Rote Nase, breites Grinsen, überdimensioniertes Schuhwerk – in den USA sind die Clowns los. Doch anstatt Kinder im Zirkus oder auf Geburtstagsfeiern mit harmlosen Scherzen zu unterhalten, machen einige Witzbolde im Clownskostüm seit ein paar Wochen vor allem deshalb von sich reden, weil sie Menschen im Dunkeln auflauern und zum Teil auf makabre Weise erschrecken. Auch in Deutschland sind inzwischen immer mehr "Horror-Clowns" unterwegs und sorgen dafür, dass manchem beim Anblick einer großen roten Nase eher zum Wegrennen als zum Lachen zu Mute ist.

Doch auch schon vor dem seltsamen neuen Trend aus den USA fanden viele Menschen Clowns eher gruselig als unterhaltsam. Selbst Kinder mögen Clowns offenbar nicht sonderlich und fühlen sich bei ihrem Anblick manchmal unbehaglich, wie Wissenschaftler der University of Sheffield bereits 2008 entdeckten. Aber wie kommt es, dass ausgerechnet etwas, was uns eigentlich zum Lachen bringen soll, so ambivalente Gefühle in uns auslöst? Was bestimmt ganz allgemein, ob wir jemanden unheimlich finden? Und warum?

Wir gruseln uns nicht in akuten Gefahrensituationen, sondern in Momenten, in denen wir nicht ganz sicher sind, ob wirklich eine Bedrohung besteht

Das Gefühl, das wir als Gruseln beschreiben, ist vermutlich eine abgeschwächte Form der Angst: Wir gruseln uns nicht in akuten Gefahrensituationen, in denen ein Räuber mit gezogener Waffe vor uns steht und all unser Geld verlangt (solche Situationen versetzen uns wahrscheinlich eher in blanke Panik), sondern in Momenten, in denen wir nicht ganz sicher sind, ob wirklich eine Bedrohung besteht, glauben die Psychologen Francis McAndrew und Sara Koehnke vom Knox College in Galesburg, Illinois. Zum Beispiel, wenn wir nachts durch die verlassenen Straßen einer Stadt gehen und rechts von uns in einer dunklen Gasse plötzlich ein Rascheln hören. Es könnte ein Gangster sein, der uns überfallen will – oder bloß eine streunende Katze, die gleich aus einem Gebüsch hervorspringen wird. Da wir nicht wissen, welche der beiden Optionen zutrifft, fühlen wir uns unwohl und bleiben innerlich in Habachtstellung, bis wir erkennen können, ob wirklich Gefahr im Verzug ist.

Wovor gruseln wir uns am meisten?

McAndrew und Koehnke wollten 2016 im Rahmen ihrer Arbeit "On the Nature of Creepiness" herausfinden, welche Eigenschaften dafür verantwortlich sind, dass eine andere Person ganz allgemein besonders unheimlich auf uns wirkt. Dazu befragten sie im Internet 1341 Probanden im Alter von 18 bis 77 Jahren. 95 Prozent der Teilnehmer, so das Ergebnis der Onlinestudie, dachten bei einer gruseligen Gestalt eher an einen Mann als an eine Frau. Das galt für männliche wie weibliche Befragte gleichermaßen. Als "creepy" stuften viele Probanden zudem Menschen ein, die soziale Regeln ignorieren, also etwa Augenkontakt meiden, keine oder besonders überschwängliche Emotionen zeigen, das Gespräch immer wieder auf Sex lenken, nach verdächtig vielen Details aus dem Privatleben fragen, uns beobachten oder aus heiterem Himmel fotografieren wollen.

Gänsehaut verursachte eine Person den Teilnehmern vor allem dann, wenn sie nicht einschätzen konnten, was diese als Nächstes tun würde – ein Punkt, der neben dem überschwänglichen Zurschaustellen von Emotionen sicher auch auf unsere stark geschminkten Alleinunterhalter mit der roten Knubbelnase zutrifft. Das offenbarte sich auch im zweiten Teil der Studie, in dem McAndrew und Koehnke ihre Probanden nach gruseligen Hobbys und Berufen fragten. Überdurchschnittlich unheimlich finden wir demnach Menschen, die Dinge wie Puppen, Insekten oder Knochen sammeln, Bestattungsunternehmer, Tierpräparatoren, Sexshop-Besitzer und: Clowns!

Gänsehaut verursachen uns vor allem Personen, deren Verhalten wir nicht einschätzen können

Dass man unter Umständen schnell zum Gruseltypen werden kann, wenn man sich nicht an die unausgesprochenen Regeln der nonverbalen Kommunikation hält, deutet auch eine Studie von Wissenschaftlern um Pontus Leander von der niederländischen Reichsuniversität Groningen an. Die Forscher stellten ihren Teilnehmern während eines Experiments eine nette Versuchsleiterin zur Seite, die sich ihnen gegenüber allgemein sehr freundschaftlich verhielt. Bei einem Teil der Probanden imitierte sie zudem subtil deren Mimik und Gestik, wie es die meisten Menschen unbewusst tun, wenn sie mit einem Freund oder einer anderen vertrauten Person zusammen sind. Bei der anderen Gruppe verzichtete sie dagegen komplett auf diese Imitation.

Nach dem Versuch stellten die Forscher allen Probanden mehrere Fragen zu ihrem Wohlbefinden. Dabei entdeckten sie, dass Teilnehmer, die von der Versuchsleiterin nicht nachgeahmt worden waren, eher berichteten, ihnen sei ein wenig kalt. Das inkonsistente Verhalten hatte ihnen also möglicherweise im wahrsten Sinn des Wortes einen kalten Schauer über den Rücken gejagt. In einer Kontrollsituation, in der sich die Versuchsleiterin den Probanden gegenüber sehr formell und distanziert verhielt, fröstelte es die Teilnehmer dagegen wiederum mehr, wenn sie gleichzeitig durch Gestik und Mimik ein freundschaftliches Verhältnis suggeriert bekamen.

