Hektik ist nicht ihre Sache. Schon gar nicht beim Fressen. Wer die Riesenschildkröten im privaten Schutzgebiet El Chato 2 auf der Galapagosinsel Santa Cruz beobachtet, bekommt einen Grundkurs in Entschleunigung gratis dazu. Mit schief gelegtem Kopf rupfen die Tiere ein bisschen Gras, kauen in Zeitlupe, halten wieder inne. Manchmal scheinen sie glatt das Schlucken zu vergessen. Dann verharren sie minutenlang und schauen meditativ in die Gegend, mal mit offenem Maul, mal mit Grashalmen zwischen den Lippen: aus der Zeit gefallene Feinschmecker, die das Prinzip "Slow Food" schon vor Millionen von Jahren erfunden haben.

Passen sie da überhaupt noch in die moderne Welt? Schließlich haben sich die Galapagosinseln in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. Im Schlepptau des Menschen sind immer neue Pflanzen angekommen, haben sich ausgebreitet und einen Teil der angestammten Vegetation verdrängt. Die weltweit einmalige Flora und Fauna des Archipels ist dadurch massiv unter Druck geraten – aus Naturschutzsicht eine Katastrophe. Doch ausgerechnet die Riesenschildkröten reagieren erstaunlich gelassen auf die grüne Invasion. Profitieren sie vielleicht sogar davon? Und hintertreiben sie dabei die Bemühungen, den Vormarsch der fremden Gewächse aufzuhalten?

Solche Fragen faszinieren Wissenschaftler wie Stephen Blake, der sich am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell und am Zoo von Saint Louis in den USA mit der Ökologie und dem Verhalten der gepanzerten Giganten beschäftigt. "Wir wissen ja, dass große Pflanzenfresser die Struktur und Funktion ganzer Lebensräume gestalten können", sagt der Forscher. Und zwar nicht nur, indem sie bestimmte Arten verspeisen und andere verschmähen. Solche Tiere zertrampeln stellenweise das Grün, verbreiten Samen und düngen die sprießenden Keimlinge mit ihrem Kot. So beeinflussen sie nicht bloß die Vegetation, sondern auch die davon abhängige Fauna. Nachgewiesen ist das bisher allerdings vor allem bei Säugetieren wie dem Waldelefanten. Aber Stephen Blake ist davon überzeugt, dass auch die Riesenschildkröten eine wichtige Rolle als Ökosystem-Ingenieure spielen.

Wandernde Riesen

Schließlich stellen die Reptilien die bei Weitem größten Vegetarier der Galapagosinseln. Schon Charles Darwin war bei seinem Besuch auf den Inseln beeindruckt von ihrer massigen Gestalt: "Sie sind so stark, dass sie mich leicht tragen können, und zu schwer, um sie vom Boden aufzuheben", notierte der Vater der Evolutionstheorie am 9. Oktober 1835. Die Männchen können bis zu 1,20 Meter lang und 300 Kilogramm schwer werden. Entsprechende Mengen Futter landen in ihrem Magen. Und entsprechend durchschlagend ist die Wirkung, wenn sie wie Bulldozer durch die Vegetation pflügen.

Schildkröte auf Wanderschaft
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(Ausschnitt)
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Die Riesenschildkröten auf Galapagos unternehmen überraschend weite Wanderungen, wie Forscher mit GPS-Loggern herausfanden.

"Die Ökologie dieser Tiere steckt allerdings noch voller Überraschungen", sagt Stephen Blake. Erst vor ein paar Jahren haben er und seine Kollegen zum Beispiel herausgefunden, dass die massigen Reptilien ambitionierte Wanderer sind. Die Forscher hatten damals GPS-Geräte und 3-D-Beschleunigungsmesser auf den Panzern von 17 Schildkröten befestigt. So konnten sie zwei Jahre lang die genaue Position und das Verhalten dieser Kandidaten beobachten. Zusätzlich haben sie auch noch Größe, Geschlecht und Aufenthaltsort aller weiteren Schildkröten notiert, denen sie im Gelände von Santa Cruz begegneten. So kam Verblüffendes über den Alltag der Tiere zu Tage.

