Was zeigen die Würzburger Lügensteine?

a) Tiere
b) Pflanzen
c) Sterne
d) Kometen
e) Schriftzeichen

Antwort:

Alle Antworten sind richtig, denn die Würzburger Lügensteine zeigten ein ganzes Sammelsurium von Objekten: Mit Tieren und Pflanzen, später auch Sonnen, Sternen und Kometen, letztendlich sogar hebräischen Schriftzeichen, gingen die gefälschten Versteinerungen aus dem frühen 18. Jahrhundert ein in die Wissenschaftsgeschichte.

Erklärung:

Die Würzburger Lügensteine gehören zu den berühmtesten Fällen früher wissenschaftlicher Fälschung. Opfer der Aktion im Jahr 1725 war der Leibarzt des Fürstbischofs von Würzburg, Professor Johannes Bartholomäus Adam Beringer, seines Zeichens begeisterter Hobby-Paläontologe – und womöglich ein eher unangenehmer Zeitgenosse. Denn seine Arroganz habe dazu angestiftet, ihm eins auszuwischen, gaben der Würzburger Mathematiker Ignatz Roderick und der Bibliothekar Geheimrat Georg von Eckhart in einem späteren Gerichtsverfahren zu.

Und dafür hatten sich die beiden Angeklagten einen raffinierten Plan ausgedacht: Sie ließen geschickte Fälschungen von Versteinerungen aus dem lokalen Muschelkalk herstellen, die zunächst recht harmlose und nachvollziehbare Motive wie Tiere und Pflanzen zeigten. Mit der Zeit jedoch wurden die Objekte immer kurioser – nun zeigten sie Spinnen in ihrem Netz oder Bienen auf einer Blüte. Später kamen sogar noch Sonnen, Sterne und Kometen dazu, und als Krönung des Ganzen schließlich Schrifttafeln mit erhabenen hebräischen, lateinischen und arabischen Schriftzeichen.

Diese Pseudo-Fossilien ließen die beiden von Studenten zu Beringer bringen oder sie an Stellen verbuddeln, wo der Forscher häufiger selbst nach Fossilien grub. Jener stürzte sich begeistert auf die "Funde" und beschrieb sie bereits 1726 in seinem ausführlichen Werk "Lithographiae Wirceburgensis", das neben zahlreichen Kommentaren auch 21 Kupferstiche enthielt. Als er eines Tages jedoch einen Stein erhielt, auf dem sein eigener Name zu lesen war, ging ihm der Betrug auf. Er erstattete Anzeige und kaufte beinahe die gesamte Buchauflage auf, um eine größere Blamage zu verhindern. Doch dazu war es zu spät: Seine kritiklose Begeisterung zog einigen Spott nach sich, sodass sich der Geprellte fast vollständig aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Aber auch den Planstiftern – die im Übrigen versucht hatten, Beringer auf den Betruf aufmerksam zu machen, als sie von seinem Buchprojekt hörten, doch ohne Erfolg – brachte der Skandal ernste Konsequenzen: Roderick musste Würzburg verlassen, und von Eckhardt verlor seine Stelle und den Zugang zu den Bibliotheksarchiven, weshalb er seine eigenen historischen Studien nie vollenden konnte.

Heute mag kaum nachzuvollziehen sein, warum Beringer auf diese so einfach zu durchschauende Fälschung hereinfiel. Doch Anfang des 18. Jahrhunderts war noch nicht bekannt, wie Fossilien entstehen. Stattdessen galt vielen Forschern noch die Lehre Avicennas von der "vis plastica", dass alle jemals existierenden Lebewesen als Modelle in Stein vorgeformt worden waren – eine These, der auch Beringer anhing und die er nun in den gefälschten Fossilien bestätigt sah. Selbst Bearbeitungsspuren an den Steinen, auf die Kritiker Beringer hingewiesen hatte, machten ihn nicht weiter stutzig, sondern bestätigten ihn in seinem Glauben: Sie müssten von der Hand Gottes stammen, der jene Kreaturen in Stein gemeißelt habe.

Von den insgesamt über 2000 Fälschungen sind heute noch einige hundert erhalten, die in der Universität Würzburg, dem dortigen Mainfränkischen Museum und weiteren Museen beispielsweise in Bamberg und Erlangen zu bewundern sind. Etliche Lügensteine gelangten auch in Privatbesitz. So bedankt sich der Dichter Eduard Mörike in einem Brief vom 28. November 1862 an eine Freundin für den Erhalt dreier Exemplare mit den Worten:

"Unterzeichneter bezeugt hiermt pflichtiglich
Aus Herrn Beringers Cabinet ganz richtig
Drei Stücke Petrefakta: den Tausendfuss,
Den Palaeoniscus Dubius
Wie auch ein gar selten Objekt
Des Art und Natur noch nicht entdeckt
(Etwa Kopf und Buerzel von Noaeh Raben)
Durch Fraeulein Bauer mit Ach
und Krach
Vom Herrn Curator erhalten zu haben.
Wofuer von gedachtem schoenem Kind
Drei Kuesse bezahlt worden sind,
Die ich mit Zinsen verbindlich
Muendlich
Ohn' alle Gefaehrde
Wiedererstatten werde."
Lügenstein
© Aus den Sammlungen des Naturkunde-Museums Bamberg
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernWürzburger Lügensteine
Eine versteinerte Spinne an ihrem versteinerten Netz - was heutzutage sofort als Schwindel entlarvt würde - überzeugte 1725 Johannes Bartholomäus Adam Beringer, den Leibarzt des Fürstbischofs von Würzburg und Hobby-Paläontologe, sofort davon, dass er einen Beleg für Avicennas These von der "vis plastica" in Händen hielt, nach der alle jemals existierenden Lebewesen als Modelle in Stein vorgeformt worden waren.

Was zeigen die Würzburger Lügensteine?