Unser innerer Nachbarplanet Venus ist von einer dichten permanenten Wolkendecke umgeben. Sie reißt niemals auf und sorgt dafür, dass die Venus den größten Teil des auf sie treffenden Sonnenlichts zurück ins All wirft. Daher erscheint sie je nach Stellung an unserem Himmel als strahlender Abendstern wie derzeit oder als Morgenstern. Im Teleskop ist die Venus dann als winzige gleißende Sichel ohne weitere Merkmale sichtbar. Dies ändert sich jedoch drastisch, betrachtet man unseren Nachbarplaneten im infraroten und ultravioletten Licht: Dann zeigt die Wolkendecke eine Vielzahl an dynamischen und rasch veränderlichen Strukturen. Die Venusatmosphäre besteht zum größten Teil aus Kohlendioxid, und die Wolken sind feinste Tröpfchen konzentrierter Schwefelsäuere.

Die Venus im infraroten Licht, fotografiert von der japanischen Raumsonde Akatsuki
© AKATSUKI (Planet-C)
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDie Venus im infraroten Licht
Am 7. Dezember 2015 fotografierte die japanische Raumsonde Akatsuki die permanente Wolkendecke unseres Nachbarplaneten Venus im infraroten Licht bei Wellenlängen zwischen acht und zwölf Mikrometern. Ungewöhnlich auf diesem Bild ist die helle, bogenförmige Struktur, die sich mehr als 10 000 Kilometer von Nord nach Süd erstreckt. Ihr folgt nach links eine dunkle Struktur. Das Gebilde ist eine Schwerewelle in der Venusatmosphäre und entstand über der größten Hochlandregion des Planeten, Aphrodite Terra. Eine solch große Wellenstruktur wurde auf den Bildern von vorangegangenen Raumsonden bislang nicht entdeckt.

Im Dezember 2015 schwenkte die japanische Raumsonde Akatsuki (japanisch: Morgenstern) in eine weite Umlaufbahn um den Planeten ein und beobachtet ihn seitdem stetig mit mehreren Kameras in unterschiedlichen Wellenlängenbereichen. Schon kurz nach ihrer Ankunft bemerkten Forscher der japanischen Raumfahrtbehörde JAXA eine ungewöhnliche, bogenförmige Struktur in der Wolkenschicht, die sich etwa 65 Kilometer oberhalb der festen Planetenoberfläche befindet. Sie erstreckte sich über mehr als 10 000 Kilometer von Nord nach Süd und ließ sich über mindestens vier Tage hinweg beobachten.

Eine Schwerewelle in der Venusatmosphäre (animierte Videosequenz)
© AKATSUKI (Planet-C)
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernEine Schwerewelle in der Venusatmosphäre
Über vier Tage hinweg beobachtete die japanische Raumsonde Akatsuki im Dezember 2015 eine riesige Schwerewelle in der permanenten Wolkendecke des Planeten Venus. Den Bildern überlagert ist eine topografische Karte der festen Venusoberfläche. Es zeigt sich, dass die Wellenstruktur ihre Position relativ zur festen Oberfläche einhielt, obwohl die Wolken sie mit hoher Geschwindigkeit passierten. Die japanischen Forscher vermuten, dass diese Struktur eine Schwerewelle war, die durch Luftströmungen über der in der Karte eingezeichneten Hochlandregion Aphrodite Terra entstand.

Die Struktur wird als eine Welle in der Wolkendecke interpretiert. Ungewöhnlich war, dass sie ihre Position relativ zur festen Oberfläche des Planeten einhielt, und zwar oberhalb der größten Hochlandregion mit dem Namen Aphrodite Terra. Die Wolkendecke rotiert in etwa fünf Tagen um den Planeten, während Venus selbst 243 Tage für eine Umdrehung benötigt und dabei gegen den Drehsinn der Erde rotiert. Somit bewegen sich die Strukturen in der Wolkendecke mit rund 100 Metern pro Sekunde oder 360 Kilometern pro Stunde relativ zur Oberfläche. Warum aber hielt sich die riesige Welle über mehrere Tage an der selben Stelle relativ zum Planeten, während die Atmosphäre an ihr vorüberströmte?

Die Planetenforscher vermuten, dass diese Struktur eine Schwerewelle war, wie sie sich auf der Erde häufig im Lee hoher Berge beobachten lässt – so auch auf der Venus: Venusberge erzeugen Wellenzüge. Normalerweise sollte eine solche Welle aber nicht hoch genug reichen, um die Wolkendecke der Venus zu beeinflussen. Dagegen sprechen auch die theoretischen Modelle des Aufbaus der Venusatmosphäre. Die japanischen Wissenschaftler vermuten jedoch, dass auch die Windverhältnisse in den tieferen Schichten variabel sind und es somit gelegentlich zu solchen Welleneffekten kommt. Akatsuki konnte die Beobachtungen nur vier Tage lang durchführen. Danach musste die Sonde endgültig für ihre Arbeit eingerichtet werden, wobei ihre Instrumente abgeschaltet wurden. Als sie dann nach rund einem Monat im Januar 2016 ihre systematischen Beobachtungen wieder aufnahm, war die Wellenstruktur verschwunden und ist seitdem nicht wieder aufgetaucht.