Was passierte am 22. Januar 1943 in Spearfish, South Dakota?

Daniel Lingenhöhl
a) Absturz eines Meteoriten
b) Schnellster je gemessener Temperaturanstieg
c) Fund des größten Goldnuggets aller Zeiten
d) Entdeckung des ersten kompletten T.-rex-Skeletts

Antwort:

An diesem Tag maßen Meteorologen den bislang schnellsten bekannten Temperaturanstieg.

Erklärung:

Spearfish ist – mit Verlaub – ein kleines, unspektakuläres Nest, das in den schier unendlichen Weiten der nordamerikanischen Prärie im US-Bundesstaat Süd-Dakota liegt. Immerhin sind es von dort nur wenige Kilometer bis zum geografischen Zentrum der Vereinigten Staaten, berücksichtig man bei dieser Einteilung auch Alaska und die Hawaii-Inseln. Ein bemerkenswerter Rekord zeichnet das Städtchen allerdings aus: Nirgendwo sonst maß man bis heute einen ähnlichen schnellen Temperaturanstieg wie dort.

Innerhalb von nur zwei Minuten schossen damals am 22. Januar 1943 um 7.30 Uhr die Quecksilbersäulen der Thermometer von minus 20 auf 8,3 Grad Celsius in die Höhe – verursacht durch einen warmen Fallwind namens Chinook, einem Verwandten unseres alpenländischen Föhns. Seine Entstehung läuft ähnlich ab: Treffen regenschwere Tiefs aus dem Nordpazifik von Westen her an die Rocky Mountains, werden die Luftmassen von der natürlichen Barriere zum Aufstieg gezwungen. Währenddessen kühlt sich die Strömung anfänglich pro hundert Höhenmeter um rund ein Grad Celsius ab, bis ihre Feuchtigkeit kondensiert. Anschließend sinkt diese Rate auf 0,5 Grad Celsius, doch bilden sich weiterhin zunehmend dichte Wolken, aus denen schließlich Regen oder Schnee fällt.

Überschreitet das Druckgebilde schließlich die Kammlinie des Gebirgszuges, hat es beträchtlich Feuchtigkeit verloren, wenn es mit dem Abstieg beginnt. Trockene Luft erwärmt sich jedoch wieder um ein ganzes Grad Celsius pro hundert Höhenmeter: Ist sie beispielsweise am Gipfel in 3050 Metern Höhe noch minus 22 Grad kalt, erreicht sie im Tal auf 1300 Meter über dem Meer schon wieder "milde" fünf Grad unter Null.

Je tiefer die Luft abströmt, desto stärker erwärmt sie sich schließlich. Und da die Rockys im Schnitt höher sind als die Alpen, fällt hier der Föhn auch wärmer aus. Der Sprung um knapp dreißig Grad Celsius in Spearfish ist deshalb zwar der schnellste, aber bei weitem nicht der gößte. Vom 14. auf den 15. Januar 1972 erlebten die Einwohner von Loma in Montana eine klimatische Achterbahnfahrt ohnegleichen, als ihre Thermometer zum Abendessen noch klirrende minus 47 Grad Celsius anzeigten, während sie das Frühstück bei angenehmen plus 9 Grad einnehmen konnten.

Das Tückische am winterlichen Chinook ist jedoch seine Unbeständigkeit, denn sobald die Fallwinde aussetzen, stürzen die Temperaturen wieder in den Eiskeller. Spearfish erfreute sich an jenem Januartag bis gegen 9 Uhr morgens noch an einem weiteren Anstieg auf 12 Grad Celsius, aber dann erstarb der Föhn. Binnen 27 Minuten konnten sich die ursprünglich vorherrschenden arktischen Luftmassen wieder durchsetzen und die Quecksilbersäulen fielen nun um 32 Kelvin hinab zum morgendlichen Ausgangspunkt. Allen unbekannten weiteren Annehmlichkeiten von Spearfish zum Trotz: Für wetterfühlige Menschen ist diese Gegend wohl definitiv kein adäquater Urlaubsort.

Was passierte am 22. Januar 1943 in Spearfish, South Dakota?