Ernst Huenges
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Herr Huenges, in Wiesbaden wurde im Rahmen eines Geothermie-Projekts ein Grundwasserspeicher angezapft, der dann unter Druck aus dem Bohrloch sprudelte: Lässt sich so eine Blase nicht schon bei den Voruntersuchungen feststellen?

Man kann so eine Wasseransammlung leider nicht im Vorfeld erkennen. Aber man muss bei jeder Tiefbohrung darauf vorbereitet sein, denn man trifft immer wieder auf Wasser: ob es sich nun um eine Blase handelt oder einfach um einen Wasserhorizont in einer Sandsteinschicht. Die Flüssigkeit steht in der Regel unter Druck, weshalb wir von einem gespannten Grundwasserleiter sprechen. Normalerweise besitzen Bohrfirmen aber das Knowhow, um diesen zu beherrschen, ohne dass er nach oben bricht.

Wie entscheidet man, ob ein Gebiet überhaupt für Geothermie tauglich ist: Gibt es da Voruntersuchungen – auch im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen?

Um ein Zielgebiet zu erkunden, werden geophysikalische Prospektionen und Nachbarbohrungen durchgeführt. Dabei müssen wir aber zwischen verschiedenen Formen der Geothermie unterscheiden: Zum einen gibt es die oberflächennahe Geothermie. Sie beschränkt sich auf die obersten Erdschichten und nutzt deren Wärme. Wegen der Oberflächennähe liegen die Bodentemperaturen allerdings relativ niedrig, weshalb zum Gesamtsystem noch ein so genanntes Temperatur anhebendes Verfahren gehört: Über eine elektrische Wärmepumpe verdichtet man den Energieträger und hebt dessen Temperatur auf ein Niveau, das sich zum Heizen nutzen lässt.

Die tiefe Geothermie in mehr als 400 Metern Tiefe erreicht dagegen normalerweise Energiequellen, deren Temperaturen für unsere Zwecke ausreichen. Hier müssen keine Wärmepumpen dazwischengeschaltet werden. Beide Methoden sind praktisch überall möglich.

Geothermie auf Island
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Geothermie ist die wichtigste Energiequelle Islands: Sie deckt mehr als 90 Prozent des Wärme- und knapp ein Fünftel des Strombedarfs ab.
Wie wird bei der Bohrung vorgegangen und das Bohrloch gesichert?

Technisch gesehen ist das relativ einfach: Sie haben eine Bohranlage mit einem Meißel als Kopf, der sich zumeist mit dem gesamten Bohrgestänge dreht. Dieser Meißel sorgt für den Abrieb des Gesteins, der vom Spülungsumlauf nach oben gefördert und entsorgt wird.

Trifft man auf einen gespannten Grundwasserleiter, gilt es zuerst, den Spülungskreislauf zu beschweren, um dem Druck von unten entgegenzuwirken. Man schafft quasi ein Gegengewicht, damit das Bohrloch schnell abgedichtet werden kann – und das funktioniert auch noch, wenn das Wasser oben heraussprudelt. Und dann muss man natürlich beobachten, wie sich die Situation im Bohrloch entwickelt. In Wiesbaden hätte man wohl ziemlich stark beschweren müssen, aber mehr kann ich dazu aus der Distanz leider nicht sagen.

Es gab ja schon öfter kleinere Beben – etwa in Basel – oder Gebäudeschäden, die mit Geothermie in Zusammenhang gebracht wurden wie in Staufen. Dort hebt sich der Untergrund, seit das Rathaus im Rahmen eines Geothermieprojekts mit Erdwärme versorgt werden sollte, und schädigt Häuser. Provokant gefragt: Ist Geothermie eine riskante Technologie – oder waren diese Folgen einfach nur Pech?

Ich würde das nicht nur Pech nennen. Aber auch hier müssen wir wieder zwischen der oberflächennahen und der tiefen Geothermie unterscheiden: Staufen im Breisgau gehört zum ersten Typ. Den zwei, drei Fällen, in denen Risiken und Schäden aufgetreten sind, stehen allein in Deutschland mehr als 170 000 Anlagen gegenüber, die problemlos laufen – rein statistisch gesehen ist der Anteil an problematischen Projekten also verschwindend gering. Das sind natürlich immer noch zwei, drei Fälle zu viel – insbesondere Staufen ärgert uns maßlos, weil es nichts mit Geothermie an sich zu tun hat, wenn ein Projekt schlecht gemanagt und Qualitätsstandards nicht eingehalten werden.