Die legen trotz ihrer Schwerfälligkeit nämlich ein ganz ähnliches Verhalten an den Tag wie die Gnus in der Serengeti: Sie wandern ihrer Nahrung hinterher. Während der heißen Regenzeit zwischen Januar und Mai halten sie sich in den Trockengebieten im Tiefland von Santa Cruz auf. Dann sind die dortigen Bäume und Sträucher grün, und es gibt reichlich Schildkrötenfutter von bester Qualität. In der kühlen Trockenzeit im Rest des Jahres aber verdorrt diese Vegetation. Also machen sich die ausgewachsenen Tiere im Juni auf den beschwerlichen Marsch die Vulkanhänge hinauf. Das Hochland der Insel hüllt sich nämlich das ganze Jahr über häufig in Nebel oder bekommt feinen Nieselregen ab. Deshalb gibt es hier oben das ganze Jahr über grüne Vegetation. Grund genug für die vierbeinigen Wanderer, ihre dicken Beine mit den kräftigen Krallen in Bewegung zu setzen und ihren schweren Panzer hier hinaufzuschleppen. Langsam und schwankend, Meter um mühsamen Meter.

Grüne Invasoren

Was sie am Ziel ihrer Reise vorfinden, ist allerdings eine andere Welt als früher. Denn in den feuchten Bergen liegt auch das Farmland von Santa Cruz. Hier dominieren die vom Menschen eingeführten Pflanzen. Angefangen hat deren Siegeszug in den 1930er Jahren, als die natürliche Hochland-Vegetation zunehmend den Viehweiden und Feldern weichen musste. Seither sind immer schneller immer mehr neue Gewächse dazugekommen. Und die bleiben nicht im Kulturland, sondern erobern auch die Flächen des Galapagos-Nationalparks. Dort bilden invasive Pflanzen bereits mehr als 40 Prozent des Kronendachs, wie eine Analyse von australischen und ecuadorianischen Forschern zeigt.

Trockenwald
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Besonders viel Ärger macht zum Beispiel der Rote Chinarindenbaum Cinchona pubescens. Weil sich aus seiner Rinde der Anti-Malaria-Wirkstoff Chinin gewinnen lässt, wurde er in den 1940er Jahren auf Galapagos eingeführt. Inzwischen ist er zur alles überwuchernden Plage geworden. Auf Santa Cruz hat er schon mehr als 12 000 Hektar Fläche erobert und krempelt in verschiedenen Vegetationszonen die Pflanzengemeinschaften um. Wo er sich ausgebreitet hat, sind heimische Gewächse seltener geworden und die Artenvielfalt ist zurückgegangen. Zudem haben sich die Nährstoffverhältnisse im Boden so verändert, dass der Chinarindenbaum selbst und andere invasive Arten davon profitieren.

Auch eine aus Asien stammende Brombeerart namens Rubus niveus hat sich bei Naturschützern unbeliebt gemacht. Sie wächst überall in den feuchteren Bereichen der Inseln und verwandelt die heimische Vegetation in undurchdringliche Dickichte aus stacheligen Trieben.

Was diese Neuankömmlinge anrichten können, sieht Sebastian Cruz zum Beispiel in der Region des halbmondförmigen Hügels Media Luna im Hochland von Santa Cruz. "Von Natur aus wächst hier ein Miconia-Wald, den es nur auf Galapagos gibt", erklärt der Biologe, der auf Santa Cruz lebt und am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell promoviert hat. Doch die bis zu fünf Meter hohen Miconia-Sträucher mit den rötlichen Blättern und Blütenständen ziehen gegenüber der stärkeren Konkurrenz aus anderen Teilen der Welt den Kürzeren. Chinarindenbäume und Brombeeren übernehmen das Feld. Das aber ist nicht nur für die verdrängten Pflanzen ein Problem. "Zwischen den Miconia-Sträuchern können die vom Aussterben bedrohten Galapagos-Sturmvögel sehr gut ihre Bruthöhlen graben", sagt der Forscher. Doch wo die Brombeeren überhandnehmen, verheddern sich die Tiere im stacheligen Gestrüpp und kommen nicht mehr an ihre Nistplätze.

Guten Appetit!

