Hintergrund | 29.02.2012 | Drucken | Teilen

Hochschulpolitik

Schleichende Helmholtzifizierung

Mit Spannung erwarten die Hochschulen die nächste Elitekür im Juni. In fünf Jahren ist die Exzellenzinitiative allerdings Geschichte. Was danach kommt, ist noch ungewiss. Momentan scheint jedoch alles auf einen Favoriten hinauszulaufen.
Forscher im Labor

Nervosität macht sich in Deutschlands Hochschul- und Wissenschaftsszene breit: Zum einen fiebert man dem 15. Juni 2012 entgegen. Dann werden die Gewinner des Finales der Exzellenzinitiative bekannt gegeben. An diesem Tag wird klar, welche deutsche Universität ein millionenschweres Extrabudget einstreichen und sich mit dem zwar inoffiziellen, aber marketingtechnisch wertvollen Label Eliteuniversität schmücken darf. Doch gleichzeitig ist es auch der letzte Termin, an dem noch einmal die Chance besteht, sich derartig adeln zu lassen.

Denn im Jahr 2017 soll definitiv Schluss sein mit der Exzellenzinitiative. Vor sieben Jahren wurde sie als neues Förderinstrument für Spitzenforschung in Deutschland gestartet, aber nach zwölf Jahren wird die Zeit dann reif für Neues. Die Debatte, was danach kommen soll, läuft deshalb bereits auf Hochtouren, was die nervöse Stimmung steigert. Zusätzlich befeuert wird die Diskussion durch Bundesforschungministerin Annette Schavan, die mittlerweile mit ihren Zukunftsideen für die Zeit nach 2017 in der bildungspolitischen Öffentlichkeit hausieren geht.

Sie schlug zum Beispiel vor, die Berliner Charité und das Berliner Max-Delbrück-Zentrum für molekulare Medizin (MDC) zusammenzulegen. Der Pioniercharakter ihres Modells scheint damit schon ausgemacht. Ein Experte, der nicht genannt werden möchte, sagt: "Es fühlt sich so an, als sei der Zug schon abgefahren, obwohl der Fahrplan noch gar nicht gesetzt ist." Viele meinen, dass es für solche Duftmarken im Moment noch viel zu früh sei. Denn offiziell sollen die Folgen der Exzellenzinitiative erst 2015 evaluiert sein, und erst danach könne über neue Konzepte debattiert werden. Doch das wäre reichlich spät. Um eine Anschlussfinanzierung nach 2017 zu sichern, reichen im föderalistischen Deutschland zwei Jahre kaum aus. Dementsprechend eifrig entwerfen Akteure im Wissenschaftsbetrieb und in den Ministerien Zukunftsszenarien.

Um die Debatte in geordnete Bahnen zu lenken, hat der Wissenschaftsrat Ende Januar eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit dieser Frage befasst – erste Ergebnisse dürften allerdings nicht vor 2013 vorliegen. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) habe längst damit begonnen, über die Zeit nach 2017 nachzudenken, sagte zudem letzten Herbst ihr Präsident Matthias Kleiner.

Idee der Bundesuniversität nicht vergessen

Ein Nachfolgeförderinstrument für die Exzellenzinitiative wird die deutsche Forschungslandschaft vermutlich genauso stark prägen wie diese es selbst getan hat. Deshalb werden Vorschläge zur Fusion einer Landeseinrichtung wie der Charité mit einem mehrheitlich vom Bund finanzierten Institut wie dem MDC so hellhörig aufgenommen. Auch ein früherer Vorschlag von Schavan sorgte vor gut einem Jahr für Diskussion: die Schaffung von Bundesuniversitäten. Was in Österreich oder der Schweiz längst normal ist, wäre in Deutschland ein absolutes Novum.

"Das ist ein Türöffner für die Zeit nach der Exzellenzinitiative"
(Max Einhäupl)

Postwendend hagelte es Kritik auch von Schavans Parteikollegen, Landespolitiker pochten auf die Bildungshoheit der Länder. Doch trotz des öffentlichen Aufstöhnens dürfte die Idee noch nicht vom Tisch sein, denn in einem Punkt sind sich Politiker, Hochschulmanager und Wissenschaftsexperten einig: Nach dem Ende der Exzellenzinitiative 2017 muss der Bund weiterhin Hochschulen und deren Forschungsleistungen mitfinanzieren können. Die Frage ist nur: wie? Um in dem Punkt wirklich nachhaltig voranzukommen, wird bereits an einer Grundgesetzänderung gearbeitet. Ziel ist, das seit 2006 bestehende Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik zu kippen. Es gehört mittlerweile zum guten Ton, sich über dieses Verbot zu beschweren. Als "großer Fehler", "Bildungsbremse", "Fehlschuss" oder als "bildungspolitischer Blödsinn" wird es gegeißelt. Parteiübergreifend wird eine Abschaffung gefordert. Ende Januar startete die SPD eine Initiative im Bundestag. Schleswig-Holstein und Hamburg haben im Februar über den Bundesrat einen Antrag zur Gesetzesänderung eingebracht.

