"Atlas der unheimlichen Orte"? "Eine düstere Reise um die Welt"? Der Titel verheißt morbides Lesevergnügen. Und tatsächlich macht das Werk beim Durchblättern einen stimmigen Eindruck. Ästhetische Kartenausschnitte, kunstvolle Grafiken und der passend gesetzte Text ergeben zusammen ein attraktives Druckbild. Das feste Papier und der stabile Einband runden den stilvollen Auftritt ab.

Olivier le Carrer, umtriebiger Journalist und passionierter Segler, nimmt uns mit an unselige Plätze dieser Welt. Dabei unterscheidet er drei Kategorien: erstens Orte, die unter dem Bann klassischer Verwünschungen liegen oder an denen übernatürliche Phänomene vermutet werden; zweitens Stellen, an denen die Natur für höllische Bedingungen sorgt; drittens Gegenden, die der Mensch lebensfeindlich gemacht hat. Alle drei Kategorien können selbstverständlich auch lokal zusammentreffen und so besonders üble Verhältnisse hervorbringen.

Rottes Militärgerät

Schon nach kurzer Lektüre zeigt sich, dass der Band nicht nur augenzwinkernde Spukgeschichten bereithält, sondern auch bittere Themen behandelt. Den sambischen Nationalpark, dessen Himmel sich jedes Jahr verfinstert, weil Millionen obstvertilgende Flughunde einfallen, mag man noch als Kuriosum der Natur belächeln. Doch die dutzenden Atom-U-Boote nebst Reaktoren, die vor der russischen Halbinsel Kola verrosten – eine strahlende Altlast aus Sowjetzeiten –, haben nichts Lustiges an sich. Das Lachen vergeht einem auch angesichts der Ream-Schlammebene in Kambodscha, deren Bewohner sich über Generationen vergeblich bemühten, auskömmliche Landwirtschaft zu betreiben.

An anderer Stelle ist die Rede von Aokigahara, dem japanischen "Wald der Lebensmüden", den Menschen aus dem ganzen Land aufsuchen, um dort Selbstmord zu begehen. Oder von Jharia, jenem indischen Distrikt, in dem seit mindestens 100 Jahren ein unterirdischer Großbrand schwelt. Die Zusammenstellung unheimlicher Orte verzichtet selbstverständlich nicht auf das Bermudadreieck, ebenso wenig auf die Area 51 und Kap Hoorn, an dem es in zwei Jahrhunderten 800 Schiffbrüche mit mindestens 10.000 Toten gab.

Ein ums andere Mal überrascht

Jeden Ort beschreibt der Autor auf ein bis zwei Seiten. Das kann nicht sehr in die Tiefe gehen, deshalb sorgt der Band eher für kurzes Erstaunen als für nachhaltigen Eindruck. Sein Wert liegt darin, dass er den Blick weltweit auf kaum zu glaubende Dinge lenkt, von denen man sonst selten hört.

Das Buch ist nicht nur schön verarbeitet und gestaltet, sondern zudem über große Strecken eloquent formuliert. Umso verwunderlicher die holprigen Stellen, an denen offenbar die Übersetzung misslang. Die "überaus bedingte Wohltat" kann man noch mit einigem Stirnrunzeln hinnehmen. Doch wie soll man "Kolonien auf Eilanden aussetzen"? Besonders beim Gebrauch von Nomen fallen wiederholt Ungeschicktheiten auf.

Trotz dieser Mankos ließe sich das Werk durchaus empfehlen: als interessanter, den Horizont erweiternder Exkurs in Erschreckendes und Faszinierendes. Der Preis von mehr als 30 Euro allerdings erscheint recht hoch, jedenfalls gemessen am Inhalt des schmalen Bands.