Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen, und auch die Sonne lässt sich öfters blicken. Der Sommer rückt näher, und es zieht die Menschen in die Natur. Ausgedehnte Spaziergänge an idyllischen Waldrändern bergen jedoch ein Risiko: Von Grashalmen und bodennahen Zweigen strecken sich einem winzige Beinpaare entgegen, nur darauf wartend, auf ein Hosenbein oder nackte Haut überzuwechseln. Diese Füßchen, die fühlerartig in die Luft ragen, gehören Ixodes ricinus, dem Gemeinen Holzbock.

Zecken in Lauerstellung
© Landesstiftung Baden-Württemberg
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Hat Ixodes einen Wirt erwischt, sucht sich die Zecke eine Einstichstelle, an der sie ihre gezahnten Mundwerkzeuge in die Haut bohren kann. Nachdem sie sich binnen drei Tagen mit Blut vollgesogen hat, löst sie sich von selbst ab. So weit nichts Dramatisches. Das Problem stellen blinde Passagiere des ungebetenen Gastes dar: Bakterien der Spezies Borrelia burgdorferi sensu lato, die Erreger der Lyme-Borreliose.

Oft nehmen bereits die Zeckenlarven bei der Blutmahlzeit an Mäusen diese Mikroorganismen auf. Die Borrelien verbleiben auch während ihrer weiteren Entwicklung in der Zecke und vermehren sich in deren Mitteldarm. Beim nächsten Stich wandern die korkenzieherförmigen Bakterien in die Speicheldrüsen des Holzbocks und von dort in den Wirt, was ein bis eineinhalb Tage dauert.

Kein eindeutiges Krankheitsbild

Eine Rötung der Einstichstelle, auch als "Wanderröte" bezeichnet, gilt als erstes Anzeichen für eine Infektion, tritt jedoch nur in etwa 80 Prozent der Fälle auf, und das manchmal erst bis zu vier Wochen nach dem Zeckenstich. Weitere Symptome reichen von grippeähnlichen Erscheinungen über einseitige Gesichtslähmungen bis hin zu Arthritis. "Besonders große Gelenke sind betroffen, wie Knie oder Ellenbogen", erläutert der Experte Helmut Eiffert von der Universität Göttingen.

Alle Krankheitszeichen können auch einzeln und mit monate- bis jahrelanger Verzögerung auftreten, was das Aufdecken der ursprünglichen Infektion erschwert. Einzelne Symptome, besonders Veränderungen der Haut und Schädigung der Gelenke und des Nervensystems, bilden sich jedoch nicht mehr zurück, auch nicht nachdem die Borreliose durch Antibiotika wie zum Beispiel Doxycyclin behandelt wurde.

Gegen die ebenfalls von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gibt es eine Impfung, gegen Borreliose jedoch bislang nicht. "Das Hauptproblem der Impfstoffentwicklung liegt darin, dass die Antigene der Erreger keine natürliche Immunität auslösen, so dass eine Reinfektion jederzeit möglich bleibt", erklärt Eiffert. Eine Infektion sollte daher in erster Linie vermieden werden.

Des Feindes Feind …

Aber wie lässt sich das Infektionsrisiko senken? Das Problem an der Wurzel – beziehungsweise am Überträger – zu packen, versuchten Wissenschaftler im Zuge eines von der Landesstiftung Baden-Württemberg geförderten Projektes. Forscher um die Parasitologin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim suchten natürliche Gegenspieler des Holzbocks zur natürlichen Zeckenbekämpfung.

Feindlicher Fadenwurm
© Universität Hohenheim
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Dabei fanden sie eine einheimische Pilzart, Metarhizium anisopliae, sowie den Fadenwurm Steinernema carpocapsae, welche im Laborversuch eine Zeckenpopulation deutlich reduzierten. Sie hoffen, durch eine Kombination aus solchen Antagonisten eine wirksame Waffe gegen Ixodes ricinus zu entwickeln.

In den Tropen werden bereits verschiedene Pilzarten zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Diese aber kommen für die Forscher nicht in Frage: "Die Einfuhr solcher Exoten lehnen wir ab, da wir negative Auswirkungen auf unser Ökosystem von vornherein vermeiden wollen", sagt Mackenstedt. Aus diesem Grund nutzen die Wissenschaftler nur einheimische Arten. Ob und wie sich Pilz und Fadenwurm auf das ökologische Gleichgewicht auswirken, bleibt jedoch noch zu untersuchen. Kommende Experimente müssten beispielsweise sicherstellen, dass Metarhizium und Steinernema keine anderen Spinnentiere oder Insekten befallen.