Rollenmeißel
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Basel oder auch Landau in der Pfalz, wo es in der Nähe eines Geothermie-Kraftwerks gebebt hat, sind etwas anderes: Sie gehören zum tiefen Typ, und hier gibt es noch Forschungsbedarf. Landau beispielsweise hat uns überrascht, weil es erstmals während des Betriebs einer Anlage zu seismischen Aktivitäten kam. Und seit Basel wissen wir, dass man in tektonisch so stark beanspruchten Gebieten wie dort mit der heutigen Technologie noch nicht bohren sollte. Tiefe Geothermie ist sicherlich machbar, aber wir lernen hier noch hinzu. Mit der Schaffung eines geothermischen Wärmetauschers unter Tage ist immer Seismizität verbunden, die bislang aber maximal eine Stärke von 3 erreicht hat. Wenn es in dieser Magnitude bebt, knallt es und die Anwohner erschrecken, es entstehen jedoch keine wesentlichen Zerstörungen.

Sie sollten aber auf alle Fälle bedenken, dass wir seit rund 100 Jahren Geothermie nutzen. Und bislang ereignete sich kein einziges schwereres Unglück, bei dem Menschenleben in Gefahr waren oder katastrophale wirtschaftliche Schäden auftraten.

Wie muss man sich die Energiegewinnung durch tiefe Geothermie überhaupt vorstellen?

Auch hier gibt es mehrere Optionen: Ist die Heißwasserquelle direkt wirtschaftlich nutzbar, muss man nicht viel machen – so lange man die Massenbilanz aufrechterhält, indem man so viel Wasser nachpumpt, wie gefördert wird. Hier passiert in der Regel geotektonisch nichts.

Ist sie dagegen noch nicht wirtschaftlich nutzbar, müssen wir die Energiequelle "stimulieren": Dazu pumpen wir große Wassermengen in den heißen Untergrund, um das Gestein zu brechen und aufreißen zu lassen, so dass es auch bei Druckentlastung noch offen bleibt. Diese Durchgänge im Gestein benötigen wir, damit der Energieträger später hindurchfließen und die Wärmeenergie aufnehmen kann. Diese Arbeiten sind durch den Druckaufbau im Untergrund mit Erschütterungen verbunden. Die Kunst ist nun, dies vonstattengehen zu lassen, ohne dass größere Beben entstehen. Daran arbeiten wir momentan.

Wie viel von unserem Energiebedarf deckt die Geothermie ab, und was können wir zukünftig noch von ihr erwarten?

Die Geothermie dient vor allem der Wärmegewinnung, Strom erzeugen nur einzelne Anlagen. Mit einer langfristigen Strategie könnten wir hier bis zu fünf Prozent des Bedarfs decken, wobei diese Art der Stromproduktion grundlastfähig ist. Sie kann jederzeit bei Bedarf hinzugeschaltet werden wie etwa ein Kohlekraftwerk.

Schema der Geothermienutzung
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Bei der Wärme sind ebenfalls mindestens fünf Prozent erreichbar. Jedes fünfte Gebäude wird momentan mit Anbindung an die oberflächennahe Geothermie errichtet, um Heizkosten zu sparen. Diese Technologie ist jetzt schon sehr wettbewerbsfähig und bei Neubauten Standard. Bei Altbausanierungen – die momentan den größte Markt für Energietechnologien in Deutschland bilden – ist sie dagegen noch schwierig einzusetzen; hier dürfte es eine Weile dauern, bis sie sich durchsetzt.

Gibt es regionale Schwerpunkte in Deutschland?

Die Branche boomt beispielsweise rund um München, wo gegenwärtig genauso viele neue Anlagen entstehen, wie bereits vorhanden sind. Auch in Südwestdeutschland ist man sehr aktiv bei der Wärme- und Stromproduktion durch Geothermie. In Norddeutschland muss dagegen tiefer gebohrt werden, aber sie ist auch hier machbar.

Bieten sich im Bereich dieser Technologie Marktchancen für deutsche Unternehmen im Ausland?

Ja, unbedingt. Gerade was die Geothermie-Anwendungen außerhalb vulkanischer Gebiete anbelangt, gehören wir technologisch mit zur Weltspitze.

Herr Huenges, wir danken Ihnen für das Gespräch.