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Umgekehrte Zoonosen: Menschliche Krankheiten gefährden Schimpansen

Auch harmlose menschliche Viren können für Menschenaffen tödlich sein. Unvorsichtige Touristen schleppen die Erreger in Populationen gefährdeter Tierarten wie Schimpansen und Gorillas ein.
Ein erwachsener Schimpanse sitzt auf einem Baum.
Unsere engsten Verwandten können sich mit unseren Viren anstecken. Was für uns ein leichter Schnupfen ist, kann bei Menschenaffen unter Umständen tödlich enden.

Etwas stimmte mit den Schimpansen nicht. Seit Wochen hatte eine Gruppe von 205 Tieren im ugandischen Kibale-Nationalpark Husten und Schnupfen und war generell in einer schlechten Verfassung. Aber niemand konnte mit Sicherheit sagen, was die Affen plagte – selbst dann nicht, als sie anfingen zu sterben.

Obduktionen können dabei helfen, die Todesursache festzustellen. Die Leichen von Schimpansen, die an einer Krankheit verenden, werden in der Regel jedoch erst entdeckt, nachdem die Verwesung schon lange eingesetzt hat – wenn überhaupt. Als der US-amerikanische Wildtierepidemiologe Tony Goldberg erfuhr, dass im Kibale-Nationalpark ein erwachsenes Weibchen namens Stella kurz nach ihrem Ableben aufgefunden worden war, wusste er sofort, welch seltene Gelegenheit sich ihm bot, der Sache auf den Grund zu gehen.

Goldberg und zwei ugandische Tierarztkollegen fuhren zunächst zwei Stunden in einen abgelegenen Teil des Parks. Anschließend schleppten sie eine weitere Stunde lang ihre Ausrüstung zu Fuß durch das hügelige, bewaldete Gelände bis zu der Stelle, an der Stellas Körper im Unterholz lag. Sie hoben das 45 Kilogramm schwere Tier auf eine Plane und machten sich an die Arbeit. Der Schweiß sammelte sich unter ihren Ganzkörperschutzanzügen, und ihre Schutzbrillen beschlugen wegen der feuchten Luft. Akribisch arbeiteten sie sich durch Stellas Organe, sammelten Proben und notierten sichtbare krankhafte Veränderungen. Zermürbend sei es gewesen, nicht zu wissen, woran das Tier gestorben war, erinnert sich Goldberg. »Es hätte auch Ebola sein können.«

Im Lauf der Obduktion erkannte Goldberg jedoch Anzeichen für eine bekannte Krankheit: In Stellas Brusthöhle und um ihr Herz hatte sich Flüssigkeit angesammelt. Das Lungengewebe war dunkelrot, verhärtet und mit Verletzungen übersät. Alles deutete darauf hin, dass der Schimpanse an einer schweren Lungenentzündung verstorben war.

Ein bekannter »Killer«

Monate später brachten molekulare Tests den Schuldigen für den Krankheitsausbruch ans Licht: das humane Metapneumovirus (hMPV). Bei Menschen verursacht es gewöhnliche Atemwegsinfektionen. Aber bei unseren nächsten Verwandten, den Primaten, sei der Erreger »ein bekannter Killer«, so Goldberg, Forscher an der University of Wisconsin-Madison in den USA. Mehr als zwölf Prozent von Stellas Gruppe starben beim Ausbruch im Jahr 2017. Weitere Tiere verendeten, weil sie zu Waisen geworden waren. »Stella hatte ein Junges, das sich nach ihrem Tod noch eine Weile an ihren Körper klammerte«, sagt Goldberg. Das Affenbaby sei dann irgendwann gestorben.