Allerdings kennt Sebastian Cruz auch pflanzliche Neuankömmlinge, die bei Teilen der heimischen Tierwelt durchaus gut ankommen. Zum Beispiel die Echte Guave Psidium guajava. "Riesenschildkröten lieben die Früchte dieser Bäume", berichtet der Forscher. "Wenn die reif sind, fressen sich die Tiere in einen regelrechten Zuckerrausch."

Haben die gepanzerten Giganten auch noch andere neue Arten auf ihren Speiseplan aufgenommen? Und welche Rolle spielen diese Pflanzen im Vergleich zu ihrer herkömmlichen Kost? Um das herauszufinden, haben Schildkröten-Experte Stephen Blake und seine Kollegen 25 erwachsene Reptilien vier Jahre lang akribisch überwacht. Wo genau halten sich die Tiere auf? Wie viele Bissen wandern innerhalb von zehn Minuten in ihr Maul? Welche Pflanzenteile knabbern sie dabei an? Von welchen Arten? Zudem haben die Forscher in verschiedenen Höhenlagen die Vegetation kartiert, um den Anteil von heimischen und fremden Arten zu bestimmen. Und sie haben 37 Weibchen gewogen und ihnen Blut abgenommen, um mehr über ihren körperlichen Zustand zu erfahren.

"Riesenschildkröten sind die wahren Gärtner des Archipels"
(Stephen Blake)

Den Ergebnissen zufolge stehen Blätter, Stängel und Früchte von mindestens 64 Pflanzenarten auf dem Schildkröten-Speiseplan, 28 davon stammen ursprünglich nicht von den Inseln. Vor allem im Hochland fressen die Tiere vielerorts inzwischen mehr fremde als heimische Kost. Und das ist offenbar keineswegs eine Notlösung. Vielmehr scheinen die gepanzerten Gourmets die neuen Gewächse aktiv zu bevorzugen. "Das ist auch gar nicht so überraschend", meint Stephen Blake. "Man muss sich die Sache nur mal aus Sicht einer Schildkröte anschauen."

Normalerweise suchen sich Pflanzenfresser nämlich ganz gezielt die Nahrung aus, die am besten verdaulich und am nährstoffreichsten ist. Und in dieser Hinsicht können etliche der nach Galapagos eingeführten Arten durchaus punkten. Die auf den Inseln heimische Guave Psidium galapageium zum Beispiel ist nicht wirklich ein Leckerbissen: kleine Früchte mit großen Samen, eine dicke Schale und nur ein bisschen bitteres Fruchtfleisch. Dagegen lockt die eingeführte Verwandte mit jeder Menge süßem Fruchtfleisch unter dünner Schale. Da fällt die Wahl nicht schwer. Zumal die reifen Früchte vielerorts massenweise am Boden liegen, so dass die Reptilien wie im Schlaraffenland schwelgen können.

Miconia-Strauch
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Nur auf Galapagos wachsen Miconia-Wälder mit bis zu fünf Meter hohen Sträuchern. Sie werden aber nach und nach von der eingeschleppten Konkurrenz wie Chinarindenbäumen und Brombeeren verdrängt.

Welche Folgen die exotische Kost für die Fitness, die Wanderungen und die Bestände der gewaltigen Reptilien hat, ist schwer einzuschätzen. Hinweise für mögliche Gesundheitsschäden haben Stephen Blake und seine Kollegen bisher aber nicht gefunden – im Gegenteil: Der körperliche Zustand der Tiere bleibt mit steigender Höhe und zunehmendem Anteil von fremden Pflanzen in ihrer Nahrung entweder gleich oder verbessert sich sogar. Es könnte also sein, dass die Schildkröten während der heutigen Trockenzeiten fitter sind, als sie es früher waren.

Für Stephen Blake und seine Kollegen sind das ermutigende Zeichen. Denn auf großen Teilen des Archipels wird die ursprüngliche Vegetation wohl nicht zurückkommen. Zwar gibt es Programme, in denen Naturschützer gegen das eingeschleppte Grünzeug vorgehen. Doch das ist nicht nur aufwändig und teuer, es hat auch nicht immer den gewünschten Erfolg. "Die mehr als 750 invasiven Pflanzenarten auf Galapagos wieder auszurotten, wird kaum möglich sein", meint Stephen Blake. Es sei schon schwierig genug, sie einigermaßen unter Kontrolle zu halten. "Zum Glück scheint sich das Vorkommen einiger dieser Pflanzen mit dem Schutz der Riesenschildkröten zu vertragen", freut sich der Biologe.

