Was Klimamodellierer bislang nur vermuteten, können Geowissenschaftler der Universität Bremen – jetzt handfest belegen: Eine Klimaschaukel am Ende der letzten Eiszeit. In dieser Phase, in der die Temperaturen langsam, aber nachhaltig kletterten, kam es in der Nordatlantik-Region immer wieder zu heftigen Kälteeinbrüchen. Ein solcher Klimakollaps ereignete sich vor rund 16.000 Jahren. Doch während in unseren Breiten für Jahrhunderte sibirische Kälte herrschte, stiegen die Oberflächentemperaturen im tropischen Atlantik um 1,5 Grad an. Ähnliches registrierten die Wissenschaftler vor 12.000 Jahren in der Jüngeren Dryas, jener Epoche unmittelbar vor Beginn unserer heutigen Warmzeit. "Zwischen diesen beiden Kälteperioden gab es im Bereich des Nordatlantiks eine wärmere Phase", sagt der Meeresgeologe Carsten Rühlemann. Hier `funktionierte` die Klimaschaukel mit umgekehrten Vorzeichen: "Messungen zeigen, daß sich das tropische Meerwasser in dieser Phase um bis zu zwei Grad Celsius abkühlte."

Die Bremer Forscher stießen auf die Nord-Süd-Klimaschaukel, als sie einen Sedimentkern untersuchten, der südöstlich der Karibikinsel Grenada in 1.300 Metern Wassertiefe gewonnen wurde. In den Ablagerungen vom Grund des tropischen Atlantiks ist die Klimageschichte der letzten 29.000 Jahre gespeichert. Die Temperaturentwicklung wurde mit Hilfe sogenannter Alkenone nachgezeichnet. Das sind langkettige, ungesättigte Kohlenwasserstoffmoleküle, aus deren jeweiligen Anteile sich die Klimainformation, hier: die Meerwassertemperatur, ableiten läßt (Nature vom 2. Dezember 1999).

Nach Meinung der Geowissenschaftler ist die Ursache der Klimaschaukel in der Dynamik des Golfstroms zu suchen. Heute sinken im Nordatlantik salzhaltige und daher schwere Wassermassen in tiefe Ozeanstockwerke und fließen nach Süden ab. Im Gegenzug strömt an der Ozeanoberfläche warmes Golfstromwasser – Garant unseres milden Klimas – gen Norden. Während der Eiszeit arbeitete das Pumpsystem auf niedrigerem Niveau. Als in deren Schlußphase mehrfach riesige Gletschermassen vom nordamerikanischen Inlandeis abbrachen und große Schmelzwassermengen über den St. Lorenz-Strom in den Nordatlantik gelangten, verringerte sich der Salzgehalt an der Meeresoberfläche. Das jetzt leichtere Wasser konnte nicht mehr in die Tiefe absinken und Platz für warmes Golfstromwasser machen, das sich weiter südlich staute. Die Folge: erneute Abkühlung im Norden, Erwärmung in tropischen Regionen des Atlantik."

"Von Bedeutung ist, daß wir die atlantische Klimageschichte jetzt regional nachzeichnen können. Unseren Untersuchungen zufolge kommt es genau genommen nämlich nur im westlichen tropischen und im südlichen Atlantik zum Wärmestau. Dagegen kühlte – vom hohen Norden einmal abgesehen – der östliche Atlantik mit der Kanarenregion aus", betont Dr. Carsten Rühlemann. Grund dafür ist ein riesiger Strömungswirbel, der sich – auch heute noch – im Uhrzeigersinn von West nach Ost über den Atlantik bewegt. Die transatlantische Meeresströmung förderte kühles, nordatlantisches Wasser bis in das Gebiet der Kanarischen Inseln. "Sollte sich der Golfstrom zukünftig also tatsächlich einmal abschwächen", meint der Geologe augenzwinckernd, "dann wird`s nicht nur bei uns kühler. Dann können wir auch die kleinen Fluchten in den scheinbar ewigen Sommer Fuerteventuras vergessen.

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