Dieses Phänomen, bei dem sich Tiere Krankheiten von Menschen einfangen, wird als umgekehrte Zoonose bezeichnet. Es betrifft Arten auf der ganzen Welt – von Muscheln, die mit dem Hepatitis-A-Virus kontaminiert sind, über Geparden, die an Influenza A erkranken, bis hin zum Parasiten Giardia duodenalis, der auf afrikanische Wildhunde (Lycaon pictus) übertragen wird, oder Tuberkulose, die Asiatische Elefanten heimsucht. Auf Grund ihrer evolutionären Nähe zum Menschen sind Primaten allerdings am anfälligsten für unsere Krankheiten. »Wir teilen mehr als 98 Prozent unseres genetischen Materials mit Gorillas und Schimpansen, also können wir sie leicht krank machen«, sagt Gladys Kalema-Zikusoka, Tierärztin für Wildtiere und Gründerin der gemeinnützigen Organisation Conservation Through Public Health in Entebbe, Uganda, die sich für das Zusammenleben von Menschen und Tieren einsetzt.

Manche Menschenaffen-Populationen, die in Schutzgebieten leben, sind stärker durch umgekehrte Zoonosen bedroht als durch Wilderei oder die Zerstörung ihres Lebensraums. Dies gilt für die meisten, wenn nicht sogar für alle Schimpansengruppen im Kibale-Nationalpark. In einer Population in Kanyawara am nordwestlichen Ende des Parks sind zum Beispiel Atemwegserreger wie das humane Rhinovirus C und das humane Metapneumovirus seit mehr als 35 Jahren die Haupttodesursache bei Schimpansen. Die Erreger machen fast 60 Prozent der Todesfälle mit bekannter Ursache aus.

Obwohl umgekehrte Zoonosen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent ein ernsthaftes Problem sind, werden sie laut Goldberg im Vergleich zu anderen Naturschutzthemen kaum wissenschaftlich untersucht. Auch ein öffentliches Bewusstsein dafür sei so gut wie nicht vorhanden. Goldberg jedenfalls war erschüttert von dem, was er in Kibale sah: »Mir wurde bewusst, dass dies nicht nur etwas ist, was ab und zu passiert.« Er sorgte sich um die vom Aussterben bedrohten Schimpansen und fasste den Entschluss, nach Wegen zu suchen, um das Risiko solcher Ausbrüche in Zukunft zu verringern. Besonders erstaunte ihn, wie wenig man darüber wusste, wie genau sich Wildtiere mit menschlichen Krankheiten infizieren. Ihm war klar, dass man effektive Lösungen nur mit Hilfe eines solchen Wissens finden würde.

Öffentliche Gesundheitsvorsorge für Primaten

Die meisten Wissenschaftler und Naturschützer sind sich einig, dass menschliche Krankheiten heutzutage eine der größten Gefahren für Primaten in Afrika darstellen. Tatsächlich gibt es bereits Bestrebungen, dieses Problem mit einem forschungsbasierten Ansatz zu entschärfen. Nach einer fast zehnjährigen Unterbrechung veröffentlicht die International Union for Conservation of Nature (IUCN) zum Beispiel ihre neuesten Richtlinien, die Krankheitsübertragungen im Affentourismus vorbeugen sollen. Und im Juli 2023 traf sich eine Arbeitsgruppe, die Wissenschaftler, Naturschützer, Gemeindearbeiter, Reiseveranstalter und Regierungsvertreter in Uganda zusammenbringen möchte, um über die Umsetzung eines verantwortungsvollen Tourismus zu sprechen. Dazu gehört unter anderem die Frage, welche Verhaltensrichtlinien für Urlauber notwendig sind, damit die Tier nicht gefährdet werden.

Alle Beteiligten – auch die Wissenschaftler – müssten diesem Thema noch viel mehr Aufmerksamkeit schenken, meint Fabian Leendertz, Direktor des Helmholtz-Instituts für One Health in Greifswald. »Je mehr konkrete Beweise wir dafür haben, wie die Übertragung stattfindet und wo die Risikofaktoren liegen, desto besser und strenger können die ergriffenen Hygienemaßnahmen sein«, sagt er. »Das würde auch die Argumente stärken, mit denen man Reiseveranstalter und andere Beteiligte davon überzeugen möchte, sich an diese Richtlinien zu halten.«

Die meisten, die schon mal von umgekehrten Zoonosen gehört haben, taten dies wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Coronavirus Sars-CoV-2. Vom Menschen ist dieses Virus auf eine Vielzahl an Tierarten übergegangen – von Haustieren bis hin zu exotischen Tieren in Zoos. In jüngster Zeit hat sich Sars-CoV-2 auf Weißwedelhirsche (Odocoileus virginianus) in ganz Nordamerika ausgebreitet und dem Virus ein neues Reservoir in freier Wildbahn verschafft. »Das Albtraumszenario ist, dass das Hirschvirus als neue Variante auftritt«, sagt Goldberg.

