Ihre grellbunte Warnung ist berechtigt: Manche kolumbianischen Pfeilgiftfrösche tragen ein so wirksames Gift in ihrer Haut, dass es von Eingeborenen sogar zur Jagd verwendet wird. Selbst Menschen können die so genannten Batrachotoxine – benannt nach dem griechischen Begriff batrachos für Frosch – gefährlich werden. Die Substanzen sorgen dafür, dass sich Natriumkanäle in Nerven- und Muskelzellen nicht mehr schließen können. So legen sie die Erregungsweiterleitung lahm und lassen den Muskelapparat verkrampfen.

Pitohui
© Jack Dumbacher
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Diese lähmenden Verbindungen kommen nicht nur in kolumbianischen Fröschen vor. Aus einer ganz anderen Ecke der Welt, nämlich Papua-Neuguinea, meldeten Forscher 1992, dass sie ebenfalls Batrachotoxine aufgespürt hatten – allerdings nicht in Fröschen, sondern in den Federn der nur dort lebenden Pitohuis, die zu den Dickkopfvögeln zählen. Wenige Zeit später fanden die Wissenschaftler die Gifte auch im Gefieder der Timalie Ifrita kowaldi. Die Vögel dürften die Substanzen wohl wie die Frösche als Ungenießbarkeits-Warnung benutzen. Nur – bisher fand niemand einen Hinweis, dass die Tiere ihre Abschreckung selbst herstellen können. Woher also stammt die Abwehr?

Timalie
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Die Eingeborenen in Neuguinea brachten Jack Dumbacher von der kalifornischen Akademie der Wissenschaften und seine Kollegen auf die richtige Spur. Denn die Menschen vor Ort nennen die Timalie "nanisani". Mit diesem Begriff beschreiben sie das seltsame Kribbeln und Taubheitsgefühl der Lippen und Gesichtshaut, die nach einem Kontakt mit den Federn der Vögel auftreten. Denselben Namen aber tragen auch dort häufige Käfer mit blauvioletten Flügeln und einem gelb-schwarzen Rückenschild – kein Wunder: Sie rufen genau dieselben Empfindungen hervor. Also analysierten Dumbacher und seine Kollegen umfangreiche Käferproben und wiesen in der Tat Batrachotoxine in nicht geringen Mengen nach.

Melyridae
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Sind damit die Insekten die Giftquelle? Danach sieht es aus, denn die Forscher fanden Überreste der Sechsbeiner in Mägen und Exkrementen der Vögel. Über die Lebensweise und Entwicklungsstadien der Käfer, ihre Nahrungsgewohnheiten oder sonstiges zum Sinn und Zweck ihrer Giftproduktion konnten die Wissenschaftler allerdings nichts herausfinden. Auch die Einheimischen wussten nicht mehr zu berichten als die Erfahrung brennender Schmerzen im Gesicht, wenn ihnen bei Feldarbeiten ein Käfer ins Gesicht fliegt. Woher die Insekten das Gift beziehen – ob aus der Nahrung oder aus Eigenproduktion, vielleicht mit Hilfe von symbiontischen Untermietern wie Bakterien –, muss daher noch offen bleiben.

Aber was bedeuten die Ergebnisse aus Neuguinea nun für die Pfeilgiftfrösche in Kolumbien? Nun, jene Käfer gehören zur weltweit verbreiteten Familie der Melyridae und haben damit auch im südamerikanischen Regenwald Verwandte. Die nächste Reise könnte Dumbachers Team daher in diese Gegend führen. Und vielleicht hilft ihnen auch dort wieder das unschätzbar wertvolle Wissen und die tatkräftige Hilfe von Einheimischen, die den Forschern aus den Industrieländern schon so manche Erkenntnistür geöffnet haben.