Tödlicher Pilzbefall
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Von der Anwendung in der freien Natur ist die Methode jedoch auch aus anderen Gründen noch weit entfernt: Sie erscheint wenig praktikabel, da eine extrem hohe Dichte des Pilzes erforderlich ist, um Zecken abzutöten. Um dieses Problem zu lösen, setzen die Wissenschaftler auf Sporen von Metarhizium, welche sich auch in der Natur vermehren können. Zwar meinen die Forscher optimistisch, solche zur ökologischen Zeckenbekämpfung in hoher Dichte ausgebrachte Arten würden sich in der Natur von selbst wieder auf eine normale Individuenzahl zurück regulieren, garantieren kann das aber niemand.

Viel versprechender erscheint da ein fliegender Feind des Holzbocks: die Zeckenerzwespe Ixodiphagus hookeri, die ihre Eier in den Hinterleib der Zecken legt. Die jungen Wespen wachsen in dem Spinnentier heran und befreien sich, indem sie ein Loch in die Körperwand des Holzbocks bohren. Befallen werden dabei hauptsächlich Zecken, die sich gerade auf einem Wirtstier befinden.

Auch dieser Ansatz steckt jedoch noch in den Kinderschuhen: Bislang ist wenig bekannt über die Biologie der Erzwespe, wie zum Beispiel, welche Umweltbedingungen sie benötigt oder wie sie Zecken auf einem Wirt wie Reh oder Maus ausfindig macht. Mit diesen Fragestellungen beschäftigen sich Johannes Steidle und seine Kollegen vom Fachbereich Tierökologie der Universität Hohenheim.

Desinfizierendes Blutsaugen

Zu den Wirtstieren des Holzbocks gehören jedoch nicht nur Rehe und Mäuse, sondern auch domestizierte Huftiere wie Ziegen, Schafe und Rinder. Und auch diese könnten eine besondere Rolle für die Eindämmung der Lyme-Krankheit spielen, wie der Parasitologe Franz-Rainer Matuschka und seine Kollegen von der Berliner Charité im Zuge des Borreliose-Projekts der Landesstiftung entdeckten.

Erfassung der Zeckendichte
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Denn so schön auch der Spaziergang am Waldrand ist, im Hinblick auf Zeckenstichvermeidung sollte man eigentlich eine Weide vorziehen, wie die Forscher durch vergleichende Studien zunächst in den Vogesen, nun jedoch in größerem Rahmen unter anderem im Hohenlohekreis herausfanden. Mit Hilfe eines Stofftuchs, das am Wegrand entlang geschleift wurde, konnten die Wissenschaftler um Matuschka die Zeckendichte pro Zeiteinheit auf beweideten Flächen abschätzen und mit der einer Brache vergleichen. Die auf diese Weise gefangenen Zecken untersuchten sie mit molekularen Methoden, ob sie die Borreliose-Erreger trugen.

Messung der Zeckendichte auf einer unbeweideten Fläche
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"Auf Weiden finden wir nicht nur weniger Zecken insgesamt, sondern auch weniger Zecken, die den Erreger der Lyme-Krankheit in sich tragen", berichtet Matuschka. Dies begründen die Wissenschaftler nicht nur mit der dortigen Vegetation, die den Spinnentieren einen weniger geeigneten Lebensraum bietet, sondern auch mit einer besonderen Eigenschaft der Huftiere: Borrelia burgdorferi s.l. kann sich in ihnen nicht vermehren. Sie sind so genannte "nicht-kompetente Wirte". Da die Zecken die Erreger durch eine Blutmahlzeit an den Weidetieren verlieren, sind sie in Folge dessen ungefährlich für den Menschen.

Ab ins Labor
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Das Infektionsrisiko ist somit auf einer Weide etwa 50 bis 80 Mal geringer als auf Flächen, die sich selbst überlassen eine natürliche Sukzession durchlaufen haben. Die Viehhaltung helfe also nicht nur, unsere Kulturlandschaft offen zu halten, sondern fördere auch die öffentliche Gesundheit, meinen die Forscher. Hinzu kommt, dass maßvolle Beweidung nachweislich zum Erhalt der Artenvielfalt beiträgt.

Wie nachhaltig der Effekt auf das Infektionsrisiko ist, können die Forscher allerdings nicht sagen. Während auf Viehweiden weniger mit Borrelia burgdorferi s.l. infizierte Kleinsäuger vorkommen als auf Brachen, können Mäuse und andere Nager recht schnell auf ungenutzte Flächen einwandern und die dortige Zeckenpopulation reinfizieren. Auch ist zweifelhaft, ob sich Beweidung dazu eignet, das Infektionsrisiko großflächig zu senken.

Zudem kann die Wanderung über die Viehweide den Spaziergang am Waldrand wohl nicht ersetzen. Auch in verwunschen-verwucherten Schlossgärten und Parks möchte man auf die Ziegenherde doch lieber verzichten. Es bleibt aber durchaus eine wichtige Erkenntnis und ein weiteres Argument für die Rückkehr zur Landschaftspflege durch Schafe, Ziegen und Co in geeigneten Gebieten.