Schon lange bevor man von Tigern und Nerzen hörte, die an Covid-19 erkrankten, haben Forschende dasselbe Phänomen bei Dutzenden von in Gefangenschaft lebenden sowie wilden Tierarten beobachtet. Einige der ersten Aufzeichnungen bei Menschenaffen stammen von der britischen Primatenforscherin Jane Goodall, die 1966 zehn Schimpansen bemerkte, die sich nach einem Polioausbruch in einer nahe gelegenen Gemeinde offenbar mit dem Virus infiziert hatten. In ihrem 1986 erschienenen Buch »The Chimpanzees of Gombe«, zu Deutsch »Die Schimpansen von Gombe«, stellte Goodall außerdem fest, dass Schimpansen »ziemlich oft« Schnupfen und Husten haben und »mit wenigen Ausnahmen die gleichen ansteckenden Krankheiten wie Menschen bekommen können«. Zu Goodalls Leidwesen erlag David Graybeard – der erste Schimpanse, der sich mit ihr anfreundete und ihr Lieblingstier war – 1968 einer Atemwegsinfektion.

Safarigruppe | Tourismus, hier im Kahuzi-Biéga-Nationalpark in der DR Kongo, ist einerseits eine wichtige Einkommensquelle für Regionen mit Menschenaffen-Populationen. Andererseits schleppen Menschen potenziell gefährliche Krankheitserreger ein.

Goodall vermutete, dass die Schimpansen von Menschen krank gemacht wurden. Doch der Beweis dafür kam erst 2008, als Leendertz und seine Kollegen mit molekularen Methoden nachwiesen, dass menschliche Viren für die Ausbrüche schwerer Atemwegserkrankungen bei Schimpansen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste im letzten Jahrzehnt schuld waren. Die Arbeit sei ein Weckruf gewesen, sagt Leendertz. Obwohl Zoowärter und Naturschützer schon lange von der Bedrohung der Menschenaffen durch Krankheitserreger wussten, wollten viele Regierungsvertreter und Reiseveranstalter »nicht auf die Warnungen hören, bis wir die wissenschaftlichen Beweise veröffentlichten«, erklärt er.

»Je mehr konkrete Beweise wir dafür haben, wie die Übertragung stattfindet und wo die Risikofaktoren liegen, desto besser und strenger können die ergriffenen Hygienemaßnahmen sein«Fabian Leendertz, Direktor des Helmholtz-Instituts für One Health in Greifswald

Seit dem Erscheinen der Publikation haben sich die Zerstörung des Lebensraums, das Vordringen des Menschen, der Klimawandel und die Globalisierung noch beschleunigt. Das hat zur Folge, dass die Anzahl von Primaten in Afrika stetig sinkt. Der Östliche und der Westliche Gorilla sind stark gefährdet, Schimpansen und Bonobos bereits vom Aussterben bedroht. Und die Tatsache, dass Krankheitserreger von Menschen große Teile der Primatengemeinschaften auslöschen können, macht sie zu einer großen Bedrohung für alle vier Arten. »Die Menschenaffen-Populationen können sich solche Verluste nicht leisten«, sagt Goldberg. »Sie sind bereits so klein, zersplittert und rückläufig, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sich zu erholen oder sich anzupassen.«

In einer Literaturübersicht aus dem Jahr 2018 dokumentierten Forscher 33 wahrscheinliche oder bestätigte Fälle von Erregerübertragungen von Menschen auf Schimpansen oder Berggorillas (Gorilla beringei beringei), eine Unterart des Östlichen Gorillas mit nur noch etwa 1000 Individuen. Darunter waren tödliche Infektionen mit Masern, dem menschlichen Metapneumovirus und dem Bakterium Streptococcus pneumoniae.

