Paviane
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Mittagsruhe
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Vermögen, soziale Stellung, Gruppen- und Familienzugehörigkeit – nach solchen Kriterien ordnen wir Menschen uns selbst und andere in das gesellschaftliche Schubladensystem ein: Das "Kind aus gutem Hause" steht weiter oben auf der Leiter als der Gassenjunge. Wenn sich zusätzlich noch verstrickte Familienbande mit einmischen, wird das hierarchische Gesamtgefüge nicht eben einfacher zu durchblicken.

Ob man solch komplizierten Beziehungsklüngel auch im Tierreich wiederfindet? Eine spannende Frage, die Forscher von der University of Pennsylvania in Philadelphia eine ganze Weile beschäftigte. Über zwölf Jahre untersuchten Robert Seyfahrt und seine Mitarbeiter das Gruppenverhalten einer über 80-köpfigen Paviangruppe im Okavango Delta in Botswana. Genug Zeit, um recht vertraut miteinander zu werden – und um tiefe Einblicke in die soziale Hierarchie des Trupps zu bekommen.

Dabei beobachteten sie, dass etliche der erwachsenen, weiblichen Paviane (Papio hamadryas ursinus) sehr stabile und langfristige Hierarchien aufbauten. Und interessanterweise wurde der Nachwuchs eines jeden Weibchens jeweils direkt hinter seiner Mutter "einsortiert". Damit bestimmte also Rang der Muttertiere automatisch die soziale Stellung der Nachkommen, wobei unter den Geschwistern immer das jüngste Tier an Position Eins stand. Die jeweils dominanten Paviane verschafften sich mit drohendem Gegrunze Respekt, welches die unterlegenen Tiere mit flehenden Aufschreien beantworteten – und sich ihrem Schicksal fügten.

Insgesamt legten also sowohl die soziale Position, also individuelle Eigenschaften, als auch Verwandtschaftsbeziehungen, die der mütterlichen Linie folgten, die hierarchische Ordnung fest – so sah es zumindest für den menschlichen Beobachter aus. "Aber all das könnte nur eine nutzlose Übertragung menschlicher Verhaltensweisen auf die Tierwelt sein; die wirklich spannende Frage ist, ob die Paviane selbst eine ebenso differenzierte Sichtweise auf ihrer Gesellschaft haben," betont Seyfahrt.

Um diese Kernfrage zu klären, nahmen die Wissenschaftler die "Gespräche" unter den Pavianen auf Band auf, mischten sie aber anschließend neu zusammen. Auf diese Weise bastelten sie neue fiktive "Debatten", bei denen zum Teil die Rollen vertauscht worden waren: Der rangniedere Pavian schien also dem in Wirklichkeit ranghöheren überlegen zu sein – Revolution im Kleinen.

In einem Playback-Experiment spielte das Forscherteam einzelnen Tieren diese Gespräche vor und beobachteten deren Reaktion. Während die "Probanden" auf solche Dialoge, bei denen die Rangfolge beibehalten worden war, nicht außergewöhnlich reagierten, zeigten sie sich von der "verkehrten Welt" doch sehr erstaunt: Sie hielten für einen Moment inne und schauten so, als könnten sie gar nicht glauben, was ihnen da gerade zu Ohren gekommen war.

Schaute man genauer hin, wurde es noch interessanter, da die hinters Licht geführten Paviane auf den Rollentausch zwischen zwei Vertretern verschiedener Familien stärker reagierten als auf innerfamiliäre Bäumchen-wechsel-dich-Spiele. "Eine Rangumkehr innerhalb einer Familie ist schon überraschend genug, aber zwischen zwei Familien ist sie möglicherweise von sehr großer Bedeutung – und wir sehen, dass die Paviane diesem Ereignis den entsprechenden Stellenwert beimessen," erläutert Seyfahrt und fügt hinzu: " Sie müssen scharfsinnige Beobachter sein, um das Miteinander ihrer Genossen so wahrzunehmen, dass sie daraus die sozialen Strukturen in der Gruppe ableiten können."

Diese Ergebnisse lassen die Wissenschaftler spannende Vermutungen anstellen. Wir Menschen ordnen unsere komplexen sozialen Beziehungen mit Hilfe hierarchischer Strukturen. Ähnlich gehen wir auch bei der Sprache vor: Einzelne Wörter eines Satzes bringen wir ebenfalls in einen Zusammenhang, indem wir sie hierarchisch richtig anordnen. Deshalb lässt die Existenz solch abgestufter Klassifizierungen, wie die Forscher sie bei den Pavianen vorfanden, die Annahme zu, dass sozialer Druck in großen Gemeinschaften ein wichtiger Faktor war, der zu der Entwicklung von differenzierter Wahrnehmung und Sprache bei unseren vormenschlichen Urahnen geführt hat.