Noch bis vor gut zwei Jahrzehnten haben Mediziner schwerste Depressionen auch chirurgisch zu behandeln versucht: Die gezielte Zerstörung ausgewählter Hirnbereiche sollte die Symptome der Betroffenen verschwinden lassen. Tatsächlich erzielten die Chirurgen dabei von den 1930er bis in die 1970er Jahre hinein sogar einigen Erfolg: Je nach Ort des Eingriffs besserten sich die Beschwerden bei gut 30 bis fast 80 Prozent der behandelten Patienten, die vorher auf keine Behandlung angesprochen hatten und deshalb als Ultima Ratio operiert worden waren. Allzu schwer wogen aber häufig auch postoperative Nebenwirkungen, etwa Persönlichkeitsveränderungen, Epilepsie oder gestörtes Sozialverhalten. Kaum bekannt war zudem, warum die Schnitte – verbreitet waren vor allem vier verschiedene Operationstypen in vier recht unterschiedlichen Hirnarealen – die Depressionen überhaupt abmilderten.

Modernen Hirnforschern steht mit der Tiefenhirnstimulation seit einigen Jahren ein deutlich weniger invasives Instrument zur Verfügung, mit dem Hirnareale sehr gezielt und nebenwirkungsarm unterdrückt oder stimuliert werden können. Durch implantierte Elektroden werden dabei Neuronenbündel selektiv gereizt, was zum Beispiel bei der Behandlung der Parkinsonschen Krankheit, aber auch gegen Depressionen nützen kann, wie erste Experimente nahe legen. Leider weiß man aber noch nicht genug darüber, wo die Tiefenhirnstimulation genau ansetzen soll, um maximalen Erfolg zu haben.

Diesem Dilemma wollte nun eine Gruppe von Forschern um Volker Coenen von der Universität Bonn abhelfen: Die Wissenschaftler haben dazu die alten, einst erstaunlich erfolgreichen Hirn-Operationen mit 50 gesunden Freiwilligen in Kernspintomografen virtuell nachgestellt. Dabei simulierten sie wiederholt – gefahrlos für die Probanden – die vier klassischen Operationen und analysierten dabei im Tomografiebild, welche Nervenstränge genau betroffen wären. Schließlich suchten sie nach einem gemeinsamen Muster, das erklären könnte, warum ausgerechnet diese vier sehr unterschiedlichen Schnittfolgen gegen krankhafte Stimmungsschwankungen wirkten.

Dabei erkannte das Team zu seiner Überraschung, dass die vier Operationsorte über eine bestimmte Hirnstruktur miteinander verknüpft sind, das so genannte mediale Vorderhirnbündel (medial forebrain bundle, MFB). Der MFB, ein gebündelter Strang von Neuronen, verläuft vom tief an der Hirnbasis beheimateten Hirnstamm bis zum frontalen Kortex hinter der Stirn, wie Neurowissenschaftler erst vor Kurzem genauer herausgefunden hatten. Eine ähnliche Struktur kennt man seit Längerem bei Ratten: Wird deren mediales Vorderhirnbündel stimuliert, so sorgt dies offenbar für emotionale Befriedigung der Tiere.

Womöglich ist auch der MFB beim Menschen eine zentrale Stelle, an der die Gemütslage verarbeitet wird, vermuten nun Coenen und Co – jedenfalls aber spielt er wohl eine wichtige Rolle bei Depressionen, weil er vier Regionen verbindet, die an der Krankheit offensichtlich beteiligt sind. Demnach, so Coenen, sei er möglicherweise auch "eine interressante Zielstruktur" für die Depressionsbehandlung durch Tiefenhirnstimulation: "Über das mediale Vorderhirnbündel können wir eventuell verschiedenste Hirnregionen gleichzeitig stimulieren und so die Symptome der Depression mildern", hofft der Bonner Neurochirurg.

Bevor eine Therapie angedacht werden kann, müssen aber noch Fragen beantwortet werden. So ist zum Beispiel noch nicht völlig klar, wie die mögiche Gemütsregulation durch den MFB tatsächlich abläuft – eine Voraussetzung, um zu entscheiden, ob er eher inaktiviert oder womöglich gar stimuliert werden sollte. (jo)