Viele der Erreger verursachen Infektionen, die beim Menschen womöglich zu einer lästigen, aber lediglich leichten Erkältung führen. Bei Primaten können die Krankheiten allerdings tödlich verlaufen. Das liegt daran, dass die Tiere bislang keine Immunität oder genetische Resistenz entwickelt haben. Geht es Schimpansen oder Gorillas erst einmal schlecht, kann man in der Regel wenig tun, um ihnen zu helfen. Und gegen die meisten Erkältungsviren existiert auch keine Prävention in Form eines Impfstoffs. Goldberg erkannte jedoch, dass ein Ansatz aus dem Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens funktionieren könnte: die Quelle der Krankheitserreger identifizieren und verhindern, dass diese überhaupt in die Populationen gelangen.

Touristen rücken den Affen zu sehr auf die Pelle

Ein Post auf Facebook von 2023 bringt das Problem nur allzu gut auf den Punkt: Zu sehen ist Mann um die 30, der im Wald steht. Mit heruntergezogener Maske hockt er in nur ein oder zwei Meter Abstand vor einem Schimpansen und grinst in die Kamera. Das Foto hat der Mann im Anschluss an seinen Besuch des Kibale-Nationalparks auf dem sozialen Netzwerk geteilt. »Es ist wirklich ein gutes Beispiel dafür, was man nicht tun sollte«, seufzt die Epidemiologin Taylor Weary, die ihren Abschluss in Goldbergs Labor gemacht hat.

Im Jahr 2015 hat die IUCN Richtlinien für den Affentourismus herausgegeben. Darin wird empfohlen, einen Mindestabstand von sieben Metern zu den Tieren einzuhalten, die Gruppengröße zu begrenzen und Personen auszuschließen, die sich krank fühlen. Die Vorschriften besagen auch, dass alle Besucher medizinische Masken tragen müssen. Selbstredend können diese Regeln das Krankheitsrisiko nur dann verringern, wenn sie von den Reiseleitern tatsächlich durchgesetzt und von den Touristen vor Ort befolgt werden.

Offensichtlich gibt es Gründe, warum das nicht immer passiert. So ist es zum Beispiel unrealistisch, von internationalen Besuchern zu erwarten, dass sie vor Beginn der Safari einräumen, dass sie sich krank fühlen. »Stell dir vor, du bist ein amerikanischer Tourist, der den ganzen Weg nach Afrika zurückgelegt hat. Und diese Tour steht auf deiner Bucket-List«, sagt Goldberg. »Jetzt hast du Bauchschmerzen. Hält dich das davon ab, die Gorillas zu besuchen? Natürlich nicht.«

Und – ähnlich wie die Person im Facebook-Post – verstoßen Touristen gegen Regeln, wenn sie in der Wildnis unterwegs sind. Das geschieht entweder aus Aufregung oder weil sie die Vorschriften vorsätzlich missachten. »Manche Touristen hören einfach nicht zu«, sagt Kalema-Zikusoka – und die afrikanischen Reiseführer weisen sie dann vielleicht zurecht, vielleicht aber auch nicht. »Sie wollen nicht unhöflich sein, und manchmal fällt es ihnen schlichtweg schwer, mit den Touristen umzugehen.«

»Stell dir vor, du bist ein amerikanischer Tourist, der den ganzen Weg nach Afrika zurückgelegt hat. Jetzt hast du Bauchschmerzen. Hält dich das davon ab, die Gorillas zu besuchen? Natürlich nicht«Tony Goldberg, Wildtierepidemiologe, University of Wisconsin-Madison, USA

Es kann auch sein, dass die Führer die Besucher nicht maßregeln, weil sie um ihr Trinkgeld fürchten. Manche Tourguides »bekommen Trinkgelder, die doppelt so hoch sind wie das Monatsgehalt eines typischen Dorfbewohners aus der Gegend«, sagt Goldberg. »Es gibt viele solche perversen Anreize.«

In einer Studie aus dem Jahr 2020 begleiteten Kalema-Zikusoka und ihre Kollegen 53 Gorillasafaris im Bwindi Impenetrable National Park in Uganda und stellten fest, dass die Sieben-Meter-Regel bei fast jeder Gelegenheit verletzt wurde. Manchmal näherten sich die Touristen den Tieren bis auf drei Meter. Eine andere Untersuchung aus demselben Jahr analysierte 282 Youtube-Videos, die im Rahmen von Berggorillatouren aufgenommen wurden. In 40 Prozent der Fälle waren Menschen entweder nur eine Armlänge von den Tieren entfernt oder es kam sogar zu einem direkten körperlichen Kontakt.

