Synthetische Biologie zählt derzeit zu den Modedisziplinen der Lebenswissenschaften. Ziel dieser Forschungsrichtung ist es, biologische Systeme zu erzeugen, die in der Natur nicht vorkommen – etwa, indem man Organismen mit künstlich synthetisierten Einheiten derart verändert, dass sie völlig neue, nie da gewesene Eigenschaften erhalten und beispielsweise exotische Substanzen produzieren.

Für viele Wissenschaftler und Biotechnologen ist dieses Feld äußerst reizvoll; in der Öffentlichkeit jedoch schüren solche Arbeiten häufig Angst. Horrorvisionen breiten sich aus und zeichnen das Schreckensbild von Forschern, "die Gott spielen wollen", von künstlichem Leben à la Frankenstein, von Killerviren und anderen furchterregenden Organismen, die, einmal dem Labor entkommen, unabsehbaren Schaden anrichten. Vor diesem Hintergrund braucht es dringend handfeste und sachliche Informationen, um die Synthetische Biologie adäquat zu beleuchten. Dieser Aufgabe widmet sich das vorliegende Buch, herausgegeben von der Medizinerin und Biochemikerin Sonja Kießling sowie der Kuratorin Heike Catharina Mertens, die Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie studiert hat.

Transgene Organismen in Heimarbeit basteln

Der Band basiert auf Vorträgen eines gleichnamigen Symposiums, das im März 2015 in Berlin stattfand. Er beleuchtet das Thema aus überraschenden Blickwinkeln, denn neben Molekularbiologen und Biotechnologen kommen Wissenschaftshistoriker, Rechtswissenschaftler und sogar Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaftler zu Wort. So klärt das Buch nicht nur darüber auf, was Synthetische Biologie eigentlich ist, welche Ziele und Möglichkeiten sie derzeit hat und bietet. Die Autor(inn)en machen künstliches Leben auch zum Kunstobjekt und diskutieren Aspekte des "Biohacking", also der Molekularbiologie zum Selbermachen im heimischen Garagenlabor. Gerade die Biohackingszene könnte sich zu einer wichtigen unabhängigen Instanz entwickeln, merkt Rüdiger Trojok vom Institut für Technologiefolgenabschätzung und Systemanalyse des Karlsruher Instituts für Technologie an. Weiterhin stellt der Band die wichtige und unumgängliche Frage danach, wie weit Synthetische Biologie aus rechtlicher Perspektive überhaupt gehen darf. Welche rechtlichen Grundlagen gibt es für eine Regulierung dieses Felds?

Die Leser bekommen so Gelegenheit, sich dem umstrittenen Thema aus verschiedenen Richtungen zu nähern und sich eine eigene Meinung zu bilden – jenseits von Heilsversprechen, Schönrednereien oder Panikmache. Das ist sehr nützlich, denn ob wir wollen oder nicht, Synthetische Biologie wird die Zukunft der Lebenswissenschaften mitbestimmen. Mit den Worten des Biotechnologen Alfred Pühler, ebenfalls Mitautor des Buchs: "Noch ist nicht klar, ob die Synthetische Biologie wirklich der Große Wurf ist. Aber ich glaube, dass hier doch ein Paradigmenwechsel stattfindet."