Doch eine Überarbeitung des Grundgesetzes ist eine sehr heikle Sache, für die man sowohl im Bundesrat als auch im Bundestag eine Zwei-Drittel-Mehrheit braucht. Unklar ist auch noch, was genau geändert werden müsste. Die einen, etwa Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch oder Annette Schavan, plädieren für eine Änderung des Artikels 91b. Darin könnte geregelt werden, dass sich der Bund künftig an Forschungseinrichtungen und -vorhaben von Hochschulen beteiligen darf. Schavan schlug Mitte Februar vor, das noch bis zum Ende der Legislaturperiode zu erledigen. Andere, wie der SPD-Bildungspolitiker und Bundestagsabgeordnete Ernst Dieter Rossmann, argumentieren dagegen für eine Änderung des Artikels 104. Festgehalten werden müsse, dass der Bund dauerhaft Finanzhilfe gewähren kann.

Eine Patentlösung, wie der Bund Mitspracherecht im Bildungsbereich bekommt, kennt aktuell niemand. Der Bildungsausschuss des Bundestags wird sich am 19. März in einer öffentlichen Sitzung die Meinung von Experten dazu anhören. Daneben gibt es jedoch noch weitere Vorschläge in Richtung Zukunft, etwa von der DFG, die die Exzellenzinitiative gemeinsam mit dem Wissenschaftsrat organisiert. Sie würde gern die erste und zweite Förderlinie der Exzellenzinitiative, also die Exzellenzcluster und die Graduiertenschulen, "dauerhaft in das Förderportfolio" aufnehmen, so Kleiner. Die Idee: Der Bund gibt der DFG das Budget in die Hände, die dann entscheidet, wie es verteilt wird.

Nicht nur Unis brauchen Exzellenz

Eine ganz andere Idee hat Dagmar Simon, Leiterin der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sie sieht insbesondere im Fusionsmodell à la Schavan kein Allheilmittel, sondern schlägt die Ausdehnung des Exzellenzgedankens vor: "Die Frage ist doch, wie viel Ausdifferenzierung will man im deutschen Hochschulsystem?" Weiter nur auf eine Kategorie, nämlich auf exzellente Forschung zu setzen, sei wenig sinnvoll. "Wir brauchen neben einer besseren Grundfinanzierung künftig mehrere differenzierte, pass- und zielgenaue Förderprogramme zum Beispiel auch für Fachhochschulen, unternehmerische Hochschulen sowie Hochschulen mit guter Lehre."

Mammutprogramme fortzuführen wie die Elite-Kür weniger Unis, davon hält sie wenig: "Insbesondere diese Förderlinie müsste zunächst sorgsam im Hinblick auf erfolgreiche Modelle evaluiert werden." Fusion als Türoffner in die Zukunft? Vorschläge für die Zeit nach 2017 liegen also auf dem Tisch. Die größte Resonanz bekam Annette Schavan für ihr Modell, Charité und MDC institutionell zusammenzulegen. Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass der Prototyp eines solchen Zusammengehens von Bundes- und Landeseinrichtungen trotz großer rechtlicher und organisatorischer Probleme ein Erfolg zu werden scheint: das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Es entstand aus einer Bewerbung für die dritte Förderlinie in der ersten Runde der Exzellenzinitiative aus einer Hochschule und einem Institut der Helmholtz-Gemeinschaft. Auch die Charité ist Teil der Berliner Humboldt-Universität, das MDC ist ein Helmholtz-Zentrum.

Die Fusion außeruniversitärer mit universitären Einrichtungen könnte also eine Fortsetzung der Exzellenzinitiative mit anderen Mitteln sein. Öl ins Feuer für solche Spekulationen goss unter anderem Charité-Vorstandschef Max Einhäupl selbst, als er in einem Interview sagte, die Kooperation sei als "Türöffner für die Zeit nach der Exzellenzinitiative" anzusehen. Dieser "Berliner Weg" habe "Modellcharakter". Der Charme einer solchen Lösung liegt darin, dass der Bund über die Helmholtz-Gemeinschaft, die er zu 90 Prozent finanziert, indirekt Geld in die vom Land geförderten Unis transferieren kann. Tatsächlich scheint diese Form der Kooperation in der Luft zu liegen.

Als Zukunftstrend sehen es zumindest die Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung und die Heinz-Nixdorf-Stiftung. Sie beschäftigen sich Anfang März unter anderem mit diesem Thema. Doch so interessant die Idee sein mag, weiß man doch aus den Erfahrungen des seit 2009 eigenständigen KIT, dass so eine Zusammenführung nicht en passant auf die Beine zu stellen ist. In der Anfangsphase müssen vor allem Hochschul- und Forschungsmanager einen 24-Stunden-Job leisten. Detlef Löhe, KIT-Vizepräsident für Forschung erinnert sich gut an die Zeit: "Es war ein Zeitraum von ungeheurer Dynamik." Partner auf Augenhöhe von elf Fakultäten setzten sich an einen Tisch und entwickelten ein gemeinsames Konzept. Den Antrag für das KIT selbst schrieb dann aber ein sehr kleines Team. "Es gab drei Dinge, die wir taten: schreiben, diskutieren, essen. Oder anders gesagt, arbeiten bis zur Erschöpfung", berichtet Löhe.