Für eine weitere Studie – ebenfalls aus dem Jahr 2020 – nahm Darcey Glasser, damals Studentin am Hunter College der City University of New York, an 101 Schimpansenausflügen in Kibale teil. Oft schlossen sich Gruppen zusammen und wuchsen von der Grenze von sechs Personen auf durchschnittlich 18 an. Diese drängten sich dann häufig um einen oder mehrere Schimpansen. Glasser beobachtete, dass die Touristen bei 88 Prozent der Ausflüge husteten, bei 65 Prozent niesten, bei 37 Prozent urinierten, bei 17 Prozent aßen und bei 13 Prozent spuckten (siehe »Erreger verbreiten«). Außerdem zählte sie, dass die Touristen im Durchschnitt 230-mal pro Ausflug die Bäume berührten. »Jeder fasst alles an«, sagt sie. Das mag harmlos klingen, doch dieses Verhalten kann Erreger entlang der Waldwege hinterlassen, die womöglich eine wichtige, aber übersehene Ansteckungsquelle für Menschenaffen darstellen.

Glasser präsentierte ihre Ergebnisse den Wildtierbehörden in Uganda. Diese reagierten daraufhin, indem sie am Ausgangspunkt der Wanderwege Desinfektionsstationen aufstellten. Im Allgemeinen neigen die Behörden jedoch dazu, Regeln zu vermeiden, von denen sie glauben, dass sie das Besuchererlebnis beeinträchtigen könnten. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sei hierfür ein gutes Beispiel, sagt Goldberg. Obwohl dieses Verhalten seit 2015 in den IUCN-Richtlinien empfohlen wird, war es vor Covid-19 ein jahrelanger harter Kampf, die Menschen vor Ort davon zu überzeugen, das Tragen von Masken vorzuschreiben, so Goldberg.

Beamte der Uganda Wildlife Authority, die die Nationalparks des Landes und alle touristischen Aktivitäten darin beaufsichtigen, reagierten nicht auf E-Mail, SMS oder Anruf von »Nature« mit der Bitte um ein Interview für diesen Artikel. Für die 13 afrikanischen Länder, in denen Affentourismus praktiziert wird, sei er eine wichtige Einnahmequelle, so Leendertz. Deshalb ist die Bekämpfung der Zoonosen »kein einfaches Thema, weil sie Angst haben, Besucher zu verlieren«.

2024 sollen die bestehenden IUCN-Tourismusrichtlinien mit einem Zusatz versehen werden. Er soll das Risiko senken, dass Sars-CoV-2 in wilde Primatenpopulationen und möglicherweise auch in andere Arten eindringt. »Wenn ein Menschenaffe an Sars-CoV-2 stirbt und ein Leopard ihn findet, könnte das dazu führen, dass sich der Erreger in der Wildnis ausbreitet«, sagt Leendertz, einer der Mitautoren der neuen Richtlinien. Es überrascht daher nicht, dass der geplante Zusatz das Tragen von Masken stärker in den Mittelpunkt rückt. Die zuvor zögerlichen Tourismusbehörden würden es seit der Covid-19-Pandemie bereits vermehrt durchsetzen, berichtet Leendertz.

Versteckte Übertragung

Unbestritten stellt der Ökotourismus ein ernsthaftes Krankheitsrisiko für die Primaten dar; alle Fälle von umgekehrten Zoonosen kann er allerdings nicht erklären. Manche Menschenaffen-Populationen treffen nie auf eine Reisegruppe – Stellas Gruppe gehört dazu –, und trotzdem kommt es dort zu tödlichen Ausbrüchen mit menschlichen Krankheitserregern.

