Die Welt ist voll von Mythen und Legenden großer Vögel mit enormen Kräften. Nicht nur über Mittelerde schwebten gigantische Greife, auch der Vogel Rock aus Sindbads Erzählungen in 1001 Nacht war so groß, dass er ganze Elefanten verschleppen konnte, und unter seinem kolossalen Horst herrschte ewige Dunkelheit. Aber waren diese Erzählungen immer nur reine Ausgeburten der Fantasie?

In manchen Erzählungen scheint tatsächlich ein wahrer Kern zu stecken. Die Saga vom Vogel Rock etwa könnte auf die tatsächlich einmal existenten Elefantenvögel (Aepyornithidae) Madagaskars zurückgehen. Es handelte sich um straußenähnliche Laufvögel, die bis zu 3,5 Meter hoch werden konnten und fußballgroße Eier legten. Sie starben vermutlich um 1700 nach intensiver Bejagung aus, überlebten aber unter anderem in den Überlieferungen arabischer Seefahrer.

Und just in der filmischen Heimat der "Herr-der-Ringe"-Trilogie auf Neuseeland lebte bis vor wenigen Jahrhunderten tatsächlich ein riesiger Greif: der Haast-Adler. Er wog 10 bis 15 Kilogramm, und seine Schwingen hatten eine Spannweite von 2,5 bis 3 Metern. Damit wäre er der größte bislang bekannte Greifvogel des Planeten gewesen, seine heute noch lebenden Verwandten erscheinen dagegen als kümmerliche Zwerge. Selbst der nächstgrößte Adler – die südamerikanische Harpyie (Harpia harpyja) – kommt nicht einmal auf die Hälfte des Gewichts.

Heute existiert der Haast-Adler (Harpagornis moorei) nicht mehr, und nur wenig weiß man über sein Leben und Sterben. Neue Untersuchungen von Wissenschaftlern um Michael Bunce von der kanadischen McMaster-Universität bringen jetzt ein wenig Licht in seine und damit auch Neuseelands ökologische Vergangenheit.

Denn vor der Ankunft der ersten Menschen auf Neuseeland waren die Inseln ein Reich der Vögel. Abgesehen von den Robben an der Küste lebten dort nur drei weitere Säugetierarten: allesamt Fledermäuse. Die vorhandenen ökologischen Nischen wurden weit gehend von den etwa 250 Vogelspezies eingenommen – und an der Spitze ihrer Hierarchie stand der Haast-Adler.

Als Beute bevorzugte er die ebenfalls riesigen Moas, die auf Neuseeland den Platz von behuften Säugern als Weidetiere einnahmen. Diese flugunfähigen Laufvögel konnten bis zu 200 Kilogramm wiegen, und doch gelang es dem Adler, sie bisweilen auf einen einzigen Schlag zu töten, wie Löcher und Risse in den untersuchten Moaknochen zeigen.

Die Skelettfunde deuten auch die Art des Luftangriffs an. Der Adler attackierte dabei die arglos äsenden Moas von der Seite und schlug ihnen eine seiner beiden Klauen in die weiche Hüftflanke. Mit dem anderen Fuß oder mit seinem Schnabel fügte er dann dem Opfer tödliche Verletzungen zu. Kein anderer Beutegreifer der Insel konnte mit dieser Vehemenz jagen. Und da kein anderer Räuber Neuseelands seine Größe erreichte, durfte er seine Beute auch ungestört verzehren.

Diese Kombination aus vorhandenen – weit gehend ungenutzten – wandelnden Fleischbergen und fehlender Konkurrenz begünstigten zudem den Gigantismus der Adler, die eigentlich eng mit einem der kleinsten Adler der Welt verwandt sind – dem Kaninchenadler (Aquila morphnoides) Australiens. Dieser wiegt meist weniger als ein Kilogramm. Wie DNA-Analysen der Forscher ergaben, stammen beide jedoch von einem gemeinsamen Vorfahren ab. Ihre evolutionären Wege trennten sich erst vor etwa einer Million Jahre: Der Haast-Adler wuchs anschließend in vergleichsweise so kurzer Zeit zu einem Riesen heran, wie es noch bei keinem weiteren Landlebewesen beobachtet werden konnte, betonen die Forscher.

Erst mit der Ankunft der Maori in das Vogelreich fand seine unumschränkte Herrschaft ein Ende. Die ersten menschlichen Besiedler Neuseelands machten ebenfalls Jagd auf die Beutetiere des Adlers und gestalteten seinen Lebensraum um. Mit dem Verschwinden der Moas war prinzipiell das Schicksal ihres gefiederten Jägers ebenso besiegelt – etwa 200 Jahre nachdem die Maori auf den Inseln Fuß fassten, starben die Jäger der Lüfte mangels geeigneter Nahrung aus.

Immer wieder tauchten allerdings Mutmaßungen auf, der Haast-Adler hätte sein Ende noch ein wenig hinausgezögert, indem er auf ein anderes Futter umstieg: den Menschen! Steckt folglich vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit in den Märchen von Sindbad bis Tolkien? Die nötige Kraft, um wenigstens Frauen und Kinder als Beute zu entführen, hätte der Haast-Adler zweifelsohne gehabt. Die mündlichen Überlieferungen der Maori und ihre historischen Steinzeichnungen liefern aber keine Belege. Geschichten von Menschen verschleppenden Adlern bleiben also weiterhin nichts als – Legenden, Mythen und Sagen.