Sieben Frauen sitzen aufgereiht an kleinen Tischen. Da gesellen sich sieben Männer zu ihnen und jeder setzt sich einer Dame gegenüber. Man plaudert sieben Minuten, bis die Herren aufstehen und einen Tisch weiter gehen – und schließlich alle Teilnehmer nach sieben Flirts in einer Namenliste der Kandidaten des anderen Geschlechts notieren: Die will ich wieder sehen! Oder: Niemals, der ist nichts für mich.

Das ist Speed Dating. Wer diese Form der Paarfindung nur für einen perversen Ausdruck unserer Stresskultur hält, der irrt: Auch wenn man potenzielle Partner im Vorfeld durch Zeit raubende Qualitätskontrollen schickt und wochenlang mit ihnen ins Kino oder auf Konzerte geht, braucht man eigentlich nur die ersten sieben Minuten, um zu entscheiden, ob er oder sie wirklich zu einem passt.

Der Grund: Unser Gehirn beherrscht das "thin slicing", schneidet sich also mit einem Blick genau die dünne Scheibe an Information heraus, die essenziell wichtig ist. "Blink" nennt das der Amerikaner Malcolm Gladwell und meint diese Zeit eines Wimpernschlags, in der wir uns ohne Umweg durchs Bewusstsein eine Meinung über unser Gegenüber bilden. Kunstexperten oder Tennistrainer seien beispielsweise solche Blink-Spezialisten: Sie spürten im Nu, ob ein Kunstwerk gefälscht ist oder ein Aufschlag sitzt und seien damit Experten des "Coup d'Oeil", des Bauchgefühls und der Intuition. Anders als zahlreiche Ratgeber auf dem Markt erklärt nun aber dieses Buch, was genau sich hinter dem erstaunlichen Phänomen verbirgt.

Wie ein Spürhund setzt sich der Autor auf die Fährte der schillernden Blink-Effekte und schaut Psychologen und Neurowissenschaftlern in den Labors bei der Arbeit zu: Warum kann ein Psychologieprofessor fast schlafwandlerisch vorhersagen, ob eine Ehe die nächsten 15 Jahre halten wird, obwohl er das Paar nur wenige Minuten bei einer Unterhaltung beobachtet hat? Warum fliegt Linda beim Speed Dating auf Karl, obwohl der weder distinguiert noch reich ist – zwei "Eigenschaften", die sie im Vorgespräch eigentlich als Auswahlkriterien angesetzt hatte? Nun, das "thin slicing" ist eine eigene Welt, in der unsere Rationalität und unser Bewusstsein kaum etwas zu melden haben. Linda wird mit Karl womöglich verdammt glücklich werden, denn vielleicht war die Sache mit der Distinguiertheit nicht ihre Meinung, sondern nur die ihrer Mutter.

"Don't think, blink! Grüble nicht lange, sondern sieh hin und entscheide!", rät Gladwell seinen Lesern. Eigentlich stelle unsere Kultur zwar eine Rationalisierungskultur dar, die das Blinken nicht zulässt und glaubt, alles erklären zu können – doch genau hier liegt der Denkfehler, denn viele unserer Entscheidungen werden nicht rational gefällt. So wurde beispielsweise Warren Harding 1921 wahrscheinlich nur deswegen Präsident der Vereinigten Staaten, weil er wie der perfekte Präsident aussah, nämlich groß, weiß, dunkelhaarig und mit diesem leichten Grau an den Schläfen, das Hollywood noch heute begeistert. Er strahlte Autorität, Wissen und Gesundheit aus. Leider besaß er keine dieser Eigenschaften und verstarb noch während der Amtszeit.

Auch viele Manager amerikanischer Firmen entsprechen laut Gladwell diesem gängigen Ideal. Dabei müssten rein statistisch gesehen klein gewachsene, blonde Menschen ebenso in der Lage sein, eine Firma zu führen. Der "Warren-Harding-Fehler" sei eben die dunkle Seite der schnellen Entscheidung. Nicht alles, was "erblinkt" würde, bedeute Gutes. Linda könnte mit Karl auch verdammt unglücklich werden, weil ihr Blink-Sinn untrainiert, vorurteilsbehaftet oder einfach verschütt gegangen ist. Blinken will gelernt sein! Bis vor wenigen Jahren nahm kein europäisches Orchester Posaunistinnen auf, weil es hieß, dass Frauen dieses Instrument niemals so gut spielen könnten wie Männer. Das hat sich erst geändert, seitdem Musiker beim Vorspielen hinter einer Wand stehen und sich die Prüfer nur auf die Ohren verlassen können. Unser Blink-Sinn ist voller Vorurteile: Zeit also, uns intensiver mit ihm zu befassen.

Das Buch meistert diese Aufgabe mit Bravur und liefert uns ein Stück Wissenschaftsjournalismus der besten Sorte: Es ist interessant, weil es ständig zum Nachdenken auffordert – und dazu randvoll mit diesen klaren, geraden Sätzen, die auch in den Romanen einer Patricia Highsmith eine unnachahmliche Spannung aufkommen lassen. Allerdings ist "Blink" auch auf Bestseller getrimmt, und da rutscht es manchmal nur ein Scheibchen weit am Banalen vorbei. Kann sich nicht jeder denken, dass ein Filmprofi einen "Coup d'Oeil" für das Talent eines Jungschauspielers hat? "Blink" nimmt uns mit auf eine Reise in die Höhen und Tiefen der Erkenntnis: Man liest, glaubt kein Wort, will mehr wissen, liest weiter, bekommt irgendwann eine schlüssige Erklärung und freut sich. Das macht Spaß. Let's blink!