Im "Global Village" ließe es sich prima leben, sofern sich internationale Zusammenarbeit zu einem befruchtenden Miteinander auswüchse. Staatsgrenzen wie Vorurteile würden schwinden und alle davon profitieren. Pauschal schlecht findet deshalb in der Regel niemand die Globalisierung – es sei denn natürlich, man fürchtet, dabei persönlich auf der Strecke zu bleiben. Dann schwingt das Pendel zurück in Richtung Nationalismus und Kleinstaaterei.

Das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands zeigt: Trotz aller Internationalität ist die eigene Nation eine wichtige Konstante für die meisten Menschen. Auch anderswo erstarken die Separatisten, zum Beispiel in manchen Regionen Spaniens. Eine Reaktion auf die Globalisierung? Doch andere Indizien deuten darauf hin, dass Globalisierung uns internationaler macht.

(Dieser Artikel erschien erstmals im März 2009)

Welche dieser beiden Haltungen sich bei fortschreitender Globalisierung durchsetzen wird, ist schwer abzuschätzen, schreibt die Wirtschaftswissenschaftlerin Nancy Buchan. Aktuelle Entwicklungen ließen jedenfalls beide Schlüsse zu: Überall finden separatistische und nationalistische Parteien Zulauf, gleichzeitig erstarken internationale Menschenrechtsbewegungen und humanitäre Organisationen.

Was macht den Separatisten?

Was den Eintritt ins jeweilige Lager begünstigt, wollten die Forscherin von der University of South Carolina und ihre Kollegen deshalb experimentell ermitteln. Was machen persönliche Globalisierungserfahrungen mit unserer Neigung, international zu kooperieren? Für die Beantwortung dieser Frage ließen sie 1145 Probanden aus städtischen und ländlichen Gegenden auf sechs Kontinenten zu einem gemeinsamen Spiel antreten.

Ähnliche Studien, in denen das gesellschaftliche Miteinander modellhaft simuliert wird, hatten darauf hingedeutet, dass sich Menschen herzlich gern in Gemeinschaften zusammenfinden – vor allem, wenn ihnen das die Möglichkeit gibt, sich gegen andere Gruppen abzugrenzen. Tatsächlich gilt vielen Forschern das Rudeltier Homo sapiens schon allein aus entwicklungsgeschichtlichen Gründen als notorischer Vereinsmeier mit nur schwach ausgeprägter Tendenz zur Öffnung in die weite Welt.

Das Wissenschaftlerteam ließ seine Probanden um ein bisschen Geld spielen, das sich bei geschicktem Einsetzen vermehrte. Wie in vergleichbaren Studien üblich, wurden die Spielregeln um ein Dilemma konstruiert, dem zufolge die persönliche Auszahlung dann am höchsten ist, wenn alle an einem Strang ziehen, am niedrigsten jedoch, wenn man der gutmütige Dumme – das heißt, der einzige Kooperierende – ist. Im Detail rankte sich der Spielaufbau um drei Umschläge, versehen mit den Aufschriften "persönlich", "lokal" und "global".

Der persönliche "Globalisierungsgrad"

Jeder Teilnehmer erhielt Marken im Wert von 5 Dollar – umgerechnet in lokale Kaufkraft – und musste sie auf die drei Töpfe aufteilen. Was in Umschlag 1 ("persönlich") wanderte, konnte der Spieler einfach behalten. Der zweite Umschlag, der "lokale", nahm Einzahlungen an einen Jackpot auf, den man mit vier Versuchspersonen aus der eigenen Region teilte: Sämtliche Zuteilungen darin wurden aufsummiert, vom Experimentator verdoppelt und zu gleichen Teilen an die vier wieder ausgeschüttet – unabhängig davon, ob der Einzelne eingezahlt hatte oder nicht.