Schuld daran könnten die Forschenden sein. Gleichwohl arbeiten relativ wenige im Feld  – und wenn, dann befolgen sie in der Regel strenge Sicherheitsmaßnahmen. Dazu gehören Quarantäne nach der Ankunft auf der Station, Gesundheitschecks vor dem Betreten des Walds, das Tragen von Masken in der Wildnis und das Einhalten eines gewissen Abstands zu den Tieren. »Das Bild, das Leute von dieser Art Forschung haben, basiert auf alten Fotos von Jane Goodall«, sagt Melissa Emery Thompson. Sie ist Anthropologin an der University of New Mexico in Albuquerque, USA, und Ko-Direktorin des Kibale-Schimpansenprojekts. Aber heutzutage gebe es in der Primatenforschung in freier Wildbahn absolut keinen Kontakt mehr, sagt sie.

Bei der Suche nach Antworten fiel Goldberg ein verblüffendes Muster in der Liste der menschlichen Krankheitserreger auf, die typischerweise Menschenaffen befallen: Es sind just diejenigen, die auch für Grundschulen auf der ganzen Welt buchstäblich eine Plage sind – Infektionen, mit denen sich die kleinen Kinder notorisch anstecken, sobald sie in die Schule gehen. Und von dort werden die Erreger dann nach Hause gebracht. »Diese Viren leben eigentlich in Kindern, aber Kinder haben Eltern. Und die Kinder übertragen die Viren ständig auf Eltern und erwachsene Mitschüler«, erläutert Goldberg.

»Das Bild der Leute von dieser Art Forschung basiert auf alten Fotos von Jane Goodall«Melissa Emery Thompson, Anthropologin an der University of New Mexico in Albuquerque, USA

Ihm kam also folgender Gedanke: Menschenaffen könnten sich Infektionen von Erwachsenen einfangen, die sich bei ihren Kindern angesteckt haben. Diese Idee erschien Goldberg noch plausibler, als er feststellte, dass die mit den »Schnupfenerregern« infizierten Erwachsenen oft keine Symptome zeigen und dennoch viele Viruspartikel ausscheiden.

Selbst eine überzeugende Hypothese muss natürlich überprüft werden. Also organisierte Goldberg ein Stipendium, um Taylor Weary als Doktorandin einzustellen. Sie leitete die Untersuchung und wurde unterstützt von Patrick Tusiime, Gesundheitskoordinator des Kasiisi-Projekts, einer gemeinnützigen Organisation, die Grundschulen in der Umgebung von Kibale unterstützt. Von 2019 bis 2021 sammelten die beiden monatlich Nasenabstriche von 203 Kindern an drei Grundschulen nahe dem Nationalpark. Die Eltern von 31 der untersuchten Kinder arbeiteten im Wald. Von ihnen wurden ebenfalls Nasenabstriche genommen. Das Team sammelte außerdem Kotproben von 55 Schimpansen, um sie auf menschliche Krankheitserreger zu testen. Die Daten kombinierten sie dann mit den Beobachtungen über den Gesundheitszustand der Tiere, die von so genannten Schimpansen-Trackern dokumentiert wurden. Dabei handelt es sich um speziell ausgebildete Forschungsassistenten, die beim Kibale-Schimpansenprojekt angestellt sind, um täglich Gesundheits- und Verhaltensdaten für ein laufendes, 35 Jahre währendes Überwachungsprojekt zu sammeln.

Die Ergebnisse werden momentan zur Veröffentlichung geprüft. In der Tat bestätigten sie Goldbergs Hypothese über den Zusammenhang zwischen kranken Kindern, asymptomatischen Erwachsenen und umgekehrten Zoonosen bei Schimpansen: Jeder Atemwegserreger, der im Kibale-Nationalpark einen Ausbruch bei Schimpansen verursacht hat, war auch bei den in der Nähe wohnenden Kindern vorhanden. Bei ihnen war die Wahrscheinlichkeit, dass sie Symptome zeigten, 3,5-mal höher als bei Erwachsenen, und ihre Infektionen verliefen parallel zu denen ihrer Eltern und der Schimpansen.

