Welches Weihnachtsgewürz reizt mit Sexuallockstoffen?

Daniel Lingenhöhl
a) Kardamom
b) Nelken
c) Muskatnuss
d) Vanille

Antwort:

Es ist die Vanille.

Erklärung:

An und für sich ist die Samenkapsel der mittelamerikanischen Vanille-Orchidee Vanilla planifolia recht unspektakulär: Sie ist grün, knackig, schmeckt nach nichts und ist geruchlos. Erst ein achtmonatiger Fermentationsprozess aus Überbrühen, Trocknen, Schwitzenlassen und Einlagerung verwandelt sie in die aromatischen, fast schwarzen und fleischigen Geschmackslieferanten von Eis, Pudding oder Pannacotta.

Während des Verfahrens kommt es zur chemischen Spaltung des Vanillinglykosids der Fruchtschale in Vanillin und Glukose, die feinen Nuancen echter Vanille werden allerdings erst in Kombination mit rund 35 weiteren Substanzen erreicht. Die Geschmacksträger sitzen dabei vor allem in den winzig kleinen Samenkügelchen in der Kapsel und den sie umgebenden Ölen. Neben der Bereicherung von Süßspeisen erfüllt das Vanillin – sowie weitere Mitglieder aus der Gruppe der so genannten Vanilloide, die zu den Aldehyden zählen – aber noch eine weitere Funktion: Sie können als Sexuallockstoffe dienen.

Im Tierreich setzen etwa männliche Wanzen der Art Eurygaster integriceps auf Vanillin als Pheromon, wie diese Düfte wissenschaftlich bezeichnet werden. Bewusst und unbewusst nutzten diesen Duft allerdings auch die Menschen: Sowohl im präkolumbianischen Mittelamerika der Azteken, die ihre Schokolade damit verfeinerten, als auch in der modernen Parfümindustrie wurde und wird Vanillin häufig verwendet, um "unwiderstehliche" Essenzen zu kreieren. Sein Ruf als Aphrodisiakum steigerte sich bald nach der regelmäßigen Einfuhr nach Europa, als eine deutsche Studie aus dem Jahr 1762 erbracht haben soll, dass Vanille-Extrakt Impotenz heilen könne: Zumindest bejahten dies alle 342 damals behandelten Probanden unter freudigem Lachen.

Ganz und gar nichts mit seiner vermeintlich sexualchemischen Wirkung zu tun hat übrigens der Name der Orchidee. Er leitet sich angeblich vom spanischen Wort vaina ab, das mit "Scheide" (lateinisch Vagina) übersetzt wird. Vanille (vainilla) bedeutet demnach Scheidchen und wurde von den Spaniern in Anlehnung an die besondere Form der Samenkapsel vergeben.

Auch dem Kardamom wird vor allem nach Krankheiten eine Libido steigernde Wirkung nachgesagt, und zumindest in Märchen aus 1001 Nacht rühmen Protagonisten regelmäßig seinen umwerfenden Effekt beim Subjekt der Begierde. Das immer noch zweitteuerste Gewürz der Welt (nach Safran) stammt ursprünglich aus Südindien und wird aus den Samenkapseln von Elettaria cardamomum, einem Ingwerverwandten, gewonnen. Sie enthalten hohe Mengen an ätherischen Ölen wie alpha-Terpineol, Myrcen, Limonen oder Menthon, die den Appetit anregen und so zu einer allgemeinen Kräftigung bei der Genesung beitragen.

Nelken sollen durch ihren Duft Ähnliches bewirken, doch gängiger ist ihre Verwendung in der alternativen Heilkunde wie der modernen Medizin als Schmerzmittel. Das in den getrockneten Blütenknospen des Nelkenbaums (Syzygium aromaticum) von den Molukken dominierende Eugenol hat eine antiseptische und leicht betäubende Wirkung – gekaut sind sie deshalb eine hervorragende erste Hilfe bei Zahnschmerzen.

Die Muskatnuss schließlich kann durchaus ebenfalls enthemmen, denn ein wichtiger Bestandteil ist das Myristicin aus der Gruppe der Phenylpropane. Diese Verbindung bildet chemisch die Ausgangssubstanz von MDMA – ein Amphetamin, das besser unter dem Namen Ecstasy bekannt ist. Myristicin verursacht bei Überdosierung Halluzinationen und macht gelöst. Allerdings ist die natürliche Dosierung im Samenkern des Muskatbaums (Myristica fragrans) relativ schwach, sodass große Mengen verzehrt werden müssen. Zuvor können allerdings bereits andere Bestandteile des Muskatöles erhebliche Nebenwirkungen hervorrufen – etwa extreme, länger andauernde Übelkeit.