Der Begriff "Muttersprache" scheint außerordentlich passend gewählt: Denn wenn es um Sprache geht, scheinen Neugeborene vor allem auf ihre Mama zu hören – oder zumindest nicht auf einen Fremden. Das hat ein Team der Université de Montréal in Kanada um Maryse Lassonde an Neugeborenen festgestellt. Die Stimme der Mutter aktiviert demnach verstärkt sprachverarbeitende Hirnareale, während die Stimme einer Fremden lediglich Zentren auf den Plan ruft, die der Stimmerkennung dienen.

Ganz früher Spracherwerb
© Sainte-Justine University Hospital Research Centre
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Die elektrische Hirnaktivität verrät: Babys verarbeiten nur die Stimme ihrer Mutter, nicht aber die eines Fremden mit ihren Sprachzentren. Die Forscher untersuchten ihre Probanden, während diese schliefen – Studien haben gezeigt, dass sie in bestimmten Schlafphasen durchaus ihre Umgebung wahrnehmen.
Die Forscher hatten dazu die Hirnaktivität ihrer 16 im Mittel 21 Stunden alten Probanden mit Hilfe von EEG-Messungen erfasst. Um aus der Vielzahl der Hirnsignale die entscheidenden herauszufiltern, griffen sie zu einem Trick: Wieder und wieder spielten sie den Babys einen fremden Sprecher vor, der den Laut /a/ artikulierte. Dann unterbrachen sie die eintönige Darbietung mit demselben Laut, diesmal aber gesprochen von der Mutter oder einer Krankenschwester. Auf einen solchen überraschenden Reiz hin zeigt sich in den Hirnstromkurven ein charakteristischer Ausschlag, den die Forscher zu seinem Ursprungsort zurückverfolgten: Bei der Stimme der eigenen Mutter lag der Aktivitätsschwerpunkt in der linken Hirnhälfte; bei der Stimme der Krankenschwester hingegen in der rechten.

Eine genauere Analyse offenbarte zudem, dass auch motorische Zentren anspringen, wenn die Säuglinge ihre Mutter hören – laut den Wissenschaftlern ebenfalls ein Hinweis auf den einsetzenden Spracherwerb: Um später einmal selbst sprechen zu können, müssten die Kinder lernen, bestimmte Laute mit den zugehörigen Bewegungen ihrer Artikulationsorgane in Verbindung zu bringen. Offenbar beginne der entsprechende Lernprozess bereits sehr früh und stütze sich womöglich zum Teil auch auf angeborene Assoziationen von Laut und Bewegung. (jd)