Das unheimliche Tal

Bei Fantasiegestalten könnte in puncto Gruselfaktor auch noch ein weiterer Aspekt zum Tragen kommen: Ihre mitunter starke, aber nicht perfekte Ähnlichkeit zu echten Menschen. Auf dieses im ersten Moment vollkommen paradox erscheinende Phänomen stieß erstmals der japanische Robotiker Masahiro Mori. Er ging im Jahr 1970 davon aus, dass wir Roboter umso mehr mögen, je menschlicher diese uns erscheinen. Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt: Denn irgendwann sind sie dann so menschenähnlich, aber eben doch nicht wirklich menschlich, dass wir sie plötzlich eher gruselig finden. Mori bezeichnete diesen Knick in der sonst relativ linear verlaufenden Kurve zwischen Menschenähnlichkeit und Beliebtheit als "uncanny valley" – als unheimliches Tal.

Uncanny Valley
© Spektrum der Wissenschaft, nach Masahiro Mori: The Uncanned Valley. In: Energy 7, S. 33-35, 1970, fig. 1, vereinfacht von: Karl F. MacDorman und Takashi Minato
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernDer Uncanny-Valley-Effekt
Dem japanischen Robotiker Masahiro Mori zufolge mögen wir Roboter umso mehr, je ähnlicher sie einem echten Menschen sind. Ist ein gewisser Grad an Menschenähnlichkeit erreicht, kippt die Beliebtheit aber plötzlich und geht in den Keller. Mori nannte diesen Knick in der Kurve das "unheimliche Tal" ("uncanny valley"). Das Prinzip lässt sich auch auf andere potenzielle Gruselgestalten wie Zombies oder Bunraku-Figuren aus dem japanischen Puppentheater anwenden.

Inzwischen gibt es einige Studien, die Moris Annahme stützen, der Uncanny-Valley-Effekt bereitet vielen Robotikforschern Kopfzerbrechen. Er liefert aber eben auch eine mögliche Erklärung dafür, warum wir Clowns nicht so recht über den Weg trauen: Sie werden zwar von Menschen verkörpert, fallen durch ihre dicke rote Nase, das aufgeschminkte Grinsen und die überproportional großen Schuhe jedoch deutlich aus dem Rahmen des Normalen. Ähnliches gilt für klassische Horrorgestalten wie Zombies oder Skelette, die menschlich wirken – aber eben nicht so ganz.

Warum wir eine gewisse Ähnlichkeit mit uns schätzen, eine zu große und nicht perfekte Annäherung aber wiederum gruselig finden, wissen Forscher nach wie vor nicht so genau. Es gibt allerdings verschiedene Theorien. So glauben etwa manche Wissenschaftler, dass hinter dem Uncanny-Valley-Effekt ein angeborener Schutzmechanismus steckt, der dafür sorgt, dass wir seltsam anmutenden Artgenossen instinktiv aus dem Weg gehen. Es könnte ja zum Beispiel eine ansteckende Krankheit der Grund für das untypische Aussehen des Gegenübers sein. Im Einklang mit dieser Hypothese wollen Forscher so etwas wie den Uncanny-Valley-Effekt auch bereits bei Affen ausgemacht haben.

Nicht alle Wissenschaftler sind allerdings restlos vom unheimlichen Tal überzeugt. Forscher um Tyler Burleigh von der kanadischen University of Guelph konnten in ihren Experimenten keinen empirischen Beleg für den Effekt finden. Sie zeigten Probanden das Gesicht von einer Art menschlichen "Computerspielfigur", das sie stufenweise immer realistischer aussehen ließen. Auch am Ende fanden die Teilnehmer das Antlitz nicht gruseliger als zuvor – zumindest auf dieser Ebene scheint der Uncanny-Valley-Effekt also nicht zu funktionieren. Burleigh und sein Team glauben, dass erst eindeutig nichtmenschliche Züge hinzukommen müssen, damit das Gesamtbild uns ab einem gewissen Punkt so stark irritiert, dass wir es unheimlich finden.

Die Lust an der Angst

Fest steht in jedem Fall: Gruseln hat nicht nur seine Schattenseiten. Abseits von echten Gefahrensituationen können viele Menschen unheimlichen Typen durchaus auch etwas Positives abgewinnen.

In unserer Eigenschaft als "Sensation Seeker" sind wir stets auf der Suche nach Abwechslung und neuen Erfahrungen, selbst wenn wir dafür im Zweifelsfall Risiken in Kauf nehmen müssen. Nicht selten finden wir diesen "Kick" daher ausgerechnet in der Angst – und begeben uns deshalb so gern auf eine Fahrt in die Geisterbahn oder schauen uns gemeinsam mit Freunden einen Horrorfilm an. Dieses Verhalten ist bei manchen Menschen sicher ausgeprägter als bei anderen. Forscher sprechen dabei auch von Angstlust.

In der eingangs erwähnten Studie von McAndrew und Koehnke gaben die meisten Befragten an, Gruseligkeit als eine Art feststehende Eigenschaft zu betrachten, die sich nur schwer ändern lässt. Sie gingen deshalb auch davon aus: Die meisten gruseligen Menschen wissen gar nicht, dass sie gruselig sind – und haben deshalb vermutlich auch gar keine schlechten Absichten im Sinn. Ob Roboter, Clown oder der seltsame Typ in der Lieblingsbar: Auch im echten Leben ist "unheimlich" damit also nicht automatisch gleichbedeutend mit "böse".