Die Samen-Transporteure

Es gibt dabei allerdings ein Problem. Denn wer große Mengen exotischer Früchte frisst, scheidet auch massenweise deren Samen aus. Und wer weit wandert und zudem eine langsame, wenig aggressive Verdauung hat, ist womöglich ein besonders effektiver Samenverbreiter. Fördern die gepanzerten Ikonen von Galapagos also den Siegeszug der invasiven Arten? Auch diesem Verdacht sind Stephen Blake und seine Kollegen nachgegangen.

Sorgfältig haben sie 120 Schildkröten-Kothaufen aus Farmland und Nationalpark durchgesiebt. Darin fanden sie im Schnitt 464 Samen von drei verschiedenen Arten. Insgesamt enthielten die untersuchten Exkremente die Samen von 45 Pflanzenarten – ein rekordverdächtiger Wert. Mit der Hausratte und dem Kleinen Grundfink gibt es auf Galapagos überhaupt nur zwei andere Tiere, die nachgewiesenermaßen mehr als zehn Pflanzen verbreiten.

Solche kleineren Fruchtfans haben aber in der Regel eine recht schnelle Verdauung, so dass sie die Samen oft in der Nähe der Ursprungspflanze wieder ausscheiden. Riesenschildkröten dagegen behalten ihre Mahlzeiten im Durchschnitt zwölf Tage im Körper. In dieser Zeit legen sie auf Santa Cruz nach Beobachtungen der Forscher knapp 400 Meter zurück. Manchmal dauert die Verdauung sogar bis zu 28 Tagen, in denen die Reptilien das Saatgut mehr als vier Kilometer weit tragen können.

"Riesenschildkröten transportieren wahrscheinlich mehr Samen von mehr Arten über größere Strecken als alle anderen Wirbeltiere auf Galapagos", resümiert Stephen Blake. "Sie sind die wahren Gärtner des Archipels."

Das heißt allerdings auch, dass sie die Samen von mindestens elf invasiven Arten sehr effektiv in der Gegend verteilen – und zwar in großen Mengen. Daran hindern kann sie niemand. Mit Schildkröten-Unterstützung aber gelingt es diesen Gewächsen noch leichter, vom Farmland in den Nationalpark vorzudringen und die heimische Flora zu verdrängen. "Das macht das Management dieser invasiven Pflanzen natürlich noch schwieriger", sagt Stephen Blake.

Er plädiert daher für ein noch differenzierteres Vorgehen im Umgang mit der neuen Flora. Mit manchen eingeschleppten Pflanzen könne das Ökosystem der Inseln offenbar leben, mit anderen dagegen nicht. Da gelte es, Prioritäten zu setzen. Für jede Art müsse man zudem Machbarkeit, Kosten und Erfolgschancen verschiedener Ausrottungsmethoden abwägen und das Ganze dann in einen neuen Managementplan einfließen lassen. "Ich hoffe, dass dabei auch die Erkenntnisse über die Samenverbreitung durch Schildkröten berücksichtigt werden", sagt der Forscher.

Er wehrt sich allerdings dagegen, die gepanzerten Giganten nur als Naturschutz-Saboteure zu betrachten: "Manchmal sind sie auch die guten Jungs." Denn sie verbreiten ja durchaus auch heimische Arten. Und denen können sie bei der Rückkehr in Gebiete helfen, in denen sie selten geworden oder ganz verschwunden sind. Viele Farmer im Hochland von Santa Cruz haben zum Beispiel die endemische Galapagos-Guave auf ihrem Land gerodet. Doch die Schildkröten schaffen ständig neue Samen heran. Stephen Blake hält es durchaus für möglich, dass die Art dadurch in einen Teil ihres einstigen Verbreitungsgebiets zurückkehren kann. Auch wenn ihre Früchte nicht so gut schmecken.