Im Oktober 2019 und Januar 2020 kam es bei den Schimpansen zu Ausbrüchen von Atemwegsinfektionen. Während des strengen Covid-19-Lockdowns in Uganda zwischen März und September 2020 hätten die Forschenden hingegen einen »außerordentlich klaren« Rückgang der Infektionen in allen Regionen beobachtet, berichtet Goldberg. Das deute darauf hin, dass Schulen tatsächlich eine wichtige Quelle von Übertragungen sind. Die Botschaft sei deutlich gewesen, so Goldberg: »Um die Schimpansen zu retten, müssen wir die Kinder gesünder machen.«

Entscheidungen, die gut für die Affen und gut für den Tourismus sind

Eine wichtige Erkenntnis aus den Ergebnissen ist, dass das derzeitige Vorgehen nicht ausreicht, um das Risiko einer umgekehrten Zoonose bei den Schimpansen in Kibale zu verringern – und wahrscheinlich auch bei allen anderen Menschenaffen in ganz Afrika. Personen mit Symptomen werden zwar davon abgehalten, in den Wald zu gehen. Infizierte Erwachsene sind aber in der Regel asymptomatisch. Es sei keine Lösung, die Vorschriften einfach zu aktualisieren und den Guides und Fährtenlesern zu verbieten, zur Arbeit zu gehen, wenn ihre Kinder krank sind, denkt Goldberg. Denn Kinder seien nun mal »ständig krank«.

Auch ein Verbot des Tourismus würde nicht funktionieren. Die Parks sind von den Eintrittsgeldern abhängig, um die Gehälter zu bezahlen, die lokale Unterstützung für den Naturschutz aufrechtzuerhalten und die Kosten für die Einrichtung von Schutzgebieten für Wildtiere zu rechtfertigen. »Als ich aufwuchs, war die vorherrschende Meinung, Schimpansen seien schlecht«, sagt Tusiime, der in einem ländlichen Dorf in der Nähe von Kibale geboren wurde. Inzwischen habe sich die Einstellung gegenüber den Schimpansen zum Positiven gewandelt, weil sie Besucher anlocken und Geld einbringen. Und Kalema-Zikusoka fügt hinzu, Tourismus sei für den Naturschutz notwendig, »aber er muss sorgfältig durchgeführt werden, sonst sind diese Tiere bald nicht mehr hier«.

Schon die Einhaltung bestehender Sicherheitsvorschriften für Ranger, Guides und Touristen würde wahrscheinlich viel dazu beitragen, umgekehrte Zoonosen zu reduzieren. Die Regeln durchzusetzen, ist jedoch schwierig. Um herauszufinden, wie dies gelingen kann, »müssen sich Fachleute und afrikanische Regierungen zusammensetzen und Entscheidungen treffen, die gut für die Affen und gut für den Tourismus sind«, sagt Cristina Gomes, Wildtierschützerin an der Florida International University in Miami, USA. Sie hat eine Arbeitsgruppe mit ins Leben gerufen, die sich im Juli 2023 traf, um kreative Wege zur Umsetzung von Best Practices – also bewährten Mitteln und Vorgehensweisen – für den Wildtiertourismus in Uganda zu finden. Das Team plant, finanzielle Mittel für eine Workshop-Reihe mit Regierungsbeamten, Rangern und Reiseveranstaltern zu beantragen, um Aufklärungsvideos mit standardisierten Erklärungen und Anweisungen für Safari-Touristen zu erstellen.

»Wenn wir Tourismusunternehmen für ihr Engagement belohnen könnten, wäre das ein guter Anreiz für Veränderungen«Taylor Weary, Epidemiologin an der University of Wisconsin-Madison, USA

Eine Idee ist zum Beispiel folgende: Guides, die mit den Schimpansen arbeiten, sollen Anspruch auf bezahlte Krankheitstage haben – ein Luxus, den die meisten derzeit nicht haben. Ein weiterer Vorschlag besteht darin, ein Akkreditierungsprogramm ins Leben zu rufen: Tourveranstalter, die sich an bewährte Praktiken halten, sollen zertifiziert werden, damit sie etwas höhere Preise für ihre Dienste rechtfertigen können. »Wenn wir Tourismusunternehmen für ihr Engagement belohnen könnten, wäre das ein guter Anreiz für Veränderungen«, sagt Weary.

