-Projekt in Saskatchewan (ein 100-Megawatt-Kraftwerk, mit dem ein Kohlekraftwerksblock ersetzt werden soll), sowie das 2,4 Milliarden Dollar schwere "Texas Clean Energy Project" bei Odessa, in dem eine neu erbaute 400-Megawatt-Anlage Kohle vor dem Verbrennen vergast. Ein ganz ähnliches, ebenso teures Kraftwerk soll 2014 Strom produzieren, muss zuerst aber noch den Ausgang einer gerichtlichen Auseinandersetzung abwarten, die über seine Auswirkungen auf die lokale Stromproduktion geführt wird.

Die Finanzierung von CCS durch die Ölindustrie ist für weite Teile Europas, in denen Öl keinen großen Anteil an der Energieversorgung hat, keine sinnvolle Option. Und zu Recht gibt Stuart Hazeldine, ein Geologe der University of Edinburgh, zu bedenken, dass der Synergieeffekt aus versenktem Kohlendioxid und gleichzeitiger Ölextraktion zwar eine erste Starhilfe für CCS-Projekte sein kann, dass man dabei aber auch die CO2-Mengen in Rechnung stellen sollte, die durch die zusätzliche Ölverbrennung dann später anfallen werden. In unveröffentlichten Studien kommt Hazeldine dabei auf eine CO2-Verringerung von unter dem Strich gerade einmal zehn Prozent, sollte CCS auf diesem Weg gefördert werden.

Dennoch, CCS-Befürworter halten die Implementierung der Technologie im großen Maßstab für unabdingbar. CCS biete die einzige Möglichkeit, die Treibhausgasemission aus Kohle zu verringern – und Kohle wird laut IAE-Vorhersagen schon im Jahr 2017 das Öl als globalen Hauptenergielieferanten abgelöst haben. Ob die Technologie einen Markt findet, werde sich noch zeigen, meint Julio Friedmann, Chef des Kohlendioxid-Management-Programms am Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien. Kein Land, so schätzt er, könne aber langfristige Klimaziele ohne CCS einhalten. "Europa schaltet die Atomenergie ab und baut neue Kohlekraftwerke, ohne ernsthaft CCS voranzutreiben. Da fragt man sich schon, ob die Pläne zur Emissionsreduktion ernst gemeint sind."


Dieser Artikel ist im Orginal unter dem Titel "Europe’s untamed carbon" in "Nature" erschienen.
© Spektrum.de
Hell erleuchtetes Braunkohlekraftwerk in der Nacht

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