Hinter dem "globalen" Umschlag steckte ein Jackpot, den sich gleich zwölf Personen teilten. Wie den Probanden vorher eingeschärft, stammten acht davon aus anderen Ländern (USA, Russland, Südafrika, Italien, Argentinien und Iran). Das Geld, das letztendlich im dritten Pott landete, wurde verdreifacht und schließlich gleichmäßig verteilt. Hier gab es prozentuell am meisten zu gewinnen: Würden alle zwölf ihr sämtliches Geld auf "global" setzen, hätte jeder aus den 5 Dollar deren 15 gemacht.

Behält allerdings einer der Teilnehmer sein ganzes Geld "persönlich", bekommt er 13,75 Dollar zuzüglich der einbehaltenen fünf – und macht damit den größtmöglichen Reibach. Allerdings gab es weder die Möglichkeit, sich vorher abzusprechen, noch, solche "Egoisten" in Zukunft zu schneiden, denn gespielt wurde insgesamt nur eine Runde.

Wie bei solchen Spielen üblich, kristallisierten sich bestimmte Spielertypen heraus: solche, die lieber auf Nummer sicher gingen, und andere, die auf den großen Gewinn hofften. Mit Globalisierung hatte all das noch nicht viel zu tun. Die Forscher brachten aber nun ein eigens entwickeltes Maß ins Spiel, das den persönlichen "Globalisierungsgrad" eines jeden angab. Hier flossen Angaben über seine Nutzung von Internet, Telefon und internationalen Medien, Konsum ausländischen Essens und ausländischer Produkte ein oder auch die Frage, ob er einer Beschäftigung bei einem multinationalen Konzern nachgeht. Ergänzt wurde die Beurteilung der Spielerpersönlichkeit um den Globalisierungsscore ihres Herkunftslands, wie er zuvor von anderen Forschern ermittelt worden war.

Gewagter Schluss vom Spiel auf die Realität

Das zunächst optimistisch stimmende Ergebnis: Je höher der gemessene Globalisierungsgrad, desto eher waren die Probanden geneigt, Geld dem "globalen" Topf zuzuweisen. Gleiches galt im Mittel auch für die einzelnen Länder. Im Iran, dem Letztplatzierten in der Länderwertung, waren die Einzahlungen vergleichsweise niedrig, beim Globalisierungsspitzenreiter USA am höchsten. Die Autoren um Buchan interpretieren ihr Ergebnis als Beleg dafür, dass, wer in einer globalisierten Welt lebt, Bedenken gegenüber internationaler Kooperation abbaut und sich darum wohl auch in großem Maßstab darauf einlassen wird.

Allerdings ist mehr als offen, ob der Schluss vom Spiel auf die Realität trägt: In den seltensten Fällen stehen Kosten und Nutzen einer Handlung so transparent da wie in Buchans Spiel. Die "Auszahlung" einer umweltschonenden Klimapolitik beispielsweise liegt weit in der Zukunft, während die damit verbundenen Kosten sofort zu Buche schlagen.

Überhaupt ist fraglich, inwieweit der internationale Aspekt des Spiels die Entscheidungen der Teilnehmer berührt hat. Spielte es für sie wirklich eine Rolle, dass die Mitspieler in anderen Ländern saßen? Oder ist ein wohlhabender Amerikaner, der auf die 5 Dollar Einsatz wahrscheinlich gut verzichten kann, einfach nur eher zum Zocken bereit als ein armer iranischer Landbewohner?

Abwegig sind die Schlussfolgerungen der Forscher deshalb nicht. Vielleicht macht uns die mehr oder minder unfreiwillige Konfrontation mit fremden Kulturen in einem globalisierten Land tatsächlich zu Kosmopoliten in Buchans Sinn. Vielleicht teilt ihr Globalisierungsmaß aber auch nur Menschen nach ihrer Persönlichkeit ein: in diejenigen, die es vorziehen, unter ihresgleichen zu bleiben, und jene, deren offene Einstellung für die Welt ihnen einen hohen Wert im Globalisierungsmaß beschert. Dass ihre Offenheit schließlich auch im Spiel durchschlagen würde, kann dann allerdings nicht mehr ganz so sehr überraschen.