Die große Herausforderung bei Fusionen dieser Art sei, zwei Partner auf Augenhöhe zusammenzubringen, die aber zwei völlig verschiedene Kulturen haben, ohne dass sich einer vom anderen vereinnahmt fühlt. Beim KIT brachte die einstige Uni mehr Personal mit: knapp 400 Professoren und rund 22 000 Studenten. Das Helmholtz-Zentrum hatte dagegen sehr viel mehr Geld als die Hochschule. Als exzellent befanden die Gutachter seinerzeit beide. Trotz der Unterschiede gingen sie eine Ehe ein, bei der zwei Partner eine gleichberechtigte Beziehung versuchen.

"Es war ein Zeitraum von ungeheurer Dynamik"
(Detlef Löhe)

Wie in einer gut geführten Ehe ist auch in Karlsruhe nicht allein die gegenseitige Liebe der Kitt zwischen den Partnern, sondern auch das Management des Alltags. Die strategischen Richtungen werden deshalb in der Führungsetage entschieden, das Zusammenwachsen der Strukturen musste aber von unten nach oben passieren. Solche Fusionsprozesse können wie in der Wirtschaft auch in der Wissenschaft bei den betroffenen Mitarbeitern Ängste auslösen. Die einen fürchten sich vor dem Verlust des Arbeitspatzes – wobei es beim KIT keinerlei Stellenabbau gab –, andere wie etwa Forscher und Professoren fragen bange, wie sichtbar sie mit ihrer wissenschaftlichen Leistung in einem Großforschungszentrum noch bleiben.

"Um solche Ängste aufzufangen, hatten wir einen Mediator, der hinreichend Einblick bot, um sich Klagen anzuhören und an die richtige Adresse zu transportieren", berichtet Jürgen Troe, der im Gründungsaufsichtsrat des KIT saß und heute als Physikochemiker an der Universität Göttingen tätig ist. Für ein Rezept nach 2017 hält Troe die Fusion von Forschungseinrichtungen aber nicht. "Es muss schon vieles zusammenpassen. Und es kann stets nur lokal spezifische Konstrukte geben." Und er warnt: "So eine Fusion ist kein Selbstzweck, die Frage ist, was man damit erreichen will." In Karlsruhe sollte ein flexibles Wissenschaftssystem entstehen, in dem jedem Forscher prinzipiell die gesamte Infrastruktur der Stadt zur Verfügung steht. Seit seiner Gründungsphase im Jahr 2005 hat das KIT seine Drittmitteleinnahmen verdoppelt, die Forschungsprojekte vergrößert und sich international als Forschungsmarkenzeichen etabliert.

Welche Zukunft für die Unis?

Welche Struktur das neue Gebilde in Berlin haben wird, ist im Moment völlig offen. Konkrete Entscheidungen gibt es noch nicht. Die Diskussion ist nur schon so weit gediehen und die finanzielle Ausstattung durch das Land Berlin so schlecht, dass dieser Weg als der sicherste erscheint. Doch anders als beim KIT sei in Berlin keine Fusion geplant, betont MDC-Chef Walter Rosenthal. Klar sei, beides sind exzellente Forschungseinrichtungen, die nun versuchen, molekulare und klinische Forschung zu vernetzen. "Charité und MDC ergänzen sich einzigartig", sagt Rosenthal. Wie einst in Karlsruhe gab es auch in Berlin langjährige Kooperationen zwischen den Partnern, etwa bei gemeinsamen Berufungen oder Forschungsprojekten. Die Partner würden nur noch institutionell verzahnt. Dass dies bundesweit als Prototyp dienen könnte, hält Rosenthal für möglich: "Die Kluft zwischen außeruniversitärer und universitärer Forschung sowie zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung muss überwunden werden."

Manche wissenschaftspolitische Experten wie Stephan Leibfried sind skeptisch und wollen das Karlsruher und das Berliner Modell nicht überbewertet wissen. "Der eingeschlagene Weg, hier und da Partialfusionen zu machen, stört nicht. Er hat aber den Nachteil, dass er völlig unsystematisch ist und keinen umfassenden Blick auf das Wissenschaftssystem freilegt", sagt Leibfried, Soziologe an der Universität Bremen und Sprecher der Arbeitsgruppe Exzellenzinitiative der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Fusionen beantworten seiner Ansicht nach die Frage, was nach der Exzellenzinitiative kommt, nur punktuell. Vielmehr schafften sie neue Probleme, etwa bei der Freiheit von Forschung und Lehre, warnt Leibfried. Tatsächlich fördert der Bund über die Helmholtz- Gemeinschaft Programmforschung. Die Politik legt dabei fest, welche Themen wichtig sind. Diese Form der Forschungsfinanzierung könnte durch Fusionen in die Unis gelangen. Hinter vorgehaltener Hand sprechen manche schon von einer schleichenden "Helmholtzifizierung".

© Spektrum.de
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