Darüber hinaus könnten Kinder und Erwachsene, die in der Nähe von Primaten leben, darüber aufgeklärt werden, wie eine mikrobielle Übertragung funktioniert. Wenn man ihnen dann Mittel an die Hand gibt, um dieses Wissen sinnvoll einzusetzen, wäre dies ebenfalls ein viel versprechender Weg, denkt Weary. Einiges davon wird bereits als direkte Reaktion auf die Forschungsergebnisse des Teams umgesetzt. Den Forschenden fiel beispielsweise auf, dass vor allem Kinder einer der drei ländlichen Grundschulen eine hohe Infektionsrate aufwiesen. Das betreffende Schulgebäude stellt sich als das unhygienischste heraus; bis zu 76 Kinder drängten sich in einem einzigen, schmutzigen Klassenraum. Als Weary und Tusiime diesen Befund dem Gesundheitsamt des Bezirks mitteilten, reagierten die Beamten, indem sie zusätzliche Klassenräume bauten und die Böden zementierten. Das Kasiisi-Projekt installiert außerdem Möglichkeiten zum Händewaschen an Schulen in Kibale und organisiert Bildungsprogramme, in denen die Kinder lernen, wie sie die Virenübertragung verhindern können – etwa indem sie in die Armbeuge niesen statt in die Hände.

An drei weiteren Standorten in Uganda gibt es die neue Initiative »Gesunde Kinder, gesunde Affen«. Sie soll klären, ob die Erkenntnisse aus Kibale auch für andere Regionen gelten, in denen Schimpansen und Gorillas leben. Frühere DNA-Sequenzierungergebnisse aus Goldbergs Labor in Wisconsin weisen darauf hin. Im Oktober 2023 analysierten die Forschenden eine Reihe von Nasenabstrichproben, die in der letzten Phase des Projekts gesammelt wurden. Laut den Resultate kommen die gleichen Erkältungsviren, die bei Kindern in Kibale gefunden wurden, auch bei Kindern vor, die in der Nähe andere Schimpansengebieten in Uganda leben. »Es gibt gute Gründe zur Annahme, dass wir die Ergebnisse auf alle afrikanischen Regionen südlich der Sahara übertragen können, in denen Menschenaffen von Atemwegserkrankungen geplagt werden«, sagt Weary.

Um diese letzte Phase des Projekts mitzuerleben, besuchte Tusiime aus Uganda die University of Wisconsin-Madison. Für einen Monat schloss er sich Goldberg und dessen Team an, um einen tieferen Einblick in die analytische Laborarbeit zu bekommen – und bei frittierten Käsesticks Beziehungen zu Kollegen aufzubauen. Wenn es darum geht, mit anderen Projektteilnehmern, institutionellen Prüfgremien und Behörden in Kontakt zu treten, werden die Erkenntnisse aus den USA von unschätzbarem Wert sein, denkt er. »Hoffentlich kann ich mich dafür einsetzen, dass wir solche Geräte auch in Uganda bekommen, damit wir diese Tests in Zukunft selbst durchführen können«, sagt er. »Das wäre für uns sehr wichtig.«

Umgekehrte Zoonosen lassen sich nie vollständig verhindern. Erkältungsviren sind nicht auszurotten, und Menschen und Menschenaffen werden sich in absehbarer Zeit nicht vollständig voneinander fernhalten. Wie Goldberg berichtet, wurden allein im Jahr 2023 an mindestens fünf Orten in Afrika südlich der Sahara Ausbrüche von Atemwegserkrankungen bei Schimpansen dokumentiert.

Noch besteht aber die Chance, dass solche Vorfälle seltener werden – dann, wenn Wissenschaftler, Behörden, Landbewohner und Touristen das Problem besser verstehen und sich dessen bewusst werden. »Verhaltensänderungen brauchen Zeit, doch wenn man sich engagiert, werden sie irgendwann kommen«, sagt Tusiime. »Daher müssen wir jetzt damit anfangen.«

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